Nr. 89.
Areis
Dienstag den 28. August 1883.
DaS „Kreisblatt" erscheint wöchent» lich dreimal, Dienstag«, Donnerstag« und Sonnabend«. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark 40 Psg. pro Quartal.
für den
Kreis HersselÜ.
Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Gar« mondzeile oder deren Raum mit 10 Psg. berechnet und wird bei Wiederholung entsprechender Rabatt gewährt.
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Kreisblatt für den Kreis Hersfeld für den Monat September werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen. Neu hinzutretenden Abonnenten wird das Kreisblatt vom Tage der Bestellung an bis 1. Septbr. c. gratis uud franco zugesandt. Die Expedition.
Amtliches.
Kreis Hersfeld.
Hersfeld, den 25. August 1883.
Nachdem des Kaisers und Königs Majestät in dem Allerhöchsten Erlasse vom 21. Mai er. anzu- ordnen geruht haben, daß die Feier des vierhundert- jährigen Gedächtnißtages der Geburt Luther's in den evangelischen Schulen am 10. November d. J. stattfinden solle, hat Königliches Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegen- Heiten zu Berlin verfügt, den Kindern, welche in Stadt und Land die öffentliche Volksschule besuchen, eine dauernde Festgabe in die Hand zu geben und ist zu diesem Zwecke unter Andern das bei G. Richardt zu Leipzig erschienene „Lutherbüchlein" von Bernhard Rogge, Königlichem Hofprediger und Garnisonpfarrer zu Potsdam empfohlen wordm. Der Preis ist außerordentlich billig (40 Pfg. im Einzelverkauf, Partiepreis, von 100 Exemplaren an, 30 Pfg.) Außerdem wird die Anschaffung des im Verlage der Hofbuchhandlung von Meidin- ger in Berlin C. erschienenen Brustbildes von Dr. Martin Luther (nach Lucas Cranach gezeichnet von I. Heine) welches sich durch seine wohlgelungene Ausführung in Thoudruck zum Schmucke von Schulzimmern vorzüglich eignet, empfohlen. Die größere Ausgabe, in Lebensgröße, kostet 3 Mark eine kleinere Ausgabe 1,50 SJtarL
Indem ich den Ortsvorständen des hiesigen Kreises hiervon Nachricht gebe, weise ich dieselben zugleich an, mir, nach Anhörung der Gemeinde- Behörden, bis zum 6. September er. zu berichten, ob ihre Gemeinde bereit ist, einen Fonds zur Beschaffung fraglicher Schriftchen 2c. zur Disposition zu stellen.
10908. Der Königliche Landrath
Freiherr von B r o i ch.
Die Kuh des Johannes Breul dahier ist an der Maul- und Klauenseuche erkrankt, was hiermit z«r öffentlichen Kenntniß gebracht wird. Kalkobes, den 25. Angust 1883.
_ Der Bürgermeister: Heyer.
Die Kuh des Tagelöhners Konrad Deiß dahier, welche derselbe eingetauscht, ist an der Maul- und Klauenseuche erkrankt.
Landershausen, den 23. August 1883.
Der Bürgermeister: Reinhard.
# Die Einberufung des Reichstags.
Mittelst Allerhöchster Verordnung vom 21. Angust ist der Reichstag zum 29. d. M. einberufen worden. Zweck dieser in gegenwärtiger Zeit außergewöhnlichen Maßregel ist die Herbeiführung der zur Gültigkeit des spanisch-deutschen Handelsvertrags erforderlichen Genehmigung desselben durch den Reichstag.
Die Reichsregiernng war nach dem am 12. ^ult erfolgten Abschrüß des Vertrages keinen Augenblick herüber in Zweifel, daß die sofortige Einberufung des Reichstags zur baldigen Erledigung der Angelegenheit wünschenswerth sei. Wenn sie trotzdem davon Abstand nahm, so geschah dies in Anbetracht dessen, daß die Abgeordneten eben erst eine beispiellos lange und anstrengende Session hinter sich hatten und es daher mehr als fraglich
lwar, ob eine beschlußfähige Anzahl sich einfinden würde.
Mit dem durch diese Rücksicht veranlaßten längeren Aufschub des Inkrafttretens des Vertrages wären aber der deutschen Industrie die Vortheile desselben zu lange vorenthalten worden, und da sich aus diesen Kreisen die Stimmen für ein baldiges Jukraft- setzen des Vertrages mehrten, entschloß sich die Regierung nach einer Uebereinkunft mit Spanien zu dem Ausweg, die Tarifsätze vom 14. August ab so lange provisorisch in Kraft treten zu lassen, bis nach Lage der Verhältnisse die Genehmigung des Vertrages selbst durch den Reichstag herbeigeführt werden könnte. Bis dahin wurde zugleich die Ratificirung des Vertrages ausgesetzt.
Der gedachte Zeitpunkt ist nunmehr gekommen. Einer Einberufung des Reichstags stehen diejenigen Hinderungsgründe, welche das Zustandekommen eines verfassungsmäßigen Beschluffes zweifelhaft erscheinen lassen mußten, nicht mehr im Wege, da die Erholungszeit für die meisten Mitglieder des Reichstags ihren Abschluß gefunden hat und die Landwirthe unter den Abgeordneten gegenwärtig freiere Zeit haben, wo die meisten Feldfrüchte ein- geerndtet worden' sind. Es kann deshalb jetzt wohl mit Sicherheit darauf gerechnet werden, daß sich der Reichstag in beschlußfähiger Zahl einfinden wird.
An die Mitglieder desselben tritt nun die Pflicht heran, dem Rufe des Kaisers zu entsprechen und sich der Mühewaltung einer kurzen parlamentarischen Thätigkeit zu unterziehen, um dem allseitig begrüßten Handelsverträge die Genehmigung zu ertheilen und damit diejenigen Verkehrserleichterungen dauernd zu schaffen, welche von der deutschen Industrie auf das lebhafteste begehrt werden.
Die mit Rücksicht auf letzteren Umstand allgemeine und begründete Annahme, daß die Genehmigung des Vertrages zweifellos sei, birgt aber die Gefahr in sich, daß vielleicht Einzelne sich veranlaßt fühlen, der bevorstehenden außerordentlichen Session fernzubleiben. Von den Gegnern der Regierung ist kaum zu erwarte», daß sie sich die Gelegenheit nehmen lassen werden, der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten und aus Anlaß des Provisoriums Discussionen über staatsrechtliche Fragen anzuregen: sie werden gewiß vollzählich auf dem Platze sein. Um so mehr werden die der Regierung freundlich gesinnten Parteien die Verpflichtung in sich fühlen, durch zahlreiche Anwesenheit und sofortiges Erscheinen gleich in der ersten Sitzung den Gegnern die spitze zu bieten. Gerade von ihrer Seite ist der Regierung im Frühjahr, als die Kaiserliche Botschaft den Reichstag zu neuer anstrengender Thätigkeit aufforderte, die opferwilligste Unterstützung zu Theil geworden: ohne Zweifel werden sie die jetzige Gelegenheit, der Regierung zur ©eite zu stehen, für nicht minder wichtig erachten und dies durch zahlreiches Erscheinen bethätigen.
Politische Kachnchleit.
D-ntschlaud«
Die diesmalige Juspicirung bayerischer Truppen durch den Kronprinzen wird, wie bayerische Blätter melden, nur wenige Tage beanspruchen; sie wird sich nur auf die 1. uud 4. Infanterie- Brigade erstrecken. Die 4. Brigade wird vom 30 d. M. .bis 3. k. M. bei Jngolstadt und die 1. Brigade vom 1. bis 6. k. M. bei Traunstein ihre Uebungen abhalten.
EineReise des Für st e n B i s m a r ck nach Gastein im Anschluß an die Kissinger Kur soll neuerdings wieder in das Bereich der Möglichkeit gehören. ,
3)ieHandelskammer von Land esh u t conftamt, daß der hauptsächlichste Industriezweig ihres Bezirks, die L e i u e n i n d u st r i e, sich wahrend des laufenden Jahres in einem steten Aufschwung be
fand und daß sonach Spinner und Weber vollauf beschäftigt waren, so daß das Ergebniß der genannten Industrie im Ganzen ein zufriedenstellendes zu nennen ist. Die Spinnerei konntechrePro- duction schlank verkaufen, und da die Flachsernten allseitig reichliche Erträgnisse zu noch billigeren Preisen als seither lieferten, so war es dem Spinner möglich, bei sehr niedrigen Garnpreisen doch noch mit einigem Nutzen zu arbeiten, so daß neuer Muth diesen schwer darniederliegenden Industriezweig belebte. Auch die Weberei hat sich das ganze Jahr hindurch in einer günstigen Lage befunden, da die Arbeitskräfte mitunter nicht ausreichten und Lieferungs-Kalamitäten einträken, die man bisher nicht kannte, uud dürfte dies wohl der beste Beweis dafür sein, daß der Jnhibirung der zollfreien Einfuhr böhmischer Leinen dieser Aufschwung der schlesischen Weberei hauptsächlich mit zu verdanken ist.
Dem Bundesrath ist der, bekanntlich am 12. Juli d. I. unterzeichnete Handels- und Schifffahrtsvertrag mit Spanien zugegangen, zugleich mit dem Anträge, die unterm 9. d. M. pubüzirte provisorische Maßregel nachträglich zu genehmigen.
Gegen den Metzer Kreisthierarzt Antoine ist, wie die „Franks. Ztg." erfährt, die Anklage wegen Landesverraths erhoben worden, und zwar, wie das genannte Blatt erfahren hat, auf Grund einer längeren Unterredung des ersten Staatsanwalts am Landgericht Metz mit dem Staatssekretär von Hofmann.
Die^Hon der deutschen Regierung zur Beobachtung der Cholera und zur Erforschung von Verhütungsmaßregeln nach Egypten entsendete wissenschaftliche Kommission ist am 24. d. M. in j Alexandrien eingetroffen.
Frankreich.
In Frankreich haben die Berichte über die Reise des Kriegsministers Thibaudin an die Ostgrenze zur Jnspicirung des hier errichteten Vertheidigungssystems in den letzten Tagen den Hauptgegenstand des allgemeinen Interesses gebildet und — soweit man auf die Schreier hören darf — die Revanchelust entschieden befördert. Diese Berichte, welche die Pariser Blätter brachten, erzählen von dem ausgezeichneten Zustande und der Unein- nehmbarkeit der an der Maaßlinie errichteten Festungen, welche die Strecke „zwischen Toul und Verdun förmlich absperren". Nachdem dies con- statirt, beginnt in den Blättern eine Bewegung für die Verwirklichung des Gedankens, ein Armeecorps probeweise mobil zu machen, um zu sehen, wie lange Zeit zu einer Mobilmachung erforderlich sei und ob auch in dieser Beziehung das Heer wirklich Fortschritte gegen früher gemacht habe. Daß das betreffende Armeecorps zu den östlichen Departements gehören müsse, wird dabei als selbstverständlich vorausgesetzt. Man spricht sogar von der Absicht einer Vorlage, welche etwa 7 Millionen Francs zu diesem Zweck von der Volksvertretung fordern soll. Indeß scheinen doch Bedenken gegen eine so ungewöhnliche Kraftprobe hervorzutreten, die einmal darin bestehen, daß aus der Schnelligkeit der Mobilmachung eines Armeecorps sich noch keineswegs Schlüsse ziehen lassen auf die Zeit, welche die Mobilisirung des ganzen Heeres in Anspruch nehmen würde, und sodann darin, daß am Ende der Versuch doch nicht so glänzend aus- fallen könnte, als man hofft, und das würde gewiß nicht ohne eine bedenkliche moralische und politische Einwirkung bleiben. So wird wohl der Gedanke fallen gelassen werden, um so mehr, da der Ausfall der Generalrathswahlen der republikanischen Partei wieder Gelegenheit und Veranlassung gegeben hat, sich mit altbekannten Pro- jectcn auf dem Gebiete der inneren Politik sich zu beschäftigen. Die republikanische Partei ist Siegerin geblieben, ja verstärkt ans den Wahlen hervorge- gangen, und so kann sie jetzt die Frage der Verfassungsrevision und des Listenscrutinimus wieder mit
i verstärktem Nachdruck aufwerfen.