Hause, in dem kleinen, höchst einfach eingerichteten Wohnzimmer erwartete ihn die Mutter bereits mit dem Abendbrod.
Der stechende Blick der alten Frau ruhte forschend auf ihm, während er am Tische saß und eine Schüssel voll gerösteter Kartoffeln nebst einigen Schnitten Brod hastig hinunterschlang.
„Du kommst spät heute Abend" sagte sie in einem Tone, der das erwachende Mißtrauen deutlich durchblicken ließ, „das Bureau muß schon vor' einer Stunde geschlossen worden sein —"
„Was der Packesel heute noch thun kann, wird nicht bis morgen für ihn aufgeschoben, wenn er auch unter der Last Dusammenbräche", fiel der Schreiber ihr höhnisch in's Wort, und daß ich nur des Doktors Packesel bin, wirft Du schon lange wissen."
Ueber das wetterharte, runzlige Gesicht der alten Frau glitt nun auch ein Zug des Hohns.
„Und was bin ich mein ganzes Leben lang gewesen? erwiderte sie.
„Habe ich jemals eine ruhige Stunde gehabt? Habe ich nicht auch arbeiten und sorgen müssen von Tag zu Tag, und bin ich je meines Lebens froh geworden?"
„Es lag an Dir, wenn Dn es nicht wurdest", fuhr er mürrisch fort, „Deine Arbeit hat reichen Gewinn eingebracht —"
„Wer behauptet das?"
„Jeder, der Dich kennt, sagt es, und es liegt auf der Hand, daß Du bei Deinem blühenden Geschäft und Deiner einfachen Lebensweise Ersparnisse gemacht haben mußt."
„Und wenn ich mir einen Nothgroschen für meine alten Tage und für schlimme Zeiten zurückgelegt habe, muß es dann ein großes Vermögen sein?
So sehr viel ist am Obst- und Gemüsehandel nicht zu verdienen, nur mit Pfennigen kommt das Geld ein —"
„Das weiß ich besser", unterbrach er sie wieder, „andere Frauen machen kein Hehl daraus, daß sie durch diesen Handel reich geworden sind."
„Jawohl, wenn sie daneben noch in der Lotterie gewonnen haben! Wer Glück haben soll, dem kann's nicht fehlen, ich hab's niemals gehabt."
Der Schreiber schob die Schüsseln zurück und zuckte mit den Achseln, er hatte diese Redensart so oft bestritten, daß er nichts mehr darauf zu erwidern wußte, was nicht früher schon gesagt worden war.
„Und Du hast auch keinen Grund, unzufrieden zu sein", fuhr sie nach einer Pause fort, der Lohn ist freilich nicht groß, aber die Arbeit dafür be- auem."
„Sehr bequem", spottete er. „Ich wollte ebenso gerne in einer Tretmühle arbeiten."
„Jakob, Jakob, Du bist fünfzig Jahre alt —
„Sogar noch etwas darüber, und trotzdem noch nicht zu alt, um Ketten, die mich drücken, zu zerbrechen. Es wäre besser gewesen, wenn ich's früher gethan hätte, aber Du warft immer dagegen, und ich ließ mich leider durch Dich bestimmen."
„Und was hättest Du, wenn Du nicht mehr für den Doktor arbeiten wolltest?" fragte sie ichars. „Willst Du hier aus der faulen Haut liegen und von mir fordern, daß ich Dich ernähren soll e
„Wahrhaftig nicht!" erwiderte er. „Von Dir abhängig zu sein, wäre weit schlimmer, als meiner Tretmühle arbeiten zu müssen. Ich kenne die Gesetze durch und durch, ich weiß, wie man sich drehen und wenden kann, ich kann den Leuten ebenso gut und vielleicht noch besser Rath ertheilen, wie der gewiegteste Advokat."
„Rechtsverdreher willst Du werden?"
„Es ist kein schlechtes Geschäft, das darfst Du mir glauben. Es giebt Leute genug, die lieber einen Winkelconsulent zu Rathe ziehen, als einen Advokat, sie glauben billiger dabei wegzukommen, und sie können auch freier und offenherziger mit ihm reden. Und daß ich in solchen Dingen Erfahrung haben muß, wird mir Jeder glauben.
„Unsinn!" sagte die alte Frau, energisch das graue Haupt schüttelnd. „Wie lange wirst Du warten müssen, bis Jemand sich einfindet, der Deinen Rath hören will?"
„Nicht lange, ich brauche nur im Gerichtsgebäude meine Netze auszuwerfen, so fange ich ne Zu Dutzenden. Ich kenne die Menschen und namentlich die Prozeßlustigen, ich weiß, wie man sie behandeln muß, nichts ist leichter, als ihnen klar zu machen, daß sie unter allen Umständen ihren Prozeß gewinnen müssen. Ein kleines Kapital ist freilich nöthig, ich würde das Zimmer drüben als Bureau benutzen und einrichten, mit hundert Thalern —"
„Hast Du so viel?" fragte sie rasch.
„Nein, aber ich denke, Du wirst es mir leihen!
„Keinen Groschen!" erwiderte sie mit Entschlossenheit, gegen die es keinen Widerspruch gab. „Ich habe meine paar Pfennige zu sauer verdient, als
daß man mir zumuthen dürfte, sie zum Fenster hinauszuwerfen."
Der Schreiber stützte den Arm auf den Tisch und rieb mit der mageren Hand langsam sein glattes Kinn.
„Ich habe diese Antwort erwartet", sagte er ruhig, „ich weiß ja, daß ich auf Deine Hülfe nicht zählen darf, sobald es sich dabei um ein kleines Opfer handelt. So werde ich denn auf anderm Wege mir das Geld zu verschaffen suchen."
„Auf welchem Wege?" fragte sie, die stechenden Augen erwartungsvoll auf ihn heftend.
„Sei unbesorgt, ich werd's auf ehrlichem Wege erreichen. Erinnerst Du Dich noch einer Mordgeschichte, die vor vierundzwanzig Jahren hier passirt ist?"
„Es ist Manches passirt —"
„Der Mörder hieß Faber, Herbert Faber."
„Ach, jawohl, ich erinnere mich der Geschichte noch sehr gut", nickte die alte Frau, deren Züge sich belebten. „Sie war eine schöne junge Frau, und ihr Alaun hatte den hellen Satan im Leibe."
„Schoß er nicht ihren Galan nieder?"
„War's ihr Galan?"
„Ich weiß, ich weiß, aber er glaubte es, ich denke, das kommt auf Eins heraus. Ein politischer Flüchtling, nicht wahr?"
„Ja, die Polizei suchte ihn." „Und er schoß ihn todt?" „Mitten in's Herz hinein. Er ist geflüchtet und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Er wird wohl, wie so mancher Andere, drüben gestorben und verdorben sein."
-„Und wenn er es nicht wäre?" fragte der Schreiber.
Seine Mutter blickte ihn starr an.
„Wenn er zurückkäme, so müßten sie ihn heute noch fassen und ihm den Prozeß machen", sagte sie.
„Bah, zwanzig Jahre sind seitdem verstrichen, und Verbrechen, die mit dem Tode oder lebenslänglichem Zuchthaus bestraft werden, verjähren binnen dieser Zeit."
„Schöne Gesetze, daß ein Mord unbestraft bleiben soll!" erwiderte sie.
„Es war kein Mord, hätte er damals sich dem Gerichte gestellt, so würden die Geschworenen ihn freigesprochen haben. Die Fran kam mit einem leichten Streifschuß davon, wenn ich mich recht erinnere —"
„Jawohl, in der ersten Stunde hieß es, sie sei ebenfalls todt, und sogar in den Zeitungen wurde es behauptet, aber sie war nur ohnmächtig, und die Kugel hatte außer einer Schramme an der Schulter kein weiteres Unheil angerichtet. Ich kam derzeit oft in das Haus, das Dienstmädchen plauderte gern, so hab' 'ich Alles ausführlich erfahren."
„Auch die späteren Ereignisse, nicht wahr?" fragte er, während er sein Notizbuch, das er aus der Tasche geholt hatte, offen vor sich hinlegte. „Wenigstens entsinne ich mich, daß Du mir die ganze Geschichte einmal erzählt hast."
„Was ist da viel zu erzählen! Die Eltern der jungen Frau wohnten weit von hier in einer andern Stadt, sie kamen nach einiger Zeit und holten ihre
„Nachdem das Kind zur Welt gekommen war?" „Das kam erst nach sieben Monaten. Das Dienstmädchen nahmen sie auch mit."
„Und das Mädchen hat Dir später Alles erzählt?"
„Zehn Jahre später."
„Also, wie war die Geschichte?"
„Na, sehr einfach. In der Heimath der jungen Frau wurde die Wahrheit gar nicht bekannt, man sagte den Leuten, Faber sei plötzlich gestorben und seine,.Wittwe könne den schweren Schlag nicht überwinden."
„Merkwürdig, daß die Dienstmagd nicht ine Wahrheit an's Licht brächte!" schaltete der Schreiber ein. (F. st)
N e r m i s ch t e S.
— Eisenach, 2. October. Einen jähen Tod hat gestern Abend ein etwa 20 Jahre alter Reisender, der mit dem Abendzuge in der Richtung nach Eisenach fuhr, auf der Station Fröttstedt erlitten. Er war daselbst, obwohl nur 1 Minute Aufenthalt war, ausgestiegen und in die Restauration gegangen. Der Zug geht ab und der Unglückliche sucht ihn durch einen Sprung auf das Trittbrett noch zu erreichen, gleitet aber aus, stürzt mit dem Kopfe unter die Räder und wird alsbald zermalmt; nur ein Schrei wurde noch von ihm gehört.
— München. Wie die „Neuest. Nachr." hören, liegen zur Zeit nicht weniger als siebenundzwanzig Todesurtheile beim Justizministerium zu Borbescheidnng. ,..... ,
— Aschers leben. Das 4jährigeTochterchen des Dachdeckers Rosenthal erhielt bunte Bohnen zum Spielen und steckte einige in den Mund. Eine derselben gerieth nun unglücklicher Weise in
die Luftröhre und konnte selbst von einem zu Hilfe gerufenen Arzte nicht mehr entfernt werden, so daß das Kind durch Ersticken seinen Tod fand.
—^Eine schreckliche Familienkatastrophe wird aus Spa, 30. September, wie folgt, gemeldet: Von einem Güterzuge, der sich auf dem hiesigen Bahnhöfe befand, lösten sich gestern drei Wagen ab und setzten sich auf der geneigten Ebene nach Theur in Bewegung. Dort rannten sie freilich in ein Ausweichgeleife, stießen aber mit solcher Gewalt auf die Abschlußbarre, daß sie nicht nur diese, sondern auch das Wärterhäuschen, in dem sich der Wärter mit seinen vier Kindern befand, vollständig zertrümmerten. Die fünf Personen wurden sofort getödtet; die Frau des Wärters, die eben im Begriff war, die Uebergangsbarrisre zu schließen, entging dem schrecklichen Schicksal ihrer Familie.
— Zürich, 26. Septbr. An derselben Stelle bei Horgon^ wo schon früher einmal ein großes Stück des Seeufers versank, ist wieder eine große Uferstrecke in die Tiefe gesunken. Gestern früh 4 Uhr verschwanden die alten und neuen Anlagen von der Suhl bis zum Meiershof in den See. Das Eisenbahngeleise der linksufrigen Zürichseebahn ist gefährdet. Hart an den Schwellen zeigen sich Risse im Boden und wahrscheinlich stürzt die Eisenbahn nach. Die Tiefe, von der das Land verschlungen wurde, mißt 60 Klafter, ein Umstand, der einen Nachsturz nur zu wahrscheinlich macht. Der Bahnverkehr ist unterbrochen und die nächsten Bewohner flüchten. Eine Menge Material aller Art, das auf dem betreffenden Terrain lag, ist mit fortgerissen worden.
— Ein spätes Opfer des Krieges 1870/71. Der Schutzmann Eduard Jahnke erhielt wärend des französischen Krieges einen Schuß in die Brust; die Wunde wurde geheilt, aber die Kugel konnte nicht entfernt werden. Nach dem Kriege trat I. bei der Polizeibehörde in Danzig als Schutzmann ein und während dieser zwölf Jahre hat derselbe seinen Dienst verrichtet, ohne irgend welche Beschwerden zu erleiden. Die Kugel hat sich vermuthlich nach und nach einen Weg in die Nähe des Herzens gebahnt, wodurch I. vor einigen Tagen an schweren Herzbeklemmungen erkrankte. Am 3. October ist derselbe verstorben.
— In Schottland sind die Berge seit Sonntag in eine dichte Schneedecke eingehüllt.
— Brüssel, 4. October. Wie die „Jndopen- dance Beige" meldet, haben gegen 2000 Kohlen- gruben-Arbeiter im Kohlenbecken bei Mons die Arbeit eingestellt.
— Bern, 4. October. Das neue Hotel der Gebrüder Mauser am Gießbach ist heute Morgen abgebrannt.
— Rauchen bei Knaben. Das Resultat seiner Wahrnehmungen über die schädlichen Folgen des Rauchens bei Knaben hat ein Dr. G. Decaisne an die britische „Soc. of Public Medicine" mitge- rheilt. Dieselben beziehen sich auf 38 Knaben im Alter von 9 bis 14 Jahren, welche sämmtlich mehr oder minder dem Rauchen ergeben, ihm in Behandlung gegeben waren. Bei 27 von ihnen waren die Folgen sehr ernsthafter Natur: gestörter Blulumlauf und Verdauung, Herzklopfen, Abstumpfung des Geistes und bei den meisten ein starker Hang nach alkoholischen Getränken. Eine Zerlegung des Blutes zeigte in acht Fällen Verminderung der rothen Blutkörperchen: zwölf Knaben litten anhaltend an Nasbluten. Zehn klagten über gestörten Schlaf und Alpdrücken, vier besamen entzündete Wunden und einer die Schwindsucht. Je jünger die Kinder, desto stärker offenbarten sich diese nachtheiligen Folgen; die wohlgenährtesten litten am wenigsten unter denselben. Acht von den 38 Knaben waren unter 12 Jahre alt; elf derselben hatten 6 Atonale, acht 1 Jahr und 16 mehr als zwei Jahre lang geraucht. Eine Behandlung mit Eisen oder Chinin ergab kein befriedigendes Resultat; allein die Knaben, welche das Rauchen ganz unterließen, wurden hergestellt, 17 nach sechs Monaten, die übrigen erst nach einem vollen Jahr. Diese Mittheilung dürfte Eltern zu scharfer Ueberwach- ung ihrer Heranwachsenden Söhne nach dieser Richtung hin neuerdings veranlassen.
— Frankfurt a. M. Die Katzen in Nieder- rad verminderten sich seit einiger Zeit in ganz auffälliger Weise. Wieinaui) wußte, wo die lang- geschwänzten Hausthiere hingeriethen, bis es endlich vor einigen Tagen gelang, festzustellen, daß dieselben die Beute eines hungrigen Niederräders geworden. Etwa 50 Stück hat der Frevler einge- fangen und sie sämmtlich in saftige Braten verwandelt, die er sich mit seiner Familie hat vortrefflich schmecken lassen. Die Besitzer der hingemordcten Katzen bewerthen letztere auf 250 Mark und haben den Katzenlödter bei Gericht an« gezeigt