„Erinnerte er sich unserer nie?"
„Ich glaube, daß ihm später die Intriguen klar geworden sind und daß er bitter bereut hat, Ihrer Vertheidigung kein Gehör geschenkt zu haben. In der ersten Zeit freilich durfte Niemand ihn an seine beiden Söhne erinnern, aber später äußerte er selbst den Wunsch, über ihr Schicksal etwas zu erfahren, das geschah in jener Zeit, in der sein Leiden ihn an den Sessel fesselte. Der Schlag hatte ihn plötzlich gelähmt, er war hülflos wie ein Kind, und außer mir kümmerte Niemand sich um ihn. Die gnädige Fran kam dann und wann einmal, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen, aber oft verging eine ganze Woche, ohne daß er sie sah. Baron Curt ließ sich anch selten blicken, und die Schmarotzer, die Tage lang an unserer Tafel schwelgten, erzeigten ihm nicht einmal die Ehre, ihn zu besuchen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Für die Welt, in der er gelebt hatte, war er ein todter Mann, und wenn er in dieser Zeit wirklich versucht hat, sich nach seinen Söhnen zu erkundigen —"
„Aber das müßten Sie doch wissen?" fiel Udo ihm in's Wort, der ihn scharf und unverwandt beobachtete. (F. f.)
Vermischtes.
— Berlin. (Aberglauben.) Die Frau eines in der Dennewitzstraße wohnenden Beamten besitzt im Gesichte mehrere Warzen, die sie gern los werden möchte. Viele Mittel hatte sie zn diesem Zwecke bereits angewandt, aber mit keinem bisher einen Erfolg erzielt. Da führte ihr der Zufall in ihrer Noth eine „kluge Frau" ins Haus. Sie klagte dieser ihr Leid und bat sie um ein probates Mittel. „Gehen Sie," sagte die kluge Frau, „zu einem Schlächter, bei dem Sie noch nie etwas gekauft haben, und stehlen Sie ein Stück Fleisch, dann werden die Warzen unfehlbar verschwinden ^Gesagt, gethan! Kaum aber hatte die bethörte Frau einStuck Fleisch weggenommen, sprang der Schlächter hinter dem Ladentisch hervor und hielt dieselbe fest. Das Unglück wollte, daß dem Schlächter in der letzten Zeit häufig Fleisch entwendet worden war, und er glaubte, nun endlich die Thäterin 'ertappt zu haben. Glimpflich ging der Schlächter nun gerade nicht mit ihr um, und schließlich machte er auch noch Miene, sie der Polizei zu überliefern. Die Frau erzählte nun dem erregten Schlächter unter Weinen, was ihr die „kluge Frau" gerathen hatte, und beschwor ihn hoch und theuer, sie und ihre Familie nicht unglücklich zu machen. Der Schlächter schenkte ihren Worten Glauben und ließ sie unbehelligt ziehen. Die Frau wird sich das jedenfalls zur Warnung dienen lassen und es fernerhin wohl nicht mehr versuchen, auf solche abergläubische Weife ihre Warzen loszuwerden.
— (Verhängnißvolle Renommage.) Die so oft bei jungen Leuten hervortretende Sucht zu renommiren, hat in Gera kürzlich einem Schüler der Handelsschule das Leben gekostet. Nachdem er schon früher Quecksilberoxyd und Phosphor von Streichhölzern verschluckt, ohne Schmerzen oder Beschwerden zu verfpüren, wollte er nun auch zeigen, daß seiner zähen und kräftigen Körperconstitution selbst der Genuß von Arsenik nichts schade. Trotz aller Warnungen nahm er eine Dosis, die aber, wie die „Dorfzeitg." mittheilt, zu stark ausgefallen war, so daß die Anzeichen der Vergiftung bald eintraten und er trotz ärztlicher Hülfe bald darauf an Herzlähmung starb.
— In Essen mußte ein fechtender Handwerker mehrmals an einem Hause schellen, ehe ihm geöffnet wurde. Darüber ergrimmte der Kerl dermaßen, daß er zu der Tochter des Hauses, welche ihm öffnete, in grobem Tone sagte: „Hören Sie mal, Sie können auch wohl besser aufpaffen, damit die Leute nicht so lange vor der Thür zu stehen brauchen." Als er nun mit Gewalt in das Haus dringen wollte, kam ein Nachbar herzu, der den unverschämten Burschen wacker mit Schlägen tractirte.
Hannover 4. November. Heute Nachmittag 2 Uhr erfolgte in dem Laboratorium der Egestors'schen Zündhütchenfabrik bei Bornum, eine halbe Meile von Hannover, eine Explosion, in Folge deren das alte und das neue Laboratorium in die Luft flogen und ein Arbeiter getödtet und vier andere verletzt wurden.
— Sang er hausen, 3. November. Ueber einen entsetzlichen Vorfall, der sich am Freitag in Hettstedt zugetragen, lieft man in der hiesigen Zeitung: Die Frau des Bergmanns A. ging am Freitag Morgen auf Feldarbeit und ließ ihre drei Kinder eingeschlossen in ihrer Wohnung zurück. . Nachdem die Geschwister bis Nachmittag friedlich gespielt hatten, bekam das Kleinste von ihnen, ein Knabe von vier Jahren, Hunger und kletterte auf den eisernen Ofen, um das dorthin gestellte Mit
tagbrod herunter zu holen. Da gab plötzlich der Ofen nach und stürzte zerschmetternd auf den dicht dabei spielenden älteren Bruder von 9 Jahren. Mit Entsetzen starrten die beiden anderen wunderbar Geretteten auf deu schwer röchelnden Bruder. In Todesangst faßte die 7jährige Schwester' den armen Bruder bei den Haaren und suchte ihn unter den schweren Eisenstücken hervorzuziehen, aber nur ein Bündel blutiger Haare hielten ihre Hände. Endlich stiegen durch das Schreien der Kinder aufmerksam gewordene Nachbarn durchs Fenster und brachten Hülfe. Der besinnungslose Knabe starb indeß nach wenigen Augenblicken. Außer einer tiefen Halswunde waren die Lippen gespalten und das Unterkinn vollständig zerschmettert. Als am Abend die Mutter nach Hause kam und das Unglück erfuhr, warf sie sich wild auf das todte Kind, küßte immer wieder das blutige Antlitz und rief die zärtlichsten Schmeichelnamen dem todten Liebling zu. In ihrem rasenden Schmerz sprang sie plötzlich auf, ergriff ein scharfes Messer und snchte sich zu erstechen. Nur mit Mühe konnten die erschrockenen Nachbarn das Messer ihr aus den Händen winden. Noch an demselben Abend benutzte das unglückliche Weib einen unbewachten Augenblick, sich an einem Thürpfosten zu erhängen. Glücklicherweise kam ihr Mann noch rechtzeitig dazu, und sie konnte durch ärztliche Hülfe wieder in's Leben zurückgerufen werden.
— In Ulm sucht ein Gastwirth seine neu eingerichtete Metzgerei und Wurstlerei dadurch einzu- führen, daß er jedem Abnehmer ein Loos verspricht zu einer alle Sonnabend stattfindenden Verloosung von Schinken, Fleisch rc.
— Ein liebenswürdiges Geschöpf muß die Wittwe Johanna Bittner aus Bucha feilt, welche dieser Tage vom Glatzcr Schwurgericht des wiederholten Galtenmordes für schuldig befunden und vom Gerichtshöfe zur Todesstrafe verurtheilt wurde. Ihren ersten Mann vergiftete sie nach 15wöchiger, den zweiten nach 16wöchiger Ehe.
— Ein erschütterndes Familiendrama ereignete sich der „D. Rz." zufolge am Allerseelentage auf dem Friedhofe zu Neuwied. Eine dortige Dame, Frau v. Z., hatte sich mit ihrem Gatten und ihrer Tochter zu dem Grabe der verstorbenen ersten Frau ihres Mannes begeben. Plötzlich wurden von hinten zwei Schüsse auf sie abgefeuert, von denen einer sie in den Rücken, der andere sie in die Seite traf, so daß die Dame, lebensgefährlich verwundet, auf einer Bahre nach Hause gebracht werden mußte. Die Person, welche die Schüsse mit einem Revolver abgegeben hatte, war die Stieftochter der Getroffenen, die Tochter aus ihres Gatten erster Ehe. Die Mörderin, Frl. v. Z., wurde sofort verhaftet. Dieselbe lebte seit Jahren von ihrer Familie getrennt, war ziemlich herabgekommen, und deuten manche Einzelheiten ihres Privatlebens auf einen derart zerrütteten Gemüthszustand hin, daß die grauenerregende That als das Resultat einer augenblicklichen oder vielleicht schon längere Zeit vorhandenen Geistesstörung erscheinen dürfte. Die tiefste Theilnahme richtet sich allgemein auf den schwer geprüftenVaterderunglücklichen Verbrechern, welcher bei dem Schauspiel zugegen sein mußte, wie seine leibliche Tochter am Grabe ihrer Mutter die mörderische Hand gegen ihre Stiefmutter erhob.
— In einem Vergnügungszug der Eisenbahn von Wien nach Preßburg geriethen der Meer- schaum-Pfeifenschneider Hainzl und Frau Aichamts- Juspector Erlach in Streit. Er branme sich eine Eigarre an und Sie hatte einen Schoßhund bei sich. Sie wollte nicht leiden, daß Er rauche, weil es stinke und Er wollte aus Revanche den Hund nicht zulassen, weil er auch stinke u. s. w. und in den Hundewagen gehöre. Sie thun Ihre Cigarre weg! schrie Frau Erlach. — Sie thun Ihren Pinscher weg! schrie Hainzl. — Frau E.: Ihre Cigarre vergiftet mich! H.: Jhue Ihr Pintsch hot grod a kan Muschkateller-G'ruch nit. — Frau E. reißt ihm die Cigarre aus dem Mund und schleudert sie zum Fenster hinaus. Er faßt deu Pinsch beim Schwanz, wirft ihn der Cigarre nach und ruft: Such's Cigarrl, Pinscherl, such, such! — Während Er Kopf und Oberkörper noch im Fenster hat und sich nicht rühren kann, fährt Sie ihm mit den Nägeln in's Gesicht und zerkratzt ihn über und über. Die Sache kommt vor's Gericht und Frau Erlach wird zu 50 Gulden Strafe verurtheilt.
— (Eine seltsame Selbstmordgeschichte.) In ein Wiener Spital kamen zwei Männer, von denen der eine um Aufnahme bat, während der andere bloß als dessen Begleiter erschien. Der Aufnahmebewerber wand sich vor Schmerzen und deutete auf die theilnahmsvolle Frage des Arztes, was ihm fehle auf den Magen. Der'Begleiter flüsterte dem Arzte zu: „Er hat sich das Leben nehmen wollen." Der Doctor stellt darauf die Frage: „Haben Sie etwas getrunken?"
— Der Kranke schüttelte das Haupt und krümmt sich vor Schmerz. — „Haben Sie sich vielleicht wehgethan?" — Der Gefragte verneint wieder, und sein Begleiter giebt dem Arzte die Aufklärung: „Vier Cravatteln hat er gegessen!" — Ungläubig schüttelt der Arzt den Kopf. Aber der Selbstmordkandidat bestätigt die Aussage. Noch will's der Arzt nicht glauben. Er wendet, wie es bei den Selbstmordversuchen oft geschehen muß, Brechmittel an, um dem Patienten Erleichterung zu verschaffen. Und siehe da, der Patient hat richtig Cravatten gegessen. Zwei davon kamen gleich zum Vorschein, die zwei andern hofft der Arzt im Laufe des heutigen Tages herauszubefördern. Was den Mann auf den Gedanken gebracht hat, sich mit „Cravatteln" das Leben zu nehmen, weiß der Arzt nicht. Mit Halsbinden pflegen Selbstmörder sich zn erhenken; aber innerlich genommen hat sie bisher noch Niemand., Dieses neueste Selbstmordmittel blieb dem Schuhmacher Zahnba Vorbehalten, den es aber glücklicherweise nicht das Leben gekostet hat. Nach einem Streite mit seiner Frau wollte er sich etwas anthun; das Wasser war ihm zu kalt, die Ahle zu schmerzhaft; so verfiel er denn aufs Cravattel-Essen. Er hatte wohl selbst keine Idee davon, auf welche Weise die „Cravatteln" todtbringend werden können, und ist heute recht froh, daß er mit einer momentanen Indisposition davon kam. Es ist wohl nicht zu befürchten, daß sein Beispiel Nachahmung finden werde.
— (Wahl-Humor.) Wie dem „Wests. Merkur" erzählt wird, rief ein Unteroffizier der bei den Wahlresultaten so viel Gewählte als „See." (— Secessionist) verzeichnet fand, erstaunt ags: „Donnerwetter! sind aber viele Seconde-Lientenants in den Reichstag gewählt!" Lasker, als Seconde- Lieutenant — nicht übel!
— (Hund und Katze.) Aus dem Leben dieser beiden Hausthiere bringt der „Daily Telegraph" folgende kleine Geschichte: Ein Kaufmann in Dorly- Street, London, besitzt einen Hund und eine Katze, die im freundlichsten Einvernehmen mit einander stehen. In blinder Verfolgung eines Vogels wagte sich die Katze unlängst bis an die Schienen der Bahn und ein heranbrausender Zug riß ihr eine Pfote ab. Am Abend wurde die Katze im Hause vermißt und man sandte den Hund aus, um sie zu suchen. In kurzer Zeit brächte er die verwundete Freundin im Maule heim und nachdem er sie in der Küche niedergelegt hatte, rannte er wieder fort, um alsbald auch die abgerissene Pfote zu präsen- tiren. Das Kätzchen geht bei guter Pflege der baldigen Genesung entgegen, der Hund aber läuft unzählige Male auf die Patientin zu, um ihre Wunde zu lecken.
— E i n s e l t s a in e s T e st a m e n t. In einer großen kalifornischen Stadt starb kürzlich ein reicher, kinderloser Rentner, welcher ein seltsames Testament hinterließ. Er setzte nämlich seinen jungen Neffen, einen ohnehin chermögenden Gentleman und Liebling des Salons, unter der Bedingung zum Universal- Erben seines ungeheuren Vermögens ein, daß er in elegantester Toilette, so daß jedermann ihn sofort zu erkennen vermöchte, fünf Wochen lang an einer fashionabeln Straßenecke als — Stiefelputzer fungiere. Dabei müsse er von 6 Uhr morgens bis abends 8 Uhr auf dem Posten sein. Ob der verwöhnte Neffe diesen harten Bedingungen sich bequemen wird, bleibt abzuwarten. Wenn nicht, — so wird der ganze Nachlaß zum Bau und zur Einrichtung eines „Museums" verwendet, in welchem „berühmte Cylinderhüte aus Europa und Amerika" Ausstellung finden sollen.
— (Triftiger Grund.) Das letzte Eisenbahnunglück bei Sarzona in Ober-Italien hat mehrere Entschädigungsklagen gegen die Eisenbahn-Administration znr Folge gehabt, worunter auch jene von zwei Damen. Eine verlangt 50,000 Francs, weil ihr beide Schneidezähne eingeschlagen worden sind, und die andere 40,000 Francs, weil sie eine Wunde auf der Wange davongetragen hat. Beide führen als Grund an, daß es für sie jetzt schwer halten werde, Männer zu bekommen.
— Kalifornien hat im ersten Halbjahr 1881 die größte Goldproduktion gehabt. Die Goldausbeute belief sich nämlich auf ca. 10 Millionen Dollars; der Silbergewinn aber nur etwas über 200,000 Dollars. Kalifornien bleibt somit nach wie vor das Goldland.
Fruchlpreise.
Weizen 100 Kilogr. 23 M. 85 Pf. bis 24 M. 50 Pf. Roggen 100 Kilogr. 20 M. — Pf. bis 20 M. 60 Pf. Gerste 100 Kilogr. 16 M. 50 Pf. bis 18 M. - Pf. Hafer 100 Kilogr. 16 M. 70 Ps. bis 17 M. 35 Pf.