patriotische Unwille, nur wenige Zeitungen brandmarken die ruchlosen Grausamkeiten. Die Nieder- metzelung der armen Flüchtlinge beschreibt der Bericht des „Figaro" wie folgt: „Einen Augenblick später ging das Dorf in Flammen auf. Eine Bombe von der Escadre war mitten hinein in die Strohhütten gefallen. Um jene Brandstätten herum müssen sich seltsame Dinge ereignet haben, doch die Entfernung ist weit und von Bord aus kann man nichts sehen. .... Aber man freute sich, alle diese Feuersbrünste zu erblicken, zu sehen, wie Alles schnell nnd' gut marschirte, wie dieses ganze Land in Flammen anfging. Man hatte die Flüchtlinge erscheinen sehen, wie sie sich halb geröstet, am Ausgange rhres Dorfes sammelten, wie sie noch zögerten, wobei sie sich sehr hoch aufschürzten, um besser laufen zu können, und den Kops gegen etwaige Kugeln mit Bretterstücken zu decken, mit Spalieren aus Weideugeflecht zu schützen suchten — kindische Schutzmaßregeln, wie man sie gegen einen Regenguß nehmen würde. Und dann hatten sie versucht, vorbei zu kommen, indem sie aus Leibeskräften liefen. Da begann die große Metzelei! Man gab „Salvenfeuer", zwei Mal, und es war ein Vergnügen, zu scheu, wie dieser Kugelregen auf dieselben zwei Mal in der Minute in methodischer und sicherer Weise niederfiel. Es war eine Art von Besprengung, welche Alle gruppenweise in den Schmutz des Sandes niederstreckte. Man sah unter ihnen Leute wie vollkommen wahnsinnig, die wieder aufsprangen, ergriffen von einem Taumel, zu laufen, wie verwundetes Vieh; sie machten diesen Todeslaus im Zickzack, indem sie sich bis zu den Hüften auf eine komische Weife aufschürzten — ihre losgelösten Chignons und langen Haare gaben ihnen das Aussehen von Frauen. Andere stürzten sich in die Lagune, sich fortwährend den Kopf mit Weiden- und Strohgeflechten deckend, und suchten ihre Jonken zu erreichen. Man tödtete sie im Wasser. Es gab sehr gute Taucher unter ihnen, die sehr lange am Grunde blieben — es gelang doch, sie zu erwischen, wenn sie den Kopf herausstreckten, um etwas Luft zu schnappen, wie die Seehunde. . . Die Matrosen hatten sämmtliche Lanzen, Keidungs- stücke, Rosenkränze von „Sapöques" aufgerafft und trugen um ihre Hüften gerollt Streifen von Zeug in den verschiedenen chinesischen Farben. Sie nahmen die Mienen von Triumphatoren unter prächtigen Sonnenschirmen an oder sie spielten nachlässig mit Fächern und fliegenden Wedeln aus Federn. ... Es gab Leichname, gar gräulich anzuschauen, gegen welche die Bajonnette sich mit Wuth gewendet hatten: die Augen herausgetreten, der ganze Körper wie besäet und gespickt mit Wunden, ganz voller Löcher, und große Schmeißfliegen umschwirrten sie."
Rußland.
In den russischen Ostseeprovinzen sieht es noch immer wenig befriedigend aus. In Dorpat find dieser Tage binnen 24 Stnnden zwei größere Brandstiftungen vorgekommen. Seit der Verhaftung des Brandstffters Schwarz ist kann: ein Tag vergangen, an dem es in Dorpat nicht brannte. Die Aufregung über diese Vorgänge ist selbst in Petersburg recht bemerkbar.
Türkei.
AuS Konstantinopel wird vom 25. d. gemeldet. Zufolge desWiederauftretens der Cholera in Alexau- brien ist die Wiederanwendung der bei Ausdruck) der Epidemie ergriffenen sanitären Maßregeln angeordnet worden. — Die Erschütterungen in dem Rayon von Smyrna daueren fort, namemlich wurden am 23. d. M. sechs starke Erdstöße in Smyrna verspürt, doch wurde keinerlei Schaden angerichtet. — Bei dem letzten Erdbeben in Tschesme stürzten über 3000 Häuser ein, 50 Personen wurden gelobtet, ca. 300 verwundet.____
# Die Kejteuenmg unentbehrlicher Lebensmittet.
Die fortschrittlich-manchesterliche Opposition verspricht sich bekanntlich ganz besonders groge Erfolge von ihrem Kampfe gegen die „Besteuerung unentbehrlicher Lebensmiltel", und in der Syat hat sie hiermit schon einige Erfolge erzielt, sie weiß am besten den Werth von Schlagwörtern zu schützen, die sich an das Gefühl und nicht au den Verstand wenden, und was könnte wohl das Gefühl mehr empören, als der Gedanke, daß daS, was man zu des Leibes Nahrung und Nothdurft nöthig hat, noch durch Steuern verthenert werden ^Aber daß die Opposition selbst an die Berechtigung des Schlagworts: „keine Steuer auf unentbehrliche Lebensmiltel" glaubt, ist nicht anzu- nehmen. Sie muß wissen, daß kein Staat der Welt auf die Besteuerung von Gegenständen des
täglichen Verbrauchs und Genusses verzichten kann und daß thatsächlich auch kein Staat darauf verzichtet. Die Bedürfnisse eines Staates können unmöglich allein durch direete Steuern gedeckt werden: er muß zur Besteuerung von ganz unentbehrlichen Lebensmitteln oder von nahezu unentbehrlichen Genußmitteln des verbreitetsten Volksluxus, wie Kaffee, Tabak, Zucker, Bier, Branntwein, Salz u. s. w. greifen. Wie alle Staaten, so hat auch das deutsche Reich seine Besteuerung fast ausschließlich hierauf begründet. Wie die Ratio- nalliberale Correspondenz mit Recht sagt, „ist es schlechterdings unmöglich, diese Hunderte von Millionen (die durch diese Besteuerung erzielt werden und bei den natürlichen Bedürfnissen eines Staates erzielt werden müssen) durch direete Steuern oder irgend ein anderes Steuerobject aufzubringen, und ein halbwegs gewissenhafter und die niedrigsten Künste der Volsverführung verschmähender Politiker sollte diese Thatsache anerkennen und die nun einmal ganz unvermeidliche Nothwendigkeit nicht mehr in Frage stellen, daß der weitaus größte Theil der Reichsbedürfnisse durch indirecte Verbrauchssteuern Gestritten werden muß, die selbstverständlich auf Gegenstände des Maffenconsums gelegt werden müssen. Daran würde keine Regierung etwas ändern können, auch wenn Herr Eugen Richter Reichskanzler wäre."
Daß die fortschrittliche Oppositon dies einsieht, darf feststehen: ihre Wortführer haben bei den Berliner Gemeindewahlen oft genug erklärt, daß es unnütz und thöricht äst, eine Forderung zu erheben, die nun einmal nach Lage der Sache gegenwärtig nicht zu erfüllen ist. Trotzdem werden sie nach wie vor versuchen, mit jenem Schlagwort Geschäfte zu machen und dem Volke vorzureden, daß nur die „Reaction" unentbehrliche Lebensmittel besteuere. ES wird daher nöthig sein, einmal zu: untersuchen, wie es solche Staaten mit diesen steuern halten, die bei Fortschrittsleuten nie in den Verdacht der „Reaction" kommen können, — Frankreich und England.
Wenn man die von Reichswegen erhobenen Steuern nach der Bevölkerungsziffer auf Preußen reducirt, so zahlt Preußen an indireeten Steuern (Steuern auf Lebens- und Genußmittel) pro Kopf der Bevölkerung 10 Mk., Großbritannien dagegen 25,86 Mk. und Frankreich 25,08 Mk. Zieht man die indireeten Communalabgaben mit in Betracht, so murb das Mißverhältniß noch größer, weil in England und Frankreich die Gemeinden ihre Bedürfnisse zu einem weit größeren Theile durch in* direete Steuern decken; in Preußen fällt dann auf den Kopf 10,22 Mk., in England 28,50 Mk. und in Frankreich 30,13 Mk. Die directen Staatsund Communalsteuern betragen dahingegen in Preußen 13,59 Mk., in England 30,25 Mk. und in Frankreich 31,33 Mk.
Was das Verhältniß der directen zu den indi- recten Steuern anbetrifft, so bringt Preußen — nach neueren Untersuchungen Gcrstfeldts — von seinen sämmtlichen Steuern 30,2 Procent auf directem Wege auf, England hingegen nur 17,7 Procent und Frankreich 17 Procent. Durch indi- recte unb Verkehrssteuern werden in Preußen aufgebracht 69,8 Procent, in England dagegen 82,3 und in Frankreich 83,0 Procent aller Steuern. Zieht man die Communalsteuern mit hinzu, so werden in Preußen an directen Steuern aufgebracht 50,6 Procent, in England 40,2 und in Frankreich 22,7 Procent aller Steuern; an indireeten und Verkehrssteuern in Preußen 49,4, in England 59,8 und in Frankreich 77,3 Procent sämmtlicher Steuern.
Es ergiebt sich hieraus, daß Frankreich und England weit .mehr als Preußen (bezw. Deutschland) die indireeten Steuern, wozu vorzugsweise diejenigen auf Lebensmittel gehören, entwickelt haben. Dieselben sind dadurch im Stande, weit größere Steuerlasten ohne allzu großen Druck für den Einzelnen zum Wohle der Gesammtheit auf sich zu nehmen. Wenn in Preußen über Höhe der Steuern geklagt wird, so kommt dies nur daher,: daß die directen Steuern — und zwar namentlich in den Gemeinden — zu stark ausgebildet sind. Eine höhere Besteuerung der Lebensmittel allein kann den Druck der Steuern beseitigen. Mit ihrem Schlagwort: „keine Steuern auf Lebensmittel" wollen die Fortschrittler diesen Druck nur aufrecht erhalten und vermehren, um die hieraus entstehende Unzufriedenheit der Massen für ihre Zwecke aus- beuten zu können.
AuS Hessen Nassau.
A Hersfeld, 29, October. Freunde der Obst- cultur machen wir hier darauf aufmerksam, daß es jetzt an der Zeit ist die Obstbäume durch einen Anstrich von Steinkohlentheer (vielleicht 1 Fuß hoch am untern Ende des Stammes) vor einem i gefährlichen Feinde zu schützen. Es ist dies näm-l
lich ein kleiner Schmetterling, der sogenannte Frostspanner, (Cheimatobia brumata,) der sich im November, und Anfangs December, sobald die ersten Fröste eintreten aus der bis dahin am Fuße der Bäume ruhenden Puppe entwickelt. Während das Männchen dieses Schmetterlings vollständig geflügelt ist und Abends umherfliegt, ist das Weibchen nur mit kurzen Flügelläppchen versehen, welche es zum Fliegen unfähig machen. Nach eingetretener Befruchtung durch das Männchen, welches das Weibchen am Fuße der Bäume aufsucht, kriegt letzteres dann an dem Stamm in die Höhe und legt seine Eier in die Rindenspalten der Aeste, wo sich dieselben im nächsten Frühjahr, Ende April, zu kleinen Räupchen entwickeln, diese bohren sich in die Knospen ein und zerstören dieselben. Wenn sie größer werden, spinnen sie ganze Blüthenbüschel und Blätter zusammen, wie man dies oft wahrnehmen kann, und freffen dieselben auf. Um nun die Weibchen zu verhindern an den Bäumen in die Höhe zu kriegen bestreicht man letztere wie oben angegeben mit Steinkohlentheer, an welchem sie dann hängen bleiben und umkommen. Neuerdings verwendet man auch eine besondere Art Leim, welcher vor dem Theer den Vorzug haben soll, daß er nicht so schnell austrock- net, in Folge dessen also länger wirkungsvoll bleibt.
* Der bisherige Pfarrer zu Herrenbreitungen, Wilhelm Heinrich Georg Israel, ist zum zweiten Pfarrer an der Altstädter Gemeinde zu Cassel bestellt worden. — Dem bisherigen Pfarrer zu Kers- penhausen, Otto Weiß, ist auf erfolgte Präsentation die zweite Pfarrstelle an der Altstädter Gemeinde zu Hofgeismar verliehen worden.
§ Heringen, 30. October. Auf dem Hofe des Pflasterers Georg Gerlachdahier hätte am 20. d. Mts: Nachmittags leicht ein größeres Brandunglück entstehen können. Die in der Nähe des Hofes beschäftigte Ehefrau des Georg Flaut sah den neben der Scheune befindlichen Abort brennen und den fünfjährigen Sohn des 20. Gerlach aus demselben herausspringen. Durch das schnelle Hinzueilen einiger Männer, welche den Abort niederrissen, wurde das Feuer im Keime erstickt und hierdurch zweifellos ein großes Unglück verhütet. Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß das Kind durch Spielen mit Streichhölzern den Brand verursacht hat. Mag tzies wieder eine eindringliche Mahnung für Eltern sein, die Schwefelhölzer so aufzubewahren, daß dieselben den Kindern nicht zugänglich sind.
— In der Nacht vom 21. auf den 22. October fiel in der Rhön, auf dem Kreuzberg, Dammers- felb 2c. der erste Schnee.
CaffZ, 26. Oktober. Der ständische Ver- w a l t u n g s a usschuß hat in Bezug auf die von ihm auf Veranlassung des Kommunalland- tages in Erwägung gezogene Errichtung einer Ackerbauschule folgende Resolution gefaßt: „Die Errichtung einer besonderen Ackerbauschule nach Württembergischen Muster erscheint zwar sehr wünschenswert!), allein die für diesen Zweck auf- zuwendenden mindestens 120,000 Mk. Anlage-Kapital erfordernden Kosten stehen einerseits in keinem Verhältniß zu dem geringen nur für 10 Schüler berechneten Umfang einer derartigen Anstalt und können andererseits bei der dermalrgen ungünstigen Finanzlage des Kommunalverbandes ohne Anspannung der Steuerkrast des Kommunalbezirkes nicht ausgebracht werden. Daß aber der Staat oder der landwirthschaftliche Centralverein die Initiative zur Errichtung einer Ackerbauschule auf eigene Kosten unter Zuhilfenahme ständischer Subventionen ergreifen werde, ist nach der der- maligen Lage der Gesetzgebung und bei der mit dem Mangel geeigneter Fonds'begründeten ablehnenden Haltung des Vorstandes des landwirth- schaftlichen Centralvereins ausgeschlossen. Gegen die Errichtung einer Ackerbauschule durch Private und die Ueberweisung von Unterstützungen aus Kommunalfonds au solche sprechen prinzipielle Bedenken, da die Erfahrung gelehrt hat, daß der Bestand und das Gedeihen solcher Anstalten mit dem Leben ihres Begründers auf das Engste verknüpft ist. Der Verwaltnngsansschuß ist daher der Ansicht, daß von der Errichtung einer besonderen Ackerbanschnle zur Zeit abzusehen und der Vorstand des landwirthschaftlichen Centralvereins zunächst noch zu einer gutachtlichen Aeußerung darüber zu veranlassen sei, ob die landwirtschaftliche Winterschule in Marburg dem vorhandenen Bedürfniß genüge, oder ob die Erweiterung derselben, event, bie Errichtung einer zweiten Winterschnle geboten fei und ob das von dem Kommunallandtag erstrebte Ziel sich nicht dadurch erreichen lasse, daß mit der Winterschule in Marburg, eventuell der weiter zu errichtenden, ein Plantagenseld verbunden und durch Engage-