hatte am Mittwoch eine längere Konferenz mit dem Reichskanzler. — Der Herzog von Edinburg hat Berlin wieder verlassen, nachdem er auch dem Fürsten Bismarck einen Besuch abgestattet hatte.
Die Ausschüsse des Bund es rath es nahmen den bayrischen Gesetzentwurf auf Ausschließung der Beschlagnahmung von Eisenbahnwagen und Lokomotiven einstimmig an und es gilt auch die Annahme des Entwurfs in einer der nächsten Plenar-Sitzungen als gesichert. Derselbe dürfte dann bald dem Reichstage zugehen.
Die Fin anz min ist er einzelner Bundesstaaten wollen nach Berlin kommen, um an den Bundesraths-Lerhandlungen über das Branntwein- Monopol theilzunehmen ; es erklärt sich daraus die Verzögerung in den Berathungen.
Die Reichstagskommission für die Vorlage betreffs des N o r d > O st s e e k a n a l s hat am 26. d. durch einstimmige Annahme des §. 1 den Bau des Kanals beschlossen.
Auch im preuß. Herrenhause ist ein Antrag eingebracht, welcher die Zustimmung zu dem Verhalten der Regierung in der Polenfrage ausdrückt.
(Frankreich.) In der Amnestiefrage haben die Radikalen ihre Forderungen ermäßigt; von der allgemeinen Begnadigung sollen ausgeschlossen bleiben die wegen Betheiligung an den Aufständen in Algerien und die wegen Wahlfälschungen Ver- urtheilten. Das Ministerium zeigt sich unter dieser Einschränkung zu einer allgemeinen Amnestie geneigt.
Grevy empfing dieser Tage den Besuch des Fürsten von Montenegro. Letzterer will in Frankreich Kapitalien aufbringen, um in seinem Lande die Industrie zu beleben.
Die Regierung hat dem bekannten republikanischen Führer Zorilla den Aufenthalt in Frankreich nicht gestattet; Zorilla hat sich nach London begeben.
(England.) Infolge einer ihm ungünstigen Abstimmung im Unterhause beschloß das Ministerium Salisbury am Mittwoch, sein Abschiedsgesuch ein- zureichen. Gladstone wird ein neues Kabinet bilden, voraussichtlich mit einem Programm, das die theilweise Unabhängigkeit Irlands enthält.
Die Nachrichten aus B i r m a lauten durchaus nicht günstig, Es handelt sich nicht mehr um die Bekämpfung von Räuberbanden; birmanische Fürsten stehen an der Spitze der Aufständischen, die über Kanonen verfügen, und die Kämpfe sind ernster Natur. Diese Thatsachen rufen in London begreiflicherweise Besorgnisse hervor.
(Dänemark.) Der Buchdrucker Rasmussen, der feiner Zeit ein Revolverattentat auf den Ministerpräsidenten Estrup verübte, wurde wegen Mordversuch zu 14 Jahren Zuchthaus verur- theilt.
Nachdem der Folkething in seiner Mehrheit wiederum die Finanzvorlagen abgelehnt hat, ist am Dienstag ein königliches Dekret erschienen, durch welches die Regierung ermächtigt wird, die laufenden Ausgaben bis auf weiteres zu leisten. Welchen Anhang wird nur dieser sich schon jahrelang hinziehende Konflikt nehmen?
(Italien) Eine deutsch-feindliche Kundgebung, an welcher sich auch etwa zwanzig Deputirte
nen, schelmischen Augen blicken, auch wenn Viktor mich allein gelassen hatte. Ich erwartete auch heute wieder, daß es geschehen werde, da ich wußte, er hatte dringende Einladungen erhalten.
Da trat Viktor ein. Er war gut gelaunt, ich sah es auf den ersten Blick; denn ich hatte mich längst gewöhnt an einem Zucken seiner Miene seine Stimmung zu erforschen.
Er trat freundlich zu mir, legte den Arm um meine Taille und beugte sich zärtlich zu dem Knaben herab.
„Ich wollte Dich bitten, mich heute zu Frau v. Heindorf zu begleiten,* sagte er dabei wie beiläufig zu mir.
„Nicht heute!* bat ich erschreckt, brach aber verwirrt ab, als Viktor gereizt die Augenbraunen zu- sammenzog.
„Warum?* fragte er kurz.
„Ich fürchte, der kleine Albert ist krank,* wandle ich ein. „Er steht so blaß heut aus. Laß mich bei ihm bleiben.* „ , „ ,,
„Krank? Der Junge lacht ja seelenvergnugt,* und dabei riß er den Kleinen aus der Wiege und überschüttete ihn mit ungestümen Liebkosungen. „Du machst Dir wirklich unnütze Besorgnisse, Adele. Ich hoffe, Du wirst deswegen meine Bitte nicht abschlagen. Ich habe es Frau v. Heindorf ja zugesagt, daß ich Dich mitbringen werde. Sie war so dringend und klagte nicht mit Unrecht, daß Du sie gänzlich vernachlässigst. In der That liebe Adele, ich will Dir zwar keine Vorwürfe machen; aber ich finde, daß Du die Liebenswürdigkeit dieser Dame schlecht belohnst.'
So oft hätte ich es versucht, ihm Frau v. Hein
betheiligten, fand dieser Tage in Rom statt, wo die Garibaldianer die Gedenkfeier des Vogesen- Feldzuges von 1871 begingen. Es wurden diesbezügliche Brandreden gehalten. Unter den Anwesenden befanden sich vier aktive Obersten und zwei Majors.
(Spanien.) Der Herzog von Sevilla, welcher vor einiger Zeit als Kommandirender der L-chloßwache in Madrid sich gegen die Königin von Spanien unehrerbietig benommen hatte, ist auf Beschluß des Kriegsgerichts in der Armee-Rang- liste gestrichen worden.
(Türkei.) Die Delegirien zum serbisch-bulgarischen Friedensschluß treten am 6. k. in Bukarest zusammen. Ihre Arbeit wird eine ziemlich leichte sein, da die hauptsächlichsten Friedensbe- dingungen schon in dem Waffenstillstandsvertrage festgesetzt sind. — Auf der Insel Kreta soll vollständige Ruhe herrschen; auch hat sich die griechische Flotte nicht nach Kreta begeben, sondern sei nur aus dem Hafen von Piräus ausgelaufen, um einer Blockade durch die Engländer zu entgehen und freie Hand zu behalten. (Im Jahre 1807 kaperten die Engländer auch die dänische Flotte und behielten sie als Friedenshand; dessen mag sich der Dänenprinz, der aus dem griechischen Throne sitzt, erinnert haben.)
Aus Hessen-Nassau.
Hersfeld, 29. Jan. Im vergangenen Jahr haben im ganzen Reiche 450 Eintragungen von Rechtsanwälten stattgefunden, denen 292 Löschungen gegenüberstanden. Fast genau dieselben Zahlen weist das vorhergehende Jahr auf, nämlich 448 und 293. Die Zunahme, die sich also pro Jahr auf über 150 neue Mitglieder der Rechtsanwaltschaft stellt, fällt überwiegend aus Preußen und aus die Amtsgerichte. Sonst ist die Zahl der Rechtsanwälte bei den Landgerichten erheblich größer; dieselbe betrug Ende 1885 3833, während bei den Amtsgerichten am 1. Januar 1886 im ganzen 1520 Anwälte zugelassen waren.
Hersfeld, 29. Jan. Berliner Blätter theilen den folgenden Fall mit, der allenthalben zur Warnung dienen mag: Am Sonntag Abend ge- riethen zwei Schüler eines Berliner Gymnasiums in Streit mit einem Kameraden, infolge dessen sie demselben das Gesicht mit Schnee „wuschen.* Der in dieser Weise behandelte Knabe kam, über heftige Gesichts- und Augenschmerzen klagend, nach Hause und ist noch in derselben Nacht erblindet. Der Hausarzt ordnete die Uebersührung des Patienten nach der Universitäts-Augenklinik an, wo sich der Patient jetzt befindet. Der Director der Klinik giebt wenig Hoffnung aus Wiederherstellung.
Hersfeld, 29. Jan. (Personal-Chronik.) Der Rechtscandidat Gerhardt ist zum Referendar ernannt. Der Gerichtsassessor Drießen zu Coesfeld i. W. ist in den Bezirk des Oberlandesgerichts Cassel, der etatsmäßige Gerichtsschreibergehülfe, Assistent Jacob zu Rosenthal an das Amtsgericht in Bischhausen versetzt worden.
Hersfeld, 29. Jan. Bei der am 26. und 27. d.
dorf in dem Lichte darzustellen, in dem sie mir erschien, aber mit der ihm eigenen Unzulänglichkeit hatte er stets meine Vorstellungen zurückgewiesen.
„Ein ander Mal, Viktor, ich bin heute wirklich nicht dazu aufgelegt fremde Menschen zu sehen. Laß mich bei Albert Zurückbleiben.*
„Das ist ein Vorwand, der Junge hat ja eine zuverlässige Wärterin,* eutgegnete er nicht heftig und gereizt wie sonst, sondern mit einer Bitterkeit, die mir das Herz zusammenpreßte. „Du weisest mich ab, weil Du nicht aufgelegt bist. Ich weiß wohl, daß ich Deine Nachgiebigkeit nicht herausfordern darf, aber ich hoffte —* Er wandte sich ab. Ich zitterte.
„Thue es mir zu Liebe, Adele!* sagte er plötzlich, sich wieder umwendend und schlang den Arm um mich. Ich war besiegt.
„Ich will mich ankleiden,* flüsterte ich leise.
Er drückte mich stürmisch an seine Brust.
„Dank Dir!* rief er aus. „Ich weiß doch, daß Du mich noch immer liebst, daß Du mein treues gutes engelsanftes Weib bist. Adele, ich glaube ich bin Deiner nicht werth.*
Mit welchen Gefühlen ich in die glänzende Versammlung trat, kann nur eine Mutter sich vorstellen. Frau v. Heindorf schlug bei meinem Anblick mit komischer Verwunderung die beringten Händchen zusammen.
„Also wirklich!* rief sie. „Sieht man Sie endlich wieder? Herr Hauptmann, welche Zärtlichkeit werden Sie aufgeboten haben, um ihre kleine eigensinnige Frau herzuführen.*
Der Arm meines Mannes zuckte unter meiner Hand.
„Meine Frau ist so liebenswürdig, sich stets nach
stattgehabten Ziehung der Casseler St. Martins - Lotterie fielen der 1. Gewinn auf Nr. 7585, 2. Gewinn au f Nr. 27,598,3, Gewinn aus Nr. 19,385, 4. Gewinn auf Nr. 47,197,j5. Gewinn aus Nr. 34,422, 6. Gewinn auf Nr. 51,069, 7. Gewinn auf Nr. 48,890, 8. Gewinn auf Nr. 85,656, 9. Gewinn auf Nr. 11122, 10. Gewinn auf Nr. 7088, 11. Ge- winn auf Nr. 3148, 12. Gewinn aus Nr. 98,849, 13. Gewinn auf Nr. 46,145, 14. Gewinn aus 3lr. 21,760, 15. Gewinn auf Nr. 95 493, 16. Gewinn auf Nr. 88,045, 17. Gewinn auf Nr. 943, 18. Gewinn auf Nr. 91,254, 19. Gewinn aus Nr. 60,463, 20. Gewinn auf Nr. 32,121. Den dritten Haupt- gewmn (goldenen Briefbeschwerer im Werthe von 2000 Mark) hat das Schenkmädchen in der Eissen- gartheu'schen Brauerei in der obersten Gasse in Cassel gewonnen.
Hersfeld, 29. Januar. Aus Messungen wird der „H. Mrgztg. unterm 27. d. Mts. geschrieben : Gestern Nachmittag hatten wir hier den in dieser Jahreszeit überraschenden Anblick eines Zugs Störche, und man glaubt, da dieselben von Süden nach Norden zogen, auf das Heraunahen eines frühzeitigen Frühjahrs schließen zu dürfen.
Hersfeld, 29. Januar. Als Vertrauensmann der Berufsgenossenschaft der Schornstein« feger ist für den Regierungsbezirk Cassel der Schornsteiufegermeister Lie bisch zu Netra, Kreis Eschwege, bestellt worden.
Hersfeld, 29. Januar. Mit dem 7. April d. I. wird mit der Ziehung der ersten Klasse der 174. Königlich preußischen Klassen-Lotterie, bestehend aus 80 000 Stammloosen und 15 000 zu den Gewinnen der 3 ersten Klassen auszuge- benden Freiloosen, welche bis zu ihrer Ausgabe für Rechnung der Lotterie-Kasse mitspielen, mit 43000 in 4 Klassen vertheilten Gewinnen, der Anfang gemacht werden. Die Ausgabe der Loose erster Klasse dieser Lotterie wird seitens sämmtlicher Königl. Lotterie-Einnehmer und deren Unter- Einnehmer nicht vor dem ersten Tage nach beendigter Ziehung der vierten Klasse 173. Lotterie erfolgen.
§§ Hersfeld, 29. Januar. Nach amtlicher Feststellung ist unter den in den Stadt- und Landgemeinden des Kreises Hersfeld im Jahre 1885 geschlachteten und mikroskopisch untersuchten 9153 Schweinen 1 Stück als trichinös und 1 Stück als finnig befunden worden.
* Der Regierungs-Referendar Bindewald aus Cassel hat am 23. d. Mts. die zweite Staatsprüfung für den höheren Verwaltungsdienst bestanden.
X Meckbach, 28. Januar. Welch verderbliche Folgen oft durch den allzustarken Genuß von Branntwein entstehen, zeigt uns wieder einmal folgender Fall, der sich am vergangenen Montag in dem Forstort Hagelsberg ereignete. Eine Anzahl dortselbst beschäftigter Holzhauer, welche am genannten Tage diesem Getränke etwas stark zugesprochen hatten, geriethen während eines Wortwechsels unter einander in einen heftigen Streit, welcher schließlich in Thätlichkeiten ausartete, so daß sie
meinen Wünschen zu richten, gnädige Frau!* entgegnete er kurz.
Ich gewann es über mich, zu versichern, ich sei gern gekommen, und Viktor trennte sich von mir mit zufriedenem Ausdruck, um sich unter seine Kameraden zu mischen.
Ich zählte die Stunden, die Viertelstunden, die Minuten. Vor meinen Blicken schwebte das süße Antlitz meines Knaben von Fieberhitze geröthet. Die feuchten Locken an die Stirn geklebt. Viktor blickte von Zeit zu Zeit zu mir hinüber. Er spielte heute nicht, wie die meisten Gäste des Banquier, ich fühlte er brächte mir ein Opfer damit. Ich plauderte, scherzte und lachte, und dazwischen hörte ich durch das Stimmengesurr und das Rauschen der Seidenkleider hindurch ein liebes, klagendes Stimmchen: „Mama, wo ist meine Mama?*
Die Banquier Heindorf setzte sich mit seiner widerlichen Vertrautheit an meine Seite. Ich hörte kaum, daß er zu mir sprach, ich verstand die leise geflüsterten Worte nicht, die er sich von Zeit zu Zeit erlaubte. All mein Denken, all mein Fühlen war daheim bei meinem Kinde.
Der Nacht rückte vor. Meine Pulse schlugen wie im Fieber, eine namenlose Angst trieb mich vorwärts und doch mußte ich ruhig und lächelnd auf meinem Platz verbleiben. Ich blickte unzählige Male nach Viktor hinüber, er saß, in ein scherzhaftes Wortgefecht mit einer Dame verwickelt, er ahnte nichts von meiner Unruhe. Die Gegenwart des verhaßten Mannes an meiner Seite peinigte mich unbeschreiblich, die kalten, schadenfrohen Augen seiner Frau stachen mir ins Herz. O daß Viktor gekommen wäre, mich in seine schützenden Arme genommen und gesprochen hätte: „Laß uns heimgehen.* (F. f.)