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Nr. 61. Dienstag den 25. Mai 1886.
Aus den Parlamenten.
Berlin, 21. Mai. Der Reichstag genehmigte in dritter Lesung den Gesetzentwurf, betreffend die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkclten, definitiv; auch der Gesetzentwurf, betreffend die Besteuerung des Zuckers, wurde ganz unverändert in dritter Lesung angenommen, nachdem die wiederum eingebrachten Anträge des Abg. Dr. Witte (deutschfr.) abgelehnt waren. Der Hauptgegenstand der Sitzung war die Erledigung der Interpellation der Socialdemokraten, betreffend das Verhalten der preußischen Behörden bei Arbeitseinstellungen. Der Interpellant, Abg. Hasenclever suchte nachzuweisen, daß der Erlaß vom n. April mit der Gewerbeordnung in Widerspruch stehe. Der Staatssekretär des Innern, Staatsminister von Boetticher erklärte, daß der Bundesrath keine Veranlassung gehabt habe, sich mit der Cirkularverfügung zu beschäftigen, daß er aber als preußischer Bevollmäch. tigter die Behauptung zurückweisen müsse, als würde durch den Erlaß in die Gewerbeordnung selbst eingegriffen. In der Besprechung der Interpellation nahm nach dem Abg. Meister (Sociald.) zunächst Abg. Bamberger (deutschfr.) das Wort, welcher den in Rede stehenden Erlaß nicht gerade direkt für gesetzwidrig erklärte, aber doch allgemeine Bedenken vom socialen Standpunkte gegen denselben geltend machte. Der Herr Minister des Innern v. Putt- kamer betonte wiederholt, daß es ihm durchaus ferngelegen habe, mit seinem Erlaß eine Directive für Einschränkung des Koalitionsrechtes geben zu wollen, daß es aber seine Pflicht sei darüber zu wachen, daß die gesetzlichen Grenzen bet Ausübung dieses Rechtes nicht überschritten würden. Hinter jeder größeren Lohnbewegung lauere in gegenwärtiger Zeit die Hydra der Gewaltthat und der Anarchie. Nach weiteren Ausführungen des Interpellanten Abg. Hasenclever erklärte auch der Abg. Dr. Windthorst (Centr.), daß der Erlaß Ungesetzliches nicht enthalte, betonte aber die Nothwendigkeit des Zustandekommens der Arbeiter- schutzgesetzgebung. Schließlich gaben noch die Aussührun- gen, in welchen der Abg. Bamberger den Herrn Minister zu widerlegen suchte, Letzterem zu einer kurzen Entgegnung Veranlassung, in welcher er die Auffassung des Abg. Bamberger als eine optimistisch irrthümliche bzeichnete und ihm entgegenhielt, daß er die große Verantwortlichkeit nicht trage, welche mit der Handhabung der öffentlichen Ordnung verbunden fei. Damit war die Interpellation erledigt. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr. (Erste Berathung der Branntweinsteuervorlage)
Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich zunächst mit dem
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(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Auf dem Kramvethof.
Eine Geschichte aus den Alpen. Von Robert Schweichel.
(Fortsetzung.)
Es wäre ein Vortheil, daß Marlinger bereits vernünftig in die Ehe käme; er sparte dadurch Cenzi die Mühe, ihn sich erst noch zu ziehen. „Ich habe den Oppenrieder auch nicht aus Liebe genommen", sagte sie, „und wir sind ganz gut miteinander ausgekommen. Und auf wen willst Du auch warten ? Madien sind keine Winteräpfel, die auf dem Lager nachreisen. Ein Sperling in der Hand, ist besser als zehn aus dem Dache und einen Reicheren kannst Du Dir nicht wünschen."
Freilich, auf wen sollte sie warten? Ihr Herz wartete auf Keinen; es war eine noch unerschlossene Knospe. Fridolin, der sich ihr in Bruneck so angelegentlich genähert hatte, hielt sich in Täufers fern. AIs sie am Sonntage nach dem Markte zur Kirche gekommen, hatte er sich hinter den Leuten vor ihr zu verstecken gesucht. Der alle Gindhart hatte sich oft genug dahin geäußert, welche Haupteigenschast er von einer Söhnerin forderte. Es fiel Cenzi daher nicht schwer, den wahren Grund von dem Rückzüge Fridolins zu durchschauen; er war ein gehorsamer Sohn. Mit Grauen dachte sie an die Armuth, nachdem sie die Annehmlichkeiten des Wohlstandes gekostet und durch sie verwöhnt worden war. Wenn Oppenrieder das Gut seinem Sohne überließ, dann gab
Anträge des Abg. Seer aus Annahme eines Gesetzentwurfs, betreffend Abänderung der königlichen Verordnungen über den Verkehr auf den Kunststraßen, der nach kurzer Debatte, in welcher der Vertreter der Staatsregierung eine baldige anderweile gesetzliche Regelung dieser Materie in Aussicht stellte, einer besonderen Kommission von 14 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen wurde. Die Wahlen der Abgg. Goldschmidt und Scyffarth (Liegnitz) wurden beanstandet und dann zur Berathung von Petitionen über, gegangen, die sämmtlich nach den Beschlüssen der betreffenden Kommissionen ihre Erledigung fanden. Morgen: Kanalvorlage.
Berlin, 22. Mai. Das Abgeordnetenhaus trat heute in die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend den Bau neuer Schifffahrtskanäle und die Verbesserung vorhandener Schifffahrtsstraßen, ein, ohne jedoch dieselbe schon zu Ende zu führen. Die Kommission hat den § 1 der Vorlage dahin erweitert, daß die Regierung, außer der sofortigen Ausführung der in der Vorlage näher bezeichneten Kanalstrecke Dortmund,Ems und der Verbesserung der Schifffahrtsverbindung der mittleren Oder, nach der Oberspree, noch zum Bau eines Schiffsahrtskanals, welcher bestimmt ist, den Rhein mit der Ems, der unteren und mittleren Weser und der Elbe zu verbinden, sowie zur Herstellung einer leistungsfähigen Wasserstraße auch im oberen Laufe der Oder stromaufwärts bis Kofel ermächtigt bezw. verpflichtet sein soll. Heute erklärte sich zunächst der Abg. Stephanus-Linden sdcutschkons.) gegen die Vorlage, da es zur Zeit noch an einem übersichtlichen Plane für die Durchführung eines einheitlichen Kanal- netzes fehle. Dagegen vertrat Abg. von Rauchhaupt den Standpunkt desjenigen Theiles der konservativen Partei, welcher für die Vorlage, jedoch mit Ausschluß der von der Kommission beschlossenen Erweiterung, stimmen wird. Minister der öffentlichen Arbeiten, Maybach widerlegte die gegen die Vorlage im Laufe der Verhandlungen erhobenen Bedenken und betonte, daß das Staatseijenbahnsystem doch nicht ein Hemmniß für die Entwickelung unseres sonstigen Verkehrswesens bilden dürfe. Mit der Erweiterung der Kanalprojekte in der bezeichneten Richtung sei die Regierung an sich einverstanden, aber es scheine doch nicht zweckmäßig, sich im voraus durch feste Beschlüsse die Hände zu binden. Abg. Gras von Kanitz (Ions.) machte im Namen des anderen Theiles der Konservativen finanzielle und handelspolitische Bedenken gegen die Vorlage geltend, während Abg. Dr. Windthorst (Centrum) diese um deshalb nicht als zutreffend erachtete, weil es sich um eine
es schwerlich noch einen Platz für sie im Hause; sie sonnte Den Staub von ihren Schuhen schütteln und bei fremden Leuten als Magd sich verdingen. Die herbe Menschenkenutntß, die sie in jungen Jahren erworben, ließ keine Täuschung über den wahren Charakter der Muhme zu. Jenes Gespräch am Tage nach Pauls wilder Werbung, hatte es ihr vollends deutlich gemacht, daß sie in dem Herzen der Bäuerin keinen Halt besaß. Vielleicht war auch deren Mutterliebe nichts als Selbstsucht.
Es war eine eisig kalte Hand, die sie Marlinger reichte, und ihr Herz war wie zugeschnürt, als dieser sie dann eines Tages fragte, ob sie Bäuerin auf dem Kranwethof werden wollte?
„Ob du mich nimmst, oder einen Andern, es bleibt halt immer ein Glücksspiel. Ich habe Geld und bin kein Geizhals und du sollst es gut haben. Du gefallest mir wie noch Keine."
„Ihr könnet lachen, denn Ihr ziehet das große Loos," rief die Bäuerin, während ihr Mann, der die Absichten Marlingers auf Cenzi nicht geahnt hatte, mit offenem Munde dasaß. „Eine bravere Gitsche findet Ihr nicht landauf, landab, und sie verdient es, daß Ihr sie lieb habet."
„Wenn's auf das Verdienst ankommt, dann gehen Neunzig von Hundert leer aus in der Welt." spöttelte er, und zu Oppenrieder sich wendend, fuhr er fort! „Nu, gebet auch Ihr Euren Senf dazu, Oppenrieder. Ich muß Euch ja fragen, da Ihr der Vormund von der Cenzi seid."
„Je, ja, was soll ich dazu sagen?" versetzte
produktive Anlage handle. Abg. Eickenscheidt (Centrum) bekämpfte die Vorlage vom Standpunkte der Interessen der Landwirthschaft; Abg. v. Rosenberg-Gruszczynski (sreikons.) aber empfahl dieselbe namentlich im Interesse der nothleidenden Industrie. Nachdem sodann noch Abg. Tramm (nat-lib.) die Gründe auseinandergesetzt, welche ihn bestimmten, gegen den Dortmund-Emskanal zu stimmen, wurde die Diskussion abgebrochen und die weitere Berathung, mit Rücksicht auf die am Montag im Reichstage stattfindende Berathung der Branntweinsteuervorlage, aus Dienstag vertagt. Am Montag werden die Gesetzentwürfe, betreffend den Präzipualbeitrag Preußens zum Nord-Ostseekanal und betreffend die Beseitigung der schwebenden Schuld von 30 Millionen, in zweiter Lesung zur Berathung kommen.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Am Freitag hat Se. Maj. der K a i s e r die Frühjahrsparade über die in Berlin in Garnison stehenden Garderegimenter abgehalten. Dem glänzenden, vom prachtvollsten Wetter begünstigten militärischen Schauspiel wohnten wieder, wie gewöhnlich, fast alle zur Zeit in der Hauptstadt anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses, sowie ein zahlreiches, durch die Mannigsaltigkeit und den leuchtenden Farbenschimmer der Uniformen das Auge fesselndes Gefolge von Generälen, Militär-Bevollmächtigten und sonstigen fremdherrlichen Officiere bei. Der Kaiser, der auf der Fahrt nach und von dem Paradefelde überall von den jubelnden Zurufen dichtgedrängter Massen begrüßt wurde, nahm die Musterung im Wagen ab. Zu der Parade waren auch der Kronprinz und die Frau Kronprinzessin, die am Donnerstag Abend von Homburg nach Potsdam zurückgekehrt sind, von dem Neuen Palais, wo sie jetzt ihren Sommer- aufenthalt genommen haben, nach Berlin herübergekommen, während Prinz Wilhelm durch Unwohlsein von der Theilnahme an der Truppen- besichtigung ferngehalten wurde. Mit Rücksicht auf die Behinderung ihres Gemahls hatte sich
dieser und richtete seine in dem Fette des Gesichts fast versunkenen Augen wie kläglich auf das Mädchen. „Wenn es die Cenzi zufrieden ist, muß ich es wohl auch sein. Ich heiralhe Euch nicht."
Er seufzte, schüttelte seinen dicken Kopf und ging aus der Stube. Marlinger, der Cenzi bei der Hand hielt, gab ihr den Brautkuß. Sie schloß dabei die Augen und wischte verstohlen den Mund ab; seine Zärtlichkeit hatte sie nicht in Anschlag gebracht. Auf die Glückwünsche der Muhme, die sie mit Thränen der Rührung umarmte, erwiderte sie kein Wort.
Oppenrieder ging es nahe, daß er Cenzi verlieren sollte. ES wurde ihm erst jetzt deutlich, wie sehr sie ihm an das Herz gewachsen war. Aber was konnte er thun, da sie und Marlinger einig waren? So sorgte er denn wenigstens, daß Cenzi's Zukunft sicher gestellt wurde. Eines Tages fuhr er mit Marlinger zum Advocalen nach Bruneck. Marlinger mußte seiner Braut eine Morgengabe von fünftausend Gulden verschreiben; auch setzte er sie in seinem Testament als Untversalerbin ein, vorausgesetzt, daß er nicht vor Eingehung der Ehe stürbe.
„Die Leut' sagen, wenn Einer ein Testament macht, nachher lebt er erst recht lang," scherzte er dabei. _ , ,
Paul Hellrigel kochte innerlich vor Wuth, als er Cenzi's Verlobung mit Marlinger erfuhr. Aeußerlich suchte er gleichgiltig zu erscheinen, um nicht ausgelacht zu werden; denn das wäre ihm unfehlbar geschehen, wenn seine Kameraden seine