Einzelbild herunterladen
 

Beilage zur Nr. 100 des Kreisblatts.

Hersse ld, den 22. September 1883.

Eine Heirath aus Verzweiflung.

Von Henry Perl.

(Fortsetzung.)

Mr. Cummings, der Gutsaufseher, beeilte sich zu erklären:Dieser Fluß entspringt an irgend einer unzugänglichen Stelle des Gebirges. Nie­mand weiß genau, wo. Er mündet in einen dunk­len, rasch laufenden Strom, der sich durch eine felsige Höhlung und dann durch einen Engpaß zieht, wo er abermals verschwindet, ohne daß man weiß, wohin. Die Vermuthung liegt nahe, daß er unter dem Felsgrund hindurch seinen Weg nimmt, über welchem dieses Schloß erbaut ist."

Auf Gloria's Antlitz malte sich Erstaunen.

Was ist Dir, Theuerste? fragte David.

Mir fällt eine seltsame Begebenheit ein, die da­durch, wie es scheint, plötzlich eine natürliche Auf­klärung erhält."

Und das wäre?"

Nicht wahr, Du sagtest, daß der alte Friedhof von Gryphynshold an den Ufern des Flusses liegt?"

Ja, auf jenem Plateau, ungefähr eine halbe Meile von hier entfernt."

Und daß ein großer Theil davon bereits vom Flusse unterwaschen und die Leichen weggeschwemmt sind?"

Ja gewiß, Liebste."

Und daß die Vermuthung vorliegt, der sinkende Strom verschwinde unter dem Felsgrunde dieses Gebäudes?"

So sagt man" beeilte sich Mr. Cummings zu antworten.

Und warum legst Du so großen Werth auf diese Einzelnheiten, Gloria?" ,

Weil sie mir Aufschluß geben über die geheim- nißvollen Gräuel, welche dieses Haus birgt, Gräuel, die, wie ich soeben durch Mrs. Brent erfahren, zu den wunderlichsten Gerüchten Veranlassung geben. Durch das, was ich soeben erfahren, theurer David, fällt mir ein gewaltiger Stein vom Herzen."

Wirklich, Gloria? Aber ich weiß noch immer nicht, wovon Du eigentlich sprichst."

Von einem grauenhaften Anblick, der Philipp« und mich hier vor Jahren mit tödtlichem Schrecken erfüllte. Philipp« bewog mich nämlich damals im tollen Jugendübermuth mit ihr hinabzugehen in die Keller dieses Hauses, wo, wie die Sage ging, alle bösen Geister von Gryphhnshold ihr Wefen treiben. Doch hatten wir Beide nur wenige Schritte in jenen Räumen zurückgelegt, als sich uns ein Hinderniß in den Weg stellte, das gleich dem An­blick der Medusa unseren Pulsschlag bald für immer gelähmt hätte." .

Und was konnte das gewesen sein?" fragte David erstaunt. _ , ,,

Gloria schauderte:Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich Jahre hindurch jenen Anblick nicht völlig vergessen konnte. Es sah aus wie eines jener Fabelthiere, wie ein Greif oder ein feuer­speiender Drache, mit einem Worte, es glich einem jener unnatürlichen Wesen, von denen man uns in Kinderjahren erzählt, daß sie einst auf der Erde gehaust haben sollen." . ... , ,

Nun" meinte David lächelndfür heute wollen wir uns die Ruhe um dieser Schrecken willen nicht rauben lassen, morgen Früh aber werde ich daran gehen, die Keller gründlich zu besichtigen."

Und ich werde Dich dahin begleiten, Theuerster, denn ich hätte keine Ruhe, Dich allein unter diesen Ungeheuerlichkeiten zu wissen."

Es dunkelte bereits und Mrs. Brent ließ sich, ihrem Vorsätze getreu, von ihrer Nichte Martha, einem starknervigen und hausbackenen Geschöpfe, nach der Pförtnerei begleiten.

Wie gewöhnlich würzten auch diesmal allerlei Schauergeschichten den einsamen Gang dahin. Gloria aber vergaß an der Seite ihres geliebten Gatten bald alle Schreckensmähren und verbrachte vor der hellprasselnden Flamme des Kaminseuers glückliche Stunden im trauten Gespräch.

59. Kapitel.

Kein Dunkel mehr.

Folgenden Morgens nach einem wohlbesetzten Frühstück, das die Oktobersonne aus's Freund­lichste beleuchtete, machten sich Gloria und David auf, jenen Gang zu besuchen, welcher auch noch dies letzte Dunkel, das über Gryphhnshold schwebte, zerstreuen sollte. Der zärtlich besorgte Gatte ver­suchte es noch, die Begleitung seiner Gattin bei diesem wenig einladenden Gange abzulehnen. Doch Moria hätte es um keine Welt über sich gebracht,

hatte, eilte herbei und fand seine Gattin todt und außer ihr noch fünf Frauenspersonen als Leichen. Die drei andern waren vom Blitzschläge getroffen und mehr oder weniger schwer verletzt worden, und zwar die eine am linken Arm, die zweite auf der rechten Körperseite und die dritte am linken Fuß. Bemerkenswerth ist, daß der Baum, unter welchem sich die Catastrophe ereignete, nicht im Geringsten beschädigt wurde.

L ü b b e n. Kürzlich ist von ärztlicher Seite, einem Briefträger hier ein Stück Blei aus dem Beine geschnitten worden, welches der Betreffende seit dem deutsch-französischen Kriege, also 13 Jahre, mit sich herumgetragen, ohne an der Ausübung seines Berufes gehindert zu werden.

Das zahme Wildschwein. Eine ergötz­liche Geschichte erzählt man sich in Leipzig von einer jovialen Kegelgesellschaft, deren Mitglieder darunter einzelne wohlbeleibte Herren jüngst das reizende Schwarzburg in Thüringen besuchten. In der Nähe des Wildparkes brach plötzlich eine starke Sau hervor und nahm ihren Weg direkt auf die fidele Kegelgesellschaft, deren Mitglieder entsetzt Kehrt machten, in der Befürchtung, mit dem gefährlichen Thiere in unangenehme Berühr­ung zu kommen. Als Helfer in der Noth erschien in diesem Augenblicke eine biedere Thüringerin, welche der Gesellschaft zu verstehen gab, daß die Wildsau daran gewöhnt sei, von den Touristen gefüttert zu werden und daher auf die Herren in Erwartung einiger Leckerbiffen losgestürzt sei. Tableau! Allgemeine Heiterkeit und das gegenseitige heilige Versprechen, von dem Abenteuer um Gottes willen in der Heimath nichts erzählen zu wollen.

In einem Gründerproceß umfang­reichster Art haben am letzten Montag vor der Strafkammer des Landgerichts Glogau die Ver­handlungen begonnen. Die Anklage richtet sich gegen die Kaufleute: 1) Commerzienrath Friedrich Adolf Gottlieb Sigismund Förster zu Berlin, 2) August Eduard Förster zu Grünberg, 3) Carl Friedrich Triepel zu Grünberg, 4) Emil Adolf v. Lepel zu Charlottenburg, als Gründer der FirmenNiederschlesischer Cassenverein, Friedrich Förster jun. u. Co.," gegründet 1868, undSchle- sische Tuchfabrik", Kommanditgesellschaften auf Actien zu Grünberg, gegründet 1870. Im Novem­ber 1873 stellten diese Firmen, die zu Ausgangs­punkten einer großen Zahl anderer Handelsunter- nehumugen geworden waren, ihre Zahlungen ein. Die dadurch herbeigeführten Verluste werden Sei­tens der Anklage auf nicht weniger als 20 Millionen Mark veranschlagt.

Ein Mann mit grasgrünem Haupthaar. be­findet sich gegenwärtig unter den Patienten einer Filialanstalt'des Rochusspitals in Pest; derselbe, ein junger Mann, seines Zeichens Kupferschmied, hat einen dichten Haarwuchs von grasgrüner Farbe und wird ob dieser seltenen Erscheinung von Aerzten und Laien vielfach bewundert. Das Naturspiel ist ein so überraschendes, daß der Beschauer im ersten Augenblick annehmen möchte, das Haar habe diese Farbe durch künstliche Bearbeitung angenom­men. Allein der Patient versichert, er sei mit solchem Haarwuchs zur Welt gekommen, und in der That hat die chemische Untersuchung einiger Haare ergeben, daß die grasgrünen Locken echte und unverfälschte seien. Dem Vernehmen nach soll das Tritonenhaupt Seitens eines gewandten Impresarios bereits zu einerKunstreise" engagirt worden sein.

(Der Gipfel der Reclame.) In Chicago lief letzthin ein anscheinend im Zustande äußerster Verzweiflung befindlicher Mensch über den sehr belebten Strand dem Michigansee zu und stürzte sich hinein. Alles strömte entsetzt zusammen; während aber einige Entschlossene sich amchickten den Selbstmörder zu retten, tauchte beileibe kunst­gerecht empor, streckte der erstaunten Menge ein auf Leinwand gedrucktes Placat entgegen, welches er an seinem Leibe verborgen hatte und schreit mit Stentorstimme:Patentsttefe l w i d) I e" nur echt Longstreet Nr. 5 bei Smith u. Comp.!

Der ökonomische Iohann.Wassoll denn das bedeuten, Johann", donnert es aus der Thür,bei dem abscheulichen Regenwetter, meine ältesten und ganz durchlöcherten Stiefel 1" Ja, ich dachte gnäd'ger Herr, die guten seien für das schlechte Wetter zu schade!"

David allein in die schaurige Tiefe hinabsteigen zu lassen, ungeachtet des heimlichen Grauens, das sie empfand, ähnliches zu sehen, wie sie es schon ein­mal geschaut.

Mit einer guten, festschließenden Laterne ausge­rüstet, die an der Vorderseite ein hellschimmerndes Ochsenauge" hatte, gingen sieden langen schmalen Gang entlang, der um's Haus herum in die Keller führte. Sie fanden die Thür noch vernagelt, wie es auf Gloria's Befehl an jenem denkwürdigen Tage geschehen, v Auf dieses Hinderniß nicht vor­bereitet, eilte David, der bei diesen Nachforschun­gen vorzog, ohne Zeugen zu bleiben, noch einmal zurück und holte die nöthigen Werkzeuge, um die verrammelte Thür zu öffnen, was ihm auch ohne große Anstrengung gelang. Ein durchdringender fauler, pestilenter Geruch drang aus der Tiefe mnd erschwerte im ersten Augenblick dem jungen Paare das Athmen ganz entsetzlich. David, welcher die hellleuchtende Laterne in der Hand hielt, führte mit der Linken Gloria, die sich noch überdies an seinen Kleidern festhielt, behutsam die schmale schlüpfrige, steilabwärtsgehende Treppe hinab, welche nach dem eigentlichen Kellergewölbe ging. Die Lampe leuchtete in dem stockfinsteren Raume gleich einem Stern am Mitternachtshimmel.

Kehre das Licht rechts" sagte Gloria, welche sich in diesem Augenblicke ganz gut der Richtung erinnerteund halten wir uns dicht an die Wand, so müssen wir zu dem zweiten Treppenabsatz gelangen, ,welcher uns hinab in die Höhle bringt, wo ich damals mit Philipp« ge­wesen."

David folgte [ben Weisungen seiner zitternden Gattin. Schweigend glitten die Beiden mehrere Minuten hindurch an den feuchten grünschimmern­den, schlüpfrigen Wänden vorbei, die das Licht der Laterne unheimlich beleuchtete. Gloria hatte sich nicht getäuscht, sie standen mit einem Male vor einer Reihe schmaler ausgebrochener unregelmäßiger Stufen.

Ueber diese müssen wir hinab" sagte sie mit leiser bebender Stimme. Er hielt ihre Hand fester und stützte sie, während er behutsam stufe um Stufe hinabschritt, die Leuchte möglichst tief ab­wärts haltend, damit Gloria ihren Weg sehen konnte. Endlich waren sie unten angelangt. So­bald sich ihre Augen einigermaßen an die vermehrte Dunkelheit des Raumes gewöhnt hatten, sahen sie, daß sie sich in einer Art Grotte befanden. Rings umher grinsten sie seltsam geformte Fels­stücke an, welche grüngelb und violett schimmernde feuchte Mose bedeckten. Der Boden aber war so schlüpfrig, daß sie nur mit größter Behutsamkeit vorauszuschreiten vermochten. Die Luft war wie vom Pesthauche durchweht.

Horch I" - - rief Gloria plötzlich und klammerte sich fester an David.

Was ist's?" fragte dieser lauschend.

(Schlnß folgt.)

Vermischtes.

Hart bestraftes Mitleid. Ein entsetz­liches Verbrechen, so berichten dieLeipziger Nach- richten" aus Leipzig, ist am Abend deS 12. Sep­tember in der elften Stunde am Rosenthalteich verübt worden. Ein von Cohlis kommendes Ehe­paar gewahrte beim Passiren der Rosenthalwiese, daß von einem Manne ein Kind in den Teich ge­worfen worden. Schnell entschlossen sprang der Mann, ein dortiger Kohlenhändler, hinzu, wurde aber von dem Urheber des Verbrechens mit einem Revolverschuß todt niedergestreckt. Der Thäter flüchtete sich sofort, doch ereilten ihn einige in­zwischen dazu gekommene Unteroffiziere, die seine Znhastnahme bewirkten. Wie wir hören, ist der Mörder ein Leipziger Kaufmann, Namens Walther, der das erwähnte, ihm unehelich geborene Kind, einen fünfjährigen Knaben, aus der Welt schaffen wollte, bei seiner Unthat aber durch die Hinzukunft des genannten Ehepaares gestört worden war^ Die Staatsanwaltschaft begab sich noch in später Stunde an den Ort des Verbrechens. Das Kind ist ge­rettet worden.

Gegen einen heftigen Gewitterregen, der an einem der jüngsten Abende über Kolin ausbrach, suchten mehrere auf dem Felde beschäftigte Frauen und Mädchen Schutz unter einem breiten, an der Straße stehenden Birnbaum. Gegen 6 Uhr schlug der Blitz in den Baum und neun Personen stürzten zu Boden. Der Arbeiter Nowotny, welcher sich vor dem Regen unter einen Wagen verkrochen