Kommission von 14 Mitgliedern iiberwiesen. — Es folgte die Berathung des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern, »bg. Dr. Barth (deutschfr.) suchte auszusühren, daß es mit der Wirtschaftspolitik des Jahres 1879 zu Ende gehe. Der Staatssekretär des Reichsschatzamts v. Burchard rechtfertigte die Verordnung des Bundesraths, bctr. die Verzollung der Petroleumsüsser, als gesetzlich rechtmäßig und zweckmäßig und trat dann den Ausführungen des Abg. Barth über die Wirkung der Schutzzollpolitik ent- schirden entgegen. Letztere habe sich im Ganzen durchaus segensreich erwiesen und insbesondere auch die Lage der Arbeiter gebessert. — Daraus wurden die Verhandlungen auf morgen Nachmittag 2 Uhr vertagt.
Berlin, 21. Januar. Der Reichstag setzte in seiner heutigen Sitzung die zweite Berathung des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern fort und zwar gestaltete sich die ganze Verhandlung zu einem erneuten Prinzipicn- streite über den Werth und die Nothwendigkeit des Schutzzolles, resp, des Freihandels. Nachdem Staatssekretär im Reichsschatzamte v. Burchard den neulichen Ausführungen des Abg. Dr. Barth (deutschsreis.) gegenüber, welche heute dessen Fraktionsgenosse Brömel in mehr oder weniger ähnlicher Form wiederholte, den Standpunkt des Bundesrathes entschieden gewahrt und die segensreichen Wirkungen der neuen Wirthschasts-Politik ausführlich bargelegt, trat Abg. Dr. Frege (deutsch-low), unter lebhafter Zustimmung der rechten Seite des Hauses, aus das entschiedenste für die Wirthschastspolitik des Reichskanzlers ein, welche dem Arbeiter billige Lebensmittel und höhere Löhne verschafft habe; die Schutzzollpolitik werde auch wider den Willen des Fortschritts, der seine Existenz nur durch die Bekämpfung des Branntweinmonopo s friste, sich immer weitere Bahn brechen. (Lebhafter Beifall rechts.) Von der Linken sprach noch im Sinne des ersten Parteiredners der deutsch- freisinnige Abg. Dr. Barth, während sich die Abgeordneten Kalle (nat Ub.), v. Schalscha (Centr) und v. Kardorff (Deutsche Reichspartei) ganz und voll auf dem Standpunkt der Wirthschaftspolitik des Reichslanzlers stellten. Die Verhandlung wird morgen (Freitag) 1 Uhr fortgesetzt werden.
B e r l i n, 21. Januar. Das Abgeordnetenhaus begann in seiner heutigen Sitzung die erste Lesung des Etats. Nachdem Abg. Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst (Centrum) den Etat einer abfälligen Kritik unterzogen und sodann wiederum die Nothwendigkeit einer Beendigung des Kulturkampfes betont, führte Abgeordneter Frhr. von -PUnnigerode (deutsch-kons.) unter lebhafter Zustimmung 3y^9j*«^£ttebe§ Hauses den Nachweis, daß der Etat snot6roen5TS?ir^^ gewähre, daß jedoch die das Reich nicht von der Land ^V^Em^hwequellen für Branntweinmonopol äußerst empsehlenoMA^^ müsse. Nachdem Redner sodann die bedenkliche Rothlag? der Landwirthschaft ausführlich dargelegt, schließt er mit der vom anhaltenden Beisall seiner Fraktionsgenossen aufgenommenen Versicherung, daß die konservative Partei nach wie vor in unentwegter Treue zu ihrem Kaiser und König stehen werde. Nachdem darauf Abg. Rickert (deutsch-freis.) den Ausjührungen des Vorredners vom Standpunkte der Opposition im allgemeinen, sowie von dem des Freihandels im besonderen entgegengetreten, wurde die Verhandlung auf morgen (Freitag) 11 Uhr vertagt.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) S e. M a j e st ä t der Kaiser empfing am Dienstag das Präsidium des preußischen Abgeordnetenhauses und hatte eine längere Conserenz mit dem Grafen Herbert Bismarck.
Die Nachricht, daß dem preußischen Landtage eine kir chenpolit ische Vorlage zugehen Werde, wird jetzt allseitig bestätigt. Ueber den Inhalt der Vorlage selbst verlautet zwar noch nichts bestimmtes; doch dürfte dieselbe voraussichtlich die
Rücktritt, wenn der König nachgiebt. — Inzwischen läßt sich Fürst Alexander von Bulgarien die Sache nicht anfechten; obwohl er mit der Pforte noch nicht völlig ins Reine gekommen ist, hat er doch schon durch einen Ukas die bulgarischen Gesetze in Ostrumelien Angeführt. Nach Constantinopel wird er erst später gehen. Auf die auch an sie er- gangene Abrüstungsaufforderung hat die bulgarische Regierung geantwortet, sie sei dazu bereit, sobald Serbien, das von Tag zu Tag eine drohendere Haltung annehme, sich formell verpflichtet haben werde, abzurüsten oder sobald die Großmächte die Wiederherstellung des Friedens gesichert und die Garantie dafür übernommen haben würden, daß Bulgarien nicht nochmals von Serbien angegriffen werde.
Erziehung des Klerus und den kirchlichen Gerichts- Hof betreffen-
Ueber die Berathungen des Bundesraths über das Branntwein-Monopol theilt die „Kreuz- Ztg." mit, daß dieselben allem Anschein nach sehr eingehende und ziemlich ausgedehnte sein würden, aus denen der Entwurf möglicherweise in einer wesentlich veränderten Gestalt hervorgehen würde.
Die Königlich W ürtt c mbe r g i s ch e Central- stelle für Landwirthschaft hat sich nach eingehender Berathung des Branntwein-Monopol-Entwurfs einstimmig für Einführung desselben ausgesprochen und dabei ihrer Ansicht dahin Ausdruck gegeben, daß der Entwurf die Interessen der Landwirthschaft und die Verhältnisse der kleineren Brennereien berücksichtige.
In Sachen der bayerischen Civilliste halte der König seinem Hofsecretär den Auftrag ertheilt, alle seit 10 Jahren eingelaufenen Rechnungen zu prüfen und über die Lage der Civilliste zu berichten. Dabei hat sich ergeben, daß sehr viele Baugründe und andere Werthobjecte, welche man seither als Eigenthum des Staates betrachtete, der Civilliste gehören. Der Stand derselben wird hierdurch um eine namhafte Summe entlastet, bezw. erhöht.
(Frankr eich.) Die Regierung hat nunmehr an die fremden Staaten die Einladung zur Theilnahme an der Pariser Weltausstellung 1889 ergehen lassen.
(England.) Die englischen Truppen in Birma sind von einer starken Schaar greischärler angegriffen worden. Zahlreiche Officiere sind getöütet, viele verwundet. Eine große Anzahl Kranker befindet sich im Hospital zu Mandalay. Die zum Theile im Amte belassenen birmanischen Minister betreiben König Thibos Wiedereinsetzung und bereiten der englischen Verwaltung allgemeine Schwierigkeiten. Alle militärischen Pläne für die nächste Zeit sind durch Verrath von birmanischen, in den englischen Dienst getretenen Beamten in Besitz der Freischärler gekommen.
(Dänemark.) Der Kriegsminister hat den '^-tuurrschlag, betr. die außerordentliche Bewil- itflunfl Copenhagens
zurückgezogen.
(Italien.) Wie der Kriegsminister beEärrnr gegeben hat, sollen von den 57 Millionen Lira, die das Parlament für die Küsten-Vertheidigung ausgeworfen hat, 20 für die Befestigung der Straße von Meffina und ebenso viel für die Befestigung Tarents verwendet werden.
(Spanien.) Die Regierung erhob in Paris Beschwerde wegen des beunruhigenden Treibens, welches die französische Regierung den Anhängern Zorillas an der spanischen Grenze gestattet. — In Madrid hat ein kleiner Arbeiterputsch die Gemüther aufgeregt. Beschäftigungslose Arbeiter durchzogen die Straßen und verlangten nach Brod. Sie wurden verhaftet, aber später freigelassen.
(Türkei.) Die Großmächte werden an Serbien und Griechenland erneut und dringend die Aufforderung richten, abzurüsten. Griechenland soll mit einem ziemlich schroffen und entschiedenen „Nein" geantwortet haben. Die Minister drohen mit
Aus Hessen-Nassau.
Hersfeld, 22. Januar. Der Cultusminister hat verfügt, daß bei den Lechrern und Lehrerinnen an öffentlichen Volksschulen, die jetzt in den Ruhestand zu treten beabsichtigen, die Pensionsverfügung in keinem Falle vor oder auf den 1. April d. I. zu datiren ist, damit die in den Ruhestand Tretenden zweifellos schon an den Wohlthaten des neuen, mit dem 1. April in Kraft tretenden Pensionsgesetzes Theil haben. Die Frage, ob etwa die Entscheidung über die Pensionirung schon vor dem 1. April getroffen ist, soll irrelevant sein; vielmehr nur das Datum des Antrittes des Ruhestandes selbst ausschlaggebend sein und dieses, wie gesagt, in den nächsten Monaten durchgängig bis in die Zeit nach dem 1. April hinausgerückt werden.
Hersfeld, 22. Januar. Einen eigenthümlichen Fall von Blutvergiftung, der zur Vorsicht mahnt, berichtet die „Post". Seit 8 Tagen befindet sich nämlich eine Frau in der Berliner Charitee in ärztlicher Behandlung des Prof. Dr. Bardeleben. Dieselbe hatte einen Hasen abgezogen und mußte sich hierbei verletzt haben, denn Hand und Arm schwollen heftig an. Da das Mesfer, desfen sie sich bediente, absolut rein war, so nimmt man an, daß der Hase zu lange gehangen, dadurch etwas in Fäulnis übergegangen »^^Lu^diese^Weise die Vergiftung erzeugt
* Herssetv, 22, Ia«uar.-4Arul Bekanntmachung des Reichs-VersicherungsaMes findet Behufs Le» schlußfassung über eine zu begründende Beri^s^ genossenschaft der Fuhrunternehmer, in Berlin eine Generalversammlung derselben statt. Da es vielen der Betheiligten nicht möglich sein wird, persönlich in der Versammlung zu erscheinen um ihre Rechte wahrzunehmen, ist es als ein an» erkennenswertheS Entgegenkommen zu begrüßen, daß der Centralverein Berliner Fuhrunternehmer sich bereit erklärt hat, Vollmachten zur Vertretung der Betheiligten zu übernehmen; dieselben sind mit Namensunterschrift zu versehen, an das Bureau des Vereins, Berlin, 0. Neue Friedrichstraße 18/19 einzusenden.
* Hersfeld, 22. Januar. Wie aus dem In» scratenlheil der heutigen Nummer unseres Blattes
mahnt ihn um Zahlung der längst fälligen Summe von zehntausend Thalern. Zehntausend Thaler! Mehr als die Einkünfte von drei Jahren. Und vielleicht ist dies nicht die einzige Schuld. O, ich bedaure nur mein Kind, meinen süßen kleinen Fredy! Daß Gustav nicht wenigstens für ihn ein wenig Liebe übrig behalten hat, wenn er auch meiner so sehr vergaß, die heiligsten Gefühle zu verletzen."
„Du urtheilst zu hart!" sprach die Tante sanft verweisend. „Es war ein Unrecht von Gustav, Dir seine Neigungen zu verheimlichen, aber gewiß hat nur die Liebe ihn zu dieser Schwäche verleitet. Er wollte Dich schonen."
„Ich verwünsche diese Schonung!" rief die junge Frau leidenschaftlich. «Häite mich Gustav mit seinen unseligen Leidenschaften bekannt gemacht, vielleicht wäre es nicht so weit gekommen. Doch jetzt, o mein Gott, mein Gott! Kaum drei Jahre verheirathet, und schon öffnet sich der Abgrund zu unseren Füßen."
' „Hast Du Deinen Mann bereits gesprochen?"
„Nein, er ist gestern wieder so spät nach Hause gekommen, wie mir der Diener sagte. Ha, nun weiß ich, was sein spätes Ausbleiben auf sich hatte, für das er immer so bequeme Ausflüchte zu erfinden wußte. Aber ich mag auch nicht daran denken, ihm wieder zu begegnen, ihm, den ich so sehr geliebt — und jetzt —"
„Kind, die wahre Liebe höret nimmer auf," murmelte die Tante ernst.
„Das sagst Du, Tante Adele, Du hast aus Liebe geheirathet. — Freilich, das habe ich auch, aber Du bist nie auf diese Art getäuscht worden."
„Wenn das Weib dem geliebten Manne die
Hand am Altar gereicht, so giebt sie sich ihm ganz zu eigen, vertraut ihr ganzes Lebensglück seinen Händen an und hat kein Recht vonTäuschungenzu reden, die Würfel mögen fallen wie sie wollen."
„O Tante!" rief die junge Frau in einem Tone, der den entschiedenen Widerspruch ihrer Meinung bezeugte. „Hättest Du die Kraft dazu gehabt, einen Schicksalsschlag wie diesen gefaßt zu ertragen?"
Die Tante lächelte. „Willst Du meine Geschichte hören?" fragte sie, der Weinenden das verwirrte Haar zurückstreichend. „Vielleicht wirst Du dann anders urtheilen."
„O bitte, Tante Adele! Ich hätte Dich längst gern über Deine Vergangenheit gefragt, wenn Du nicht immer so verschwiegen über die Zeit Deiner Ehe gewesen wärest. Jetzt giebt es mir vielleicht einen Trost."
„Ich mag sonst nicht darüber reden," entgegnete die Tante, sich in das Sopha zurücklehnend und das Haupt auf die schmale Hand stützend. „Ihr jungen Leute versteht in Eurer Fröhlichkeit traurige Geschichten so selten. Doch in diesem Augenblick könnte es Dir vielleicht von Nutzen sein, ein paar ernste Worte zu hören."
„Ich kam mit sechszehn Jahren aus der Pension. Als das einzige Kind einer alten Familie — meine ältere Schwester, Deine Mutter, war schon seit einigen Jahren verheirathet — war ich bald der Mittelpunkt der glänzenden Gesellschaft, die sich in unserem Hause versammelte. Man fand mich schön." —
„Ich weiß!" unterbrach sie die junge Frau, „Du warst mir das Ideal von Schönheit, so lange ich ein kleines Mädchen war, und ich habe hundert Mal vor dem Spiegel gestanden, mein blondes
Haar verwünscht und mir schwarze Locken, wie Du sie hattest und einen so blendenden Teint gewünscht."
„Gut, gut," fuhr die Erzählerin fort, „ich erwähnte dies nur, weil es der Zusammenhang meiner Geschichte erfordert. Von allen Seiten strömten mir Huldigungen zu, die Officiere der Garnison schwärmten für mich, und selbst mein Vater, der sonst so kalte, ernste Mann, nannte mich den Stolz seines Hauses. Was Wunder, daß mein eitles sechszehnjähriges Herz von solchen Lobpreisungen berauscht wurde, um so mehr, da ich in der Pension ein streng abgeschlossenes, einsames Leben ge- sührt hatte Ich warf mich mit Entzücken in den Strudel gesellschaftlicher Vergnügungen, der sich vor mir aufthat, und meinte, ein so köstliches Leben nie geträumt, geschweige denn gehofft zu haben. Es gehörte indessen nicht mehr als ein Jahr des Genusses dazu, mir dies Alles im höchsten Grade überdrüssig zu machen. Ich hatte gelernt, die Wahrheit vom glänzenden Truge zu unterscheiden, ich hatte eingesehen, daß, was ich hier als Liebenswürdigkeit gehalten, nichts als höfliche Lüge, daß, was mir Eleganz geschienen, die erbärmlichste Blasirtheit war, daß ich herzlosen Uebermuth, ba» nale Redensarten und thörichte Faselei für Geist und Witz angesehen, mit einem Wort: Ich hatte die Kehrseite jenes Bildes geschaut, das sich bet schimmernder Kerzenbeleuchtung auf dem glänzenden Parquet des Salons dem Neulinge mit berauschender Pracht entfaltet, und das doch nichts als hohle Leere oder ränkevolle Heuchelei verdeckt. Ich hatte die Schmeichler um mich her verachten gelernt, deren bewundernde Phrasen und Liebesbe- thenerungen ich eine kurze Zeit für die Sprache des Herzens gehalten. (F. f.)