Liebe Berthold's lohnte ihr jetzt dafür mit reichem Danke.
Ihn glücklich zu sehen, war ihr höchster Wunsch, und da sie selbst die Hoffnung hegte, daß der Verführer ihrer Schwester die schwere' Schuld bereuen und sich des Sohnes annehmen werde, so hatte sie ihm das Geheimniß seiner Herkunft verrathen, damit er den Versuch machen könne, sich auf diesem Wege eine gesicherte Existenz zu gründen.
Sie wünschte seine Verbindung mit der Tochter des blinden Geigers, sie wußte, daß er au ihrer Seite glücklich werden mußte, und das Glück Else's lag ihr ebenso sehr am Herzen, wie das ihres Neffen. Aber als er abgereist war, um seinen Vater aufzusuchen,^stiegen doch wieder ernste Besorgnisse in ihrer Seele auf.
Sie kannte sein leidenschaftliches, reizbares Temperament, sie fürchtete, daß es zwischen den Beiden zu einer heftigen Scene kommen werde und von dem Haß des Barons, der bis dahin keine Ahnung von der Existenz seines Sohnes gehabt hatte, durfte man dann nur Schlimmes erwarten.
Mit wachsender Unruhe erwartete sie von Tag zu Tag seine Rückkehr, er hatte versprochen, sofort heimzukehren, und nun ließ er schon seit mehreren Tagen nichts von sich hören.
Plötzlich erhob die alte Frau horchend das Haupt, ihre blauen Augen hefteten sich voll fieberhafter Erwartung auf die Thür, sie wurde hastig geöffnet, und im nächsten Moment hielten die zitternden Arme Tante Flörchen's Liebling umschlungen.
„Endlich!" sagte sie mit einem tiefen Athemzuge, indeß ihr Blick voll zärtlicher Liebe auf seinem heiteren Antlitz ruhte. „Wie lange Du ansgeblieben bist!"
„Langes" erwiderte Berthold scherzend. „Ich wüßte ja nicht, wo der Baron war, einige Tage verstrichen, bevor ich es erfuhr, dann aber habe ich keine Stunde mehr versäumt. Er war in einem Spielbade, und weißt Du, wen ich außerdem dort traf? Elfe! Ihr Vater will dort ein Concert geben, mit ihm selbst habe ich nicht gesprochen, Elfe bat mich, jede Begegnung mit ihm zu vermeiden und so bald wie möglich wieder abzureisen. Nun hätte ich allerdings gestern Abend schon hier eintreffen können, aber Dn wärest dadurch in Denier Ruhe gestört worden, und so beschloß ich, unterwegs zu übernachten und meine Reise so einzu- richten, daß ich heute Mittag ankam."
„Und da Du nicht vorher geschrieben hast, so wird wohl Schmalhans heute Mittag hier Küchenmeister sein", sagte Tante Flörchen in demselben heiteren Tone, während er Hut und Stock ablegte und neben dem Plättbrett Platz nahm, um der Arbeit der unermüdlich fleißigen Frau zuzuschauen. „Das sind die unausbleiblichen Folgen Deines Leichtsinnes —"
„Mach' Dir d'rum keine Sorgen!" unterbrach er sie lachend, „ich werde schon etwas finden, womit ich den knurrenden Magen befriedigen kann. Wenn man plötzlich ein reicher Mann geworden ist, braucht man Rahrungssorgen wohl nicht mehr zu fürchten."
Er hatte sein Portefeuille aus der Tasche genommen und legte nun vor den Augen der überraschten Frau ein Packelcheu Banknoten auf das Brett.
„Zweitausend Thaler !" fuhr er fort, aber dem scharf beobachtenden Blick seiner Tante entging eS nicht, daß dabei ein dunkler Schatten über sein vorhin noch so heiteres Antlitz glitt. „Ein für alle Mal mit allen Ansprüchen abgefunden!"
(Fortsetzung folgt.)
Fortschritte der Lebensversicherung in Deutschland.
Aus einer kürzlich im „Bremer Handelsblatt" veröffentlichten eingehenden statistischen Arbeit entnehmen wir, daß den gegenwärtig bestehenden 50 deutschen Lebensversicherungsanstalten, von denen 86 im deutschen Reiche, 12 in Deutsch-Oesterreich und 2 in der deutschen Schweiz ihren Sitz haben, im Jahre 1880 wieder 82,058 Personen neu beigetreten sind und damit ihren Angehörigen Erbschaften im Betrage von 295,218,032 Mk. begründet haben. Im Ganzen waren am Schlüsse des vorigen Jahres bei den gedachten 50 Anstalten 824,813 Personen mit zusammen 2,661,697,537 Mark versichert, wovon auf die Lebensversicherungsbank für Deutschand in Gotha 378,007,700 Mk., auf die „Germania" in StettinL19,666,483 Mk., auf die Leipziger Lebensversicherungsgesellschaft 160,094,800 Mk., auf die Stuttgarter Lebeusversicherungs- und Ersparnisbank 158,414,236 Mk., aus die „Concor- dia" in Köln 143,312,636 Mk., auf die Lübecker Gesellschaft 114,842,133 Mk., auf die Karlsruher- Allgemeine Versorgungsanstalt 100,498,403 Mk., aus die Generali in Trieft 100,176,167 Alk., ent
fielen. Bei den obengenannten 8 größten deutschen Lcbensversicheruugsanstalteu war somit zusammen mehr als die Hälfte des gesamten Bestandes versichert. Nach Abzug der Sterbefälle und sonstigen Abgänge ergab sich bei den sämtlichen 50 Anstalten im vorigen Jahre eine reine Zunahme des Ver- sicherungsbestandes um 126,641,243 Mark. Den stärksten Antheil an diesem Reinzuwachs hatte die G o t h a e r Lebensversicherungsbank, die Stuttgarter Lebeusversicherungs- und Ersparnisbank, die Leipziger Lebens- Versicherungsgesellschaft und die Karlsruher Versorgungsanstalt. Fürgestorbene Versicherte wurden im Laufe des vorigen Jahres 38,617,252 Mk. anfällig und znr Auszahlung gebracht. Gewiß sind viele Tausende von Witwen uud Waisen dadurch vor Noth bewahrt worden und segnen das Andenken derer, welche noch über den Tod hinaus für sie gesorgt haben.
Verm ischtrs-
— Prinz Heinrich wird am 21. d. Mts. die Seeofficier-Berufs-Prüfung ablegen. Nach bestandenem Examen soll Prinz Heinrich sofort zum Lieutenant zur See und gleichzeitig zum Premier- Lieutenant im 1. Garde-Regiment z. F., in welchem er bisher als Seconde-Lieutenant geführt wird, ernannt werden.
— Man schreibt aus Bern unterm 3. October betr. Elm: Die Abschätzungscommission für die Verluste, welche die Bewohner von Elm betroffen, wird ihre Arbeit bald beendigt haben. Der Ge- sammtschaden belauft sich auf ca. 1,209,000 Francs. Die Summe der bis jetzt eiugegangenen Gaben beträgt 158,000 Francs, wovon das „Genfer Journal" allein 53,000 Francs gesammelt hat. Die Lage der Bewohner, welche im Dorfe geblieben sind, wird immer kritischer. Der Berg ist noch in Bewegung.
— (Zur Warnung für Eisenbahnreisende) berichtet die „St. Gallner Ztg." Folgendes: Auf der Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt a. M. wurde letzthin einem Reisenden 1. Klasse ein rothledernes Portefeuille mit circa 5500 M. gestohlen. Nach der Abfahrt von Bruchsal boten ihm ein un- bekanuter Herr und eine dito Dame mit etwas aufdringlicher Freundlichkeit Zeitungen zum Besen an. Bald darauf schlief er ein, um erst in Frankfurt wieder zu erwachen. Allem Anscheine nach waren die Blätter zur Einschlüserung chemisch prä- parirt,
— lieber ein besonderes Malheur, welches kürzlich einem Berliner Polizei-Lieutenant passirte, weiß das „B. Tgbl." wie folgtzu berichten: „Die Küchenfee heizte das Zimmer und benutzte zum Feueranmachen den Inhalt des Papierkorbes. Da derselbe jedoch nicht reichte, so annectirte das Mädchen noch eine Zeitung vom Schreibtische seines Herrn. Als der Herr Lieutenant bald darauf sein Arbeitszimmer betrat, war sein erster Griff nach der Zeitung, denn diese enthielt einen Geldbrief mit vier Hundertmarkscheinen, der nach der Post getragen werden sollte. Ein ängstliches Suchen begann, die Küchenfee wurde gerufen und siehe da, das schreckliche Geständniß erfolgt: sie hatte den Geldbrief ahnungslos zum Feueranmachen benutzt und 400 Mark waren durch den Schornstein geflogen."
— Seit dem 1. d. Mts. ist bei den Staats- eisenbahn-Direttionen eine neue Amtsbezeichnung der im Bahnmeisterdieust anßeretatsmäßig beschäftigten Anwärter in Kraft getreten. Danach werden mit Bahnmeister-Assistent diejenigen Anwärter bezeichnet, welche die Bahnmeister-Prüfung bestanden haben; mit Bahnmeister-Aspirant, welche mit Aussicht auf dauernde Beibehaltung angenommen sind, die Prüfung aber noch nicht abgelegt haben; mit Bahnmeister-Gehilfe die nur zur vorübergehenden Beschäftigung im Bahnmeisterdienst etwa aushilfsweise angenommenen Personen.
— Zu den Berühmtheiten gehört der Julius- thurm in Spandau. In ihm liegt der deutsche Kriegsschatz von 120 Millionen Mark, ferner der Jnvaliden-Fond und die für den Parlamentsbau bestimmte Summe. In den nächsten Tagen werden die Schätze revidirt. Der Thurm kann nur dann geöffnet werden, wenn zwei Mitglieder der Reichs- schulden-Tilgungscommiffion zur Stelle sind und gleichzeitig mit ihren-Schlüsseln das Hauptschloß öffnen.
— Der Mittelstand kann's nicht. Aus Homburg v. d. H., 7. October, wird geschrieben: Von einer amerikanischen Familie, welche hier gewohnt hat, ist ein Dienstmann nach Amerika geschickt worden, um — ein hier gekauftes Hündchen dorthin zu bringen. Die.besagte Familie will sich noch einige Zeit in Paris aufhalten, wobei ihr das Hündchen lästig fallen könnte. Dasselbe hat im Ankauf 35 Mk. gekostet.
— Folgende amüsante Schmuggelgeschichte machte gegenwärtig in den Kreisen unserer „Zöllner" die Runde: Eine anf der Heimreise aus einem österreichischen Bade begriffene holde Repräsentantin der Baltaer Damenwelt hatte in Czernowitz ihr Reisegepäck noch durch den Ankauf einiger eleganter Weckuhren bereichert, welche ihr von einem fein Geschäft liquidirenden deutschen Uhrmacher zu einem höchst billigen Preise abgelassen worden waren. Die Freude über den Vortheilhaften Kauf wurde der wirthschaftlichen Frau aber bald durch den Gedanken getrübt, daß sie für die Czernowitzer Uhren ein Bedeutendes an Zoll werde zu zahlen haben, und um diese unnütze Ausgabe zu sparen, bereitete sie den Uhren mit kunstfertiger Hand unter ihrem Reisekleide einen sicheren Versteck und sah mit größter Ruhe den kommenden Dingen entgegen, wußte sie doch ihre Reisepapiere in bester Ordnung. Auf dem Grenzzollamte spürte der visitirende Zollbeamte in den Reisepapieren der Dame aber doch irgend einen Fehler auf und sah sich genöthigt, dieselbe höflichst in's Zollbureau zu entbieten. Das war denn freilich etwas fatal, aber unsere Dame legte den Weg vom Waggon bis in's Comptoir durchaus glücklich zurück ' und Alles wäre noch ganz gut und glatt abgelaufen, wenn nur der Zollbeamte weniger galant und die deutschen Wecker minder vorlaut gewesen wären. So aber offerirt der Zollbeamte der Baltaer Schönen in zuvorkommendster Weise einen Stuhl, und wie diese sich mit einer hocheleganten Bewegung auf demselben niederlassen will, beginnen die dabei etwas unsanft aneinander gekommenen Wecker einen Mordspektakel und zetern so sehr über das Unpassende ihres derzeitigen Aufenthaltsortes, daß man ihnen sofort zu ihrem Rechte verhelfen muß. Mit den sechs Weckuhren wurden auch noch einige zollpflichtige Seidenroben und Spitzengarnituren an das Tageslicht gefördert.
— Amerikanische Patentwäsche ist eine der neuesten amerikanischen Erfindungen, die man zu den ftau= nenswerthesten rechnen darf. Es ist einem Amerikaner gelungen, einen haltbaren, schönfarbigen Leinenstoff herzustellen, der gegen Wärme und Feuchtigkeit widerstandsfähig ist und sich mit einem in Seife getauchten Schwamm oder Bürste waschen läßt, ohne seine Glätte und seinen Glanz zu verlieren. So können Kragen und Manschetten aus dieser Leinwand monatelang getragen und dann von Jedermann selbst gereinigt werden. Auch die Spitzen solcher Stehkragen können, wenn man sie einen Moment in heißes Wasser taucht, zu jeder Faoon umgebogen werden und bleiben in derselben sobald sie abgekühlt und abgetrocknet sind. Diese so bequeme und Wäsche ersparende Novität ist auch in Deutschland eingeführt.
— P e st. (Ein schrecklicher Selbstmord.) Von der Verbindungsbahn-Brücke warf sich Freitag Nachmittags eine elegant gekleidete Dame in die Donau. Ein mit Schotter beladenes Schiff passirte eben die Brücke, so daß der Schiffsschnabel in demselben Augenblick zum Vorschein kam, als die Unglückliche kopfüber in die Tiefe stürzte; sie fiel so unglücklich, daß ihr Kopf an den Schiffs- raud anschlug, wodurch derselbe zerschmetterte. Am Brückengeländer lag der Mantel der Unglücklichen. In der Tasche desselben befand sich ein Zettel mit ihrem Namen und dem Satze: „Märtyrerin der Liebe, sterb' ich, um nicht mehr zu leiden."
— (Ueber eine tolle Spitzbubenjagd) wird aus London geschrieben: Die zahlreichen Einbruchsdiebstähle haben die Polizei und die Hausbewohner nervös gemacht. Alles wittert überall Einbrecher. In Balham sah Montag Nachts ein Constabler die Seitetithür eines Hauses offen stehen. Sofort vermuthete er mit einem Einbrüche zu thun zu haben, requirirte einen College» und schlich vorsichtig in'S HauS. Der Bewohner des Hauses hörte Jemand „herumkrauchen" und dachte natürlich gleichfalls an Einbrecher. Mit einem Revolver bewaffnet trat er vor und eröffnete ein lebhaftes Feuer, ohne jedoch glücklicherweise Jemanden zu treffen. Die Polizisten waren nun ganz gewiß, einen Verbrecher vor sich zu haben, stürmten vorwärts und schlugen ihren Angreifer mit einem gewaltigen Stockhiebe nieder. Jetzt wurde Licht gemacht. Großes Tableau; Aufklärungen uud Verband des Verwundeten beim nächsten Chirurgen.
F r u eh t p r e i s e.
Weizen 100 Kilogr. 23 M. 85 Pf. bis 24 M. 45 Ps. Roggen 100 Kilogr. 19 M. 80 Pf. bis 20 M. 60 Pf. Gerste 100 Kilogr. 16 M 50 Pf. bis 18 M. - Pf. Hafer 100 Kilogr. 16 M. 35 Ps. bis 17 M. — Ps. '