Unmöglich konnte diese schwer sein, denn alle Sicherheitsmaßregeln waren nur auf Menschen berechnet, die nicht logisch zu denken und zu combiniren vermochten. Sie athmete erleichtert auf und nahm sich vor, jede Minute zu ihrem Zweck zu benutzen, vor Allem genau das Terrain zu recognoserren.
Bald hatte sie sich so weit orientirt, um sich klar darüber zu sein, daß eine Flucht durch den Garten die meisten Chancen biete. Ihr Zimmer ging nach dem engen Hofraum; durch eine meist sorglich verschlossene Thüre gelangte man in den Garten, dessen Umfassungsmauer sicherlich eine Stelle bot, die eine Flucht begünstigte.
Mit schnellen, elastischen Schritten eilte die Französin dem Garten zu. AIs sie aus der Thür des Zimmers trat, stieß sie in ihrer Hast fast ziemlich unsanft mit dem Doctor Kühn zusammen, welcher seine Hand drohend emporhob. „Ich habe Ihre üble Nachrede über mich gehört, zum Glück ist der Direktor viel zu vernünftig, um den Worten einer „Irren" Glauben zu schenken," zischte er. „Nehmen Sie sich vor mir in Acht!"
Blauche warf ihrem Feind einen Blick des Hasses und der Verachtung zu und eilte wortlos von dannen.
Der gewissenlose Arzt blickte ihr nach, bis ihre hohe, imposante Gestalt verschwunden war. „Ein königlicher Wuchs, ein Prachtweib, doch verteufelt hochmüthig. Aber nur Geduld; mit der Zeit wird sie schon mürbe werden. Probatum est!" murmelte er.
Manche ging an den verschiedenen größeren und kleineren Gruppen der Irren achtlos vorüber. Sie musterte verstohlen die wenigen Ausgänge des Gartens und die ziemlich hohe Einfassungsmauer. Letztere war mit einer dicken Schicht Glasscherben gekrönt; hinter ihr befand sich, wie sie später erfuhr, ein tiefer Wasfergraben. Diese Wahrnehmungen waren nicht geeignet, ihren Muth zu heben, denn sie hatte nicht geglaubt, daß die Anstalt wie eine kleine Festung verbarrikadirt sei, doch ihr geschäftiger Geist entwarf sofort einen kühnen Plan nach dem andern.
Ganz in Gedanken versunken, bemerkte sie ihre junge Tischnachbarin nicht, welche in ihrer Nähe mit einem Strickzeuge auf einer Gartenbank saß. Blanche nahm auf ihren freundlichen Zuruf neben ihr Platz. Das ungestörte Beisammensein mit der jungen Frau war ihr nicht unwillkommen; sie hatte in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft bereits so viel Vertrauen zu ihr gefaßt, daß sie beschloß, diese Schicksalsgefährtin zur Vertrauten und Verbündeten zu machen. Doch diese schüttelte über die Pläne, die ihr die Französin machte, trübe den Kopf.
„Auch ich war früher fo sanguinisch, zu hoffen, aus diesen Kerkermauern zu entkommen; wird es doch überhaupt hier Wenige geben, die sich in der ersten Zeit ihres Hierseins nicht mit ähnlichen Plänen tragen, denn selbst diese armen Unzurechnungsfähigen müssen bei der meist schlechten Pflege und der nichts weniger als liebevollen Behandlung einen Wechsel ihrer Verhältnisse sehnlichst wünschen. Ich gestehe offen, daß ich seit meines zweijährigen Aufenthaltes hier, welchen ich den Intriguen habsüchtiger und gewissenloser Verwandten zu danken habe, schon mehrere Fluchtversuche unternahm, doch trotz aller Vorsicht erfolglos. Ich gebe zu, daß es mir schließlich doch geglückt sein würde, zu entkommen, wenn nicht mein Kind hinderlich gewesen wäre. Konnte ich aber mein Höchstes auf dieser Welt hilflos hier zurücklasfeu? Nimmermehr! Lieber will ich mein Leben noch länger hinter diesen Kerkermauern vertrauern."
„Wie, Sie haben ein Kind mit hier, ein gesundes Kind ?" rief Manche erstaunt.
Die junge Frau hob mit einem glückstrahlenden Lächeln ihre Augen von der Arbeit empor. Es wqren ein paar halbfertige Kinderstrümpfchen von feinem Rosagaru.
„Dies ist für mein Kind, für meine süße, kleine Lilly."
Fräulein Rigot war nie eine große Kinderfreuudin gewesen; der Gedanke aber an dies arme kleine Wesen, welches unter so schrecklichen Verhältnissen seine früheste Jugend verlebte, rührte ihr Herz und flöste ihr die innigste Theilnahme ein.
Auf ihr Befragen erfuhr sie, daß dieses kleine dreijährige Mädchen das letzte und jüngste von vier Geschwistern sei; die drei älteren waren in Zeit von wenigen Stunden einer Epidemie zum Opfer gefallen.
,-So ist mir denn nichts geblieben von meinem früheren Glück, als dieses eine Kind," setzte sie mit schmerzbewegter Stimme hinzu. Sie können ermessen, mit welcher Zärtlichkeit ich an meinem Liebling hänge und mit welcher Verzweiflung es mich erfüllen mußte, als man wiederholt Versuche machte, mir mein Kind zu rauben."
„Wie, das wagte man?" rief FräuleiuRigot im gerechten Zorn, während sie mit warmer Theilnahme die Hand der Schwergeprüften drückte. (F» fl)
Vermischtes.
— In Köstritz bei Gera wurde mit Hülfe einer electrischen Klingel ein berüchtigter Garten- und Kellerdieb gefangen. Der____________________, _______________
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Dieb war wie vom Blitz getroffen, als er sich selbst verrathen hatte.
— Vor einigen Tagen hat man in Lausanne das Grab des Bischofs Roger eröffnet, welcher im Jahre 1220 in der dortigen Kathedrale bestattet worden ist. Merkwürdigerweise war der Körper noch beinahe ganz erhalten, die Gesichtszüge erkennbar und die bischöflichen Gewänder unbeschädigt, trotz der sechs und ein halb Jahrhundert, welche verflossen sind, seit der Bischof in seinen Steinsarg gelegt wurde.
— Unerwartete Antwort. Kellner: Sie haben gehabt Braten mit Salat, macht 1 Mark — und was haben Sie noch? — Gast: Humer.
— Zwei Pächter sprachen über das fruchtbare Wetter; der eine sagte: „Wenn dieser warme Regen noch 14 Tage auhält, so kommt'Alles aus der Erde hervor." — „Das wolle Gott verhüten," erwiderte der andere, „ich habe zwei Weiber drunter."
— Versteigerung eines Dorfes. Wie aus Agram berichtet wird, gelangt demnächst das ganze Dorfes Konto aus Anlaß von Steuerrückständen zur zwaugsweifen Versteigerung. D i eFinanzver- waltung soll daffelbe anzukaufen gedenken, um Daselbst ungarische Bauern anznsiedeln.
Landwirthschaft»
— Gekochte Kartoffeln, frisch oder alt gefüttert. Es ist gewiß gerechtfertigt, die zur Verfütterung kommenden Kartoffeln vorher zu kochen, aber es ist thöricht, das Kochen der Futterkartoffeln für einen oder gar mehrere Tage, bevor sie zur Verfütterung kommen sollen, vorzunehmen. Gekochte Kartoffeln, die man kalt werden läßt, bilden bekanntlich eine Art Kleister; daß dieser schwer verdaulich ist, ergiebt sich aus folgendem Versuche: Zwei Kühe von mittlerer Milchergiebigkeit wurden 9 Wochenlang täglich mit gleich großen Mengen Heu, Häcksel, Kartoffeln und Kleie gefüttert. In den ersten 3 Wochen, wo die Kartoffeln in frisch gekochtem Zustande gegeben wurden, gaben sie 189 Maß Milch und die Kühe wogen zusammen 993 Pfund; in den zweiten 3 Wochen, wo Tags .vorher gekochte Kartoffeln gegeben wurden, gaben sie nur 171 Maß Milch und die Kühe wogen am Ende nur 975 Pfund; in den dritten 3 Wochen, wo wieder frisch gekochte Kartoffeln gereicht wurden, betrug die gewonnene Milchmenge 187 Maß und das Gewicht der Kühe am Ende 989 Pfund.
— Ueberstreuen des Düngers mit Knochenmehl. Professor Wicke macht im„Landw. M. f. Oldenburg" den Vorschlag, das Knochenmehl, namentlich das gröbere, schon dem Dünger beizu- gesellen, so lange dieser noch in Haufen auf dem Hofe liegt. Er sagt: „Sich zerfetzen, faulen muß das Knochenmehl doch, ehe es für die Pflanze aktiv werden kann und da nun im Düngerhaufen fort und fort die Zersetzungsprozesfe der organischen Substanzen sich vollziehen, so kann man auch sie auf für eine Zersetzung des Knochenmehls reflektiren. Man hat keine bessere Gelegenheit, um den Phosphorsauren Kalk der zersetzenden Wirkung der Kohlensäure und der Ammonialsalze auszusetzen, als den Stalldünger. Will man die volle Wirkung haben, so muß man aber auch für eine Durchtränkung des Düngers mit der Jauche sorgen. In mäßig feuchtem Zustande erhalten, erfolgt die Zersetzung der organischen Substanzen am lebhaftesten. Ich bin überzeugt, daß man bei diesem Verfahren das Knochenmehl am höchsten verwerthet. Auch der Umstand fällt dabei in's Gewicht, daß die Nährstoffe des Düngers nicht örtlich von einander geschieden, vielmehr in inniger unmittelbarer Berührung mit einander sind, so daß alle zusammen gleichzeitig, dem Bedürfniß der Pflanze entsprechend, wirken können.
— Eine Erfahrung in der Obstbaumzucht. Es ist eine durch langjährige Erfahrung bestätigte Thatsache, daß die in den Gärten aus Kernen gezogenen Obstbäumchen nach ihrer Versetzung anfangs zwar recht gut gedeihen und fruchttragend sich erweisen, daß sie aber ein hohes Alter nicht erreichen, werl sie bald anfangen zu kränkeln und trotz aller Pflege nach und nach verkümmern und absterben, so daß sie dann durch andere wieder ersetzt werden müssen. Auf diese Weise aber erhält man nie größere und umfangreiche Bäume, von welchen ja nur eine reiche Ernte zu erwarten ist. Dagegen hat die Erfahrung gelehrt, daß sogenannte Wildlinge, die sich vereinzelt in unseren Waldungen finden, wett bester gedeihen, anch zu umfangreichen Bäumen heranwachsen, wenn sie an passenden Stellen versetzt und dann nach einigen Jahren erst veredelt werden. Diese Stämme wachsen üppig fort, zeigen keine Spur von Baumkrankheiten, erhalten einen kräftigen Stamm und geben bald einen reichen Ertrag. Man findet auch diese Baume, deren Jugend selbst die ältesten Einwohner nicht tenuen, und die doch immer noch eines frischen Aussehens und euies üppigen Wachsthums sich.erfreuen und immer noch eine reiche Ernte geben.