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Nr. 66.
Sonnabend den 5. Juni
1886.
Amtliches.
Unter Bezugnahme auf unsere in Ausführung der Hinterlegungs-Ordnung vom 14. März 1879 erlassene, in Nr. 72 Seite 448 ff. unseres Amtsblattes veröffentlichte Bekanntmachung vom 27. August 1879 wird hierdurch weiter zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß zufolge Verfügung des Herrn Finanzministers vom 13. Mai d. I. die Königlichen Regierungs-Hauptkafsen sich fortan auf Antrag der Vornahme der unter 3b unserer obengedachten Bekanntmachung bezeichneten Geschäfte (Einziehung der Valuta für ausgelooste oder gekündigte Werthpapiere, Umtausch von solchen Werthpapieren, sowie Beschaffung neuer und Einlösung fälliger Zins- oder Dividendenscheine) in Ansehung aller derjenigen Werthpapiere bezw. Zins- und Dividendenscheine zu unterziehen haben, über welche Veröffentlichungen in den „Allgemeinen Verloosungstabellen" des Reichs- und Staatsanzeigers erfolgen.
Den gedachten Kassen ist zugleich nachgelassen, soweit die bezeichneten Geschäfte nicht am Orte bewirkt werden können, sich der Vermittelung der Königlichen Seehandlungs-Societät und bei geringfügigen Beträgen eines Bankhauses zu bedienen, und sollen die entstehenden Kosten an Provision und Porto, sofern die Kasse nicht die Ein- forderung eines Vorschusses für angezeigt hält, von den Betheiligten eingezogen bezw. aus den eingelösten Baarbeträgen entnommen werden.
Nach Bestimmung des Herrn Finanz-Ministers sollen die vorstehenden Anordnungen bis auf Weiteres auch auf die in Lehns-, Fideikommiß- und Stiftungssachen hinterlegten Massen, jedoch nur insoweit Anwendung finden, als es sich um die Einziehung der Valuta für ausgelooste und gekündigte Werthpapiere, den Umtausch solcher Werthpapiere und um die Beschaffung neuer
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Auf dem Keuumethof.
Eine Geschichte aus den Alpen. Von Robert Schweichel.
(Fortsetzung.)
„Stop!" rief Franz, „die Wirklichkeit ist tausendmal wunderbarer als alles, was in den Märchenbüchern steht," und so schlug denn auch bei Marlinger die Wißbegierde durch. Er hatte manches über fremde Länder und Völker gelesen und verlangte nun darüber Auskunft von Franz, der auf diese Weise veranlaßt wurde, von seinen eigenen Erlebnissen in der Fremde zu berichten.
Der Vater unterbrach ihn endlich. Ihn inter- essirte der Kranwethof mehr als Asien und Asrika und er wünschte, Marlingers Wirthschaft kennen zu lernen. Franz zog es vor, sich im Freien umzuschauen, während Stephan die Alten umhcr- sührte, und Cenzi leistete ihm Gesellschaft.
„Heut wollen wir gut Bekanntschaft miteinander machen; auf Deiner Hochzeit haben wir kaum ein Paar Wört'l mit einander reden können," sagte Franz, als sie über die Alm schlenderten.
„Mir ist's recht," antwortete Cenzi. „Aber es wird Dir daheim wohl nicht mehr gefallen, nachdem Du so weit in der Welt umher gekommen bist und so viel Schönes gesehen hast."
„Gefallen thut es mir schon daheim; wenn's nur nicht gar so eng wäre," entgegnete er. „Dir will ich es sagen! Es ist mir immer, als wollten mich die Berge erdrücken. Ich kann nicht frei
Athem holen.
„O weh!" rief Cenzi. „Dann wird es dich daheim nicht lang dulden und es wird deiner Mutter grausam weh thun, wann Du wieder sortgehst." Sie erzählte ihm, wie seine Mutter in alle den Jahren nach seiner Rückkehr verlangt habe.
„Ja," sagte er, „wenn ich so in meiner Koje lag und die See an der Wand rauschen hörte, oder in fremden Landen war, wo die Menschen meine Sprache nicht verstanden, unter schwarzen Mohren oder schieläugigen Chinesen, die einen langen Zopf tragen, wie die Weiber, dann hab' ich mich wohl auch gesehnt. Dann hab ich mir die Menschen hier und dir Berge, unser Dorf und unser Haus so deutlich vorgestellt, wie ich sie jetzt vor mir sehe und das Herz ist mir schwer und schwerer geworden. Aber ich brauche Luft! Luft! — Nu, bis zum Frühjahr bleib ich gewiß hier."
Cenzi nickte sinnend. Sie setzte sich auf die Kante eines Steines, bei dem sie stehen geblieben waren, und er fuhr fort, nachdem er seine Augen hatte in die Weite schweifen lassen:
„Es würde auch Dir gefallen, einmal so weit, so weit Dich umzuschauen, als Dein Auge reicht. Da thut sich das Herz auf. Hat es mich aus Brixen fortgelockt, wo ich das Meer erst aus Beschreibungen kannte und aus Geschichten, die wir Buben heimlich lasen, so ist's jetzt, als ob mir ein schönes Madl mit ihren blauen Augen winken thäte. — Ja so ist es," bekräftigte er und senkte seine Blicke unwillkürlich in die sonnige blaue Tiefe, die ihm aus den Augen seiner Zuhörerin entgegen
Zins- und Dividendenscheine handelt und als ferner Kuratoren, welche mit diesen Geschäften betraut werden könnten, nicht vorhanden sind.
Kassel, den 24. Mai 1886.
Königliche Regierung. Magdeburg. C.I. K. 2237/86.
* *
Hersfeld, den 2. Juni 1886.
Wird unter Bezugnahme auf die in Nr. 74 des Kreisblattes pro 1879 enthaltene Bekanntmachung der Königlichen Regierung vom 27. August 1879 veröffentlicht.
6391. Der Königliche Landrath __Freiherr von Schlei nitz.
Hersfeld, den 4. Juni 1886.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche noch mit der Erledigung meiner Verfügung vom 27. Mai er. Nr. 6086 im Kreisblatt Nr. 63, die Tilgung der Schafräude betreffend, im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 10. d. Mts. bei M e i d u n g von je 3 M k. Strafe erinnert.
6086. Der Königliche Landräth Freiherr von Schleinitz.
Zugelaufen: ein Hund. Meldung des Eigen- thümers bei dem Ortsvorstand zu Hed dersdorf.
# Die Ursachen der landwirthschast- lichen Noth.
Die Noth der Landwirthschaft, über die nun schon so viel gesprochen und geschrieben ist, die aber noch immer keine Abhilfe erfahren hat, stellt sich äußerlich in der mehr oder weniger starken Verschuldung des Grundbesitzes dar und muß in Zeiten, wie die jetzigen, wo die Preise für land- wirthschaftliche Producte zurückgehen, während die i Produktionskosten — namentlich Abgaben und I Löhne — sich steigern, besonders fühlbar sein.
Um dieser Noth abzuhelfen, muß man ihrer Ursache auf den Grund gehen. Diesen Zweck haben die verschiedenen statistischen Erhebungen über die Höhe der Grundschulden, über die Ver- theilung des Grundbesitzes, über Zwangsverkäufe und dergleichen. Nebenher finden aber auch in anderer Richtung von verschiedenen Seiten Untersuchungen über die Lage der Landwirthschaft statt, und aus diesen lassen sich doch auch schon jetzt Wahrnehmungen feststellen, welche von Niemanden mehr in Zweifel gezogen werden können. Die Ergebnisfe einer solchen Untersuchung und sorgfältigen Beobachtung thatsächlicher Verhältnisse sind unter Anderem jüngst in einem im Auftrage der Wanderversammlung derbairischenLandwirthe von G. Ruhland verfaßten Schriftchen über „die landwirthschaftliche Creditfrage" niedergelegt, welches einige schätzenswerthe Gesichtspunkte für die Beurtheilung der Ursachen der landwirthschaft- lichen Noth enthält.
Es wird hier die auch sonst für Jeden wahrnehmbare Thatsache constatirt, daß es oft in den am meisten verschuldeten und ärmlichsten Gemeinden noch günstig gestellte bäuerliche Existenzen gibt, welche sich bis jetzt von Verschuldung ziemlich frei gehalten haben, während anderseits selbst in den bestgestellten Orten und Provinzen unter den Grundbesitzern sich solche in mißlicher Lage befinden. Das gilt von Preußen, das gilt von den Verhältnissen der süddeutschen Staaten. Man kann nirgends ein größeres Gebiet — von Gegenden wie die Eifel und den Spessart vielleicht abgesehen — angeben, wo die kritische Lage des Grundbesitzes eine allgemeine ist, wie es aber auch nirgends in Deutschland ein größeres Gebiet sich findet, auf dem nicht bäuerliche Besitzer sich auf abschüssiger Bahn befinden. Die mißliche Lage des Grundbesitzes steht also keineswegs allein mit gewissen mehr oder weniger günstigen Gegen- I den in nothwendigem Zusammenhang; günstige
leuchtete. „Ja, so ist's," wiederholte er noch einmal langsamer und dann rief er:
„Aber das Schönst' ist's, wenn es auf der See wettert und stürmt, wenn das Meer kocht und schäumt und ringsum alles ein Donnern, Heulen und Pfeifen ist und die Planken ächzen und stöhnen wie ein todtkranker Mensch, so daß einer denkt, jetzt bricht das ganze Schiff auseinander. Ja, der Wind und die Wellen, sie heulen und tanzen und springen um das Schiff wie hungrige Wölfe um ein keuchend fliehendes Roß. Jetzt werden sie es anpacken und zerreißen 1 Eine Sturzsee nach der andern bricht über Deck! Und in all dem Gebraus die Hand seit am Steuer, keinen Strich ab« gefallen vom Kompaß und grad'aus stampft's und jagt's, hurrah!"
Cenzi blickte fortwährend zu ihm auf, Wie seine braunen, warmen Augen, sein ganzes Gesicht in Begeisterung glänzten! Unbewußt hatte sie den Athem verhalten, der nun wie ein langer, zitternder Seufzer über ihre Lippen kam.
„Das muß grausig sein," sagte sie leise und ein Frösteln überlief sie, aber ihre Wangen glühten.
„Ist Dir kalt?" fragte er theilnehmend.
Sie verneinte es und erhob sich.
„Ich mag doch lieber festen Boden unter den Füßen haben," sagte sie. „Aber ich muß jetzt ins Haus. Es ist Zeit, an die Jause zu denken."
Sie gingen.
„Und wie ein Madl lockt's Dich? fragte sie, in«
dem sie kurz vor der Hausthür den Schritt anhiett.