Wiedervereinigung und Gleichberechtigung aller Liberalen zu predigen, wie dies noch jüngst auf ihrem Parteitage in Dresden geschah. Noch deutlicher wird auf dem am 2. Juli in Köln statt- findenden national-liberalen Parteitag, auf welchem Herr von Bennigfen die Hauptrede hallen wird, es sich zeigen, daß die gemäßigteren Liberalen eigentlich nur die Geschäfte der Fortschrittspartei besorgen, obwohl den Nationalliberalen die Erinnerung an das damals von ihrer Presse bitter beklagte Eindringen der Fortschrittspartei in ihre hannoversche Domäne bei den vorjährigen Reichstagswahlen nicht entfallen sein sollte. Der Reichskanzler hatte nur zu Recht, als er in seinen rieu- lichen Reden darauf hinwies, wie die extremen Parteien immer die übrigen ins Schlepptau nehmen.
Oeflerreich-Ungarn.
Im Schooße der österreichischen Regierung wird über die Thunlichkei: und Möglichkeit, den gesetzmäßigen Pertretungstorpern ein Budget für Bosnien und die Herzegowina vorzulegen, gegenwärtig verhandelt. Herr v. Kallay, der gemeinsame Finanzminister, soll dem vielfach geäußerten Wunsche, daß den Delegationen statt der bisherigen orien- tirenden Ausweise vereinzelte budgetmäßige Boranschläge unterbreitet werden möchten, nicht abgeneigt sein. Er erkennt der Forderung nach einer wirklichen constitutionellen Aufsicht in den occu- pirten Provinzen volle Berechtigung zu und werden die Verhandlungen, welche gegenwärtig über diese Angelegenheit zwischen Wien und Pest schweben, jedenfalls zu einer Verständigung führen.
Rußland»
Die Temperatur in der russischen Hauptstadt zeigt wieder eine unheimliche Schwüle. Die Nihilisten haben ihre Maulwurfsarbeit wieder ausgenommen, wie die Entdeckung eines mit Sprengbomben und Dynamit wohlgefüllten nihilistischen Versteckes beweist. Gegen fünfzig Personen sind infolge dessen verhaftet worden, welche beschuldigt sind, ein Attentat gegen den Czaren geplant zu haben, das während der beabsichtigten Krönungsfeier in Moskau zur Ausführung gelangen sollte. — Das wirthschaftliche Elend, welches im Czaren- reiche neben den unsicheren politischen Verhältnissen herrscht, wird durch die immer größere Dimensionen annehmende Auswanderung der russischen Bauern deutlich Auftritt. Die inneren Gouvernements stellen das Hauptcoutingent zu diesen Auswanderungszügen, welche sich nach dem Dongebiete, dem Kaukasus, West-Sibirien, ja, sogar nach den fernen Ufern des Amur richten. Nur die allergrößte Noth kann diese Leute, welche so zäh an ihrer Scholle hängen, zwingen, ihre Heimat zu verlassen und in der That sollen die Pachtgelder für die armen Bauern in manchen Kreisen ganz unerschwingliche sein. Vermutlich trägt auch die mangelnde Absatzfähigkeit im Innern Rußlands mit zu dieser elenden Lage bei, da das mittel- russische Eisenbahnnetz noch sehr große Lücken auf- zuweisen hat. Letzteren Uebelstand hat man indessen rm russischen Ministerium erkannt, da dasMinister- comit6 beschlossen hat, das Eisenbahnnetz jährlich um 1000—1200 Werst zu erweitern, welcher Beschluß zunächst auf das Innere Rußlands Anwendung finden soll.
Nord-Amerika.
Nur noch Tage liegen zwischen heute und dem Momente, in welchem der Präfidenteu-Mörder Guiteau am Galgen seine wohlverdiente Strafe für seine verbrecherische That finden soll. Die Verwandten Guitean's und dessen Advocat setzen Alles in Bewegung, um Guiteau vor dem Strick zu retten, aber die öffentliche Meinung in Amerika fordert gebieterisch die Hinrichtung Gniteau's und dieser Forderung gegenüber darf das Gericht nicht wagen, das Guiteau zum Galgen verdammende Verbiet hinauszuschieben oder gar in ein milderes Urtheil umzuändern.
# Unsere Fürsten.
Fürst Bismarck hat in dem neugewählten Reichstage des Oefteren Gelegenheit genommen, die Bedeutung des monarchischen Prinzips für Deutschland und die deutschen Stämme zu betonen und den Segen der königlichen Politik gegenüber, der parlamentarischen hervorzuheben. Dieses sein Bekenntniß königstreuer Gesinnung hätte der Kanzler, wenn er nicht dazu veranlaßt worden wäre, gewiß nicht von Neuem abzulegen brauchen: alle seine Großthaten wurzeln in dieser Gesinnung und für jeden Einsichtigen unterlag es nie einem Zweifel, daß seine ganze Politik, der wir so viel verdanken, darauf gerichtet war, den Glanz und die Macht der Krone wieder in das Bewußtsein seiner Zeit zurückzuführen, nachdem die revolutionären Stürme, welche in diesem Jahrhundert über
Europa dahin brausten, an diesem festesten Grundpfeiler des Staatslebens heftig gerüttelt hatten.
Wenn er es im November vorigen Jahres unternahm, die Stellung des Kaisers gegenüber der Regierung und dem Parlament klarzulegen, so war er hierzu durch den Versuch der Fortschrittspartei genöthigt worden, die Bedeutung der Allerhöchsten Botschaft vom 17. November abzuschwächen und dem Kaiser als constitutionellen Fürsten das Recht jeder selbstständigen Willensmeinung abzusprechen. Wenn er weiter am 24. Januar die Rechte des Königs vertheidigte und in einer ergreifenden Rede für die ungehinderte Wechselbeziehung zwischen König und Volk und für die Traditionen der preußischen Dynastie eintrat, so that er dies in Abwehr der vielfach bedenklichen Auslegungen, welche dem Erlaß des Königs vom 4. Januar zu geben versucht worden waren.
Neuerdings hat Fürst Bismarck im Reichstage erklärt, sein Vertrauen, daß unsere Einheit auch in Zukunft gesichert sei, beruhe heutzutage auf den Dynastien: „die deutschen Dynastien sind heutzutage national gesinnt, sie haben das Bedürfniß, Rücken an Rücken zusammen zu stehen gegenüber allen auswärtigen Gefahren, aber auch ihre monarchischen Rechte, soweit wie sie verfassungsmäßig bestehen, nicht untergraben zu lassen"; — „ich habe zu den deutschen Dynastien das Zutrauen, daß sie den nationalen Gedanken stets hochhalten werden, daß sie ihrerseits die politische und mili- tairische Einheit des Reichs unverbrüchlich bewahren werden. . . . ."
Auch dieses Zeugniß unseres großen Staatsmannes war direct veranlaßt worden, und zwar dadurch, daß der Kanzler sich der Ueberzeugung nicht verschließen konnte, daß seine auf den Ausbau und die Festigung des Reichs gerichteten Pläne seit längerer Zeit bei dem Parlament einen stets wachsenden Widerspruch finden, welcher die gedeihliche Weiterentwickelung des Reichs in Frage stellt. Es bildete nur die Fortsetzung und Bestätigung des Gedankens, dem der Kanzler schon am 28. November v. I. mit den Worten Ausdruck gegeben hatte: „Heutzutage muß ich die Regierungen als die stärkeren Bürgschaften für die Erhaltung und Förderung der deutschen Einheit im Vergleich mit dem Parlament, mit dem Reichstage betrachten. In der Durchführung der nationalen Einheit sehe ich mich durch die Regierungen gefördert, aber durch den Reichstag gehindert."
Es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, daß die Politik des Parlaments dem Kanzler dieses freimüthige Bekenntniß von der Bedeutung unserer Fürsten für das deutsche Volk abnöthigte und daß Fürst Bismarck das Volk von Neuem hieran erinnerte und erinnern mußte. Noch viel charakteristischer aber ist die Aufnahme, welche dieses Zeugniß und Bekenntniß bei der Linken fand und welche in dem Worte gipfelt:
„Die Dynastien sind Alles durch das Volk, Nichts ohne das Volk."
Dieses demokratische Bekenntniß stellt sich in den schroffsten Widerspruch nicht nur zu der monarchischen Gesinnung unseres Staatsmannes und, wie wie wir fest überzeugt sind, zu derjenigen unseres ganzen Volkes, sondern auch zu den geschichtlichen, offenkundigen daliegenden Thatsachen. Wohl können die Dynastien ohne ein Volk nicht bestehen. Aber umgekehrt können auch die Völker, wie die Geschichte dies immer wieder lehrt, der Führung und Leitung der Dynastien nicht entbehren, wenn sie zur vollen Entfaltung ihrer Kraft und Stärke gelangen wollen. Was wäre Preußen und Deutschland ohne seine Fürsten, ohne unseren Kaiser? Man blättere nur in dem Buch der preußischen Geschichte, wo jede Seite das Gegentheil von dem demokratischen Bekenntniß beweist. Das Haus der Hohenzollern hat den preußischen Staat geschaffen, dem Geist und dem Pflichtgefühl unserer Fürsten verdanken wir den mächtigen Aufschwung Preußens, die Gründung des Reichs, die Stellung, welche Deutschland in Europa im Rathe der Mächte einnimmt. Wäre in der Conflictszeit die parlamentarische Politik maßgebend gewesen, dann hätten auch die gegenwärtigen Führer der Opposition keine Möglichkeit, auf ihre Verdienste um die deutsche Einheit hinzuweisen.
Wir können in der Aufwallung, welche der Hinweis auf die hohe Bedeutung unserer Fürsten her- vorruft, nur die Neigung sehen, die Krone — wie einst Herr von Bismarck sagte — „nur zu einem rein ornamentalen Schmuck des Verfassungsgebäudes, zu einem todten Maschiuentheil zu machen, der in den Mechanismus des parlamentarischen Regiments eingefügt ist." Mit um so größerer Freude ist es zu begrüßen, daß der Kanzler diesen Anschauungen und Bemühungen, wie er es schon durch seine Handlungen gethan, immer wieder durch sein offenes Bekenntniß ein Gegengewicht hält und
der wachsenden Selbstherrlichkeit des Parlaments gegenüber anf den festen Grund und Anker hin» weist, ohne welchen das Staatsschiff, dem Sturme preisgegeben, leicht an Klippen zerschellen kann.
Aus Hessen-Nassau,
Kassel, 28. Juni. Se. Königliche Hoheit Prinz Karl von Preußen wird am 29. d. M. seinen 82. Geburtstag in stiller Zurückgezogenheit verleben. Der hohe Patient hat die ihm zugedachten Besuche von fürstlichen Verwandten und den Damen seiner verstorbenen Gemahlin dankend abgelehnt.
Kassel, 26. Juni. Gleich heute, am ersten Tage des Wollmarktes, war die Zufuhr bedeutend größer, als im vorhergehenden Jahre, sind doch bereits 1750 bis 1800 Centner Wolle verschiedener Qualität angefahren worden, darunter zum Theil noch vorjährige Posten. Außerdem wurden auch mehrere größere Posten Wolle, die auf den vor einigen Tagen stattgefundenen Wollmärkten zu Paderborn und Arolsen unverkauft geblieben sind, dem hiesigen Wollmarkte zugeführt. DieOekonomen selbst haben nur wenig Wolle direkt an den Markt gebracht, zum überwiegenden Theile befindet sich solche in zweiter Hand. Da nur wenig Fabrikanten am Platze eingetroffen sind, so war die Tendenz des Marktes heute Vormittag eine äußerst abwartende und stille; erst im Laufe des Nachmittags entwickelte sich ein regerer Verkehr, indem die Verkäufer in ihren Preisforderungen ein größeres Entgegenkommen beobachteten, und wurden, zumeist allerdings nur von Händlern, einige namhafte Geschäfte abgeschlossen. Der Begehr war vorzugsweise auf feinere Qualitäten gerichtet, welche denn auch die vorjährigen Preise erzielten, ja sogar je nach Qualität noch einen höheren Preis erreichten. Auch die mittleren Sorten waren gefragt und hielten sich im Wesentlichen auf der Höhe der vorjährigen Preise, während gewöhnliche Landwolle geringerer Qualität im Preise etwas nachgeben mußte. Bezahlt wurden nach amtlichen Ermittelungen: für feinere Sorten 140—150 M., für mittlere Sorten 130—135 M. und für ordinäre Sorten (gewöhnliche Landwolle) 108—112 M. Einzelne vorhandene besonders gute Stämme letzterer Sorte, gut gewaschen, erzielten indessen 114—123 Mark. Die Wäsche ist durchweg eine gute zu nennen.
Kassel, 27. Juni. Ein eigenthümlicher Unfall ereignete sich gestern Nachmittags auf der Frankfurter Chaussee in der Nähe des Bahnhofes von Niederzwehren. In einer Chaise, in welcher sich drei Damen und ein Herr befanden, war plötzlich auf noch nicht aufgeklärte Weise — vielleicht durch ein achtlos weggeworfenes Streichholz — die dicht vor den Sitzen auf dem Boden des Wagens angebrachte Fußpolsterung in Brand gerathen und das Feuer ergriff das Kleid einer der Damen, so daß dasselbe plötzlich in Flammen stand. Zum Glück war auf der freien Landstraße Hülfe in der Nähe, zwei Männer erstickten das Feuer im Wagen und es ging somit, wenn auch der Schrecken kein geringer und die Toilette ruinirt war, doch ohne Verletzungen ab.
Frankfurt, 27. Juni. In der verflossenen Nacht wollte ein in dem Hause Große Eschenheimer- straße 70 bediensteter Kutscher in seinen im ersten Stock gelegenen Schlafraum gehen, gerietst aber, schlaftrunken, an eine falsche Thüre, die unmittelbar ins Freie nach dem Hofe zu führt, und stürzte in den gepflasterten Hofraum hinab. Der Mann wurde in das Bürgerspital verbracht, wo er noch während der Nacht verstarb. Er hinterläßt eine Frau und mehrere Kinder in Bockenheim.
Die DarlelMkassen-Vereine.
(Aus der Mescheder Zeitung.)
Es ist im Laufe des Winters in einer Reihe von Artikeln in dieser Zeitung Rede gewesen von den Raiffeisen'schen Darlehnskassen, in der Absicht, die Bevölkerung aus diese Einrichtung ausmerksam und für Einführung dieser Vereine geneigt zu machen. Referent glaubt es den geehrten Lesern dieser Zeitung schuldig zu sein, wenn er jetzt, nachdem in Fretter ein solcher Verein in's Leben getreten ist, über dessen Wirksamkeit und Nutzen, und über die Ansichten der Vereins» genossen Bericht erstattet.
Unser „Fretter-Serkenroder Darlehnskassen-Verein, e. G. zu Fretter" hat am 9. Mai seine Thätigkeit begonnen. Mit demselben wurde sogleich eine Sparkasse und eine sogenannte Psennigs-Sparkasje verbunden. Um nämlich den Kindern praktische Anleitung zur Uebung der Tugend der Sparsamkeit zu geben, sind im Vereinsbezirk mehrere Verkaussstationen von tO Piennigsmarken errichtet worden; so in Schliprüthen bei Herrn Lehrer Wüllner, in Weispert bei Herrn Lehrer Bender, in Serkenrode bei Herrn Lehrer Rath, in Fretter bei Herrn Lehrer Voß, Rechner Bitter und dem Unterzeichneten. Sobald ein Kind 10 solcher Pfennigsmarken eingelöst hat, wird ihm ein Sparkassenbuch, lautend auf Eine Mark, einge- hündigt. Es ist etwas Hochersreuliches, zu beobachten, mit welchem Eifer die Pfennige zusammengesucht und der Sparkasse übergeben werden. So hatten wir im Monat Mar (vom 9. angefangen) das Vergnügen, 20 Sparkassenbüchelchen an Schulkinder austheilen zu können. Die Gesammt-Ein»