letzten Tage in Frankreich zugetragen, ist die Veröffentlichung einer von dem französischen Na- tional-OekonomenLeroy-Beaulieu geschriebene Kritik der gegenwärtigen französischen Finanzlage. Die Schuld daran, daß die Summe der jährlichen Staatsausgaben der Republik die dritte Milliarde überschritten hat, legt der genannte Schriftsteller dem parlamentarischen System der „Unwissenheit, Verschwendungslust und Sorglosigkeit" einer Mehrheit zur Last, welche gleichzeitig „eine Armee wie die deutsche, eine Flotte und einen Kolonialbesitz von dem Umfang des brittischen, Schulen wie in der Schweiz und Verkehrsanstalten wie die nord- amerikanischen anstrebe." Im weiteren Verlauf wird dann auseinandergesetzt, daß die ungeheuren Anfwendungen fürSecundär-Eisenbahnen und Ca- näle unzweckmäßig und unproductiv seien, und daß selbst für den Fall einer theilweisen Uebernahme derselben von Seiten der großen Gesellschaften eine unerschwinglich schwere Staatslast übrig bleiben werde. Ebenso bedenklich seien die Äusgaben- Vermehrungen, zu denen man sich den Wählern zu Liebe entschlossen habe, indem man Hunderte von Millionen für Schnl- und locale Bauzwecke anf- wendete, massenhaft alte Beamte pensionirte, neue Staatsstellungen schuf und dabei nicht nur jede Vermehrung der Staatseinkünfte ablehnte, sondern die Conversion der viel zu hoch verzinsten öffentlichen Schuld ohne allen Grund Jahre lang hinans- schob. Das schlimmste Uebel aber sei die Gewohnheit, alle unbequemen Ausgaben — auch die jährlich wiederkehrenden — in das außerordentliche Budget zu verweisen und dadurch einer systematischen Täuschung über die wahre Finanzlage Thor und Thür zu öffnen. Daß eine Gesundung derselben bis auf Weiteres nicht gehofft werden könne und daß das Deficit alljährlich wiederkehren würde, giebt der Verfasser dabei deutlich zu verstehen.
Nachrichten aus Tonkin zufolge, welche dem französischen Marineminister zugegangen sind, ist der französische Trnppenkommandant Rivisre bei dem Versuch, aus Fort Hanoi, wo derselbe seit mehreren Monaten eingeschlossen ist, gegen die an Zahl ihm stark überlegenen feindlichen Streitkräfte einen Ausfall zu machen, gelobtet worden. Der Bataillonsführer'Devillers wurde schwer verwundet. General Bonet, welcher sich gegenwärtig in Saigon befindet, hat Befehl erhalten, Miniere zu ersetzen.
Aus B u k a r e st kommt plötzlich die Kunde von einer Verschwörung. Ein Telegramm berichtet darüber: „In den letzten Tagen wurde in Rumänien eine Verschwörung entdeckt, welche ein Attentat gegen König Karl bezweckte. Dasselbe sollte am vergangenen Dienstag gelegentlich der Eröffnung der Kammern zur Ausführung gelangen. Die Mitglieder der Verschwörung sind meistens Moldauer. Das Attentat selbst sollten zwei Polen ausführen. Die erste Verständigung erhielt die rumänische Polizei durch den russischen Consul in Jassy."_______________________
AuS Hessen-Nassau»
* Hersfeld, 28. Mai. In der vergangenen Nacht erhängte sich basier der Rentier L. Die Motive, welche denselben zn dieser That getrieben haben, sind nicht bekannt.
* Der „Neichsanzeiger" meldet: Ein Erlaß des Kaisers an den Kultusminister und an den evangelischen Oberkirchenrath vom 21. ds. ordnet die feierliche Begehung des 400jährigen Geburtstag Luther's durch ein am 10. und 11. November in den evangelischen Kirchen und Schulen stattfindendes Kirchenfest an. Am 9. Nov. feierliches Einläuten des Festes mit den Kirchenglocken und Choralblasen, am 10. öffentliche Schulfeierlichkeiten und vorbereitende Gottesdienste, am 11. kirchlicher Hauptgottesdienst, wobei als Hauptlied: „Ein' feste Burg ist unser Gott" zu wählen und in dem Dankgebet der Gesichtspunkt hervorzuheben ist, daß es sich nicht um Lobpreisung eines Menschen, sondern um Lobpreisung Gottes für die in der Reformation dem deutschen Volke zu Theil gewordene göttliche Gnade handelt. Der Erlaß schließt: Ich flehe zu dem allmächtigen Gott, daß die Gebete, in denen ich mich an den Tagen des Festes mit allen Gliedern der evangelischen Kirche vereinigen werde, Erhörnng finden mögen, damit die Feier der theueren evangelischen Kirche zu dauerndem Segen gereiche.
— In der Nähe der Stadt Melsungen wurde der Gestütsdirektor des Königl. Gestüts zu Dillen- burg, v. d. M arw itz, von einem Unglücksfall betroffen. Die Pferde an seinem Wagen, zwei muthige Hengste, gingen plötzlich durch, die Chaise fiel um und der Herr Gestütsdirektor zog sich am Kopse so erhebliche Wunden zu, daß er sich jetzt in Roten- burg unter ärztlicher Behandlung befindet. Wir wünschen eine baldige Genesung. (H. M.)
Eschwege, 24. Mai. Der Bezirksfeldwebel Dörbecker von hier ist seit länger als acht Tagen verschwunden und bis gestern, wodasAushebungs- :
geschäft hier begonnen hat, noch nicht zurückgekehrt. Diese Flucht muß um so räthselhafter erscheinen, als der Entflohene stets als sparsamer, solider und anständiger Mensch bekannt war.
H a n a u, 25. Mai. Vorgestern wurde das 11jährige Töchterchen eines Bäckermeisters von Hochstadt, welches von seinen Eltern nach Hanau geschickt worden war, auf dem Rückwege zwischen 7 und 8 Uhr Abends von einem Strolch überfallen, zu Boden geworfen, seines Körbchens und Geldes beraubt unter dem Androhen, daß wenn es nur einen Laut von sich geben würde, es sofort mit dem Messer, das der Gauner blank zog, getödtet werde. Glücklicherweise kam in diesem Augenblick gerade ein Herr von Hanau des Wegs, bei dessen Anblick der Vagabund sofort das Weite suchte. Aus diese Weise blieb das arme Kind jedenfalls vor noch ärgerer Mißhandlung bewahrt.
Nie den st ein, 25. Mai. Zwei hier lebende Schwestern, Zwillinge, von denen die eine verhei- rathet war, hatten ihr ganzes Lebensich nicht von einander getrennt und stets in Frieden und Eintracht zusammengelebt. Am verflossenen Donnerstag starb plötzlich die Eine und bald nach ihrem Tode erkrankte auch die Andere und starb noch vor der Beerdigung der Schwester. So sind Beide nun auch im Tode zusammengeblieben.
Frankfurt, 24. Mai. Die hiesige Firma Löb Stern sühne, welche ein umfangreiches Getreide- und Mehlgeschäft betrieb, hat, wie wir hören, die Zahlungen eingestellt. Eine Anzahl hiesiger Firmen soll an dem Fallissement nicht unbeträchtlich betheiligt sein. (C. I.)
Vermischtes»
— In E r s u rj war ein einjähriges Kind in einem auf einem Stuhle stehenden Wäschekorb gebettet. Beim Aufwachen hat vermuthlich das Kind vom Korbe aus zwischen die Stuhllehne den Kopf gesteckt und ist ausgeglitten; man fand es mit dem Kopfe in der Stuhllehne hängend todt vor.
— Aus B r e m e r h a v e n wird über ernsthafte Differenzen zwischen englischen und deutschen Fischern aus Norderney berichtet. Die Engländer haben unseren Fischern ihre Netze und ihr Fanggeräth zerstört; wie man vermuthet, aus Rache darüber, daß vor einigen Tagen Finkenwärder Fischer den englischen, von der Mannschaft verlassenen Ever „Discovecy" von Hornriff abgebracht und hier eingeschleppt haben. Auf die telegraphische Mittheilung ging heute Morgen das Kanonenboot „Drache,, nach Morbernet) ab.
— Stettin, 25. Mai. ZwAFälle von Blutvergiftung machen in unserer Stadt berechtigtes Aufsehen. Die Frau eines hiesigen Kaufmannes, die erst vor wenigen Tagen ihren dreijährigen Knaben durch den Tod verloren hat, hat am Finger eine kleine Wunde, die das anliegende Fleisch in Entzündung gebracht hat. Um dieselbe zu heben, bedient sie sich eines alten Hausmittels und legt sogenannte grüne Seife auf die Wunde. Leider erweist sich dieselbe als nicht heilbringend, im Gegentheil, das Geschwulst an der Hand erstreckt sich sehr bald auf den Arm. Man ruft einen Arzt herbei, der alsbald Blutvergiftung konstatirt und zur Operation fchreitet. Er bindet den Arm unter der Schulter ab und öffnet die Lymphgefäße. Die Operation scheint geglückt zu sein, denn die Patientin soll sich aus dem Wege der Besserung befinden. Leider hat der behandelnde Arzt, Dr. Sch., bei der Operation sich geschnitten und sich durch den Schnitt selbst eine Blutvergiftung zugezogen, _bie von schlimmster Bedeutung sein soll. Dr. Sch. liegt i schwer krank darnieder und seine bewährtesten Kollegen umstehen sein Bett. Hoffentlich gelingt es den Aerzten, den Unglücklichen, der seiner Berufspflicht zum Opfer fiel, am Leben zu erhalten. Ob an der Blutvergiftung der Frau die grüne Seife die Schuld trägt oder ob die Wunde bereits von Gift infizirt war, wird die Untersuchung erst ergeben.
— Einen merkwürdigeu Selbstmord beging am Mittwoch in Wiesbaden ein Kellner. Er band sich ein Taschentuch um den Hals und drehte dasselbe mit einem Hausschlüssel so lauge zu, bis er besinnungslos wurde und der Athemnoth erlag. Die Leiche wurde in der Nähe Dotzheims von Schuljungen aufgefnnden.
— Wien, 25. Mai. Der Oberstlieutenant im Generalstab, Hugo von Schlager, wurde gestern vom Redakteur der Militär-Zeitung, Oberlieute- naiit a. D. von Bolgar, im Duell erschossen. Schlager war zum Kommandanten des zu errichtenden Eisenbahn- unb Telegraphen-Regiments bestimmt. Diese Ernennung wurde in der Militär- Zeitung einer scharfen Kritik unterzogen, durch die Schlager sich verletzt fühlte. Den Zeugen Schlager s bekannte sich Bolgar als Verfasser des fraglichen Artikels und acceptirtedie Herausforderung^ Das Duell wurde auf Pistolen vereinbart, auf 35 Schritte Distanz, und dem Herausforderer Schlager der
erste Schuß eingeräumt. Der Schuß Schlagers ging fehl. Bolgar traf seinen Gegner in die Stirne. Oberstlieutenant Schlager stürzte zusammen und die Aerzte erklärten sofort, daß Hilfe unmöglich sei. Bald nach seiner Uebertragung ins Garnisonsspital starb Schlager.
— Biesenthal. Eine originelle Persönlichkeit hat hier am 30. April das Zeitliche gesegnet. Der Baumeister und Civilingenienr G. Schulze, 73 Jahre alt, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, eine Maschine zu erfinden, welche ohne Dampf, lediglich durch Naturkraft getrieben, alle anderen Maschinen übertreffen sollte. Diesem Gedanken hatte er seine Stellung als Eisenbahnbaumeister und den Besitz von zwei Rittergütern geopfert. Nachdem er häufig seinen Aufenthalt gewechselt, zog er zuletzt von Fürstenberg i. M. hierher. Unter vielen Anstrengungen und Entbehrungen hat er auch hier noch seine Lebenskraft daran gesetzt, das geträumte Ziel zu erreichen, welches ihn zum Besitzer von Milliarden machen sollte, mit denen er jedem armen, aber fleißigen Manne helfen wollte. Die von ihm gebaute, für ihn so kostbare Maschine wird nun wohl als „altes Eisen" verkauft werden. Dieselbe bleibt vorläufig noch hier stehen und wird Jedem, der sich dafür interessirt, gern gezeigt.
— Sommerfeld, 22. Mai. Der Sohn der Wittwe Urban in Bertelsdorf wurde am 3. d.M. vom Blitz getroffen und theilweise gelähmt. Als er nach einigen Tagen das Krankenbett verließ, machte er die erfreuliche Wahrnehmung, daß die Taubheit, mit welcher er bisher behaftet, vollständig verschwunden war.
— Ein raffinirter Gaunerstreich, der diesmal glücklicherweise kein Menschenleben kostete, wurde in einem Juwelierladen des Palais Royal, nicht weit von dem Prestrot'schen Gewölbe, begangen. Eine Dame in offenbar gesegneten Umständen betrat den Laden, verlangte Einiges zu sehen und entfernte sich, ohne etwas zu kaufen. Kaum war sie draußen, stürzt ein elegant gekleideter Herr ins Magazin und ruft ganz bestürzt: „Ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm; die Unglückliche kann nichts dafür, ich bringe Ihnen den Ring zurück", und dabei zeigte der Herr eine bague chevaliöre, die wirklich in einem der Dame gezeigten Kästchen fehlte. Der Herr erzählte nun, daß seine Gattin in Folge ihres Zustandes von einer unwiderstehlichen Lust zu stehlen beherrscht werde und daß er ihr in Folge dessen auf Schritt und Tritt nachgehen müsse, um einen Scandal zu vermeiden. Dabei spielte der Herr mit dem Ringe und frug, was er koste. Der Juwelier nannte einen ziemlich geringfügigen Preis, den der Herr auch erlegte und sich mit dem Ringe entfernte. Zwei Tage später kam dieselbe Dame, bat neuerdings, man möge ihr verschiedene Gegenstände zeigen, kramte herum und entfernte sich ebenso, ohne etwas gekauft zu haben. Die Ladenmädchen tauschten untereinander verständnißvolle Augenwinke, und als die Frau braunen ^var, wunderte sich Niemand, daß abermals ein Stück, diesmal kein Ring, sondern ein mit Brillanten besetztes Bracelet im Werthe von 6000 Francs fehlte. Worüber dagegen Alles im Laden staunte, das war über das Ausbleiben des zärtlichen Ehegatten, der seine wider Willen diebische Gemahlin auf Schritt und Tritt verfolgte. Er ließ sich nicht blicken und das Bracelet noch weniger. Der Juwelier war das Opfer eines Gaunerpaares geworden.
— Aus C a Icutta, 20. Mai, kommt die Meldung: Der District Kachar ist von furchtbaren Hochfluthen heimgesucht worden, welche nicht nur einen ganz unschätzbaren Schaden an den Thee- plantagen, Gürten und Baulichkeiten angerichtet, sondern auch große Opfer an Menschenleben gefordert haben.
— (Klar bewiesen.) Ein Prediger wollte einst seiner Versammlung beweisen, daß der Wucher ein schlechtes Geschäft sei, und rief: „Sind Schuhmacher da?"
„Ja!" ertönte es.
„Sind Schneider ba?"
„Ja l"
„Bäcker? Müller? Leinweber? Kaufleute?"
„Immer antwortete lautes Ja?"
„Ist der Schinder da?"
„Warum sollt ich's leugnen", spricht eine bescheidene Stimme, „ich bin doch redlich und gerecht und so billig, wie man einen finden kann; da bin ich."
„Gut", ruft der Prediger mit erhobener Stimme, „nun" frag ich: „Ist ein Wucherer da?"
Keine Antwort. r f
„Seht also", fuhr er fort, „das ist ein so schlechtes Handwerk und Geschäft, daß sich jeder dessen schämt. Ich sage Euch aber, der Teufel wird sich ihrer nicht schämen, sondern sie einst holen und zur Hölle tragen.