und Palmitin entzogen ist. Einige Antwerpener Talgschmelzer gewinnen nämlich diese Stoffe für die Kunstbutterfabrikation und verkaufen das zurück- bleibende geringwerthige Fett als Talg. Ueberdies ist der „Antwerpener Schlachthaustalg" nicht einmal reines Fett, sondern mit ca. 30°/o eines unverseisbaren Bestandtheils anscheinend eines Kohlenwasserstoffs versetzt. Der Werth dieses Talges dürfte 30 bis 40 °/0 unter der Preisnotiz des reellen, reinen Antwerpener Stadttalgs liegen.
* Das anhaltende Regenwetter, welches noch immer kein Ende nehmen will, weckt für die jetzige Erntezeit mancherlei Besorgnisse. Fast überall soll das Korn gerathen sein und eine gute Ernte erwarten lassen, aber das geschnittene Korn muß bei dem nassen Wetter im Felde stehen und fängt hier und da zu keimen an. Tritt jetzt wärmeres Wetter ein, so wäre der Schaden noch zu verwinden, auch würden dann namentlich die Kartoffeln, welche vorzüglich gedeihen sollen, eine gute Ernte abgeben.
* Der Pfarrer an der Neustädter Gemeinde in Rotenburg Regierungsbezirk Kassel, Philipp Ludwig Rommel, ist zum Metropolitan der Pfarrei- klasse Rotenburg und zum Dekan des Rotenburger Stifts ernannt worden.
Cafsel, 26. Juli. Bei dem gestrigen Exer- ciren der 2. Schwadron des Dragoner-Regiments in Hofgeismar stürzte bei einer Attacke ein Gefreiter mit dem Pferde; das Letztere war sogleich wieder in die Höhe gekommen, scheute aber und sprang davon, den Reiter, der unglücklicherweise mit dem Fuß in dem Steigbügel hängen geblieben war, hinter sich her schleifend. Ehe noch Jemand zuspringen konnte, hatte hierbei das Pferd mit einem Hinterhufe den Dragoner an den Kopf getroffen. Die Wunde war lebensgefährlich und der Verletzte ist heute früh gestorben. Er war aus Elsaß-Lothringen gebürtig und diente bereits im dritten Jahre. (Tgbl.)
Meimbreffen, 26. Juli. Als eine wiederholte Warnung für Landleute, bei der jetzt begonnenen Feldarbeit ja sehr vorsichtig zu sein, mag folgender Unfall, welcher sich gestern hier ereignete, Erwähnung finden. Der Ackermann I. Schäfer war mit dem Aufladen von Heu beschäftigt und stürzte dabei so unglücklich von einem nur sehr niedrigen Wagen, daß ihm sofort ein Halswirbel brach. Wenn der Fall nach Aussage des Arztes auch sonst keine schlimmeren folgen haben sollte, so wird doch der so schwer Betroffene für die ganze Erntezeit arbeitsunfähig sein.
Gchlüchtern, 26. Juli. Wie der „H. Ä." hört, wurde zu Elm bei Schlächtern ein 12jähriges Mädchen von einer eigenthümlichen Krankheit befallen. Schon seit mehreren Wochen nimmt die Genannte keine Nahrung mehr, vielmehr nur von Zeit zu Zeit etwas Wasser zu sich; in diesem Zustande hat sie aber das Gehör verloren und vermag ihre Wünsche nur schriftlich auszudrücken. Hoffentlich wird der zu Rathe gezogene Arzt die Ursache dieses abnormen Verhältnisses ergründen.
Hauau, 27. Juli. Ein Raubmordversuch wurde verflossene Nacht in Kleinauheim von einem fremden Individuum, das sich Abends in den Keller eingeschlichen hatte, gegen den Gastwirth Kaiser gemacht. Ein zufällig im Hause wohnender Budenbesitzer, der am Sonntag bei der Fahnenweihe des dortigen Turnvereins einen Glücksstand feilhielt, eilte dem Bedrohten zur Hülfe und vereitelte dadurch das geplante Verbrechen. („H. Ztg.")
Eine Heirath aus Verzweiflung.
Von Henry Perl.
(Fortsetzung.)
„Halte Deine Zunge, Alter" herrschte Gloria's Tante den gesprächigen Neger an.
»Ich will nur sagen, was —"
„Wir brauchen Nichts zu wissen, geb auf Dein Boot Acht, hier ist eine gefährliche Stelle, sonst ersäufst Du uns noch."
„Was denkt Ihr, Miß Aggravater, hier ist es so sicher, daß Euch jeder kleine Junge führen kann und ich will nur sagen, daß Sandy-Jsland —"
„Noch ein Wort" — unterbrach das alte Fräulein den unverbesserlichen Jessie — „und ich verklage Dich bei Deinem Herrn, Alter, ober beantrage, daß man Dich nach Giorgia verkauft."
Der arme Schwarze senkte das Haupt und schwieg.
46. Kapitel.
Sandy-Jsland.
Sie mußten jetzt dem wohlbekannten Fleck Erde ganz nahe sein und doch was da vom Meere her tn Sicht kam, war nicht Sandy-Jsland. — Gloria vermochte nicht länger auf ihrem Sitze zu bleiben, sie stand auf, strengte jedoch ihre Sehkraft ganz vergeblich an, das Jnselchen zu erspähen.
„Was ist das?" — war Alles, was ihre bebenden Lippen hervorbrachten und sie streckte ihre Hände nach einer Reihe weißer, gleichmäßig er
bautet Häuser aus, die ja niemals dort gewesen waren.
„3a, wo sind wir denn eigentlich hingerathen?" — rief Miß Gripp gleichfalls aufstehend, voll Verwunderung. — „Was ist denn das für ein Ort, den habe ich doch niemals gesehen! Das war doch nicht, wie ich das letzte Mal da gewesen bin. Was sind das für Bauten? Liegt denn eine andere Insel so nahe bei Sandy-Jsland, oder sind wir in eine andere Richtung gerathen?" — Diese Fragen richtete Miß Crespigney alle in rascher Aufeinanderfolge an den alten Schiffer, welcher sie mit keiner Silbe beantwortete.
Gloria erschrack über dieses unerwartete Ereig- niß, welches ein Chaos von Gedanken in ihr wachrief, dermaßen, daß sie sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte.
„Alter! hörst Du nicht, daß ich mit Dir spreche — antworte, wo sind wir, was ist das, was wir hier vor uns sehen, wohin hast Du uns gebracht?"
Aber Jessie blieb stumm wie das Grab.
„Wie kannst Du es wagen, mir keine Antwort zu geben, wenn ich eine Frage an Dich richte, Du pflichtvergessener Sklave, Du!" — herrschte Miß Gripp den eigensinnigen „Flaggenhiffer" mit der ganzen Schärfe ihrer Stimme an.
„Habt Ihr nicht befohlen,-ich soll das Maul halten, oder Ihr werdet mich bei meinem Herrn verklagen, also halt ich's, Miß Aggravater. Ein schwarzer Mensch, wenn er getauft ist, wie Ihr selbst, fühlt es auch, wenn man ihm wehe thut. Ich wollte Euch Alles erzählen, aber Ihr seid ein so böses, altes Frauenzimmer, wie ich während meines ganzen Lebens noch keines über's Wasser gebracht habe. So, jetzt wißt Jhr's! — Und meinetwegen, komme ich dafür nach Giorgia ober nicht, weiß ich doch, daß Ihr in die Hölle kommt, wenn Ihr einmal todt seid, Miß Aggravater. Jessie hat das Alles in der Sonntagsschule gelernt !"
„Jetzt aber alter Narr, hab' ich es satt, Deinen Unsinn anzuhören, oder bei Gott, Du kommst nach Giorgia!"
Die Scene zwischen dem erbitterten alten Neger und Miß Gripp hätte sicherlich noch eine unangenehme Wendung genommen, würde nicht Gloria in diesem kritischen Augenblick begütigend die Hand auf des Neger's Schulter gelegt und ihn freundlich mit ihren schönen Augen angeblickt haben. Diese Güte wirkte Wunder.
„Ich verstehe, junge Herrin, ich verstehe und um Euretwillen und weil ich, gleich Euch, ein getaufter Christ bin, will ich still sein und schweigen, aber Miß Aggravater — Ja, ja, junge Herrin, ich bin schon ruhig. — So, und nun seid Ihr auch angelangt."
Jeffie stützte seine Ruderstange auf ein paar breite Stufen, die zu einem Damm führten.
„Weshalb haltet Ihr denn hier an? Ist an dem Boote Etwas nicht in Nichtigkeit?" — fragt das alte Fräulein, diesmal in bedeutend sanfterem Tone.
„Wir sind auf Sandy-Jsland, Miß Aggravater" — entgegnete Jessie nun auch wieder ganz achtungsvoll.
„Was, das ist Sandy-Jsland?"
„Zu dienen, Madame."
Auch Gloria starrte in sprachlosem Erstaunen nach dem zur Unkenntlichkeit veränderten Eiland.
Jessie weidete sich an dem Erstaunender beiden Frauen. Er wußte es ja, daß es so kommen würde, deshalb wollte er ihnen Alles erzählen.
„Nicht wieder zu erkennen!" — sprach Miß Gripp, den Fuß an's Land setzend.
Und in der That war dies nicht mehr Sandy- Jsland, was sie nun betraten. An der Stelle des kleinen armseligen Baues, des Viehstalles und der paar Ackergründe erhob sich ein regelrechter Damm aus dem Wasser, welchen eine Anlage von jungen Maulbeerbäumen umschloß. Ein bequemer, etwas ansteigender Pfad führte zu einem sauberen, länglichen, zweistockhohen, weißgetünchten Ziegelbau. Der Seeseite zu standen mehrere weißgetünchte Badehütten, deren Rückseite ebenfalls von grünen Anlagen umzäunt war. Junger Wein und verschiedene andere duftende Kletterer rankten sich an die weißen Häuschen hinan und mußten in einigen Jahren köstlichen Schatten spenden.
„Ja, was haben denn all' diese Veränderungen zu bedeuten?" — rief Miß Gripp, ihren Augen kaum trauend, erstaunt aus, als sie, gefolgt von Gloria und dem alten, nun wieder vollends versöhnten Flaggenhiffer, die Anlage entlang, dem Hauptgebäude zuschritt.
Doch ehe ihr noch eine Antwort auf diese Frage wurde, sah sie, wie Gloria schwankte und unfehlbar umgesunken wäre, hätte sie der magere, aber stählerne Arm ihrer Tante nicht noch rechtzeitig gestützt. , ...
Einige Augenblicke lehnte Gloria halb ohnmäch
tig au ihrer Tante. — „Was, was kann das sein? — fragte sie kaum hörbar, sobald sie nur Worte gefunden und die Anwandlung von Ohnmacht ein wenig überwunden hatte.
„Komm, meine Theuere, lasse uns zu dem Gebäude eilen, dort werden wir Alles erfahren" — erwiderte Miß Gripp, deren Kräfte nicht länger reichen wollten, Gloria, die bleiern und unbeweglich in ihren Armen lag, zu stützen. — „Es scheint, daß die kleine Insel in andere Hände übergegangen ist; Lindsay's haben Sandy-Jsland vermuthlich verkauft und die neuen Besitzer haben es in eine Badeanstalt oder Aehnliches umgewandelt. Doch komm, komm nur, wir werden ja sofort Alles wissen! — beschwichtigte Miß Gripp ihre Nichte, um welche sie nun allen Ernstes anfing, besorgt zu werden.
Sie rief Jessie herbei; dieser stützte mit zärtlicher Miene seine halbohnmächtige junge Herrin, indeß Miß Gripp alle Taschen ihrer Ober- und Unterkleider nach einem Flacon mit Riechsalz durchstöberte. Endlich fand sie das Gewünschte und hielt es Gloria unter die Nase.
„Er ist am Ende fortgegangen! O, mein Gott, mein Gott, was werde ich hören müssen!" — hauchte die arme junge Gräfin.
„Nun, stütze Dich auf mich, mein iKind, und versuche nach dem Hause zu gehen, da werden wir ja Alles erfahren" — sagte Miß Gripp mit au ihr ungewohnter Zärtlichkeit. Die Hoffnung, daß Gloria's Befürchtung wahr sein und der junge Fischer seine Heimath wirklich verlassen haben mochte, belebte ihre Hoffnung, daß schließlich doch noch Alles nach ihrem Wunsche ausgehen könne, von Neuem.
Endlich erreichten sie das Gebäude. Vor der Eingangsthür war zu beiden Seiten eine bequeme Bank angebracht. Auf eine derselben sank Gloria, die sich mühsam bis dahin geschleppt hatte, während Miß Gripp an dem verschlossenen Eingänge die Klingel zog.
„Es sieht hier seltsam ruhig aus!" — sprach Gloria leise vor sich hin. — „Das gleicht keiner Badeanstalt."
„Weil jetzt noch keine Badesaison ist. Nun, ich denke, es wird doch Jemand hier fein, welcher uns darüber Auskunft ertheilen kann."
In diesem Augenblick wurde das Thor aufgemacht. Ein ehrwürdiger Greis, in einen langen schwarzen Talar gehüllt, ein kleines Käppchenauf dem Kopfe, unter welchem schneeweißes Haar her- vorhing, stand vor ihnen. Es war die wohlbekannte hagere Gestalt Pater Moriarty's.
„Vater Moriarty" — riefen beide Frauen mit freudigem Erstaunen, sobald sie den gütigen alten Priester erkannt hatten.
„O, wie glücklich bin ich, Euch zu finden, hochwürdiger Vater!" — sagte Gloria und fuhr fort: „Wo ist Lindsay? Bitte, befreit mich von der tödtlichen Angst. Ist er gesund? Erzählt mir Alles, ich bitte Euch darum." — Und sie sah athemlos und mit gefalteten Händen in des Priesters Antlitz und harrte ihres Schicksalsspruches.
„Er ist gesund, mein Kind, tretet in's Haus herein. Ihr vermögt ja kaum auf den Füßen zu stehen, nehmt meinen Arm." — Pater Moriarty führte die Zitternde, gefolgt von Miß Gripp in's Haus. Sie durchschritten eine saubere einfache Halle, an welche ein Zimmer stieß, das gleichfalls die höchste Reinlichkeit wies, aber außer' einigen Stühlen und ein paar Bücherschränke!/ keinerlei Einrichtung enthielt. Hier bat Pater'Moriarty die Damen, Platz zu nehmen. Er selbst aber entfernte sich und kam alsbald mit einem Glase stärkenden Lavendel-Wassers zurück, das er die junge Gräfin zu trinken bat.
„Hochwürdiger Vater, ist David hier? — fragte Gloria.
„Ja, und was bedeuten alle diese Veränderungen?" — fiel Miß Gripp dazwischen.
„Sofort, Fräulein von Crespigney, sollen Sie es erfahren. Rein, mein Kind, David ist im Augenblick nicht hier, aber es geht ihm gut und Ihr sollt sofort Alles über ihn zu hören bekommen."
„Verzeiht, theurer Vater, wenn ich Euch unterbreche, aber wo ist Granny Lindsay? Kaun ich diese sehen ?"
„Mein Kind, wäre es möglich, daß Sie nicht wüßten, daß man Ihnen verschwiegen —"
„Ja, ja, ich weiß gar nichts, gar nichts habe ich gehört, deshalb setzt mich ja Alles so sehr in Erstaunen, bitte, erzählt mir, was ist mit meinen theueren Freunden geschehen?"
Pater Moriarty gab seinem Erstaunen Ausdruck darüber, daß die junge Gräfin von allem Vorge- fallenen nichts wußte. „So muß ich Ihnen leider die betrübende Nachricht geben, mein Kind, daß Ihre alte Freundin Mrs. Granny Lindsay schon seit zehn Atonalen gestorben ist."