ist Dein Mann auch nicht mein Onkel, wie Du sagst, so ist er doch mein Vormund und er würde mich als solcher von hier wegführen und er und ich würden nie wieder zu Dir zurückkehren!"
„O Himmel, Himmel!" — rief das unglückliche geisteskranke Weib — „das Kind hat Recht, denn er liebt mich nicht und Alles wäre ihm ein willkommener Vorwand, sich von mir loszusagen!" Sie brach zusammen und weinte bittere Thränen.
Im Augenblicke war das Kind an ihrer Seite. — „Oh Tante, arme Tante! Weine nicht! Ich hatte Unrecht, ich fühle es, ich war sehr unartig und dreist gegen Dich. Schlage mich, Tante, wenn Du willst, ich verdiene es jetzt, wo ich Dich gekränkt habe!" — Und Gloria suchte die weinende Frau durch herzliche Liebkosungen zu besänftigen.
Eusebia drückte das Kind an ihre Brust und weinte um so heftiger.
„Ich liebe Dich, Tante, ich liebe Dich, weine doch nicht, ich bin so unglücklich, Dich gekränkt zu haben, ich will es nie wieder thun." — Gloria küßte von Mitleid bewegt dem kranken unglücklichen Geschöpfe Hände und Wangen.
Da die Kleine sah, daß ihre Liebkosungen die Erregung der Tante nur zu verstärken schienen, griff sie noch zu einem anderen Mittel. — „Und auch mein Onkel, Dein Mann wollte ich sagen, liebt Dich, Tante, gewiß, er liebt Dich, wenn Du auch stets das Gegentheil glaubst. Ich sehe es, Tante, denn wenn Du mit ihm so" — grob bist — wollte das Kind sagen, verbesserte sich aber und sagte — „wenn Du so unglücklich bist, dann ruht sein Blick so mitleidsvoll auf Dir!"
„Nicht weiter, Gloria, Du weißt nicht, was Du sprichst — ich will sein Mitleid nicht, hörst Du, ich brauche es nicht! — Ich bin weder ein Hund noch ein Bettler, verstehst Du, Kind!" — Und sie setzte das Kind in einem neuen Zornesanfalle von ihrem Schoos herab und eilte hastigen nervösen Schrittes zur Thüre des Gemaches hinaus, dem unglücklichen Gatten nach, der sich erlaubte, Mitleid anstatt Liebe für sie zu empfinden.
Dieses gemüths- und geisteskranke Weib wurde die Geißel ihrer Häuslichkeit. Szenen, wie die eben geschilderte, wiederholten sich unablässig. Die kleine Gloria waltete beinahe ausnahmslos als versöhnender Genius dieser beiden unglücklichen Menschen, nur hin und wieder bemächtigte sich Entrüstung ihres jungen Gemüthes und sie vergaß alsdann, daß es Kindern unter allen Bedingungen zukommt, zu schweigen. Auch sie war von jener raschen Art: „Die leicht Thränen bringt und trocknet"; dieser rasche Impuls, dieses schnelle Handeln, Entschlüsse fassen und sie ausführen, bildeten einen bleibenden Zug ihres Charakters während ihres ganzen zukünftigen Lebens.
Aber ungeachtet ihrer eigenen zeitweiligen Heftigkeit blieb sie doch der Friedensengel des Hauses. Selbst die alten schwarzen Diener steckten die Köpfe zusammen und konnten sich der Wahrnehmung nicht entziehen, daß Herr und Herrin längst aus- einandergegangen wären, ohne die beständige Vermittlung der kleinen Miß Gloria.
Und in der That das düstere, altersgraue Kastell mit seinen hohen Festungsmauern, feinen großen öden Wohnräumen, dem unglücklichen Paar darin und der grollenden See ringsum, müßte für jedes Kind, dem eine weniger reiche Quelle frischen Lebensmuthes von der Natur zugedacht worden wäre, als sie die kleine Gloria besaß, ein trauriger Aufenthalt gewesen sein.
Kaum war der lange Winter vorüber und die Sonne begann von Neuem warm und belebend zu scheinen, die Wiesen zu grünen, der Meeresspiegel sich blau zu färben, so war auch Gloria draußen auf Wiese und Feld und begrüßte das erste Erwachen der Natur, pflückte die ersten Blumen und lauschte den Liedern der gefiederten Sängerschaar, die aus weiter Ferne zu dem öden Fels im Meere zurückgekehrt war.
Mit dem Wiedererwachen der Natur wurde es auch stets in den zu der Besitzung gehörigen Insel- Fischereien lebendig. Der zur Winterszeit so einsame Platz wimmelte so weit das Auge reichte, von Fischerlenten, welche von anderen im Meere zerstreuten Inseln kamen und hier anlegten, um Tauschgeschäfte zu machen oder Käufe mit den Fischern von „Piraten-Eiland" abzuschließen. Auf der Insel selbst wurde Zelt an Zelt aufgeschlagen und vor den Hütten, die im Winter gegen die See zu ängstlich verbarrikadirt waren, lagerten Kinder und Fischerfrauen saßen vor ihren Thüren und machten die Netze für den Fischfang zurecht, der in dieser Jahreszeit ausschließliches Monopol der Gutsherrschaftwar. Unter den Fischerleuten, welche im Dienst der Herrschaft standen, war auch ein junger Bursche von ungefähr zwölf Jahren. Seine Eltern waren gestorben und hatten ihn der Obhut feiner alten Großmutter zurückgelassen, welche ganz allein auf einer winzigen Düne lebte, die sich unge
Vermischtes.
— Gotha, 28. Sept. (Unglücksfälle durch Hochwasser.) Einem Privatbriefe aus Arnstadt entnimmt die „Gothaer Zeitung" die Nachricht, daß beim Einsturz einer vom Hochwasser zerstörten Brücke ein Knabe in den Fluß stürzte. Es gelang weder ihn zu retten, noch den von den reißenden Fluthen hinweggetriebenen Körper zu finden; beim Suchen nach demselben fand man aber mehrere Opfer der Ueberschwemmung; 6 Leichen von Kindern, die eines Mannes und einer Frau.
— Königsberg, 28. September. (Verbotder Einfuhr von Schweinen aus Rußland.) Wie-das hiesige Amtsblatt publicirt, ist in Folge der großen Verbreitung der Maul- und Klauenseuche unter den Schweinen in Rußland seitens des RegierungsPräsidenten die Einfuhr von Schweinen aus Rußland über die Landesgrenze des Regierungsbezirks Königsberg bis auf Weiteres verboten' worden. Uebertretungen dieses Verbots unterliegen den Strafbestimmungen des §. 66 des Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880.
— Folgen der Vergeßlichkeit. Aus Prag wird gemeldet: „Fräulein R., Abonnentin eines Sperrsitzes im ezechischen Theater, ist sehr vergeßlich und ließ öfter verschiedene Gegenstände im Theater liegen. Vor vier Wochen wohnte sie ebenfalls einer Vorstellung bei und stellte während derselben das Opernglas rechts, das leere Etui links. Beim Nachhausegehen nahm sie das leere Etui und übergab es dem sie erwartenden Dienstmädchen. Das Mädchen gab das Etui, ohne es geöffnet zu haben, an den gehörigen Ort. Nach einigen Tagen sieht Fräulein R. nach, findet Das leere Etui und beschuldigt das Mädchen des Diebstahls. Das unschuldige Mädchen nimmt sich diesen Vorwurf zu Herzen, springt ins Wasser und wird
fähr eine halbe Meile von „Piraten-Eiland" aus dem Meere erhob. Wer der ursprüngliche Besitzer dieses angeschwemmten Stückchen Landes gewesen, wußte Niemand zu sagen, da es noch Keiner der Mühe werth gefunden hatte, diesem unscheinbaren Besitz nachzuforschen. Zur Zeit unserer Erzählung aber wurde die Großmutter David Lindsay's als die rechtmäßige Besitzerin des Jnselchens anerkannt. Früher einmal wußte man, hatten holländische Ansiedler dort gewohnt und von diesen sollte Lindsay's Großmutter abstammen.
Es war an einem herrlichen Maimorgen, als die kleine Gloria auf ihren Wanderungen durch das Vorgebirge, zum erstenmal bis hinunter an den steinernen „Seewall" gekommen war. Dort angelangt gewahrte sie eine schmale Oeffnung in dem alten morschen Gestein und kroch, von kindlicher Neugierde geplagt, durch dieselbe hindurch. Vor ihren Blicken lag ein schmaler sandiger Landstrich, auf welchem einige niedrige Hütten, Fischerbote, Netze, Seegras und geschwemmtes Holz zu sehen waren. Gloria stand in der Mauerhöhlnng und blickte verwunderten Auges aus das für sie so neue Bild. Als Mittelpunkt dieser Szenerie gewahrte sie einen Knaben, der unweit einer Menge Netze und Stricke saß und eifrig bemüht schien, sie auseinanderzuwirren; als ihm dies gelungen war, erfaßte er mit geübter Hand eine grobe Nadel und besserte die verschiedenen kleinen Schäden aus, die er hie und da daran gewahrte. Er war so vertieft in seine Arbeit und so fleißig damit beschäftigt, daß er das Kommen des kleinen Mädchens, das ihn schon eine gute Weile belauschte, gar nicht bemerkt hatte. Gloria ihrerseits stand regungslos da und beobachtete ihn mit lebhaftester Theilnahme. Sie schwelgte über seinen Anblick in Entzücken! Das einsame Kind hatte nie andere Kinder ihres Alters in der Nähe gesehen. Einige Fischerkinder, am Strande abgerechnet, gab es überhaupt keine Kinder auf der Insel und mit diesen war es ihr untersagt worden, Freundschaft zu schließen. Ihr ganzes Dasein hatte sie unter Erwachsenen hingebracht und noch dazu unter solchen, die selbst keine Herzensfreudigkeit und keinen heiteren Sinn besaßen. Ihr Herz hüpfte daher in diesem Augenblick vor Freude, als sie des hübschen Knaben ansichtig wurde, der so fröhlich und glücklich bei seiner Arbeit schien, wie sie noch nie zuvor Jemanden gesehen hatte.
Obgleich er einen alten zerrissenen Strohhut auf seinem dunkel gelocktem Kopfe trug, sein Rock an vielen Stellen geflickt war und seine aufgesteckten Beinkleider Füße ohne Schuhe und Strümpfe zeigten, war er für sie doch ein Engel, ein Engel ihres eigenen Himmels, des Kinderhimmels! Diesem gehörte er an und darum jauchzte ihr Herz vor Freude, als sie ihm in das wettergebräunte liebe Antlitz sah! Sonne und Frühling hatten ihn wohl hierher gebracht. Oder war er gar mit den lieben Vöglein weit über's Meer gekommen, um ihr kindliches Gemüth zu erfreuen?! (F. f.)
als Leiche herausgezogen. Das Fräulein, welches inzwischen aufs Land gegangen war, kam dieser Tage nach Prag zurück. Bei der ersten Vorstellung, welche sie besuchte, wurde ihr der verloren geglaubte Operngucker zurückgegeben."
— (Zur Warnung!) Aus Cöln wird berichtet: Ein hiesiger Kaufmann hatte zwei Söhne nach Much in die Ferien geschickt. Vorgestern schössen nun junge Leute in dem Garten des Hauses, worin die beiden Söhne sich aufhielten, nach der Scheibe; dabei lief der eine der Knaben gewissermaßen in den Schuß. Er wurde in den Rücken getroffen und war bald darauf todt. Ein Sohn des Hauses hat den unglückseligen Schuß gethan.
— Petersburg, 30. September. Heute fand auf der Popowka „Nowgorod" die Explosion einer Seemine statt, wodurch dem Vernehmen nach 2 Offiziere und 4 Matrosen getödtet und ein Beamter und 8 Soldaten verwundet wurden.
— D e r g r o ß e K o m e t ist Sonnabend Morgens
5 Uhr auch in Berlin, tief am Osthorizont, 10 Grad südlich von dem Punkte, wo nachher die Sonne aufging, entdeckt worden. Derselbe ist auch bei unbewölktem Himmel nur etwa von 5—5| Uhr wahrzunehmen, da ihn nach dieser Zeit das zunehmende Tageslicht unsichtbar macht. In Wien hat man ihm am Tage vorher beobachtet, und dort hat man constatirt, daß die Erscheinung bedeutend großartiger sei, als die des vorjährigen Kometen. Es ist freilich auf solche Versicherungen erfahrungs- mäßig nicht viel zu geben.
— (Der Mann ohne Kopf.) Im „Vermischten" eines französischen Provinzialblattes war dieser Tage zu lesen: „Ein schrecklicher Vorfall hat die Bewohner unserer Stadt in Aufregung versetzt. Der Schornsteinfeger Gitrini fiel von einem Dache herab und zog sich eine schwere Verletzung am Kopfe zu. Man fürchtet, daß eine Amputation nothwendig wird."
— (Das Kreuz des Banditen - Chefs.) Der griechische Räuberhauptmann Aerghis in Albanien ließ vor einigen Jahren in seiner Höhle ein großes eisernes Kreuz aufstellen, vor dem die Bande Früh und Abends ihre Andacht verrichten mußte. Ierghis, der seinen Leuten mit gutem Beispiele vorangehen wollte, kroch auch in der Nacht fleißig zum Kreuze hin und bedeckte es mit seinen Küssen. Vor einigen Tagen war jedoch plötzlich das Kreuz verschwunden und mit ihm zugleich zwei Mitglieder der Bande. Am andern Morgen fand Aerghis das Kreuz vor dem Eingänge zu seiner Höhle liegen. Seine zwei entflohenen Gehilfen hatten nämlich die Entdeckung gemacht, daß das Kreuz im Innern hohl sei und die Ersparnisse ihres Chefs enthalte. Ein kleines Pförtchen auf der Rückseite des Kreuzes bildete die Oeffnung zu dieser Sparkasse. Sie stahlen daher das Kreuz, entleerten es seines kostbaren Inhaltes und stellten es sodann wieder ihrem früheren Gebieter zurück.
— Das Einkommen des Großscherifs. Wie bekannt, hat der Sultan den Großscherif von Mekka, Abdul Mutalib, abgesetzt und den Scheik Abdullah zu dessen Nachfolger ernannt. Das Einkommen eines Großscherifs ist ein großartiges. Derselbe ist nämlich zugleich auch Statthalter der Provinz Hedschas mit den zwei heiligen Städten Mekka und Medina, welche jährlich, mit Ausnahme der Zölle, die dem Sultan gehören, gegen drei Millionen Francs abwirft. Von dieser Summe muß der Großscherif zwar das Beamtenpersonal erhalten, aber jedenfalls bleibt eine Million davon in seiner Tasche zurück. Die verschiedenen Abgaben, welche die Mekkapilger ihm entrichten müssen, tragen wieder bei 800 000 Francs jährlich und der heilige Brunnen Semsem bei der Kaaba, dessen Wasser allgemein theuer bezahlt wird, wirft gegen 80000 Francs jährlich ab. Seine Frauen muß der Sultan neu^bekteiden. Im ganzen genommen dürfte sich das jährliche Einkommen des Großscherifs auf drei Millionen Francs belaufen.
— (Eine Musikkritik aus Kindermund.) Die Scene ist ein'kleiner Haushalt. Seit einigen Tagen hat der Luxus in der Gestalt eines Claviers in die bescheidene Wohnung seinen Einzug gehalten, und Mama bearbeitet dasselbe schlecht und recht, nachdem sie ihr Tagewerk vollendet. Inmitten der sentimalen Melodie ruft plötzlich das kleine Töchter- chen: „Das ist hübsch, das Piano ist sehr hübsch! Es macht beinahe noch viel schönere Musik als die Nähmaschine!"
Fruchtpreise.
Weizen 100 Kilogr. 18 M. 40 Pf. bis 18 M. 80 Pf. Roggen 100 Kilogr. 14 M. 20 Pf. bis 15 M. — Pf. Gerste 100 Kilogr. — M. — Pf. bis — M. - Pf. Hafer 100 Kilogr. 11 M. 35 Pf. bis 12 M. 70 Pf.