Einzelbild herunterladen
 

Nr. 86.

KreisWblaü

Dienstag den 21. August 1883.

DasKreisblatt" erscheint wöchent» lich dreimal, Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark 40 Pfg. pro Quartal.

Kreis hersseld.

Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Gar« mondzeile oder deren Raum mit 10 Pfg. berechnet und wird bei Wiederho­lung entsprechender Rabatt gewährt.

ctmlsictjes.

Kreis Hersseld.

Präsidium des Staatsministeriums.

Berlin, den 14. August 1883.

Nach dem in Abschrift beikommenden Erlaß Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen vorn 10. d. M. haben Höchstdieselben mit Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit der Frau Kronprinzessin Sich an die Spitze einer Sammlung für die Verunglückten auf Jschia ge­stellt. In Ausführung der Höchsten Intentionen fordert in dem abschriftlich beiliegenden Aufrufe vom 13. d. Mts. das hierorts ins Leben getretene Central-Comit^ zu Sammlungen und zur Bildung von Lokalcomitss in der darin näher bezeichneten Art auf.

Ew. Excellenz ersuche ich ergebenst, den Inhalt dieser Schriftstücke ungesäumt zur Kenntniß der Ihnen Nachgeordneten Herren Regierungs-Präsi- denten, resp. Landdrosten, sowie der Landräthe 2c. zu bringen und deren sachkundige Mitwirkung für die Erreichung des guten Zweckes in Anspruch zu nehmen.

Es bedarf nicht der Bemerkung, daß es nicht in der Absicht liegt, die Behörden zu einem amt­lichen Eingreifen anzuregen, sondern nur ihnen zu erkennen zu geben, daß sie der im Publikum sich regenden Bewegung entgegen kommen und den Umständen entsprechend, überall freundliche Förde­rung zu Theil »erbest lassen mögen.

Für den Präsidenten des Staatsministeriums, gez. Maybach.

An den Königlichen Ober-Präsidenten, Herrn Staatsminister Grafen zuEulenburg Excellenz zu Cassel. St. M. Nr. 1588.

Das Unglück, durch welches Jschia heimgesucht und ganz Italien in tiefe Trauer versetzt worden ist, hat in Deutschland den schmerzlichsten Ein­druck gemacht. Es ist Meiner Gemahlin und Mir daher ein Bedürfniß, diesem Gefühle Aus-1 druck zu verleihen, und hegen Wir den innigen Wunsch, daß dies in einer Unserer Betrübniß würdigen Weise geschehe. Deshalb möchten Wir, von Tausenden umringt, im Geiste an die Trauer­stätte treten, aber nicht nur um die Todten zu beklagen, sondern um zu helfen, das überlebende Leid zu lindern. Wir sind gewiß, daß das deutsche Volk dem befreundeten Nachbar im Unglück wird zur Seite stehen wollen und daß es bereits nach Wegen dahin sucht. Darum bitten Wir Sie hiermit, bekannt zu machen, daß die Kronprinzessin und Ich Uns an die Spitze einer Sammlung für die Verunglückten von Jschia gestellt haben.

Berlin, den 10. August 1883.

gez. Friedrich Wilhelm, Kronprinz. An den Reichskanzler Fürsten von Bismarck.

Aufruf.

Der Aufruf Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen vom 10. d. Mts. ver­einigt der Deutschen Herzen und Hände zur Linderung der Noth im befreundeten Lande, zur Hülfe für die so schwer heimgesuchte Insel Jschia.

Es gilt rasch Gaben zu sammeln und umsichtig zu verwenden.

Wir folgen Höchster Aufforderung Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten des Kron­prinzen und der Frau Kronprinzessin, indem wir zu einem Central-Comite zusammentreten, um selbst zu sammeln und Sammlungen in allen Gauen des Vaterlandes anzuregen.

Im Vertrauen auf bewährte Opferfreudigkeit bitten wir unsere Landslcute, dem Höchsten Aus­rufe in der Weise Folge zu geben, daß überall sofort Lokal-Comites zur schleunigen Veranstal­tung von Geldsammlungen gebildet werden.

Sämmtliche Reichs-Postanstalteu und Reichs­

bankstellen sind ermächtigt, bis Ende dieses Mo­nats von Comites tote von Einzelnen Beiträge anzunehmen und an die Reichs-Hauptbank als Haupt-Sammelstelle abzuführen.

An die verehrlichen Zeitungs-Redaktionen dürfen wir die Bitte richten, unserem Ausrufe möglichste Verbreitung zu geben, indem wir uns gern bereit erklären, auch die bei ihnen eingehenden Beiträge ihrer Bestimmung zuzuführen.

Jede Gabe wird willkommen sein und über die Verwendung der Sammlung gemäß der Bestim­mung unseres Durchlauchtigsten Vorsitzenden öffentliche Mittheilung erfolgen.

*) Berlin, den 13. August 1883.

Das Central-Comite

zur Sammlung von Gaben für Jschia.

gez. von Dechend, Reichs-Bank-Präsident, Dr. du Bois-Reymond, Geheimer Medicinal-Rath und Professor. Dr. von Forckenbeck, Ober-Bürger- meister. Graf von Hatzfeldt, Staatsminister. Graf von Lerchenfeld, Königlich Bayerischer Ge­sandter. Maybach, Minister der öffentlichen Ar­beiten. Mendelssohn, Geheimer Kommerzienrath. Graf von Seckendorff, Kammerherr, von Sommer­feld, Oberst-Lieutenant. Dr. Stephan, Staats­sekretair des Reichs-Postanits.

*) Postadresse: An das Centra!«Comitv zur Sammlung von Gaben für JSchia in Berlin.

Cassel, den 15. August 1883.

Vorstehenden Erlaß nebst Anlagen lasse ich Ew. Hochwohlgeboreu zur gefälligen Kenntniß- nahme und mit dem Ersuchen um möglichste För­derung der Angelegenheit ergebenst zugehen.

Der Ober-Präsident.

In Vertretung: v. Brauchitsch.

An die sämmtlichen Königlichen Landräthe 2c. 4438.

Hersseld, den 20. August 1883.

Indem ich Vorstehendes hiermit im hiesigen j Kreise zur allgemeinen Kenntniß bringe, mache: ich zugleich darauf aufmerksam, daß der Vorstands des Vaterländischen Frauen-Zweigvereins dahier sich bereit erklärt hat, Gaben an Geld für die Unglücklichen auf Jschia in Empfang zu nehmen und daß es sich daher empsehlen wird, die durch Vermittlung der Herren Ortsvorstände in den Landgemeinden des Kreises gesammelten Gaben direct an den besagten Vorstand, welcher darüber öffentliche Quittung ausstellen wird, gelangen zu lassen.

10687. Der Königliche Landrath

_ Freiherr von Broich.

B i 11 c

an die Bewohner des Kreises Hersseld.

Die vom Königlichen Ober-Präsidium der Pro­vinz Hessen-Nassau unterm 22. December 1882 für das Jahr 1883 genehmigte Haus-Collecte für die Epileptischen in der AnstaltBethel" bei Bielefeld, in welcher jetzt Kranke aller Coiifessionen größten- theils unentgeltlich Pflege und Heilung genießen, betreffend. Ich wende mich daher mit der herzlichen Bitte an wohlwollende Menschenfreunde au diesem Werke barmherziger Liebe sich durch eine milde Spende behelligen zu wollen.

Achtungsvoll

A. Ludwig, Collectant.

# Die Lutherfeier.

Deutschland und die gesammte evangelische Welt feiert in diesem Jahre den vierhundertjährigen Ge- dächtnißtag der Geburt Martin Luthers. Die Feier wird au dem Tage des 10. November in Kirche, Schule und Haus eine allgemeine sein. Doch vorher wollen einige Städte, welche in dem Leben und Wirken Luthers eine hervorragende Rolle spielen, besondere Festlichkeiten veranstalten. In Erfurt, wo Luther an der Universität lernte und 1

lehrte, hat sich bereits am 8. und 9. August ein großer Theil der academischen Jugend Deutschlands zur Feier seines Gedächtniffes vereinigt und von dort aus begaben sich die Festtheilnehmer noch der Wartburg bei Eisenach, um hier an der Stätte, wo Luther für das deutsche Volk die Bibel ÄW<. setzte, sich von Neuem zu seinem Werke und zu seinem - Geiste zu bekennen. Im nächsten Monat wird Wittenberg, die eigentliche Wiege der Reformation, eine würdige Feier veranstalten, und ebenso rüstet 1 sich Eisleben, der Geburts- und Sterbeort des großen Reformators, zu einer größeren Festlichkeit.

Für die Feier in den Schulen und Kirchen Preußens am 10. November hat der König in einem Erlaß bestimmt, in welchem Sinne sie be­gangen werden soll:daß es sich nicht um den Lobpreis eines Menschen, sondern um den Lobpreis Gottes für die in der Reformation dem deutschen Volke zu Theil gewordene göttliche Gnade handelt."

Der erhabene Schirmherr der^evangelischen Kirche hat hiermit dem allgemeinen Feste einen vorzugs­weise religiösen Character gegeben, und dieser Cha- racter wird auch für die Sonderfeste, so glänzend auch ihre äußeren Veranstaltungen sein werden, der leitende Gesichtspunkt sein müssen. Auch auf dem Erfurt-Eisenacher Feste kam die religiöse Bedeu­tung des Jubelfestes zur Geltung.

Die Fragen der Religion sind aber in unserem Zeitalter, wo ein lebhafter Kampf zwischen den einzelnen Richtungen der evangelischen Kirche und zugleich zwischen dem Staate und der katholischen Kircke geführt wird, schwer zu trennen von den Sirmigtzsten der religiösen und kircheupalitischen, ja selbst der politischen Parteien. Auch das Erfurt Eisenacher Fest, so erhebend dasselbe an sich ge­wesen ist, hat dies bewiesen. Die Parteien, die dort das Wort führten, haben nicht den Beifall anderer kirchlicher Richtungen gefunden, und ebenso haben katholische Preßorgane gegen die dortigen Kundgebungen evangelischen Sinnes, als ob sie der katholischen Kirche zu nahe gingen, protestirt.

Das GedSchtnißfest für den Reformator Luther soll der Stärkung des evangelischen Bewußtseins förderlich sein und die Gegenwart mit dem evan­gelischen Geist erfüllen, welcher in dem großen Reformator lebendig war; die Jubelfeier soll die Glieder der evangelischen Kirche wieder zu einer Gemeinde fester zusammenschließen und sie mit dem Geiste innerer Frömmigkeit und mit der Glaubens- fefiigkeit beseelen, welche den Reformator stark ge­macht haben zum Kampfe gegen die damaligen Auswüchse der katholischen Kirche.

Das Andenken an Luther bringt es daher mit sich, daß der Gegensatz zur katholischen Kirche wieder mehr zum Bewußtsein aller Evangelischen kommt, aber zu Unfrieden und Feindschaft sacht es nicht an. Hierzu soll es nicht mißbraucht werden, hierzu darf es aber auch nicht ausgebeutet werden von Angehörigen der anderen Confession, welche der evangelischen Kirche und ihren Lekennern die Freiheit' ihres Bekenntnisses und die Freude an der evangelischen That verkümmern wollen.

Ebensowenig aber soll die Lutherfeier zu Kämpfen innerhalb der evangelischen Kirche selbst aufrufen. Diese Kämpfe werden nie aufhören, sollten aber an dem Tage ruhen, wo alle Parteien innerhalb der evangelischen Kirche sich zu der That der Re­formation bekennen und das Gedächtniß Luthers feiern wollen.

Die Streitigkeiten, die nur störend und verstim­mend wirken können, werden sich vermeiden lassen, toemi die Feste in beut Sinne des Königlichen Er­lasses gefeiert werden, als ein Anlaß, Gott zu danken für die dem deutschen Volke in der Refor. mation zu Theil gewordenen Gnade. Dem Volke wird aus solcher Feier gewiß der Segen erwachsen, den das Andenken des großen Reformators auf alle diejenigen ausübt, die es auf ihr Inneres ein­wirken lassen: es stärkt den Glauben und fördert die wahre Frömmigkeit im Denken und Handeln.