Einzelbild herunterladen
 

die Niederlage 'des Gambettisten Herold bei der Wahl eines lebenslänglichen Senators einen herben Vorschmackzchon den Schwierigkeiren erhalten, die seiner „Regierung" im Senate entgegenstehen und es begreift' sich darum, daß Gambetta alle Hebel ansetzt, um den Wahlen der Gemeindedelegirten die von ihm gewünschte Richtung zu geben. — Aus Tunis wird gemeldet, daß General Saussier An­fang dieser Woche in Gaffa eingerückt ist und daß die Aufständischen sich zahlreich unterwerfen.

England.

Die Verlobung des jüngsten Sohnes der Königin Victoria, des Prinzen Albert, Herzogs von Albany, mit Prinzeß Helene von Waldeck hat in ganz Eng­land lebhafte Freude hervorgerufen. Der Herzog genießt in England auch in wettern Kreisen großes Ansehen, sowohl wegen seiner Charaktereigenschaften, als auch wegen des hohen Interesses, welches er den schönen Künsten und Wissenschaften entgegen- bringt. Der Herzog ist am 7. April 1853 geboren und im Juli 1871 großjährig geworden. Seine Braut, Prinzeß Helene, ist am 17. Februar 1861 geboren und die vierte Tochter des Fürsten Georg zu Waldeck und Pyrmont.

Italien.

Der Papst beabsichtigt im nächsten Monat wie­der ein großes Consistorium abzuhalten. In demselben werden verschiedene Cardinals-Er- nennungen stattfinden, welche die Erzbischöse von Algier, Sevilla, Köln und Wien betreffen; im März sollen die Erzbischöse von Neapel und Dublin, sowie der Patriarch von Venedig zu Car­dinälen erhoben werden. Bis jetzt sind 360 Mit­glieder des Episcopats für die am 8. Dezember stattfindenden Heiligsprechungen angemeldet.

Spanien.

Das Riesenproject der Durchtunnelung der Py­renäen nähert sich seiner Verwirklichung. Die spani­sche Deputirtenkammer genehmigte am Dienstag den Gesetzentwurf bezüglich des Baues einer Eisenbahn von der Departementshauptstadt Huesca nach dem französischen Pyreuäenorte Canfranc und bewilligte pro Kilometer 60,000 Pesetas, Die Kosten des Tunnels durch die Pyrenäen sind auf 13 Millio­nen Pesetas (ca. 10 Millionen Mark) veranschlagt, wovon Frankreich und Spanien je die Hälfte zu tragen haben.

Türkei.

Zwischen der Pforte und Griechenland ist wegen der durch die Pforte verfügten Schließung der griechi schen Postämter in Constantinopel und Janina eine kleine Spannung eingetreten und hat in die­ser Angelegenheit zwischen den beiderseitigen Ca- bineten bereits ein Notenwechsel stattgefunden. Veranlaßt wurde die türkische Regierung zu dieser Maßregel durch die von Griechenland verjügte Schließung des türkischen Postamtes in Larissa; übrigens wird das griechische Postamt in Coustan- Unopel gerade nicht als ein Ginster von Pünkt­lichkeit und Zuverlässigkeit geschildert.

Nord-Amerika.

In Nord-Amerika fährt der Proceß Guiteau fort, die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Das Verhör der Belastungszeugen ist bereits beendigt; die Doctoren Woodwardund Lamb beschworen am Ende desselben, daß die dem verstorbenen Präsidenten zugeiügte Wunde tödtlich war. Guiteau benimmt sich, nachdem erhöhte Sicherheitsmaßregeln für seine Person getroffen worden sind, wieder ziemlich kaltblütig.

Im Bann der Schuld.

Novelle von Ewald August K ö n i z.

(Fortsetzung.)

„Und ich sage Ihnen, er wird mich dennoch ver­missen, wie ich ihn ja auch vermissen würde."

„Nun, nun, wir wollen sehen, wie sich das ar- rangiren läßt," sagte der Notar begütigend, „so weit sind die Unterhandlungen noch nicht gediehen, warten wir zuvor ab, was der junge Herr mir zu sagen hat. Laß uns jetzt einen Augenblick allein, kleiner Kobold, ich habe mit Frau Marianne etwas zu berathen, wobei Du nicht zugegen sein darfst."

Das Mädchen heftete die großen, seelenvollen Augen voll Erstaunen auf ihn, ihr Blick schien seine Gedanken erforschen zu wollen, aber es war kein Zug in seinem freundlichen, treuherzigen Ant­litz, der sie hätte beunruhigen können.

„Mich soll nur verlangen, wie dieser Tag enden wird," sagte sie mit einem tiefen Athemzuge, dann verließ sie das Zimmer. Der Blick des alten Herrn folgte ihr voll zärtlicher Liebe und das gütige Lächeln, das dabei die schmalen Lippen umspielte, ließ erkennen, wie freudig er bereit war, ihre

Wünsche zu erfüllen, und wie angelegentlich sein ganzes Denken nur mit ihrem Glück beschäftigt war.

„Sie ist ein gutes Kind," nahm er in bewegtem Tone das Wort, „sie denkt nur daran, wie sie mit hingebender Liebe mir vergelten kann, was ich Gutes au ihr gethan habe. Und was that ich mehr, als daß ich meine Pflichten gegen sie erfüllte! Der größere Theil ihrer Dankbarkeit fällt Ihnen zu, Frau Marianne, die eigene Mutter hätte sich dieses verwaisten Kindes nicht sorgsamer, nicht liebevoller annehmen können, wie Sie es thaten."

„Haben Sie das Kind nur deshalb hinaus ge­schickt, um mit diesen Elogen mich in Verlegenheit zu bringen?" erwiderte die korpulente Dame scherzend. „Nur heraus mit der Angelegenheit, Herr Notar, über die Sie meinen Rath hören wollen."

Der alte Herr zündete die erloschene Pfeife wieder an und paffte einige Rauchwolken vor sich hin, der Ausdruck seines Gesichtes war ernster, wenn auch in keiner Weise unfreundlicher geworden.

„Aus den Worten Reinhilde's geht hervor, wie sehr sie Willi Degner liebt," sagte er, „glauben Sie die Ueberzeugung hegen zu dürfen, daß er der Liebe dieses reinen, tugendhaften Kindes würdig ist?"

„Ja, ich hege diese Ueberzeugung," antwortete Frau Marianne ruhig, „ich habe seinen Charakter, seine Anschauuugen, sein Herz und Gemüth geprüft, Sie dürfen in Bezug auf diesen Punkt unbesorgt sein, der junge Herr ist ein Ehrenmann in des Wortes vollster Bedeutung, er wird Reinhilde glück­lich machen, so glücklich, wie sie es zu werden ver­dient. Und da auch dieVermögensverhältnisse nichts zu wünschen übrig lassen, so dürfen wir —"

„Ich fürchte, daß in dieser letzten Frage unsere Ansichten auseinander gehen," unterbrach der Notar sie mit gedämpfter Stimme. „Ich habe in den letzten Tagen über den Bankier Degner Manches vernommen, was mir nicht gefallen will. Er soll sich in sehr gewagte Unternehmungen eingelassen haben, und wenn man auch noch nicht öffentlich darüber spricht, so ist es doch eine unbestreitbare Thatsache, daß er sehr große Verluste gehabt hat."

„Vielleicht übertreibt auch hier das Gerücht wieder," sagte sie. ohne ihre Bestürzung ganz ver­bergen zu können, „Gottfried Degner und Kom­pagnie ist ein altes, solides Bankhaus, das so leicht nicht fallen kann."

' Der Notar blickte sinnend den Rauchwölkchen nach, die in langen Fäden zum offenen Fenster hinzogen.

„Es ist schon schlimm genug, wenn ein solches Haus in böses Gerede kommt," erwiderte er, „wo Rauch ist, da darf man auch Feuer suchen, der­artige Gerüchte stützen sich immer auf Thatsachen. Ich habe Gottfried Degner immer als einen ruhigen und in Geschäftssachen vorsichtigen Mann gekannt, um so schlechter gefällt es mir, daß er sich plötz­lich in Spekulationsgeschäfte eingelassen hat. Sollte dies nicht dem Einfluß seines Sohnes zuzuschreiben sein? Man weiß ja, wie leichtlebig die Jugend ist, sie wagt Alles, um Reichthum zu gewinnen, sie vertraut auf die Unfehlbarkeit ihrer Hoffnungen und denkt nicht lange darüber nach, wie es werden könne, wenn diese Hoffnungen sich nicht erfüllen."

„So thöricht ist Willi Degner nicht," sagte sie kopfschüttelnd, „er rechnet stets mit sicheren Fak­toren und jedes Hazardspiel ist ihm verhaßt. Ich glaube eher, daß er feinen Vater vor solchen ge­wagten Unternehmungen gewarnt, als daß er ihn anfgemuntert hat. Ihm, dem einzigen Kinde, fällt ja später der ganze Reichthum dieses Hauses zu, was könnte ihn veranlassen, für die zweifelhafte Aussicht auf hohen Gewinn nicht nur sein Ver­mögen, sondern auch die Ehre seines Namens zu wagen?"

Der alle Herr hat sich erhoben, er wanderte auf dem weichen Teppich langsam auf und ab und die Schatten ernster Sorge umwölkten mehr und mehr seine hohe Stirn.

„Das will wenig oder gar nichts beweisen," er­widerte er, „die Thatsache, daß Vermögen und Ehre gewagt worden sind, steht fest, und am Ende ist es gleichgültig, ob der Vater oder der Sohn dieses Wagniß unternommen hat. Bricht das Haus zusammen, so wird aus dem Schiffbruch wenig ge­rettet werden und was soll Willi Degner alsdann beginnen, um sich eine Existenz zu gründen?"

„Für ihn bangt mir nicht, Herr Notar, er ist strebsam und talentvoll, er würde auch nach solchem Sturze sich wieder emporraffen, in dieser Beziehung brauchen Sie sich wegen der Zukunft Reinhilde's keine Sorge zu machen."

„Hm, Sie denken, ich könne dann mit meinem eignen Gelde in den Riß treten?"

„Wenn es soweit käme, so würden Sie es ohne Zögern thun!"

„Ich wäre ja dazu gezwungen, Sie werden aber zugeben, daß die Aussicht, in diese Lage zu kommen, nichts Verlockendes hat. Liegt nicht die Vermuthung

nahe, daß Willi Degner aus diesem Grunde um die Hand Reinhilde's wirbt?"

„Nein, Herr Notar!" antwortete Frau Marianne in einem so festen und entschiedenen Tone, daß der alte Herr stehen blieb und sie betroffen aublickte. „Willi Degner hat Reinhilde seit Jahren geliebt, und niedrige Gründe werden niemals einen be­stimmenden Einfluß auf ihn üben. Könnte ich glauben, daß Ihre Vermuthung begründet sei, so würde ich längst dem jungen Manne erklärt haben, daß er niemals auf die Erfüllung seiner Hoffnungen bauen dürfe. Und am Ende ist die Sache auch nicht so schlimm, wie sie gemacht wird. Jeder hat Feinde, und ein schlimmes Gerücht braucht nur aufzutauchen, so finden sich auch sofort Lästerzungen, die es weiter verbreiten und das Ihrige nochhiu- zufügen."

Der Notar nickte gedankenvoll und stellte die Pfeife in eine Ecke, dann warf er einen prüfenden Blick auf die Pendule, die vor dem Spiegel stand.

„Darin haben Sie freilich Recht," sagte er, „aber andererseits können auch keine Gerüchte auf« tauchen, denen nicht bestimmte Thatsachen zu Grunde liegen. Na, wir werden ja sehen, mein ganzes Streben geht nur dahin, Reinhilde glücklich zu machen, und ich hoffe, daß die Erfüllung dieses Wunsches mir vor meinem Ende noch vom Himmel gewährt wird. Stellen Sie eine gute Flasche Wein in Eis, Frau Marianne, es wäre ja möglich, daß wir mit dem jungen Herrn auf eine glückliche Zu­kunft anstoßen müßten."

Er verließ nach diesen Worten mit seinem ge­wohnten leutseligen Lächeln das Zimmer und trat bald darauf in sein Privatkabinet, in dem er seine Klienten zu empfangen pflegte. Nachdem er seinen Dokumentenschrank geöffnet und die eiserne Kassette auf seinen Schreibtisch gestellt hatte, zog er an der Glockenschnur.

Einige Minuten später trat Robert Palm mit mehreren Briefen und Aktenstücken ein, die er vor den Notar hinlegte.

„Sind schon Klienten draußen?" fragte der alte Herr, während er mit geschäftlicher Eile die Briefe erbrach und ihren Inhalt durchflog.

„Ein halbes Dutzend," erwiderte der Schreiber, „jeder von ihnen möchte gerne der Erste sein."

„Hm, werden sich gedulden müssen, nur immer langsam, der Reihe nach, wie sie gekommen sind. Welche Termine haben wir heute?"

„Hier ist die Liste, am Gericht ist heute nichts fikt Sie zu thun, zwei Sachen sind vertagt und in der dritten wurde ein gütlicher Vergleich vor­geschlagen —"

„Ganz recht, ich erinnere mich," nickte der Notar, „um so besser. Wenn der junge Herr Degner kommt, so melden Sie es mir augenblicklich."

„Sehr wohl."

„So, hier sind einige Auszüge zu machen, Akten zu kopiren und ein Kaufvertrag auszufertigen, nehmen Sie die Notizen mit, Sie werden sich schon darin zurechtfinden. Warten Sie, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen," fuhr der alte Herr fort, als Robert sich entfernen wollte, „was war es nur gleich? Ja so, es betrifft Ihren Vater; er hat wieder gegen ein Urtheil Appellation angemeldet, wozu das? Wenn er Aussicht auf eine Erbschaft oder einen anderen Glücksfall hätte, so fände ich es natürlich, daß er Zeit zu gewinnen sucht, aber da dies nicht der Fall ist, so kann ich es nur thöricht nennen, daß er immer wieder sich neue Kosten macht, um die Exekution hinaus zu schieben. Er erbitterte dadurch nur seine Gläubiger, ich habe Auftrag, mit der größten Strenge gegen Ihren Vater vorzugehen."

„Er hofft noch immer, seine Schulden tilgen zu können," erwiderte Robert, während er mit lauern­dem Blick zusah, wie der Notar die Kassette öffnete und einige Dokumente herausnahm. „Wenn Haus und Mobiliar unter den Hammer kommen, so ver­armen wir ganz."

„Das ist freilich hart, aber Ihr Vater darf sich nicht darüber beklagen, er hat das Unglück selbst verschuldet. Wäre er nicht übermüthig und unreell geworden, so könnte er heute ein reicher Mann sein, es gab eine Zeit, in der man ganz vorzüglich bei ihm speiste, und seine Weine wurden damals in den siebenten Himmel erhoben. So hätte es bleiben sollen, man darf auch im Glück und Wohlleben nicht vergessen, daß etwas Demuth und Bescheiden­heit jedem Menschen Noth thut. Ich kann Ihrem Vater nicht helfen, er soll sich in Gottes Namen in das Unabänderliche fügen und sich nach irgend einer Stelle umschauen; damit, daß er die Hände in den Schooß legt und auf die gebratenen Tauben wartet, erreicht er gar nichts, er macht die Sache nur noch schlimmer."

„Wenn es ihm gelänge, die Gläubiger zu be­friedigen —"

„Woher will er das Geld nehmen? Die Förde-