von der Fähre trennten. Der Arzt kam mit dem alten Kirke, richtete den Fuß ein, legte einen Verband an die Stirnwunde des Kerzeumanues, drückte und arbeitete an Davids Ellbogen herum, und schüttelte bedenklich und vielsagend den Kopf bei der Untersuchung des schwer Verletzten, aus dessen Genesung er, wie es schien, keine Hoffnung setzte. Nur Kirkes Töchterchen empfahl er, sie möchte dem Kranken fleißig kühlende Milch zu trinken geben Und könnte er solche nicht mehr zu sich nehmen, ihm wenigstens die Lippen damit nässen.
„Morgen will ich wieder hersehen, Ihr, Kirke holt mich um dieselbe Zeit und bis dahin Gott befohlen" — sagte Dr. Petit sich verabschiedend.
Die Patienten fühlten sich wesentlich erleichtert. Dr. Petit war ein sehr geschickter kleiner Arzt, und klein, wie sein Name besagte, war er auch im Uebrigen, aber seines Zeichens ein Meister.
Der Schwerverwundete ließ sich von der Hand seiner treuen Pflegerin, Kirke's Tochter willig Milch einträufeln, welche dem armen Fieberkranken recht wohl zu bekommen schien. David theilte sich in die Pflege mit der braven Jenny, ungeachtet seines eignen Leidens.
Kirke schaffte das Gepäck herbei und holte auch eine Gerichtsperson aus dem nächsten Städtchen, wo Dr. Petit wohnte, auf daß dieselbe über die zertrümmerte Postkutsche und die todten Pferde verfüge. Den Leichnam des armen Kutschers fand man Tags darauf, er war in tausend Stücke zerschellt und die Fragmente seines Körpers nur an den Restchen von Kleidern erkenntlich, mit denen man sie bedeckt fand.
Eine Woche ging auf diese Weise hin. David fühlte nur mehr ein leichtes Stechen im Ellbogen und ein Spannen, wenn er den Arm gebrauchen wollte, was er auch noch nicht durfte, wie ihm der Chirurg entschieden genug gesagt hatte. Der Patient Nr. 2 fand keine Ruhe und hatte sich ungeachtet seines gebrochenen Fußes aus einer Tragbahre in kleinen Tagesreisen Heimbringeu lassen. Er war nicht sehr weit entfernt von der Unglücksstätte zu Hause und bereits glücklich bei den Seinigen angelaugt. Der Kerzenmanu mit der Stirnwunde war längst über alle Lerge, auch David hinderte nichts daran ein Gleiches zu thun, aber der Gedanke, den armen sterbenden Reisegefährten hier ganz allein zu lassen, that ihm unsäglich wehe, und so beschloß er, jenem zu Liebe — der ihm nur mit den Augen für seine Sorge und Pflege danken konnte — noch zu bleiben.
Es war genau am siebenten Tage nach jenem Unfall, als ein großer ernster, ja unheimlich aussehender Mann das Zimmer des Bootshauses betrat und nicht wenig erstaunt schien, dasselbe von Fremden bewohnt zu finden.
Er selbst schien bei dem Fährmann wie daheim zu sein, denn er warf ohne auf die Anwesenden zu achten, seinen Mantel bei Seite und maß das kleine Zimmer mit unruhigen Schritten. David fiel das seltsame Wesen des Mannes auf, und konnte er kein Auge von ihm wenden. Der Fremde hatte den Rockkragen aufgesteckt, wodurch der ganze untere Theil seines Gesichtes verborgen blieb, die Augen, deren Farbe David nicht unterscheiden konnte, schössen feurige Blitze, es lag etwas Unheimliches und zngleich Fesselndes in diesem Blick. Die Augenbraunen waren buschig und Dom tiefsten Schwarz, das Haar war dicht und schon mehr grau als schwarz. David Lindsay rückte den Stuhl, auf dem er saß, näher an's Feuer; ersuchte seine Aufmerksamkeit von dem Fremden gewaltsam abzu- lenken. Doch es gelang ihm nicht, eine unerklärliche Fascination zog ihn zu dem unheimlich, böse, so verdächtig anssehenden Manne hin. Er vermochte sich keine Rechenschaft darüber zu geben, wie so dies kam.
Einmal begegneten sich ihre Blicke und auch der Fremde fixirte David mit seltsamem Ausdruck im Auge. David senkte das seinige zuerst, es war ihm, als müsse er diese fast elektrische Wirkung gewaltsam zu meiden suchen. Der düstere Mann schritt ununterbrochen in der Stube auf und ab.
David konnte nicht umhin, nach einer Weile abermals in das Antlitz dieses unheimlichen Gastes zu schauen. Es lag eine seltsame Mischung von Tücke, List, Grausamkeit und bcklageuswerthester Verzweiflung darauf. Plötzlich warf er seinen Mantel um die Schultern, stieß unsanft au den Tisch und eilte hinaus.
David fiel ein Stein vom Herzen, er verspürte plötzlich das Bedürfniß nach frischer reiner Luft, öffnete das Fenster und athmet tief auf. Einen Augenblick lang hatte er selbst die Sorge um den Kranken vergessen. Rasch schloß er jedoch das Fenster, als er sich des Leidenden erinnerte und maß nun seinerseits das Zimmer mit langsamen, man könnte sagen, nachdenklichen schritten. Kirk's Tochter Sarah trat ein.
„Seid Ihr bekannt mit dem Herrn, welcher kurz zuvor hier gewesen ist?" — fragte Lindsay das Mädchen.
„Nein, Herr, nicht eigentlich, doch er thut, als wäre er hier zu Hause. Vor acht oder neun Tagen, ich weiß es nicht mehr genau, kam er zum erstenmal und ließ sein Pferd bei uns. Ein kostbares edles Pferd wie mein Vater sagte und die Jrländer verstehen sich auf Pferde, Herr!" — setzte Sarah stolz hinzu. — Er hatte es aber fast zu Tode geritten und wollte jetzt dasjenige des Vaters, um damit nach Cristianburg zu reiten, wo er die Post einzuholen wünschte. Ob er dies auch gethan, wissen wir nicht. Und heute kam er zurück und tauschte sein Pferd, daß sich mittlerweile wieder ein bischen erholt hatte — das arme Thier — gegen das unsrige ein und nun ist er soeben wieder sortgeritten."
„Wohin?" fragte David ganz gegen seine Gewohnheit neugierig.
„Ja, Sir, das weiß ich nicht, denn ihn zu fragen, hat man nicht den Muth. Ich wagte nur leise die Bemerkung: „Der Herr reiten gewiß gegen die Post von Staunton zu?" — Doch er gab mir keine Antwort darauf und warf mir blos einen Blick zu, daß ich schnell alles Fragen sein ließ. Nichtsdestoweniger ist er eine gute Kundschaft, er hat uns den Pferdetausch reich gelohnt. Auf's Gold scheint er nichts zu halten, obschon er im Uebrigen bös genug aussieht."
Böse und unglücklich!" — sagte David vor sich hin.
„Ja, da habt ihr recht, Sir, unglücklich auch, das ist war und doch ist man recht froh, wenn man ihn wieder draußen aus dem Hause hat" — meinte Sarah und ging an ihre Beschäftigung zurück.
David aber konnte so lange er in dem Boothause noch weilte, die Erinnerung an den wunderlichen Fremden nicht aus dem Kopfe bringen, der seine Phantasie so eigenthümlich angeregt hatte.
Ein einziges Mal sprach er mit dem alten Kirke über ihn. — „Nein, ich kenne ihn nicht" — versicherte auch dieser — „habe in meinem Leben dieses Gesicht nicht gesehen, er aber thut als wären wir alte Freunde. Auch sieht der Mann so wenig Vertrauen erweckend aus, daß ich ihm mein Pferd nur ungern überlies, aber das seinige wog meines dreifach im Werthe auf und überdies legte er noch ein schönes Stück Geld dazu. So überließ ich ihm denn das Roß und war froh, als ich es mit sammt seinem Reiter von bannen sprengen sah. Mir war, weiß Gott, so lang er mit mir sprach, genau so zu Muthe, als stünde ich neben dem Satan in höchst eigener Person und hätte alles Anrecht auf Gottes Gnade verloren."
David mußte unwillkürlich lächeln, daß es einem andern nicht viel besser ergangen war, als ihm selbst. Denn auch er hatte eine unerklärliche Herz-1 beklemmung in Gegenwart dieses räthselhaften Fremden verspürt. Doch auch jetzt schlich sich reges Mitleid in sein Herz, wie schon früher oftmals, wenn er des wilden seltsamen Gesellen gedachte und er sagte nachdenklich: „Der Mann schien aber eigentlich auch recht verzweifelt zu sein!"
„Ja, er sieht aus, als hätte er ein recht schweres Vergehen auf seinem Gewissen. Ich würde keinen Augenblick erstaunt sein, wenn mir Jemand verrathen würde, daß er einen Mord begangen hat. Doch seltsam, wie sich die Gedanken verketten, seltsam fürwahr — bis jetzt ist mir's nicht ausgefallen — nein fürwahr nicht — sagte ich Euch doch, Sir, daS Gesicht sei mir gänzlich fremd und wie wir jetzt so sprechen, da fällt mir eine Geschichte aus alter, alter Zeit ein und ein Gesicht, daß — nun —"
„Was fällt Euch ein? Ich bitte, sprecht" — sagte David mit gespannter Aufmerksamkeit und ohne ein Auge von dem alten Fährmann zu wenden,! denn ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können weshalb dies so sei, fühlte sich Lindsay mächtig angezogen durch den räthselhaften Fremden.
„Wohlan, setzet Euch, junger Herr und Ihr sollt die Geschichte hören."
29. Kapitel.
Der Fremde.
Die beiden Männer setzten sich an den Kamin, es dämmerte bereits und Kirkes Tochter hatte, die Thranlampe noch nicht in die Stube gebracht, um so gemüthlicher ließ sich's plaudern.
„Es ist schon lange her" — begann Kirke — „da trieb sich hier in der Umgegend ein Edelmann herum, der Allen unter dem Namen Murdockson bekannt war, Oberst Murdockson, nannte man ihn kurzweg. —"
„Ich habe diesen Namen schon wiederholt gehört" — sagte David, seine Aufmerksamkeit verdoppelnd. 1 ,
„Wohlan, dieser Murdockson war ein gar schöner stattlicher Mann, der allen Weibslenten die Köpfe'
verdrehte und, wirklich sah man ihm an, wenn er die Schultern zurückwarf und den Kops hob, da schien es einem auch kein Wunder, daß sie sich alle in ihn vergafften. Dabei war er auch noch ein Haudegell, dem keiner gleichthat, wo's einen Kampf galt."
Und dieser seltsame finstere Fremde ist jenem Murdockson ähnlich wollt Ihr sagen?" (F. f.)
Vermischtes.
— Elberfeld, 2. Mai. Gestern Abend um 10 Uhr sind auf der Strecke Ratingen-Hösel durch Explosion in einem Coupe dritter Classe sieben Personen theils durch Brandwunden, theils durch Herausspringen während der Fahrt mehr oder minder schwer verletzt. Die Verletzten sind sofort ins Krankenhaus zu Kettwig gebracht worden. Die Ursache waren vermuthlich Feuerwerkskörper oder Dynamit, im Besitze von Passagieren. Von Seiten des Gerichts und der Eisenbahnbehörden sind Untersuchungen eingeleitet.
— Posen. Eine hiesige Maurerfrau hatte ein 3 Monate altes Kind in Pflege. Da das Kind öfter unruhig war, kochte die Pflegerin Mohnköpfe aus, vermischte den Extrakt mit Milch und gab die Mischung dem Kinde, um dasselbe zum Schlaf zu bringen, einige Tage hindurch mit Vorwissen der Mutter zu trinken. Das Kind ist in Folge einer Opiumvergiftung am 20. v. Mts. verstorben. Die Mutter des Kindes, sowie die Pflegerin desselben wurden deshalb verhaftet.
— Ans Hamburg wird der „V. Z." unterm 3. d. M. gemeldet: Heute wurde in der Elbe ein Stör gefangen, der 831 Psd. wog. In nächster Zeit wird durch einen Prozeß klar werden, aus welcheu Bestandtheilen zuweilen Caviar besteht, der von hier nnd Altona zur Versendung gelangt. Ein Chemiker in Frankfurt hat durch Untersuchung festgestellt, daß dazu Buchdruckwalzenmasse verwendet worden ist.
— Durch einen Zufall wurde vor kurzem in Hage ein in feinen Folgen unabsehbares Unglück verhütet. Der Lokomotivführer Voß bemerkte nämlich in dem Augenblick, als der Heizer Kohlen auflegen wollte, einen leinenen Beutel auf der Schaufel, riß denselben mit raschem Griff aus der Feueröffnung zurück und machte dann die Entdeckung, daß auf ein Haar zwei Pfund Spreng- pulver in das Feuer gelangt wären. Welche furchtbare Explosion hätte stattfinden können, wenn der mit .feinem gefährlichen Inhalt zwischen den Kohlen steckende Beuteb unter den Kessel gelangt wäre! Bergleute hatten offenbar das Verderben bringende Material unvorsichtig aufbewahrt.
— Aus dem Berliner Leben. Richter: Sind Sie verheirathet? — Zeuge: Nee, ick nich, aber meine Frau. — Richter: Sprechen Sie keinen Unsinn. — Zeuge: I, bat wer' ick doch nich! Ick bin nämlich von meine Frau geschieden. Die hat sich uu wieder verheirathet, ick aber nich. Also bin ick nich verheirathet, aber meine Frau!
— (Ein zweibeiniges Pferd.) Aus Blanken- Heim in der Eifel wird folgende Verhandlung wegen Betruges vor dem Schöffengericht berichtet: Beim Betreten des Ackers findet der Eigenthümer, daß die Saat am Rande des Grundstücks durch Ueber- reiten von Cavallerie während des letzten Manövers unbedeutend Beschädigungen erlitten hat. Unser Schlaumeier grübelt hin und her, wie dem wohl nachzuhelfen sei, um sich die für Flurschäden festgesetzte Entschädigung zu sichern. Endlich kommt er auf einen originellen Einfall. Ein Paar Hufeisen sind leicht beschafft und uutergefchnallt. Und nun marsch durch die Saat! Endlich ist die That gelungen. Der „zweibeinige Gaul" hat die Saat gründlich verdorben. Die Entschädigung wird von dem schmunzelnden Besitzer eingestrichen, nnd — der Schluß der Geschichte findet denselben mit dem Pferdefuß vor dem Schöffengericht.
— S ch nee am Himmeltahrtstage. Nach dem Wetterbericht der deutschen Seewarte^hat es am 3. d. Mts. auf Sylt, in Neufahrwaffer und in Breslan geschneit.
— Der Dampfer „Georgie" der Packetbootgesellschaft Marseille ist'an der spanischen Küste, nahe dem Cap. St. Sebastian, gescheitert. Er hatte Marseille am Freitag Morgen verlassen und war bestimmt, nach Marokko und den kanarischen Inseln zu dampsen. Die Schiffsmannschaften und die Passagiere, unter denen sich der französische Consul von Mogador befand, konnten gerettet werden; die Waaren dagegen, deren Werth sich aus 300,000 Francs belief, sind sämmtlich mit dein Schiff untergegangen „Georgie" war einer der schönsten Dampfer der obengenannten Gesellschaft. Er war 1881 in Glasgow gebaut und hatte 1,200,000 Francs gekostet. Er besaß bei 255 Pferdekräften eine Tragkraft von 2127 Tonnen.
F r u ch t P r e i s
Weizen 100 Kilogr. 18 M. 82 Pf. bis 19 M. — Pf. Roggeu 100 Kilogr. 14 M. 60 Pf. bis 15 M- 20 Pf. Gerste 100 Kilogr. — M. — Pf. bis — M. — Pf. Hafer 100 Kilogr. 12 M. 70 Pf. bis 13 All 35 Pf.