der deutschen Litteratur frühe vertraut. Mehr als auf die bloße Aneignung von Kenntnissen wurde aber auf die Bildung ihres Herzens Gewicht gelegt, und sehr frühe zeigte sie eine lebhafte, zur That strebende Menschenfreundlichkeit, einen Trieb, Schwachen, Bedürftigen und Nothleidenden zu helfen, der sich später zur reichsten Blüthe entwirteln sollte. Der Gedanke, ihr Leben an die Abhilfe von allerlei Noth zu setzen, gewann immer mehr Macht über sie, und zu voller Selbständigkeit herangereist, suchte sie sich zuerst von dem ^ Stande der vorhandenen Veranstaltungen zu gleichem Zwecke eingehend zu unterrichten. Sie reiste durch England und Schottland und besuchte überall Krankenhäuser, Besserungsanstalten und Schulen, indem sie eine Fülle von Erfahrungen sammelte und gutes that, soviel sie konnte.
Im Jahre 1851 ließ sie sich nach einer längeren Reise aus dem Kontinent für ein Vierteljahr in Kaiserswerth nieder, um sich unter Fliedner's Leitung in der Krankenpflege auszubilden. Sie richtete ihr Augenmerk dabei besonders auf die Erfordernisse der Hospitalleitung, ohne die technischen Einzelheiten der Krankenpflege irgendwie zu vernachlässigen. Da sie sich hier von Tag zu Tage in ihrem besten Streben gehoben und gefördert sah, so kann es nicht Wunder nehmen, daß sie den Aufenthalt in der rheinischen Diakonissen-Anpalt zu den glücklichsten Zeiten ihres Lebens rechnet.
Nach so gründlicher und vielseitiger Vorbereitung kehrte sie heim und übernahm noch in demselben Jahre die Leitung des Hospitals für Erzieherinnen in Harley Street, London. Diese Anstalt war im Verfall begriffen und drohte ganz einzugehen, als Miß Nightingale, wie ein guter Engel, ihre Aufopferungsfähigkeit, ihre unermüdliche Thätigteit und ihre Gestaltungsgabe daransetzte und aus dem verfallenden ein neues lebenskräftiges und fegenbringendes Werk schuf. Sie war damit kaum zu Ende gekommen und hatte kaum Zeit gehabt, sich von den gehabten übermäßigen Anstrengungen zu erholen, als schon neue Anforderungen an ihre Menschenliebe herantraten. Im Krimtriege waren 25 OOO englische Soldaten in den Osten geschickt. Nach der siegreichen aber blutigen Schlacht an der Alma wurden die zahlreichen Verwundeten in die Lazarethe von ©entart ge- schickt, welche an den Ufern des Bosporus eingerichtet waren. Aber ihre Einrichtungen verriethen die kläglichste Unkennt- niß der Sache, wenn nicht die gröbste Nachlässigkeit. Der Tod hielt hier eine weit reichere Nachlese, als seine Ernte aus dem mörderischen Schlachtfelds gewesen war. Berichte von Augenzeugen schilderten in englischen Blättern das namenlose Elend der Verwundeten in den Hospitälern am Schwarzen Meer, und Vorschläge zur Abhilfe wurden hin und her erwogen, darunter der folgenreichste: eine auserlesene Schar von Krankenpflegerinnen und Oberinnen an den Kriegsschauplatz zu senden und ihnen die gründliche Reform des Lazarethwesens anzuvertrauen. (F. f.)
Werjäljrt!
Von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Drittes Kapitel.
Herbert Faber hatte das Haus des Advokaten in gehobener Stimmung verlassen. Der Druck, der kurz vorher noch so schwer aus seiner Seele lag, war von ihm genommen, er wußte jetzt, daß Niemand ihm wegen der früheren Schuld etwas anhaben konnte.
Als er in den Gasthof zurückkehrte, fiel sein erster Blick auf einen elegant gekleideten, korpulenten Herrn, der eben erst angekommen zu sein schien; während der Fremde noch mit dem Oberkellner sprach, stand ein anderer Kellner mit Reisetasche und Schirm neben ihm.
„Es soll Alles bestens besorgt werden", sagte der Oberkellner; Nummer sechszehn."
Jetzt fiel auch der Blick des Fremden auf Faber, er blieb eine Weile forschend auf ihm ruhen.
Sie stiegen gemeinsam die Treppe hinauf, der Kellner war vorausgeeilt, um die Thüren zu öffnen und die Kerzen anzuzünden.
Oben angelangt, blieb der Fremde stehen.
„Ich bitte um Entschuldigung", sagte er, seinen Hut abnehmend, „wenn ich nicht sehr irre, haben wir uns früher schon einmal gesehen."
Herbert Faber blickte prüfend in das glatte, leicht geröthete Antlitz und wiegte zweifelnd das Haupt. „Mein Name ist Ernst Seemann", suchte der Fremde seinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen, „es ist freilich schon lange her, daß ich hier als Einjährig-Freiwilliger diente, aber ich erinnere mich noch immer eines Kameraden Faber, wenn es mir damals auch nicht vergönnt war, länger als einige Wochen mit ihm zusammen zu dienen."
Herbert Faber schlug in die dargebotene Hand ein, und ein gezwungenes Lächeln glitt flüchtig über sein gebräuntes Antlitz.!
„Jetzt erinnere ich mich Ihrer and)", sagte er, „ich hätte alles Andere eher erwartet, als diese f Begegnung."
„Hm, ja, und wenn ich Sie nicht erkannt hatte, waren wir wohl aneinander vorbeigegangen", scherzte Seemann, „aber für Personen habe ich ein gutes Gedächtniß und einen scharfen Blick. Dies ist mein Zimmer?* wandte er sich zu dem Kellner, „Sa- perment, wie kalt und ungemüthlich! sie müssen einheizen lassen —"
„Ich wohne nebenan, und in meinem Zimmer ist bereits eingeheizt", unterbrach Faber ihn, »wenn Sie mir das Vergnügen schenken und mein Gast sein wollen —" . , ,
„Angenommen! Wir soupiren gemeinschaftlich
in Ihrem Zimmer. Aber lassen Sie immer ein- heizen, Kellner, ich habe einen Herrn hierher bestellt, der sich jedenfalls heute Abend noch einsinden wird. Bestellen Sie unten beim Portier, der Herr, der nach dem Commerzienrath Seemann frage, solle an Sie gewiesen werden, Sie führen ihn in mein Zimmer und melden ihn mir. So, und nun dürfen Sie die Wein- und Speisekarte bringen."
„Wir waren damals nur eine kurze Zeit zusammen", nahm Faber das Wort, nachdem der Kellner sich entfernt hatte, „Sie dienten nur einige Wochen, dann kamen Sie in's Lazarett) und bald darauf verließen Sie die Stadt."
„Ganz recht, ich kehrte zu meinen Eltern in die Residenz zurück", nickte der Commerzienrath, während er sein kahles Haupt mit einem seidenen Taschentuch abrieb, „später übernahm ich das Geschäft-meines Vaters, an dessen Spitze ich noch heute stehe."
„Bankgeschäft?"
„Nein, nein, hauptsächlich französische Seide und Sammet, natürlich en gros, den Detailhandel, den mein Vater daneben trieb, habe ich eingehen lassen, er macht viel Last und Arbeit und wirft verhält- uißmäßig wenig ab."
„Sie haben jedenfalls Glück gehabt —"
„Glück? Nun ja, ich habe auch arbeiten müssen, und nicht immer hat das Glück mich begünstigt. Planche Unternehmung, von der ich mir viel versprach; ist fehlgeschlagen, dagegen habe ich auch manchen glänzenden Erfolg zu verzeichnen gehabt. Sie wohnen auch nicht hier?"
„Jetzt nicht mehr."
„Haben Sie Familie?"
„Nein, ich war verheirathet, meine Frau ist todt, ich stehe allein und komme nach einer langen, langen Abwesenheit aus Amerika zurück."
„Natürlich als Krösus?" — scherzte der Commerzienrath.
„Nicht doch, ich habe drüben nur so viel erworben, daß ich sorgenfrei leben kann, das genügt mir."
Der Commerzienrath blickte ihn lange an, sinnend schüttelte er das kahle Haupt.
„Viel Erfreuliches scheinen Sie drüben nicht erlebt zu haben", sagte er.
„Weder drüben, noch hier", antwortete Faber, die buschigen Brauen zusammenziehend, „ich spreche nicht gerne davon."
„Und ich bin nicht neugierig, verzeihen Sie, wenn ich Erinnerungen geweckt habe, die Ihnen unangenehm sind. Ich habe vor fünfundzwanzig Jahren eine Wittwe Faber geheirathet, ist sie mit Ihnen verwandt?"
„Nein, ich habe keine Verwandten."
„Meine Frau hat ebenfalls keine Verwandten mehr, seitdem ihre Eltern gestorben sind, in mancher Beziehung ist das sehr angenehm."
„Namentlich, wenn man selbst reich und die Familie arm ist", sagte Faber sarkastisch."
„Sehr wahr", nickte^ der Commerzienrath, „ich habe eine erwachsene Stieftochter, die mir genug zu schaffen macht. Ah, endlich!'
Die letzten Worte galten dem Kellner, der die Weinkarte brächte und dem Commerzienrath zugleich anzeigte, daß der erwartete Herr bereits eingetroffen sei.
„Um so besser", sagte Seemann, „je rascher diese fatale Angelegenheit geordnet werden kann, desto lieber ist es mir. Ich denke, wir bestellen ein souper von vier oder fünf Gängen und ein kräftiges Glas Rheinwein, sind Sie damit einverstanden?"
„Ganz und gar", erwiderte Faber.
„Sehr wohl, dann will ich Ihnen alles Weitere überlassen, ich hoffe bald zurückzukehren."
Der Herr, der in seinem Zimmer ihn erwartete, war groß und schlank, ein brauner Vollbart umrahmte das jugendfrische intelligente Gesicht.
„Sie sind Herr Romberg?" fragte der Commerzienrath mit kühler Höflichkeit, indem er ihm einen Stuhl anbot.
„Sie schrieben mir, daß -sie mich heute Abend hier erwarten wollten, um über die betreffende Angelegenheit persönlich mit mir zu reden."
„Jawohl, allerdings", erwiderte der corpuleute Herr, den das ruhige, zuversichtliche Auftreten des jungen Gymnasiallehrers einigermaßen zu verwirren schien, „ich erfülle damit einen Wunsch meiner Frau, die wie sie wissen, in die Verlobung ihrer Tochter mit Ihnen nicht einwilligen kann."
„So beharrt Sie noch immer bei ihrer Weigerung?" fragte Romberg, in dessen dunklen Augen es zornig aufblitzte. „Ich habe die Dame gebeten, mir ihre Gründe zu nennen. -"
„Dazu ist sie nicht verpflichtet" unterbrach der Commerzienrath ihn, in ihrem freien Willen liegt eS, ihre Zustimmung zu geben oder zu verweigern. Die Gründe liegen übrigens so nahe, daß Sie dieselben errathen könnten. Hedwig hat keinen Anspruch auf irgendwelche Mitgift, ihre Mutter war mittellos, und mein Vermögen gehört meinen eigenen Kindern —" (F- t)
Vermischtes»
— Braunschweig, 4. Octbr. Ein furchtbarer Unglücksfall hat sich am Montag in der Nähe der Eisenbahnstation Börßum ereignet. Eine Arbeiterfamilie wollte von Wolfenbüttel nach Hornburg ziehen, wo der Mann auf einer Domäne Arbeit gefunden hatte. Vom Bahnhöfe Börßum holte ein Knecht mit einem Fuhrwerk die Familie, aus dem Ehepaar und 6 Kindern bestehend, sammt ihren Habseligkeiten ab. Oben auf dem Wagen, zwischen das armselige Mobiliar, placirte sich die ganze Familie. Der Fuhrknecht schlug, trotzdem er vorher gewarnt worden, einen Feldweg ein, der dicht an dem sumpfigen Flüßchen Ilse vorbeiführte. An einer Biegung des Weges schlug der Wagen um, die Insassen desselben stürzten mit den Möbeln in das sumpfige Gewässer. Dem Vater gelang es, sich zu retten und auch noch die zwei ältesten Kinder lebend aus dem Wasser zu ziehen, die Mutter aber und die vier kleinsten Kinder ertranken. So schnell auch Hülfe bei der Hand war, konnte man nur noch die Leichen dem Wasser entreißen. Als man die Frau herauszog, lag das jüngste Kind, ein 7 Wochen alter Säugling, noch an der Mutterbrust.
— Den längsten Mann der Berliner Garnison .besitzt gegenwärtig das 2. Garde-Regiment zu Fuß, und zwar einen Einjährig-Freiwilligen, der am 1. d. M. bei der ersten Compagnie eingetreten ist. Derselbe mißt 219 Zentimeter (ungefähr 6 Fuß und 11 Zoll), ist größer als der bisherige Flügelmann des Regiments und der Regimentstambour.
— Mühlhausen i. Th., 8. Oktober. Die Kunde von einer Schreckensthat bringt die hiesige Bürgerschaft in Aufregung: Auf der nach Eigenrieden führenden Chaussee wurden etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, die Leichen eines Mannes in den vierziger Jahren und eines Knaben von etwa 13 Jahren, sowie ein schwerverletzter, noch lebender Knabe von 7 Jahren, der sofort nach dem hiesigen Krankenhause gebracht wurde, aufgefunden. Der Mann lag im Chausseegraben links, das Gesicht war mit Blut überströmt, welches aus Mund und Ohren gelaufen war. Nicht weit von ihm entfernt lag ein Doppelterzerol, welches noch eine Ladung enthielt. Der kleinere, noch lebende Knabe hat am Rande desselben Chausseegrabens gelegen. Einige Schritte über den anderen Chausseegraben hinaus lag die Leiche des älteren Knaben. Der Wann ist als der Vater der beiden Kinder, der Handarbeiter Wilhelm Kompst aus Niederdorla rekognoszirt worden. Derselbe hat erst seine beiden Kinder zu ermorden versucht, und zwar ist der ältere Knabe durch eine Stichwunde in der rechten Spelte des Halses getödtet. Das Mord-Instrument, ein starkes, spitzes Pfeffer, ein sogenannter Genickfänger, lag bis zum Heft mit Blut befleckt, auf der Chaussee neben einem Stock. Der andere Knabe hat mehrere Messerstiche bekommen, indessen hofft man, ihn am Leben zu erhalten. Sich selbst ha: der Mörder dann durch einen Schuß in den Mund getödtet. Vor kurzem ist die Frau des Unglücklichen gestorben, und sind zu dem Schmerz um diesen Todesfall bei Kompst nach sorgen um die Erhaltung seiner Familik getreten. Beides zusammen hat wohl eine Geistesstörung hervorgebracht, und in dieser ist die schreckliche 'That verübt worden.
— Paris. (Deutschenhetze in Staatswerkstätten.) Dank den Hetzereien der Blätter vom Schlage des „Antiprussien", auS dessen „Fragekasten" wir bereits Proben gaben, sahen sich verschiedene Principale und Privatunternehmer veranlaßt, die bei ihnen beschäftigten oder angestellten Deutschen zu entlassen. Neu aber ist, daß auch staatliche Institute jetzt dem Drucke der Deurschenfresfer nachgeben. Wie indeß der „Voltaire" und der „Antiprussien" übereiuitimmeub melden, sind alle Arbeiter und Beamte beiderlei Geschlechts auf der Tabackmauufactur von Gros-Caillon, einer Vorstadt von Paris aufgefordert worden, ihre Eigenschaft als Franzosen nachzuweisen unter der Androhung ihrer anderfallsigen sofortigen Entlassung. Es soll auch keine Ausnahme zu Gunsten der Elsaß-Lothringer, die nicht für Frankreich optirt haben, gemacht werden. Diese Maßregel soll ferner auf alle Mauufacturen des Staats ausgedehnt werden und der „Voltaire" hat die Frechheit hin- zuzufügen, es wundere ihn nur, daß sie nicht schon früher ergriffen worden sei.
— London, 5. October. Einem Ausweise des HandelSamtS zufolge sind durch Eiseubalmunfälle in Großbritannien und Irland im ersten Semester d. I. nicht weniger als 553 Personen getödtet und 2047 verletzt worden. '
Weizen 100 Kilogr. 18 M. 46 Pf. bis 18 M. 60 Pf. Roggen 100 Kilogr. 15 M. 42 Pf. bis 16 M. — Ps. Gerste 100 Kilogr. — M. — Pf. biS — M. — Pf. Hafer, 100 Kilogr. 13 M. 70 Pf. bis 14 M.40 Ps.