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Journal", daß ich den gestrigen Empfang nach­lesen kann."

„Hier, Tante, hier ist die Notiz, höre, John Servant ist gestern Abends in London eingetroffen und wird seine nächste Vorlesung Donnerstag, den 20. in Exeter Hall abhalten."

»Ja, ja, gut mein Kind, aber jetzt muß ich das „Court-Journal" lesen, klingle darum."

Gloria läutete und fuhr fort: „Der Gegenstand dieser Vorlesung wird ein Vortrag über die Kinder

des Elends und die für sie zu errichtenden Besser­ungsschulen sein. Das Eintrittsbillet zu einer i

Guinee. Ich habe um zwei Dutzend Karten ge­schickt, wovon ich zwei für uns behalte und die übrigen sofort an unsere Freunde ausschicke. — O, Tantchen, wie bin ich so froh, daß Du Dich gestern nicht erkältet hast und heute mit mir in die Vorlesung John Servant's gehen kannst.

53. Kapitel.

Der müde Wanderer.

In der Hinterstube einer Musikalienhandlung in der City zu London saßen zwei Männer vor einem mit grünem Tuche überzogenen Tische, auf welchem gedruckte und beschriebene Papiere Herumlagen und alles ^nm Schreiben Erforderliche vorhanden war. Diese beiden Männer waren John Servant und dessen Sekretär und Agent Mir. Jesse Barnes. In der Musika­lienhandlung aber wurden die Eintrittskarten zu der an diesem Tage stattfindenden Vorlesung verkauft

John Servant war ein großer schlanker, gut gewachsener Mann, mit cdelgeformtem Haupte und seinen Zügen, auf welchen beständig ein schmerz­licher Ausdruck lag. Seine Gesichtsfarbe war bleich, das Haar schwarz, leicht geringelt und länger als es Leute nach der Mode zu tragen pflegen, ein großer voller dunkler Bart umrahmte dieses ernste Gesicht und verlieh der ganzen Erscheinung etwas ungemein würdevolles und Vertrauen erweckendes. Die Augen waren groß, dunkel nnd verriethen Ge­fühl und Gedankentiefe, aber sie waren hinter blauen Brillen verborgen, denn John Servant, obgleich dem Ansehen nach kaum ein Mann in mittleren Jahren, hatte doch seine Augen im Dienste der Menschheit bereits übermäßig angestrengt. Seine Kleidung zeichnete sich durch auffallende, fast ängst­liche Nettigkeit, aber zugleich durch ungewöhnliche Einfachheit aus. Ein schlichter grauer Kammgarn­anzug, blendende Wäsche und eine silberne Uhr am schwarzen Bande stimmten recht wohl zu der ernsten, fast strengen Erscheinung John Servant's.

Mr. Jesse BarneS, dessen Sekretäragent, war ein ältlicher wohlgenährter kleiner Mann von intelli­genter und dabei ausgesprochen gutmüthige Physiognomie.

„Ich weiß nicht" — sagte Letzterer soeben — „ob Sie gut gethan, die Preise so hoch anzusetzen, eine Guinee ist sehr viel Geld."

„Gewiß" — entgegnete John Servant. — „Doch da mir bei der heutigen Vorlesung hauptsächlich daran gelegen ist, reiche Leute anzuziehen und diese in London nur dort Hinsehen, wo die Preise sehr theuer sind, glaube ich richtig gehandelt zu haben. Ansänglich hielt ich viele Vorlesungen gratis, später zu niedrigen Preisen, Beides war gefehlt. Dank dem Rufe, welcher mir voranging, sprach ich zwar stets vor gedrängt vollen Häusern, aber es waren meist die Armen, welche herbeigeströmt kamen. Jene, für welche ich vorlas, die Reichen hingegen schreckte das freie oder geringe Entree, mehr aber noch die überfüllten Räume und die gemischte Ge­sellschaft, der sie da unbedingt begegnen mußten, ab. Damit aber diente ich keineswegs der Sache, die ich verfolge.

„Das ist vollkommen richtig, aber wir haben, glaube ich, noch eine große Anzahl Karten abzn- setzen, und die Tageszeit ist schon ziemlich vorge­rückt. Wir hätten besser gethan, die Vorlesung erst in einigen Tagen abzuhalten. Gestern ankomuien, heute vorlesen, die Leute wissen ja kaum, daß Sie hier sind."

„Lieber Freund, Sie wissen doch, daß ich für morgen meine Gratisvorlesung über Arbeiter-Häus­lichkeit angezeigt habe."

Der Wohllaut von John Servant's Stimme mußte Jedem auffallen, der nicht wie Mr. Barnes daran gewöhnt war. — „Nun, vor ganz leeren Bänken hoffe ich doch nicht vorznlesen, schon meiner armen verlassenen Kinder willen nicht, denen die Einnahme gehört" — schloß derselbe sein Gespräch und fuhr fort an seinen Znsammenstellnngen zu arbeiten.

„Erlauben Sie, Freund, daß ich Ihnen einen wohlgemeinten Rath ertheile?"

„Gewiß."

„Sie sind der Jüngere von uns Beiden und ob­gleich der Klügere, in gewisser Beziehung doch gar zn leichtfertig. So ist es z. B. ihre Pflicht, einen Theil der Einnahmen zu behalten und bei Veite zu legen. Wie lange glauben Vie, daßVie dieses

anstrengende Leben noch mitmachen können? Ich beobachte Sie genau, Ihre Gesundheit ist keine glänzende, was wollen Sie alsdann anfangen? Sie haben kein Vermögen, weil Sie alles und jedes wohlthätigen Zwecken weihen und das Ende Dom Liede wird sein, daß Sie, der Apostel der Armen, der Sammler von Tausenden und aber Tausenden für die Armen, im Armenhause Auf­nahme suchen werden. Ist das Recht, ist das nicht leichtfertig und strafbar?"

Ein mildfreundliches Lächeln umspielte den Mund , John Servant's, als er diesen Mahnrufen seines Mentors lauschte; es war ein glückliches befriedigtes Lächeln, das sein Gesicht verklärte und ihn ganz jung erscheinen ließ.

„Meine Ansprüche an's Leben" — bedeutete er dem besorgten Freunde — sind sehr geringe, reine Wäsche, ganze Kleider, nahrhafte einfache Kost und ein ordentliches Lager — das ist Alles, was ich Dom Leben beanspruche, das aber dürfte mir, der ich einige Kenntnisse besitze und gerne arbeite, nie fehlen."

„Sie sprechen als ob Sie zwanzig Jahre alt wären. Wer wie Sie in den Vierzigern steht, muß auch für Regentage Vorsorge treffen."

Das Lächeln um John Servant's Lippen wurde bei den letzten Worten seines Agenten fast schalk­haft. — „Wer sagt Ihnen denn Barnes" — sprach er — daß ich vierzig Jahre alt sei, indeß ich kommenden Sommer erst meinen achtundzwanzigsten Geburtstag feiere."

„Was 1" — rief Mr. Barnes — „wäre es mög­lich? — Nun ja, Ihr Amerikaner altert schnell, seid zu jung erwachsen, arbeitet zu viel, denkt zu viel, lebt zu rasch und habt kein Talent zum Alt­werden — sagte Mr. Barnes herzlich über seinen eigenen Ausspruch lachend. — „Achtundzwanzig! Nein, das hätte ich nicht gesagt — nun Grund mehr zu sparen, in diesen Jahren gründet man sich eine Familie, und hat au die Erziehung der eigenen Kinder zu denken."

„Nun, das Alles ist bei mir nicht der Fall" — entgegnete John Servant seufzend. — Ich werde mich niemals verheirathen. Diese Mission, welche ich mir als Ziel gesetzt, ist mir Ersatz für Frau und Kind. Ich werde allein leben und allein sterben." (F. f.)

Vermischtes.

— Die Kosten des Erfurter Luther­festes, die etwa 10,000 Mk. betragen, sollen durch eine Einnahme von gegen 18,000 Mk. mehr als gedeckt sein und der Ueberschuß dem Fonds für das Erfurter Lutherdenkmal überwiesen werden

— (In der Paletottasche gefangen.) In pro­bater, aber drastischer Weise hat letzthin in Berlin ein Ehemann seine bessere Hälfte von einer häß­lichen Unsitte geheilt. In einem Hause der Flott- Wellstraße wohnt ein junger, erst seit einem Jahre verheiratheter, durchaus nicht unsolider, aber lebens­lustiger Mechaniker. Dieser machte seit einiger Zeit die fatale Entdeckung, daß sein junges Frau­chen allmorgendlich beim Kaffeekochen die Taschen seiner Garderobe und seine Geldbörse einer gründ­lichen Visitation unterwarf und so in Betreff der im Grunde nnschnldigen Angelegenheiten ihres Ge­mahls über den Inhalt der letzteren immer auf dem Laufenden war. Als trotz eindringlicher Er­mahnungen sich die Manie so weit steigerte, daß der Mechaniker später ein Manko in seinem Geld- bestand vorfand, ersann er ein Mittel, welches, wie wir verrathen dürfen, ganz vorzüglich gewirkt hat. Er construirte eine den Fuchsfallen ähnliche kleine „Menschenfalle" und prakticirte diese eines Abends vor dem Schlafengehen geschickt in eine seiner Paletottaschen hinein. Er schlief Morgens noch den Schlaf des Gerechten, als er durch ein herzhaftes Hülfegeschrei erweckt wurde. Schlaf­trunken rieb er sich die Augen und sah, wie seine Frau in der Tasche des an der Thür hängenden Paletots in der Falle saß und in beweglichen Worten um ihre Befreiung petitionirte. In schein­heiliger Weise erläuterte ihr erst der Gatte, daß er von diesen Fallen gerade einige Dntzend anzu- fertigen und diese Probe wohl gestern Abend „aus Versehen" offen in die Tasche gesteckt habe. Mit sauersüßer Miene nahm das bestrafte Frauchen die Entschuldigung des Gatten entgegen.

— Ein schrecklicher Stier kampf. Dem „Bromb. Tgbl." geht folgender Bericht über einen grauenhaftes Unglückssall zu, der sich am 18. d. Mts. in Smirdowo ereignet hat. Einer der während der Manöverübnngen dort einquartirten rothen Hnsaren hatte sich mit seinen Quartiergeberll auf das Feld begeben, um das noch^ stehende Ge­treide zu besichtigen. Als sich die Spaziergänger einer auf dem Felde weilenden Rindviehheerde näherten, wurde ein junger Bulle durch die rothe Uniform des Husaren derartig gereizt, daß er auf den Träger derselben mit gesenkten Hörnern los-

। ging. Durch den Zuruf seiner Begleiter rechtzei­tig gewarnt, hatte der Soldat so viel Geistesgegen­wart, bei dem Anlauf des wüthenden Thieres zur Seite zu springen und dasselbe bei den Hörnern zu fassen. Sei es nun, daß er, von dem Stier fort­gerissen, sich nicht anders retten zu können glaubte, sei es, daß er, der Gefahr spottend, jugendlichem Uebermuthe nachgab, der Unglückliche sprang plötz­lich mit einem gewandten Satze auf den Rücken des Stieres, der nun, durch die ungewohnte Last erst recht gereizt, mit seiner Bürde dem naheliegenden See zuraste. Unaufhaltsam vorwärts stürmend, stürzte er sich mit seinem jetzt unfreiwilligen Reiter in das Wasser und verschwand auf einige Augen­blicke in dem moorigen Wasser. Bald aber war er wieder an die Oberfläche gelangt. In dem von Wasserpflanzen freien Theile des Sees schwang sich der immer noch auf dem Rücken des Stiers reitende Husar auf seine Füße und sprang sodann mit einem kühnen Satze seitwärts ins Wasser. Diesen Moment schien der wüthende Stier nur ab­gewartet zu haben, denn nun änderte er seinen Curs und griff sein Opfer, es anschwimmend, von bleuem mit den Hörnern an. Kurz war der un­gleiche Kampf. Denn als der Arme einen Stoß an den Kopf erhalten, der sein Blut herabströmen ließ, erlahmte seine Kraft, und zu dem Kampfe mit dem Stier kam noch der mit den Wellen. Wenige Minuten später war er versunken, wenige Stunden später hatten ihn suchende Fischer als Leiche gefunden. An der rechten Kopfseite trug er eine klaffende Wunde, welche das Gehirn zu Tage treten ließ. Der Stier erreichte schwimmend das Ufer, von wo er kurze Zeit darauf zu seiner Heerde zurückkehrte.

— In Ruhla spielten mehrere Knaben „Vogel­schießen", wobei sie eine Armbrust benutzten, die sie mit spitzen Bleikugeln luden. Eine solche Kugel sprang von einem Stein ab und durchbohrte das Auge eines Knaben. Das Auge ist völlig verlöre», ja es ist Gefahr für das Leben des Kindes vor­handen, da das Gehirn gelitten haben soll.

— Von einer denkwürdigen Versammlung, die am 12. d. in Appenzell stattfand, berichtet die „Appenzeller Ztg.": Der Cassirer der sogenannten „Riedgemeinde", Schad heißt er, hatte 1000 fr. unterschlagen. Er war persönlich vorder Gemeinde erschienen und flehte die Bürger an, doch sein Weib und seine Kinder zu schonen. Gleiche Mei­nungen flossen aus der Mitte der Versammlung, obschon Schad einen nichts weniger als soliden Lebenswandel geführt hat. Endlich kam es zur Entscheidung; es fragte sich, ob man jährlich Ab- ! Zahlungen von 100 fr. oder aber, nach Schad's Begehr, blos solche von 50 fr. verlangen sollte. Es ergriff einer aus^der Mitte das Wort und verlangte, daß dem Schad die ganze Summe ge­schenkt werde. Endgültig wurde dieser Antrag angenommen, doch hat die Minderheit bereits Be- - schwerde eingelegt.

— Neu Wedel l. (Ungebetene Gäste.) Als der Hirt des Abends seine Kühe in die Stadt zu- rücktrieb, verirrten sich zwei derselben m ein Nach­barhaus und gelangten statt in den Stall in die Wohnstube. Hier actaquirten sie zunächst in einem großen Spiegel ihre Spiegelbilder, die klirrend zer­stoben; hierdurch wüthend gemacht, zerwühlten sie dasSopha und sprangen schließlich zum Gaudium der draußen stehenden Menge durch das Fenster, das Fensterkreuz mit sich nehmend, auf die Straße.

— Ein Schafzüchter in Revada hat sich ein Haus auf Rädern erbaut; dasselbe enthält einen Empsangsalon, ein Speisezimmer, ein Schlaf­zimmer und eine Küche. So oft er die Weide­plätze wechselt, fährt er in seinem Hause hinter der Heerde her. So schreibt der „Clevelander An­zeiger."

— Eine schreckliche E i s enb a h n- Ka t a st rop h e ereignete sich, wie russische Blätter melden, in der nächsten Nähe der südrussischen Gouvernementsstadt Charkow. Daselbst laufen nämlich die Azower und die Charkow-Nikolajewer Bahn eine Strecke lang parallel nebeneinander. Als dieser Tage wie ge­wöhnlich die zwei Züge dieser Bahnen nach Tagan- rog und nach Charkow gegeueinanderfuhren, glaubte eine Dame in einem der Züge, daß beide auf einem und demselben Geleise gegeneinanderfahren, und begann daher fürchterlich zu schreien: „Ein Zug kommt entgegen! Zusammenstoß! Wir sind ver­loren! . . ." Die übrigen Passagiere des Zuges waren durch diese Rufe derart erschreckt, daß sie sofort aus den Coup6s durch die Fenster und Thüren hinauszuspringen begannen. In demselben Mo­mente brauste der zweite Zug heran und über die flüchtenden Passagiere des anderen Züges hinweg. Nicht weniger als 20 Personen blieben, gerädert und schrecklich verstümmelt, auf dem Platze liegen. Die Passagiere, welche auf der andern Seite ab» gesprungen waren, erlitten schwere körperliche Ver­letzungen.