tagmorgen außerordentlich stark beschäftigt. Klienten, die seinen Rath hören wollten, und Akten, in denen er studiren mußte, nahmen seine Zeit und Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß er das Fehlen seines ersten Schreibers kaum bemerkte und ebensowenig daran dachte, sich nach dem Dokument um- zuschauen, das er nach dem Diner den Herren von Hammerstein vorlesen wollte.
Es war kurz vor Mittag, als der zweite Schreiber ihm meldete, der Gastwirth Palm wünsche einige Worte mit ihm zu reden, und er wollte diesen Wunsch schon ablehnend beantworten, als die bestürzte Miene des Schreibers ihn veranlaßte, die erbetene Unterredung zu bewilligen.
„Nun? Was bringen Sie mir?" fragte er in seiner kurz angebundenen Weise, ohne von seinen Akten aufzublicken, „wollen Sie wieder um Ausstand bitten? Kann leider nicht bewilligt werden; ich muß rücksichtslos gegen Sie vorgehen, Ihre Gläubiger haben es mir zur Pflicht gemacht."
„Sie werden hoffentlich so lange warten, bis ich meinen Sohn beerdigt habe", erwiderte Palm mit dumpfer Stimme.
Der Notar blickte erschreckt zu ihm auf, aber es bedurfte auch für ihn nur eines Blicks in dieses bleiche, verstörte Antlitz, um zu erkennen, daß der Mann die Wahrheit sprach.
„Ihr Sohn Robert ist todt?" fragte er erregt. „Er war gestern Abend noch frisch und gesund—"
„Und in der vergangenen Nacht fiel er die Kellertreppe hinunter", unterbrach der Gastwirth ihn.
„Er blieb sofort todt?"
„Er hat noch eine Stunde ohne Bewußtsein auf seinem Schmerzenslager gelegen, menschliche Kunst konnte sein Leben nicht mehr retten. Es ist hart, das einzige Kind verlieren zu müssen, Herr Notar, zumal, wenn man nur Freude au ihm erlebt hat. Sie werden ja auch meinem Robert das Zeugniß geben, daß er ein braver und ehrlicher Jnnge war."
„Gewiß, gewiß", erwiderte der Notar bewegt, „Sie dürfen sich meiner herzlichsten Theilnahme versichert halten. Aber wie ist das nur gekommen?"
„Er wollte Wein aus dem Keller holen, die Treppe ist sehr hoch und sehr steil, wie es eigentlich gekommen ist, daß er stürzte, weiß ich nicht, denn ich war nicht zugegen. Ich hörte den Schrei und eilte hinzu, wir ließen sofort den Arzt kommen aber wie gesagt, menschliche Hülfe konnte nichts mehr ausrichten. Ja, es ist sehr hart, Herr Notar, namentlich, wenn man nur ein paar Pfennige in der Tasche hat und nicht weiß, wovon man die Kosten der Beerdigung bestreiten soll —"
„Hier, nehmen Sie!" unterbrach ihn der alte Herr, der rasch in seine Kassette hineingegriffen hatte, „ich wollte das Zehnfache geben, wenn ich damit Ihren Sohn in's Leben zurückrufen könnte. In der anderen Angelegenheit kann ich Ihnen leider nicht helfen, es nutzt Ihnen nichts, ob Sie weiter prozessiren, Sie vermehren dadurch nur die Kosten."
„Meine Krast ist nun gebrochen, ich danke Ihnen, Herr Notar, es ist bitter, Almosen annehmen zu müssen, wenn man bessere Tage gesehen hatte. Ich werde wohl auswandern, um in meinen alten Tagen drüben noch einmal mein Glück zu versuchen. Wenn ich nur die Mittel hätte, um die Reisekosten zu bestreuen 1"
„Ich werde mit dem Herrn Baron von Hammer- stein darüber sprechen, vielleicht komme ich morgen zu Ihnen, jetzt muß ich Sie bitten —"
„Ich will nicht länger stören, Herr Notar, tausend Dank für Ihre Güle!"
Der Notar blickte tief bewegt dem hageren Mann nach und schüttelte das weiße Haupt, dann trat er an den Dokumentenschrank, um ein Glas Burgunder zu trinken.
Eine halbe Stunde später kam Baron Udo mit seinem Bruder und dessen Tochter. Wedekind, der noch immer beschäftigt war, empfing sie in seinem Kabinet, aber er konnte nur wenige Worte mit ihnen wechseln; mit dem Versprechen, ihnen bald zu folgen, bat er sie, hinaufzugehen.
Es war ein sehr verwickelter Rechtsfall, in dessen Studium er sich vertieft hatte, er achtete gar nicht darauf, wie rasch die Zeit schwand, bestürzt und verwirrt blickte er das Dienstmädchen an, das ihm meldete, die Suppe werde sogleich ausgetragen.
Er mußte sich beeilen, um rechtzeitig im Speisezimmer zu erscheinen, an das Dokument konnte er jetzt nicht mehr denke.; übrigens hatte das ja auch Zeit bis nach dem Diner.
Als er sich bei seinen Gästen einfand, waren Else und Reinhilde schon eng mit einander befreundet, Frau Marianne plauderte mit den beiden Herren und die heilere Gesellschaft übte auch auf Wedekind ihren belebenden Einfluß.
Er bewunderte die Schönheit Else's, die jetzt durch eine elegante und geschmackvolle Toilette noch mehr gehoben wurde, er fand inniges Wohlgefallen
an ihrer Natürlichkeit und Bescheidenheit, wie an der Gemüthstiefe, die sich in ihren Anschauungen dokumentirte.
Er richtete oft eine Frage an sie und jede Antwort, die sie ihm gab, machte ihn glücklich darüber, daß sie die Freundin seiner Enkelin geworden war.
Baron Burkhard, der stille, ergebene Dulder, machte ebenfalls einen angenehmen Eindruck auf ihn, er unterhielt sich mit ihm über seine früheren Triumphe und er erinnerte sich dabei manches glänzenden Concertberichtes, den er in jener Zeit gelesen hatte.
Der Blinde wollte schon bei Tisch die Rede auf die Mittheilungen bringen, die der Notar ihnen versprochen hatte, aber Wedekind bat ihn, bis nach dem Diner zu warten, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema.
Die vortrefflich zubereiteten Speisen und der feurige Wein belebten die Stimmung mehr und mehr, selbst Elfe trat aus ihrer -bisherigen Schüchternheit heraus und scherzte in ausgelassener Laune mit der Freundin, die ihren jugendlichen Muthwillen nur mühsam zu zügeln vermochte.
Endlich war auch das Dessert aufgetragen und verzehrt, der Notar hielt jetzt den Augenblick für gekommen, die Tafel aufzuheben.
„Wir wollen nun die Damen ihrem Schicksale überlassen und uns ein Stündchen zurückziehen", sagte er und Baron Burkhard nickte dazu so lebhaft, als ob er andeuten wolle, nichts könne ihm angenehmer sein. „Sie haben wohl die Güte, Frau Marianne, uns den Kaffee in's Kabinet zu schicken, nach einer Stunde werden wir voraussichtlich Alles erledigt haben, und inzwischen wird auch wohl Willi Deguer sich einfinden."
„Willi kommt erst heute Abend, lieber Großpapa", erwiderte Reinhilde, „er war heute Morgen schon hier, wollte Dich aber nicht stören."
„So, Du kleiner Wildfang?" scherzte der alte Herr. „Er wollte mich nicht stören? Du wirst ihm gar feine Zeit gelassen haben, mir guten Morgen zu sagen! Bitte, folgen Sie mir, meine Herren, mit Verlobten ist gar kein vernünftiges Wort zu sprechen, ich erfahre das jetzt täglich."
Baron Udo reichte seinem Bruder den Arm und bat ihn mit leiser Stimme noch einmal, keinen allzu großen Hoffnungen Raum zu geben; bald darauf traten die Herren in das Kabine: des Notars.
Wedekind bat sie, Platz zu nehmen, und bot ihnen Cigarren an und nachdem er den Tisch abgeräumt und die eiserne Kassette, die noch verschlossen war, daraus gestellt hatte, ließ er sich ebenfalls auf einem Sessel nieder.
„Ich habe den heutigen Nachmittag gewählt, damil wir ganz ungestört uns unterhalten können", sagte er in seiner schlichten, herzlichen Weise, „wir werden einander viel zu berichten haben. Sie wissen, ich war der Sachwalter Ihres Herrn Vaters, ich blieb es bis zu seinem Ableben und noch kurz vor seinem Tode empfing ich ein Dokument von ihm, dessen Inhalt ich Ihnen mittheilen sollte, sobald Sie aus Ihrer Verschollenheit auftauchten. Aber er knüpfte eine Bedingung daran, die, daß ich mich vorher nach Ihren Erlebnissen erkundigen und mich überzeugen solle, daß kein Makel auf Ihren Namen ruhe. Sie werden sich erinnern, wie streng der selige Herr in diesem Punkte war, und wenn ich nun auch die Ueberzeugung hege, daß von einem solchen Makel bei Ihnen keine Rede sein kann, so möchte ich dennoch jene Bedingungen erfüllt sehen, damit ich mir sagen kann, daß ich meine Pflicht erfüllt habe."
Baron Udo hatte die Branen zusammengezogen, gedankenvoll blickte er den Rauchwölkchen seiner Cigarre nach, während in den Zügen seines Bruders ungeduldige Erwartung sich spiegelte. (F. f.)
Vermischtes.
— Zur Nachahmung. In Osnabrück besteht ein Friedensverein, welcher 684 Mitglieder zählt und den löblichen Zweck hat, der Prozegs acht entgegenzuwirken. Die Mitglieder verpflichten sich, nicht eher eine gerichtliche Klage zu erheben, als bis ein Friedensgericht des VereinS die gütliche Beilegung des Streites versucht hat. Im vorigen Jahre z. B. wurden von 25 Streitfällen nicht weniger als 23 durch friedliche Einigung bei-
- Vom Londoner Nebel entwirft ein Korrespondent der „Presse" folgendes drastische Bild: In dem Augenblicke, in dem ich diese Zeilen schreibe — nach Mitternacht — ist London vollständig eingehüllt von undurchdringlichen Wolken. Der Nebel ist überall, in den höher gelegenen Stadttheilen und an den Ufern der Themse. ^Das Haus, in dem ich wohne, liegt im Norden der Lladt, 400 Fuß höher als der Platz, aufdem die Pauluv- Domkirche steht. Neben einer der Thüren meines Gartens befindet sich ein großes Comptoir mit drei Gasflammen, und die Besitzer sind verpflichtet,
den Vorraum auf der Straße zu beleuchten. Das Comptoir liegt 20 Fuß von meinen Fenstern entfernt, aber ich sehe das Licht nicht, denn zwischen demselben und mir thürmt sich eine Mauer von schwarzem Nebel auf. Diejenigen, welche den Londoner Nebel nicht kennen, können sich von demselben gar keinen Begriff machen. Sie haben wohl keine Idee von der Atmosphäre, die sich förmlich aus massigem Dunst zusammensetzt, die in die Augen sticht, daß Thränen aus denselben entströmen, welche die Kehle irritirt, die Lungen in ihren Funktionen hindert und den Mund mit widerlichen Gerüchen erfüllt, ja nahezu verpestet. Sie können sich kaum eine Vorstellung machen von einer Finsterniß, die vom frühen Morgen bis zur Nacht an dauert, jede Communication, jeden Wagenverkehr unmöglich macht und der geräuschvollsten und thätigsten Stadt der Welt die Ruhe des Friedhofes auszwingt. Sie können es säum ermessen, welche Trauer ein so unleidlicher Zustand in allen Schichten der Bevölkerung hervorruft und wie er namentlich die Kranken und Armen bedrückt. Alle leiden unter dem Einflüsse dieses Wetters, das durch die atmosphärische Pression geradezu unerträglich wird.
— Behandlung des Zahnschmerzes. Unter den im „Aerztlichen Jntelligenzblatt" enthaltenen Skizzen aus der chirurgischen Klinik des Professors Dr. von Nußbaum in München befindet sich folgende Mittheilung über Behandlung des Zahnschmerzes: „Es giebt zwei Arten von Zahnweh ; das gewöhnliche kommt von einem kariösen Zahn, in welchen Luft und Speise eintritt; etwas Morphium innerlich und Chlorzink (1 zu 5 Wasser) auf Baumwolle in den Zahn und hierauf ein Wachskügelchen gelegt, wird Linderung bringen, falls sich der Kranke nicht zum sofortigen Ausziehen entschließt. — Die zweite Art Zahnweh kommt von Periostitis der kariösen Zahnwurzel; empfindet der hohle Zahn Schmerz, sobald wir ihn berühren oder mit einem harten Gegenstand daran klopfen, so können wir die Diagnose Periostitis machen; tn diesem Falle ist Jodtinctur die Panacee; man bestreicht mit dieser ein- bis zweimal in 24 Stunden energisch das Zahnfleisch und spült den Mund mit lauem Wasser aus; selbst wo bereits Anschwellung des Kiefers eingetreten ist, wird oft noch dieses Verfahren helfen und das lästige Zahnweh heilen."
— Eine Anekdote aus der Schlacht von Waterloo. Aus der Schlacht von Waterloo wird von einem hannoverschen Offizier folgende Episode erzählt: Der Oberst-Lieutenant v. d. Decken, von seinen Leuten „de grote Christoffer" genannt, hatte das Landwehr-Bataillon Verben nach Flandern geführt. Bei Waterloo hatte er das Bataillon in Quarrs formirt und hielt, ruhig seine Pfeife rauchend, in der Mitte seiner Schaar. Der englische DivisionsCommandeur schickte einen Adjutanten zu ihm mit dem Befehl, das Rauchen zu lassen. De grote Christoffer nahm die Pfeife aus dem Munde und als der Adjutant weg war, steckte er sie ruhig wieder hinein. Zum zweiten Male erschien der Adjutant, um dem dammed Smoking German das Rauchen zu wehren. Kaum war er wieder fort, als aus den Reihen des Bataillons der Ruf erscholl:,„Herr Oberstlieutenant, se kaamt." „Wer kommt? Webber son verdammten Adjedanten?" „Ne, ne, de Franzosen." „No, Kinner's, wenn't wieer nix is, dann stahl man fast." Und sie standen fest, die Verdener. Der Christoffer aber erhielt einen Prellschuß vor die Brust und sank in halber Betäubung vom Pferde, indem er dem nächstältesten Offizier sagte: „Major, nehm'n Se dat Kommando, ick bin dodt schalen." Kaum hatte er sich aber wieder erholt, als er auch wieder zu Pferde saß und mit einer Stimme, welche den Donner der Schlacht übertönte, seinen Leuten znrief: „Kinners, ick bin doch nicht dodt schalen. Ick nehm Webber bat Kommando."
Neueste Nachrichten.
Parts, 27. Jan. Gambetta stellte dem Prä- sidenlen Grevy folgendes Schreiben zu: „Herr Präsident! Im Namen meiner Coliegen und in meinem eigenen habe ich die Ehre, Ihnen die Demission des Cabinets, dessen Vorsitz Sie mir übertragen, zu überreiche n." Gambetta gab dieses Schreiben gestern eigenhändig im Elysüe ab. Vor der Abstimmung über die ganze Revisionsvorlage lehnte die Kammer den Regierungsentwurf, welcherdas Listenscrutininul zuläßt, mit 305 gegen 117 Stimmen ab.
Fruchlpreise.
Weizen 100 Kilogr. 23 M. 60 Pf. bis 24 M. 25 Pf. Roggen 100 Kilogr. 19 M. APf. mS 20 M. 25 Pf. Gerste 100 Kilogr. 16 M 50 Pf. bis 17 M. — Pf. Hafer 100 Kilogr. im - Pf. bis 17 M. 40 Pf.