eine unangreifbare Stellung zu sichern. Da bezügliche Vorarbeiten und mit Londoner Geldleuten gepflogene Verhandlungen bereits im Gange waren, spielte dieser Punkt eine nicht unwichtige Rolle. Außerdem wurde geltend gemacht, daß dem deutschen Reiche bewilligte Zollzugeständnisse das Verhältniß Spaniens zu England weiter erschweren und der brittischen Regierung die Handhabe zu Beschwerden über eine besonders ungünstige Behandlung liefern würden. — Und das Alles in einem parlamentarisch regierten Lande, das häufige RegierungSveränderungen erlebt hatte und dessen Ministerium mit einer Opposition rechnen mußte, in welcher sich viele grundsätzliche Gegner der gegenwärtigen Minister und ebenso viele Freunde näherer Beziehungen zu Frankreich fanden, dem es natürlich hoch willkommen gewesen wäre, wenn die deutsche Concurrenz auf die nämliche Linie mit der englischen zurückgedrängt worden wäre.
Nur eine angesehene, unermüdliche thätige Regierung, wie die unsrige konnte Hindernisse so ernster Art überwinden und zum Ziele gelangen.
Politische Nachrichten.
Deutschland»
Auf Anregung der Kaiserin soll die ge- fammte Gensdarmerie Bücher mit Anweisungen des von Esmarch eingeführten Samariterdienstes erhalten und jeder Gensdarm einen auf letzteren bezüglichen Lehrgang durchmachen.
Fürst Bismarck gedenkt feinen Aufenthalt in Friedrichsruh, wie von dort gemeldet wird, einstweilen noch auf unbestimmte Zeit auszudehnen, gegen Weihnachten aber, nach kurzer Anwesenheit m Berlin, mit feiner Familie nach Varzin über- zusiedeln, um das Fest dort zu verleben. Der Gesundheitszustand des surften soll gegenwärtig ein im Allgemeinen zufriedenstellender sein.
Die Nerchsschulcommissionhatihredies- jährige Sitzung vor einigen Tagen unter Vorsitz des Geh. Raths Dr. Bonitz aus Berlin in Meiningen gehalten.
Der französische Verein für Social- ökonomie, der im Jahr 1856 von dem im vorigen Jahre gestorbenen bekannten und tüchtigen Volkswirth Le Play begründet worden ist und der sich zur Aufgabe gemacht hat, die socialpolitischen Verhältnisse aller Länder gründlich und wissenschaftlich zu durchforschen, hat in diesem Jahre sich ein Studienfeld in Deutschland ausgewählt, welches ein Mitglied der Gesellschaft, Herr A.Fougerousse untersuchen soll. Die „Social- correspondenz" theilt mit, daß derselbe von seinem Verein den Auftrag erhalten hat, im nördlichen und westlichen Deutschland das Landwirthschaft- liche Vereins- und Genossenschaftswesen an Ort und Stelle zu studiren. Zu diesem Zweck nimmt derselbe längeren Aufenthalt in Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen, vielleicht auch Rheinland, wobei er sich vor Allem von dem Gesichtspunkt leiten läßt: was leisten die landwirtschaftlichen Genossenschaften für den kleineren und mittleren Bauernstand? Weiter will er die Lage einer ländlichen Arbeiterfamilie, und zwar im Holsteinischen, „monographisch" darstellen. Endlich widmet sich der Genannte auch Studien über die Entwicklung des Kunstgewerbes in Deutschland. Die beabsichtigte Darstellung volkswirtschaftlicher Verhältnisse in Deutschland beweist, daß man neuerdings auch in Frankreich bestrebt ist, die Einrichtungen unseres Landes zu eigenem Nutze und Frommen und zum Zweck friedlichen Wirkens und Schaffens zu studiren.
Der Reichskanzler hat auf ein ihm am Tage der Enthüllung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald von Düsseldorf gesandtes Glück- wunsch-Telegramm folgende Antwort ertheilt: „Friedrichsruh, 28. September 1883. Die freundliche Begrüßung durch das heutige Telegramm erwidere ich mit dem Wunsche, daß alle nationalen Elemente in ganz Deutschland sich fester als bisher aneinander schließen mögen, um die großen Aufgaben, die dem Reiche gestellt sind,' ihrer Lösung entgegenzuführen. v. Bismarck."
Nachdem bie zur Reserve beurlaubten Mannschaften Ende September entlassen sind — die zu halbjähriger activer Dienstzeit eingestellten Trainsoldaten werden am 31. October c. bezw. 30. April 1884 entlassen — wird die Einstellung der Rekruten in der Zeit vom 5. bis 10. November erfolgen. Die Zahl der Rekruten ist bei den Bataillonen der älteren Garde-Jnfanterie-Regimenter und den in Straßburg, Metz und Weißenburg garnisoniren- den Regimentern der Infanterie, dem 1. Rhein. Nr. 25, dem 3. Rhein. Nr. 29, dem 5. Pomm. Nr. 42, dem 8. Ostpreuß. Nr. 45, dem 2. Niederschles. Nr. 47 und dem 7. Brandend. Nr. 60 per Bataillon auf je 225 festgesetzt. Bei deu übrigen Bataillonen der Infanterie, Jäger und
Schützen werden je 190 Rekruten eingestellt, bei jedem Cavallerie-Regiment mindestens 150, bei den reitenden Batterien mindestens je 25, bei den übrigen Feldbatterien mindestens je 30, bei den Bataillonen des Rhein. Festungs-Artillerie-Regi- ments Nr. 8 und des Fuß-Artillerie-Regiments Nr. 10 je 200, bei den übrigen Fuß-Artillerie- und Pionier-Bataillonen je 160, bei den Bataillonen des Eisenbahn-Regiments mindestens je 135, bei jeder Train-Compagnie zu dreijähriger Dienstzeit mindestens 15, zu halbjähriger Dienstzeit im Herbst d. I. und im Frühjahr k. I. je 44. An Oeconomie- Handwerkern werden bei sämmtlichen Truppen- theilen ein Drittel der etatmäßigen Zahl eingestellt.
Schweiz.
Die Franzosen sollen in Nord-Savoyen emsig an Befestigungen gegen die Schweiz arbeiten. Eidgenössische Officiere, welche zur Feststellung des Thatbestandes nach Ort und Stelle amtlich aus- aesandt waren, haben berichtet, daß auf dem Berge Vuache in Savoyen bereits der Wald aus- gehauen und Profilirungen vorgenommen seien. Es ist also Thatsache, daß Frankreich mit den Vorarbeiten von Befestigungen in Wirklichkeit begonnen hat.
England.
Kaum ist der große Strike in Ashton beendet, so drohen dem englischen Arbeitsmarkte neuerliche Störungen. In Wales haben die Eisen- und Gußstahlhütten bereits die Feuer ausgelöscht, da die Arbeiter die angekündigte Lohnherabsetzung nicht annahmen. Im ganzen nordöstlichen Lan- cashire haben die Weber und in dem Districte von Dudley die Nagelschmiede ihren Entschluß angekündigt, die Arbeit in acht Tagen einzustellen. Auch in einigen Kohlenwerken begannen die Bergleute zu sinken, und man rechnet, daß durch diele neuen Strikes mindestens 15,000 Arbeiter für eine lange Zeit der Erwerbslosigkeit anheimfallen werden.
Frankreich.
Ueber die Manneszucht der französischen Truppen in Tongking äußert sich der Correspondent des „Standard", welchem es gestattet wurde, die Franzosen bei einer ihrer Expeditionen zu begleiten, in sehr abfälliger Weise. Er schreibt: Die Truppen in Tongking tragen blaue Jacken, weiße Hosen (die fast immer schmutzig sind) und weiße Helme. Ich war erstaunt über den Lärm, den sie machten und der in merkwürdigem Gegensatze zu der Stille stand, welche von britischen Truppen bei derartigen Expeditionen beobachtet wird. Es handelte sich um einen Ueberfall des Feindes, und hier schrieen die Officiere aus Leibeskräften und die Soldaten schwatzten ganz laut miteinander. Es gab ein Stimmenconcert, das sicher auf eine Meile weit hörbar war. Am befremdlichsten berührte es mich aber, als bei der Ankunft eines Kessels Kaffee die Soldaten, ohne einen Befehl abzuwarten, aus Reih und Glied traten, den Kessel umstellten und sich erst durch die Bitten, nicht durch den Befehl der Offiziere bewegen ließen, wieder anzutreten. Als der Oberst Badens eintraf, trat allerdings Ruhe ein und etwas wie Methode und Ordnung machte sich bemerkbar; allein, um offen zu sprechen, die Mannszucht war eine derartige, daß man keine Lust gewinnen konnte, ein heißes Gefecht mit solchen Truppen aufzunehmen. Was mich auch sehr überraschte, war der Gebrauch von Sonnenschirmen seitens zweier Stabsofficiere. Es war geradezu lächerlich, Soldaten von Officiere» in den Kampf geführt zu sehen, welche sich mit Schirmen gegen die Sonnenstrahlen schützen.
Die zwischen dem Ministerpräsidenten Ferry und dem General Lewal stattgehabten Besprechungen haben wegen der abweichenden Ansichten des letzteren über die militärischen Reformen zu keiner Verständigung geführt, es wird daher die Ernennung des Generals Haussier zum Kriegsminister für wahrscheinlich gehalten.
A rS Hessen Nafsan.
Hersfeld, 10. October. In Berichten aus unserem Regierungsbezirk wird die frühere Wahrnehmung wiederholt, daß eine zwar langsame, aber stetige Besserung in den Handels- und gewerblichen Verhältnissen stattfindet. Die Ergebnisse, welche der Bergbau im verflossenen Quartal zu verzeich- neu hatte, sind gauz zufriedenstellend; sie weisen hinsichtlich der Förderung und des Absatzes eine bemerkenswerthe Zunahme gegen die entsprechende Periode des Vorjahres aus. So betrug bei dem fiskalischen Steinkohlenbergwerk Obernkirchen,Kreis Rütteln, die Production an Steinkohlen 53,000 t, an Cokes 9000 t gegen bezw. 49,000 t und 85001 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Absatz an Steinkohlen hat sich um 4000 t vermehrt. Auch die Mehrzahl der Privatbraunkohlenwerke
hatte guten Absatz. Die Eisen- und Manganerzbergwerke waren ebenfalls in lebhaftem Betriebe, ebenso die Saline in Sooden an der Werra, welche 713 t Magazinsalz gegen 566 t im Vorjahre lieferte. Die Maschinenfabriken waren sämmtlich ausreichend beschäftigt, einige derselben haben sogar, um die Aufträge bewältigen zu können, mit Ueber- stunden arbeiten müssen. Dasselbe thun verschiedene Tuchfabriken, namentlich dahier und in Melsungen.
* Zur Vermeidung von Unannehmlichkeiten wird bekannt gemacht, daß von diesem Monat ab die Klassen- und klassifizirte Einkommensteuer wieder einzuzahlen ist. (Der Ausfall der Steuer galt für die Monate Juli, August und September.)
* (Vakante Stellen für Militäranwärter im Be- reiche des 11. Armee-Corps.) Kassel, Königliche Strafanstalt, Aufseher, 1110 M. Gehalt. Ober- Landesgericht, Kanzlei-Diätar, 1200 M. Frankfurt a/M., Garnison-Bauinspektor Meyer, Schreiber und Baubote 2,50—3 Mark pro Tag. Marburg, Postamt, Postschaffner, 908 M. Gehalt.
* Dem Salzsteuer-Einnehmer a. D. Traut zu Orb im Kreise Gelnhausen ist der Rothe Adler- Orden vierter Classe verliehen worden.
* Der bisherige Pfarrgehülfe zu Leckringhausen, Classe Wolfhagen, past. extr. Röttcher, ist mit Versetzung dasiger Pfarrstelle beauftragt worden. — Der bisherige Pfarrverweser Ludwig H a r t m a n n zu Langeuschwarz, Jnspectur Fulda, ist zum Pfarrer daselbst bestellt worden. — Dem bisherigen Pfarrverweser in Frankenau, past. extr. Eduard Adolph Gustav Schli tzberg er, ist die zweite Pfarrstelle in Obernkirchen verliehen worden. Der practische Arzt H. G. Ch. Schick hat sich in Marburg niedergelassen und der practische Arzt Dr. med. A. F. E. Schubert hat seinen Wohnsitz von Seckbach nach Frankfurt a. M. verlegt. Der Amts- Physikus Dr. Tassius zu Birstein ist vom 1. September d. I. ab in den Ruhestand getreten. Der practische Arzt Dr. derlei ist seit dem 1. September d. J. vom Landkrankenhause zu Bettenhausen nach dem Landeshospital Merxhausen versetzt worden. Der practische Arzt Matthäus Trieben st ein hat seinen Wohnsitz von Schönewalde, Provinz Sachsen nach Bebra verlegt.
Cassel, 6. October. (Strafkammer.) Der Schuhmacher Konrad Rudolph zu Hersfeld war vom Schöffengericht am 16. August d. J. wegen Beleidigung zu 30 M. Geldstrafe resp. 6 Tagen Gefängniß verurteilt worden und hatte hiergegen Berufung eingelegt. Seinem Freunde Henning hatte er auf der Straße in angeblich jovialer Art einige nicht gut reproducirbare Prädikate beigelegt, auch mehrere Male etwas demonstrativ ausge- . spuckt. Der gegenüber wohnhafte Lohgerber Münscher, mit welchem Rudolph in Feindschaft lebt, hatte Beides auf sich bezogen und Rudolph verklagt. Die Strafkammer, welche über diesen Fall nochmals verhandelte, beschloß, einen neuen Termin anzuberaumen und die Sachlage durch Zeugen feststellen zu lassen.
Fulda, 8. Oct. Gestern Morgen in aller Frühe fielen hier in Fulda die ersten Schneeflocken. Wenn auch von einem eigentlichen Schneefall keine Rede sein konnte, so war es doch immerhin ein allzu- früher Vorbote des nahenden Winters.
Marburg, 3. October. Am Montag Abend stürzte ein Schreinergeselle, welcher sich in angetrunkenem Zustande befand, über das Geländer der Bopp'schen Terrasse, über welches er hinausgelehnt war. Die Verletzungen des Herabgestürzten sollen derart sein, baß man an seinem Aufkommen zweifelt.— Dieser Tage wurde in Kirchhain bei der Reinigung eines Winkels die Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden, welche allem Anscheine nach seit kurzer Zeit in dem Winkel gelegen hat.
HofgeiSmar, 7. October. Am Sonntag Abend wurde hier in der Wirthschaft des Herrn F. eine Wette entrirt, die dahin ging, daß ein in der Wirthschaft anwesender Gast, der hier in der Stadt dienende Knecht H., sich anheischig machte, innerhalb einer Stunde 42, sage und schreibe zweiundvierzig Stück Handkäse zu vertilgen. Er verzehrte das ganze Quantum, trank dazu ein viertel Liter Schnaps und gewann somit seine Wette (2 Mark und die Käsekosten). Von irgend welchem Unbehagen will man an ihm nichts bemerkt haben. Möchten aber doch solche rohe Spässe, die schon häufig die trau- t rigsten Folgen gehabt haben, in Zukunft lieber ganz unterbleiben.
Marburg, 6. October. Der Privat-Dozent Dr. med. Gaffer ist zum außerordentlichen Professor an hiesiger Universität ernannt worden.
Frankfurt, 6. October. Vorgestern wurde ein 75jähriger Greis begraben, der sich über den Verlust, welchen er an der falliten Hilfskasse für Gewerbetreibende erlitten, im wahrsten Sinne des Wortes todtgegrämt hatte. Der Mann hatte die Ersparnisse in seinem arbeitsvollen Leben im Betrage von 15000 Mark bei dieser Casse deponirt,