Nr. 45. Donnerstag den 15. April 1886.
Amtliches.
Der Herr Ober-Präsident hat unterm 19. d. M. zu der von dem Vorstände des Hessischen Diako- nissenhauses bei Gaffel beabsichtigten Verloosung der zu diesem Zwecke geschenkten Handarbeiten, Gebrauchs- und Toilettegegenständen rc. im Ge- sammtwerthe von 600 bis 800 Mark die Genehmigung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 4000Loose ä 50Pfg. ausgegeben werden und daß deren Vertrieb auf den Umfang des Regierungsbezirks Gaffel beschränkt bleibt.
Gaffel, den 29. März 1886.
Königliche Regierung, Abtheilung des Innern.
Hersfeld, den 10. April 1886.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche noch mit der Einreichung der Zählkarten, betreffend die Wildabschuß-Statistik (cfr. Verfügung vom 12. Mai 1885 Nr. 4815 im Kreis- blatt Nr. 57) im Rückstände sind, werden hieran m t t F r i st b i s z u m 18. d. M t s. bei Mei- »ung von je 3 Mk. Strafe erinnert. 4815/85. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schletnitz.
Hersfeld, den 12. April 1886.
Für den am 30. Oktober 1867 zu Mengeringhausen im Fürstenthum Waldeck geborenen Kaufmann Heinrich Stern von hier, jetzt zu Eisenach, ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staats- verbande behuss Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
4396. Der Königliche Landrath Freiherr von Schletnitz.
Hersfeld, den 14, April 1886,
Die Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises werden hierdurch angewiesen, die Ihnen in den nächsten Tagen zugehenden Loosungsscheine
(Nachdruck verboten.)
Jer Gröe von UoMngsried.
Erzählung aus den bayerischen Vorbergen.
Von Maximilian Schmidt.
(Fortsetzung.)
„Und was is dös?" fragte Lenz im altgewohnten Dialekte zu seiner Mutter redend. „Alles versprich i dir, Muatterl; verlang, was d' willst."
„Mei' Verlanga is, daß d' di um di Hanni umschaugst, daß d' es aus ihrer Betrübniß reißt und daß d' mir's bringst als Schwiegertochter; dös war mei' Wunsch von jeher, dös is er heunt no'."
„Aber Muatterl," sagte er ausweichend, „d' Hanni hat ja gar nimmer auf mi ghofft, die hat ja längst gheirath; i weiß 's schon, wie 's ihr gangen hat. Sie is ja auch 's Unglück gewesen von unserm Haus."
„No' ja, scho'; aber da kann ja sie nixi dafür. Fünf volle Jahr hats gwart auf di, aber umsunst und da hams halt alle denkt, der Lenzt ktmmt nimmer zruck. I aber, woaßt Büawal, t hon di scho' no' dahofft, mei' Muattaherz hat mir alleweil gsagt, er kimmt scho' wieder. Erst gestern Nacht is mir d' Hoffnung ausganga und tatz woaß i 's warum: weilst halt scho' da warst."
Und sie lachte unter Thränen.
„Von was ham ma iatz gred't?" fragte sie dann. „Ja gel, von der Hanni. No' siehgst, wie der Schwarzhofbauer um sie gfreit hat, da hats 'n z'erst nit nehma wolln. Der Lenzl kriegt mi und sunst koana, hats gsagt. Aber mei' sie is in d'
Jahr kemma, wo ma' Hall aa gern an' eigna Hausstand hat und z'letzt hats nachgebn und hat gheirath. I selm hab ihr den Rath gebn."
„Du, Mutterl, du?"
„Ja, t hab ihr in deimNama d' Erlaubniß da- zua gebn und — gheirath hats. A Paar Jahrl hat's a guat tho', später is ihra Mo' lüaderli worn und nacha gar gstorbn. Da ham ma uns halt un dös arme Wesen angnomma. Aber es hat uns koane guaten Frucht' tragn. Mei' Hans hats Fieber kriegt und in etltTag war er a Leich, und surttragn ham ma 'n, ummi auf 'n Freithof nach Eberfing."
Die Alte blickte stier vor sich hin, sie hatte die Hand ausgestreckt, als deute sie nach dem Leichen- zuge, den sie im Geiste wieder mit allen Schauern vor sich sah.
„Der Herr gieb ihm die ewige Ruh l" sagte Laurenz bewegt.
„Amen", erwiderte die Mutter, und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Von da ab hat's für mi nix mehr gebn, als Elend. I hab mir nit helfen kinna, denn mit an' alten Weib macht ma' nit viel Umstand und so bin i halt a Bettlerin worn."
„Mei," sagte der Hohenberger, der eben einge- treten war, „in so an Fall gehts an' Mannats aa nit besser. Der Bauer thuat sunst überall sei Maul auf, wo's sich'S um's zahlen handelt, sobald er aber Ebban was schuldi is, verlaßt 'n d' Courage, und wenn er sunst no' so grob is, vor sein Gläubiger is er dasi. Er fürcht si' vor der Schand,
den betreffenden Militärpflichtigen alsbald aus- zuhändigen.
4499. Der Königliche Landrath ___Freiherr von Schletnitz.
Hersfeld, den 14. April 1886.
Für den am 2. October 1868 geborenen Heinrich E h r h a r d t aus Philippsthal ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staatsverbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
4457. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schletnitz.
Aus dem Landtage.
Berlin, 12. April. Das Herren h aus begann unter großem Anvrange des Publikums und vor dichlbefetztem Hause die Berathung der kirchenpolitischen Vorlage auf Grund der Kommiffionsbeschlüffe, zu welchen zunächst der Bischof Dr. Kopp seine in der Kommission abgelehnten Abänverungsanträge wieder eingebracht hat, während von Herrn Dr. Beseler, unterstützt von einer Anzahl Mitglieder des Herrenhauses, eine Resolution vorlag, die Staatsregierung zu ersuchen, in eine Revision der Maigesetzgebung unter Wahrung des staatlichen Hoheitsrechtes einzulreten und dem Landtage eine entsprechende Borlage zu machen. In der Diskussion traten die Herren Dr. Kopp, v. Kleist-Retzow und Gras zur Lippe, jür die Vorlage mit den Amendements des Bischofs Dr. Kopp ein, während die Herren Dr. Beseler und Miguel die Annahme der Resolution befürworteten. Ministerpräsident Fürst von Bismarck erklärte, daß die Regierung sich ihre Stellung zu der Frage bis nach der Beschlußsassung des Landtages vorbehalten müsse, doch könne er schon heute versichern, daß die von der Kurie geforderte Revision der Maigejetz- gebung gegen Gewährung der vollen Anzeigepflicht ohne Schwierigkeit werde zugesagt werden können. Die General- diSkussion wurde geschlossen und sodann die Berathung auf Dienstag 1 Uhr vertagt.
I m Abgeordnetenhause gelangten heute nach Erledigung zweier kleinerer Gesetzesoorlagen in dritter Lesung, Interpellationen zur Verhandlung. Die Interpellation des Abg. Dr. Wehr (sreikons.), betreffend die Ueberschwemmungen im Weichselgebiete, fand seitens der Staatsregierung, in deren Namen der Vicepräsident des Staatsministeriums, Minister des Innern v. Puttkamer,
dieselbe beantwortete, eine wohlwollende Berücksichtigung und wurde eine endliche Verständigung über die schon seit längerer Zeit angelegte Weichselregulirung in Aussicht ge- stellt. Darauf wurde in die Berathung der Interpellation des Abg. Frhrn. v. Minnigerode (kons.), betreffend die Nothlage der Landwirthschast beziehungsweise den Preisniedergang der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, eingetreten, dieselbe aber noch nicht beendigt. Morgen; Fortsetzung.
Berlin, 13. April. Das Herrenhaus trat heute wiederum vor dichtbesetztem Hause und überfüllten Tribünen in die Specialberathung der kirchenpolitischen Vorlage ein, zu welcher vom Bischof Dr. Kopp gestellte Abänderungsanträge vorlagen. Nach längerer Debatte, an welcher sich außer dem Antragsteller noch die Herren Miguel, Struckmann, Freiherr von Maltzahn, Freiherr von Man- teuffel, sowie der Herr Ministerpräsident Fürst von Bismarck betheiligten, wurden die Amendements Dr. Kopp zu Artikel 1a und 7 bis 14, welche weitergehende Koncessionen enthalten, in namentlicher Abstimmung mit 123 gegen 46 respektive 116 gegen 49 Stimmen angenommen (dafür stimmte auch Fürst v. Bismarck); den Antrag zum Zusatz-Artikel 5, bezüglich der unbedingten Freigabe des Messelesens und des Spendens der Sakramente, hatte Dr. Kopp im Laufe der Diskussion zurückgezogen. Die übrigen Artikel wurden in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der Kommission im Wesentlichen unverändert und dann das Gesetz im Ganzen mit sehr großer Majorität angenommen. Morgen: Sekundärbahnvorlage.
Das Abgeordnetenhaus beendigte nach längerer Debatte die Berathung der Interpellation der Abgg. Freiherr von Minnigerode und Gras von Kanitz, betreffend die Nothlage der Landwirthschast und deren Abhülse. Die Interpellation konnte ihrer Natur nach zu einem formellen Beschlusse nicht führen. Schließlich wurde der Gesetzentwurf, betreffend den Beitrag des Staats zu den durch den Anschluß Altonas an das deutsche Zollgebiet veranlaßten Kosten, nach kurzer Berathung der Budgetkommission über» wieseu. Morgen Sitzung.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser hat nunmehr bestimmt, daß das Kaisermanöver des 15. Armeecorps im September in der Umgegend von Straßburg stattfinden soll. Der
wenn's d' Leut erfahrn, daß er wem was schuldi is, es wird vertuscht und vertuscht, bis derKarr'n verfahrn is. Er laßt st' schinden und martern und sekirn, nur daß nix offenkundi wird, wenn's aa längst d' Spatzen auj'n Dach pfeifen, was er no' für a Gheimniß halt, und dös is sei Unglück."
„Ich werd's aber nicht so ruhig hinnehmen," sagte Laurenz, „und wenn der Hanni noch z' helfen is, so soll's geschehn, auch auf die Gefahr hin, daß ich Spektakl machen muß. Gleich morgen geh ich zum G'richt."
„Dös wird dir nit viel nutzen, wennst nit an Zeugn hast," meinte der Wirth.
„Ich hab ja einen," versetzte Laurenz, „'n Filz- lersepp."
„Dös is grad koa rariger," sagte der Hohenberger schmunzelnd, „und es kimmt überhaupts draus an, ob der an' Zeugen macht. Aber pro- biren kannst es ja. Er sttzt eh vorn im Garten."
„Braucht er Geld?' fragte Laurenz.
„Und ob er's braucht!" rief der Wirth lachend. „Grad kimmt er zruck von Weilheim, wo er wegn Wildfrevel eilt Monat eingsperrt war."
„Den schickt unser gutes Schicksal her," sagte Laurenz. , Ich will ihn sofort sprechen. Mutter!, bald bin ich wieder da." . n,
Die Alte war es zufrieden. Sie versprach, stch inzwischen aus's Bett zu legen und auszuruhen von den vielen Erregungen des heutigen Tages. Laurenz aber begab sich mit dem Hohenberger in den Wirthsgarten.
Da saß der Filzlersepp an einem der Tische