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Städten Englands alle Polizeimänner und viele andere als Nothhelfer ausgebildet sind, kommt es nicht mehr vor, daß Menschen, welche auf den Straßen einen Beinbruch erlitten, rücksichtslos in Droschken gepackt und nach dein nächsten Hospital gefahren werden, wie es früher so oft geschah. Hier kamen sie dann mit blutenden Wunden an, weil die scharfen Spitzen der gebrochenen Knochen auf der Fahrt die Haut durchbohrt hatten.

Jetzt befinden sich auf jeder Polizeistation Trag­bahren oder Furley'sche Räderbahnen. Jeder Polizeimann versteht es einen guten Nothverband auzulegen, und der Verunglückte gelangt ohne Schmerzen und ohne Verschümmcrnug seiner Ver­letzung ins Hospital, eine Thatsache, über welche die berühmtesten englischen Chirurgen wiederholt ihre große Befriedigung ausgesprochen haben.

Vor allem wichtig nnd nützlich aber ist die zweckmäßige erste Hilfe bei Verwundungen aller Art und namentlich bei den dabei vorkommenden Blutungen.

Nicht die Wundbehandlung wird in den Sa­mariter-Schulen gelehrt, wie ein College auf der letzten Naturforscher-Versammlung in Eisenach misbilligend geäußert hat. Es wird nur gelehrt, daß man keine Schädlichkeit 511 der Verwundung hinzufügen soll, daß man keine unreinen Sub­stanzen, keinen Schmutz in eine Wunde bringen darf, nnd um dies dem Laien recht eindringlich aus Herz zu legen, habe ich in meinen Verträgen geschildert, mit welcher außerordentlichen Vor­sicht und subtilsten Reinlichkeit wir Chirurgen bei unseren Operationen und beim Verbinden jeder Wunde zu Werke gehen. Ich wollte dadurch den Samariter in den Stand setzen, Einsprache zu erheben, wenn unkundige Laien bei Verletzungen schmutziges Wasser, unreine Schwämme, unreine Leinewand oder Charpie mit der Wunde in Be­rührung bringen wollen. Wie oft liest man nicht in den Zeitungen, daß dieser oder jener sich eine Schnitt- oder Rißwunde zugezogen und nachdem er dieselbe mit unreinem Wasser gewaschen, an „Blutvergiftung" gestorben sei.

Wenn trotz der modernen antiseptischen Wund­behandlung in unseren Hospitälern noch hin nnd wieder Verwundete oder Operirte an „Blutver­giftung" zu Grunde gehen, so sind das fast immer wiche welche mit schon verunreinigter Wunde ins Hospital ausgenommen wurden, und diese Fälle immer seltener zu machen, bezweckt gerade der Unterricht in den Sgmariter-S/hulen.

Der wichtigste Grundsatz des Arztes, welcher lautet: Nur nicht schaden! wird auch dem Sa­mariter gepredigt.

Aus diesem Grunde enthalten die Samariter- kisten chirurgisch reine (antiseptische) Verband­stoffe; aus diesem Grunde wird es anch gewünscht, daß im Kriege jeder Soldat ein chirurgisch reines Verbandzeug bei sich trage. Vom Katheder herab hat man auch dagegen protestirt, „weil der Sol­dat doch nicht wissen könne, worauf es bei dem Verbände ankomme."

Aber auch wenn der Verwundete niemals etwas von der antiseptischen Verbandmethode Lister's gehört hat, ist es für seine Wunde doch sicher nicht gleichgiltig, ob dieselbe gleich anfangs mit einem reinen Verbandstoff oder mit schmutziger Charpie verbunden wird.

Seitdem man angefangen hat, die frischen Schußwunden nicht mehr mit schmutzigen Fingern zu untersuchen und sie gleich auf dem Schlacht- selde mit reinen Stoffen zu verbinden, sind die Resultate der Behandlung unendlich viel bessere geworden.

Den allerentschiedensten Nutzen aber kann rasche Hilfe, auch von Laienhand, bringen bei den Ver­letzungen der großen Adern, die sonst in kürzester Zeit den Tod durch Verblutung herbeizufuhren pflegen. c , ..

Wie solche Verletzungen erkannt und wie die Blutungen gestillt werden können, das hat man von jeher auch schon den Krankenwärtern und Krankenträgern zu lehren gesucht, weil alles darauf aukommt, den Blutstrom zu hemmen, bw der Arzt zur Stelle ist. Aber selten war in früheren Zeiten eine solche Hilfe von großem Nutzen, weil es in der That für den Laien schwer genug war, durch den Druck der Finger oder der Aderpresse den Blutstrom in den großen Adern zu beherrschen.

Nachdem man aber gelernt hat, durch Um- schnürung mit einem elastischen Gurt auch ohne genauere anatomische Kenntnis von der Lage der Pulsadern jede Blutung aus verletzten Gliedern sofort zu stillen, und seitdem einem von jedermann getragenen Kleidungsstücke eine solche Construction gegeben wurde, daß es zu biefem Zwecke verwen­det werden kann, ist auch der Laie weit leichter im Stande, wirksame Hilfe bei Verblutungen zu

leisten. Eine Menge von Fällen sind schon zu unserer Kunde gelangt, in denen durch Anwendung des Tourniguet-Hosenträgers Menschenleben ge­rettet wurden, und gewiß werden solche Fälle in Zukunft noch viel häufiger vorkommen, wenn das Samariter-Tragband erst eine weitere Verbreitung gefunden haben wird.

Daß die elastische Umschnürung nicht allzu lange dauern dürfe, weil sonst das Glied absterben könnte, und daß deshalb nach Anlegung des Gurtes sofort ärztliche Hilfe gesucht werden müsse, wird in der Samariter-Schule ganz besonders eindring­lich gelehrt.

Ich muß deshalb auf das entschiedenste prote- stiren gegen die Darstellung eines Ereignisses, welches man öffentlich gegen die Samariter- Schulen ins Feld zu führen versucht hat, obwohl es gerade für den Nutzen derselben laut genug spricht.

In Nr. 38 des vorigen Jahrganges der vor­trefflichen Wochenschrift „Nordwest" schreibt ein Gegner der Samariter-Schulen: „Es hat denn auch keineswegs an bereits angerichteten Schäden gefehlt. So ist mir glaubwürdig mitgetheilt worden, daß in Kiel selbst aus dem pathologisch­anatomischen Institut ein Finger in Spiritus gezeigt wird unter dem Namen „der Samariter- Finger", welchen Esmarch hat amputiren müssen, weil er brandig geworden war, nachdem ein Sa­mariter denselben wegen einer unbedeutend bluten­den Wunde mittels eines elastischen Gummibandes zweimal 24 Stunden lang abgeschnürt hatte."

Diese Mittheilung, welche auf der Naturforscher- Versammlung in Eisenach viel Aufsehen gemacht hat, ist von Anfang bis zu Ende unrichtig! Der Samariter-Finger, welcher sich auf dem patho­logischen Institut in Kiel befindet, ist weder durch Schuld eines Samariters brandig, noch von mir amputirt worden. Thatsache ist nur, daß bald nachdem ich meine Samariter-Vorträge in Kiel gehalten, eine Frau, welche niemals etwas von diesen Vorträgen gehört, sich in den Finger ge­schnitten, einen Faden fest um denselben geschnürt und ihn so lange hatte liegen lassen, bis der Finger brandig abgestorben war. Als einer meiner Kollegen ihr dann den Finger amputirte, hat er gegen die Frau die Bemerkung gemacht: „Wenn Sie die Samariter-Schule besucht hätten, so wür­den Sie mich sicher früher gerufen haben." Ich führe dies nur an, um zu zeigen, mit welchen Waffen man gegen uns zu sümpfen sucht.

. Tue Gegner haben endlich die sonderbare Be­hauptung ausgestellt, daß kein Laie bei plötzlichen Unglückssällen Hand anlegen dürfe, „weil nur ein vollkommen ausgebildeter Arzt wissen könne, in welcher Weise bie von ihm geleistete Hilfe auf den menschlichen Organismus einwirke."

Unsere Gegner verlangen also, daß nach wie vor, bei solchen Unglückssällen der Laie mit den Händen in der Tasche ruhig zusehen und warten solle, bis der Arzt kommt. Sie werden es zwar nicht erreichen, daß eine Mutter, deren Kind sich an der zerbrochenen Glasscheibe die Pulsader zerschnitten hat, ruhig zusehen wird, wie ihr Kind sich verblutet. Aber wenn man die Laien nicht aufzuklären sucht, weil „Halbwisserei immer ge­fährlich" sein soll, so wird man auch nicht ver­hindern, daß die Mutter in der Angst ihres Herzens Spinngewebe ober anderen Schmutz in die Wunde stopft und dieselbe damit vergiftet.

Solche Gegner hätten vielleicht auch den „barm­herzigen Samariter" der Pfuscherei angeklagt, weil er nicht zu Jerusalem examinirt und pro- mobirt gewesen, und hätten dem Priester und dem Leviten, die herzlos vorbeizogen, ohne dem armen Verwundeten zu helfen, das gebührende Lob ertheilt. Ich aber habe das schöne Gleichnis vom barmherzigen Samariter in anderem Sinne aufgefaßt, und deshalb diesen Namen für unsere Bestrebungen gewählt.

Der Hauptgrund aber der Opposition gegen die Samariter-Schulen ist die Furcht vor der Cur- pfuscherei.

Nun ist es ja wohl möglich, daß hier und da einmal cii£ Quacksalber oder Curpsuscher den Namen: „Samariter" misbrauchen wird, um die unwissende Menge 311 täuschen; aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß durch nichts so sehr dem Pfuscherthum Abbruch gethan wird als durch btc Verbreitung von solchen Kenntnissen, wie sie in den Samariter-Schulen gelehrt werden.

Die Curpfuscherei findet ihre Hauptstütze in dem Aberglauben und der Aberglaube. wird Wiederum groß gezogen durch die trostlose Un­wissenheit in Betreff des eigenen Körpers, welche im Laienpublicum noch so vielfach gefunden wird. Unwissenheit und Aberglaube erschweren überall das Handeln des Arztes, und vereiteln seine Be­mühungen. Sie sind vor allem die Ursache, daß die Kranken so oft hinter dem Rücken des Arztes

ihre Zuflucht zu Kurpfuschern und Quacksalbern nehmen.

Wenn also durch den Unterricht in den Sama­riter-Schulen das Laienpublicum über den Bau und die Einrichtungen des menschlichen Körpers, sowie über die wichtigsten Unglücksfälle aufge­klärt wird, so kann das für den ärztlichen Stand gewiß nur von Nutzen sein.

Einen Hauptstein des Anstoßes bildet wohl die von uns ausgenommene Einrichtung, daß jeder Zuhörer ein Examen verlangen und nach bestan­denem Examen ein Certificat erhalten könne, welches ihn als Samariter legitimirt und zugleich verpflichtet, seine Hilfe nur b\§ zur Ankunft des Arztes und unentgeltlich zu leisten.

Von dieser Einrichtung, welche sich in den eng­lischen Nothhelfer »Schulen außerordentlich be­währte, haben wir bisher keinerlei Nachtheile ge­sehen. Jedoch halte ich dieselbe keineswegs für so wesentlich, daß ich Einspruch dagegen erheben würde, wenn an anderen Orten die Samariter- Vereine dieselbe fallen ließen. Es dürfte sich viel­leicht empfehlen, grade für Berlin dieselbe aufzu- geben, weil von Seiten der ärztlichen Bezirksver­eine vor allem gegen diese Einrichtung protestirt worden ist.

Unsere Hauptaufgabe ist und bleibt es, die Kenntnis von dem was bei plötzlichen Unglücks­fällen zu thun und zu lassen sei, in immer weitere Kreise zu verbreiten. Die Aerzte und vor allem wir Chirurgen werden davon den größten Vor­theil haben.

Ich richte daher an alle deutschen Collegen die Bitte, die Bestrebungen des Samariter-Vereins nach besten Kräften zu unterstützen, oder wenig­stens eine Opposition aufzugeben, welche dem Kampfe gegen Windmühlen so ähnlich sieht und dem ärztlichen Stande in den Augen des Laien- Publicums nur Schaden bringt.

Ein berühmter Naturforscher des 17. Jahr­hunderts sagt: „Wenn das Menschengeschlecht weiser und fähiger werden soll, so muß es durch die Heilkünstler geschehen. Die Gelegenheit, gegen Vorurtheile anzukämpfen, Kenntnisse und Auf­klärung zu verbreiten, wird keinem Stande so reichlich geboten, wie dem ärztlichen!"

Darum wollen auch wir nicht ermüden in dem Kampfe, den wir begonnen haben und noch ein­mal es laut in die Welthinausrufen, daß unser Streben kein anderes ist, als ein Kampf der Humanität gegen die Unwissenheit.

Politische Nachrichten.

Deutschland.

9iad) den nunmehr festgestellten Reisedispositionen wird Se. Majestät der Kaiser am Dienstag, den 7. d. M. von Gastein abreisen, in Salzburg über» nachten, am darauf folgenden Tage sich zum Be­such des Kaisers und der Kaiserin von Oesterreich nach Jschl begeben und am 10. August nach Babels­berg zurückkehren.

Die Landgüterordnung für die Provinz Brandenburg ist unterm 10. Juli sanctionirt und im Gesetzblatt soeben veröffentlicht worden.

Oesterreich.

In O e st e r r e i ch bilden die Verhandlungen der Provinzial-Landtage zur Zeit den Gegenstand des allgemeinen Interesses; der dalmatinische Landtag ist geschlossen worden, beuor die Anträge auf Ein­führung der kroatischen Sprache in das Gerichts­und Verwaltungswesen zur Annahme gelangten.

Der Verein der deutschen Eisenbahn-Verwaltungen hat seine in Wien abgehaltenen Berathungen be­endet und Frankfurt a. WL zum nächsten Ver­sammlungsort gewählt.

Frankreich.

Der französische Marineminister hat vom Gouverneur von Cochinchina folgende Depesche über einen Sieg der Okkupationstruppen in Tonkin erhalten: „Soeben erhalte ich von dem französi­schen Konsul in Hongkong nachstehendes Telegramm, welches der französische Konsul in Haiphong an ihn gerichtet hat: „Der Oberst Badens hat am 19. Juli mit 500 Mann aus Nam-Dinh einen Ausfall gemacht; er hat 7 Kanonen erbeutet und 1000 Feinde erschlagen. 11 Franzosen sind kampf­unfähig infolge dieses Gefechts." Nam-Dinh liegt südöstlich von Hanoi, einige Kilometer vom Meere entfernt, au einem Arme des Rothen Flusses und besteht, wie die meisten anamitischen Städte, aus der eigentlichen Stadt und der Citadelle, einem un­geheuren Viereck, das nach dem System Vaubans befestigt ist. Nam-Dinh wurde 1873 von Francis Garnier erobert und spielte während der ersten