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Nr. 47. Sonnabend den 11. Juni 1881.
Das „Kreisblatt" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark pro Quartal, bei den Postanstalten kommt der Postaufschlag hinzu. Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Corpuszeile oder deren Raum mit 10 Pfg. berechnet.
Aus Heffeu-Maffan.
Hersfeld, im Juni 1881. In der diesjährigen, im hiesigen Vereinssaale abgehaltenen, von ca. 100 Personen besuchten Versammlung der Bürgermeister und Ortsverwalter des Kreises Hersfeld, zu welcher der Herr Landrath Freiherr von Broich den 1. Juni, den ersten Tag des diesjährigen Ober-Ersatz- Geschäftes bestimmt hatte und zu der um so mehr alle Kreiseinwohner, welche für solche Angelegenheiten Interesse haben, eingeladen waren, als'der Herr Landrath in der betreffenden Bekanntmachung ausdrücklich gesagt hatte, daß er über die Lage des Gisenbahuprojectes AlLenhundem- Hersfeld-Gerstungen nähere Mittheilungen machen werde, hielt derselbe folgenden Vortrag:
Der Zweck der heutigen Versammlung ist, wie bekannt, namentlich Verwaltungs-Angelegenheiten mit den Herrn Ortsvorständen des Kreises zu deren Belehrung zu besprechen und denselben überhaupt Gelegenheit zur Aeußerung von gemeinsamen Wünschen in dieser Hinsicht zu bieten. Da nun aber die Staatsverwaltung die Aufgabe hat, das materielle und geistige Wohl der Staatseinwohner zu heben und zu fördern und wohl kaum eine Angelegenheit oder eine Bestrebung so sehr dazu angethan ist, das wirthschaftliche und damit auch das Gesammtsvohl eines Landestheiles zu heben und zu fördern, als grade demselben einen Eisen- bahnaufschluß zu bieten, so ist nach meiner Ueberzeugung eine derartige Bestrebung eine Verwaltungsangelegenheit im eminenten Sinne des Wortes und da andererseits das Hauptorgan der Staatsverwaltung für jene Aufgabe resp, für solche Bestrebungen der Landrath ist, weil er dem Volksleben und somit den öffentlichen Bedürfnissen am nächsten steht und sich feiner Initiative daher ein reiches Feld der schaffenden Thätigkeit in jener Hinsicht bietet, sv erachte ich es für durchaus angemessen, gerade heute unsere Eisenbahnangelegenheit einer näheren Besprechung zu unterwerfen resp, über deren Lage nähere Mittheilung zu machen. —
Bekanntlich wurde im Jahre 1879 und zwar im August die s. g. Felda-Bahn fertig gestellt und es entstand dadurch bei mir der Gedanke, im Anschlüsse an diese von Salzungen nach Vacha führende schmalspurige Bahn den Kreis Hersfeld in seiner ca. 45 Klm. langen nordwestlichen Richtung dadurch aufzuschließen, daß eine Secundärbahn von Vacha über Hersfeld nach Alsseld und eventuell nach Treysa gebaut werden sollte. Um diesem Plane, der ja im Wesentlichen den Wünschen und den Bedürfnissen der Kreiseinwohner vollständig entgegenkam, entsprechenden Fortgang zu verschaffen, überzeugte ich mich natürlich zunächst, wie die Königliche Regierung zu Cassel darüber dächte und zwar namentlich mit Rücksicht darauf, daß im Jahre 1873 ein allgemeiner Staatseisenbahn-Bauplan aufgestellt worden war. Auf meine betreffende Anfrage hat mir bekanntlich die gedachte Regierung am 19. September 1879 erwidert, daß sie schon im Jahre 1873 für das Bahn-Project Gerstungen- Hersseld-Alsfeld, durch welches im Anschluß an die angrenzenden (Thüringischen und Oberhessischen) Bahnen eine directe resp, kürzere Verbindung zwischen Leipzig, Dresden und dem Rheine erreicht worden wäre, sich höheren Orts befürwortend ausgesprochen habe und auch jetzt dem neuen Projecte ihre Unterstützung thunlichst angedeihen lassen werde.
Sinn erschien am 24. September 1879 ein Artikel in der halbamtlichen Provinzial-Correspon- denz, überschrieben: „Zur Eisenbahnfrage." Dieser Artikel beschäftigte sich mit dein damals verhandelten und auch bald nachher zum Abschluß gebrach-
I seit Ankauf der Cöln-Mindener und der Rheinischen Eisenbahnen Seitens des Staates. Darin hieß es nun u. A. „Mit den Anträgen wegen des Erwerbs jener großen Bahn kann die Regierung, — als eine erste Frucht der eingeschlagenen Politik, — gleichzeitig schon Anträge wegen Ausführung einer größeren Anzahl von Eisenbahnlinien in den verschiedenen Provinzen für Rechnung oder mit Unterstützung des Staats im Interesse der Melioration wichtiger Landestheile einbringen und zwar ohne irgend erhebliche Belastung der Staatskasse .vielmehr auf Grund der Vortheile, welche aus jener ersten großen Maßregel gewonnen werden.
Die Regierung hat die Durchführung dieses umfassenden Planes im Zusammenhänge ihrer Aufgaben für die Reubelebung des nationalen wirth- schaftlichen Verkehrs mit größtem Eifer vorbereitet und ist entschlossen, an das Gelingen dieses Werkes ihre volle Entschiedenheit zu setzen. Sie ist sich bewußt, dabei lediglich von der Fürsorge für die Interessen der Gesammtheit des Volkes geleitet zu sein."
Das schien mir nun so sehr für meine besagten Bestrebungen zu passen, daß ich sofort an die Königliche Regierung zu Cassel die Anfrage richtete, ob daraufhin diesseits nicht der Antrag auf entsprechende Berücksichtigung bei jenen Anträgen der Staatsregierung in dem damals binnen Kurzem zusammentretenden Landtage direct bei dem Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten zu stellen sei. Die gedachte Behörde erwiderte mir hierauf, daß es sich, wenn es dem Comite für das fragliche Bahnproject lediglich darauf ankomme, die Aufmerksamkeit und das Interesse des Herrn Ministers für die öffentlichen Arbeiten auf diese Bahnlinie zulenken, empfehlen dürste, die bisherigen Verhandlungen ,des Comites alsbald und direct bei dem Herrn Minister zur Vorlage zu bringen.
Nun constituirre ich schleunigst das damalige Central-Comite Hersseld-Alsfeld und es wurde am 20. October 1879 von demselben an den Herrn Minister für die öffentlichen Arbeiten die Bitte gerichtet, dahin zu wirken, daß die Secundärbahn Vacha-Hersfeld-AIsfeld eventuellTreysa aufStaats- kosten gebaut werde und dabei selbstredend jene Erklärung der Provinzial-Correspvndenz ganz ausdrücklich zur Geltung gebracht.
Jetzt, meine Herren, glaube ich, zunächst besonders hervorheben zu müssen, weshalb ich gerade den Herrn Baurath Pleßner dazu ausersehen hatte, unsere bekaunte Denkschrift anzufertigen.
Es ist ja im Allgemeinen schwer, für eine solche Arbeit eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Schon im Jahre 1873 hatte ich eine Denkschrift desselben Herrn Pleßner über das Secundärdahn- Bauwesen durch Vermittelung der Königlichen Regierung zu Aachen als Landrath zu Malmedy erhalten. Diese Denkschrift ist, wie es scheint, damals Seitens des Ministeriums allen Regierungen resp. Landrathsämtern zugeschickt worden. Bei Uebernahme des hiesigen Landrathsamtes im Jahre 1876 fand ich dieselbe hier vor und hatte die Königliche Regierung zu Cassel bei deren Zusendung hierhin am 1. August 1873 gesagt, daß dieselbe mit großer Sachkenntniß verfaßt sei und beachtenswerthe Vvrschläge darüber enthalte, in welcher Weise die Herstellung sogenannter Secun- därbahntn gefördert werden könnte. Daraus ergab sich also für mich, daß dieser Herr Pleßner eine durchaus geeignete Persönlichkeit für meinen fraglichen Zweck war. Jetzt handelte es sich darum, denselben ausfindig zu machen und dies gelang mir dadurch, daß ich mich im Januar 1880 mit dem Herrn Bezirks - Director in Eismach in
Verbindung setzte, weil ich gelesen hatte, daß eine Secundärbahn von Ruhla nach Wutha durch einen Unternehmer' Bachstein gebaut werden sollte und es mir darum zu thun war, den Wohnort dieses Unternehmers — mit anderen derartigen Unternehmern hatte ich mich auch bereits in Verbindung gesetzt — und den Kostenanschlag für jenes Project kennen zu lernen. Hierbei stellte sich nun h.raus, daß mehrgedachter Herr Pleßner die Denkschrift über das vorhin erwähnte Unternehmen angefertigt hatte und als Herzoglicher Baurath in Gotha wohne. Wie nun Herr Pleßner die von ihm demnächst übernommene Aufgabe erledigt hat, davon haben Sie Sich selbst überzeugen können, ich kann aber nicht umhin, hier ausdrücklich hervorzuheben, daß er den ihm dafür Seitens des Central-Comites gezollten Dank im vollsten Maaße verdient hat.
Nun gingen die Verhandlungen meinerseits in dem angegebenen Sinne weiter fort.
Im Februar 1880 wurde im Abgeordnetenhause über die Grundsätze hinsichtlich des Baues von Secundärbahnen verhandelt. Dabei erklärte der Herr Minister für die öffentlichen Arbeiten, daß für den Character einer Eisenbahn die Frage der Landesvertheidiguug wesentlich mit in Betracht komme. Ich schrieb darauf sofort, wie aus unserer Denkschrift hervorgeht, an das Königliche Kriegs- Ministerium, um mich von der Bedeutung unseres damaligen Bahnprojectes für die Landesvertheidigung zu überzeugen und stellte, in Anbetracht des Umstandes, daß die s. g. Felda-Bahn schmalspurig ist und somit auch die Strecke Vacha-Hersfeld nur in gleicher Weise ausgeführt werden konnte, dabei zugleich die Frage, ob das alte Project Gerstungen-Hersfeld nicht deshalb eher auf Unterstützung jenes Ministeriums zu rechnen habe, fowie ob demgemäß unsererseits die Linie Vacha-Hersfeld, für welche übrigens in Heimboldshausen leicht ein entsprechender Anschluß au die Linie Gerstungen- Hersfeld zu finden wäre, als solche aufzugeben und dagegen jenes alte Project eventuell als Vollbahn wieder aufzunehmen sein würde. Das Kriegsministerium hat mir hierauf bekanntlich am 23. März 1880 im Wesentlichen erwidert, daß es den militairischen Werth einer Bahn von Gerstungen oder Vacha über Hersseld oder Alsfeld und eventuell nach Treysa mit normaler Spur nicht unterschätze, sich aber entschieden gegen eine schmalspurige Bahn Vacha- Hersfeld aussprechen müsse. Hieraus ergab sich für mich die Nothwendigkeit, das Project Vacha-Hersfeld als solches aufzugeben, dagegen umsomehr die Veranlassung, die Sache'inder anderen Richtung nach Kräften weiter zu betreiben.
Demnächst wurde ich durch unser Kreis-. und Central-Comite-Mitglied, den hier anwesenden Herrn Fabrikanten A. Rechberg in eingehender Weise auf das mir bis dahin unbekannt gebliebene alte s. g. Lenne-Lahn-Bahnproject resp, einer Bahn von Altenhundem nach Marburg aufmerksam gemacht. Dadurch eröffnete sich für mich die Aussicht, große Kohlen- und Eisenmassen in unsere Linie hineinzubringen und somit die Hoffnung, ein lebensfähiges Project ausstellen zu können. Sofort setzte ich mich mit dem Ober-Berg-Amt zu Dortmund in Verbindung, um mich zu überzeugen, ob bereits in den letzten Jahren erhebliche Massen Kohlen aus dem Ruhrgebiete nach Thüringen trans- portirt worden seien und theilte mir diese Behörde daraufhin bekanntlich mit, daß im Jahre 1879 bereits ein Versandt von 3z Millionen Ctr. Kohlen aus dem besagten Gebiete über Bebra nach Thüringen stattgefunden hätte. Das war natürlich schon ein ziemlich sicherer Anhalt dafür, daß meine vorhin gedachte Hoffnung begründet sei.