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Beilage zur Nr. 83 des „Kreisblatts"

Hersfeld, den 16. October 1880.

Feuilleton.

Die Mraut des Derörechers.

Von Theila Seuberlich.

(Fortsetzung.)

Erst jetzt, nach dieser langatmigen Begrüßung vermochte die Französin zu Worte zu kommen. „Wie ich geruht habe, mein Herr? Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens und ich wünsche nicht, noch eine zweite derartige zu verleben. . . Sie irren, wenn Sie glauben, eine Wahnsinnige vor sich zu haben. Ich bin gekommen, Sie zu bitten, mich aus 'diesem Hause zu entlassen und mir Ihren Schutz gegen den Baron von Friedstein angedeihen zu lassen. Sie werden nur, als Ehrenmann, denselben nicht verweigern, wenn ich Ihnen das schändliche Gewebe dieses ränkevollen Mannes enthüllt haben werde. Bebte doch dieser Unmensch nicht davor zurück, mich, die Mitwisserin seines Verbrechens, durch Einsperren in ein Irren­haus unschädlich zu machen. Nicht länger will ich schweigen; Sie sollen erfahren . . . ."

„Beruhigen Sie sich, mein Fräulein, nicht diese nervöse Heftig­keit," unterbrach der von diesen Worten nicht sonderlich erbaute Direktor die Sprecheude. „Auch muß ich dringend bitten, dieses Haus nicht für ein Asyl für Geisteskranke zu halten. Es ist eine Privatheilanstalt für Nervenleidende."

„Sie sprechen zu einer vollkommen Gesunden, mein Herr," versetzte Manche ruhiger. „Warum sind Sie nicht offen gegen mich? Dies Haus ist ein Irrenhaus. Mein Feind hat mid) mit List in dasselbe gebracht, er hätte mich ebenso gut getödtet, wäre er nicht zu feige gewesen, einen zweiten Mord auf' sich zu laden. Lächeln Sie nicht, mein Herr! Ich bin das Opfer einer furchtbaren Rache. Ihre Pflicht aber sowohl als Mensch, als auch als Oberleiter der Anstalt fordert es, dazu beizutragen, dieses schändliche^ Bubenstück zu entlarven. Bedenken Sie, Herr Direktor, in Ihren Händen liegt das Wohl und Wehe, ja das Leben eines Menschen!"

Der Direktor zuckte mit einem verlegnen Lächeln die Schultern. „Sie sehen zu schwarz, mein Fräulein! Ihre erhitzte Phantasie spielt Ihnen .. .."

„Hören Sie mich erst an, mein Herr," unterbrach Blanche, mit ihrer südlichen Lebhaftigkeit die ausweichenden Floskeln des Direktors. „Ich bin überzeugt, wenn Sie den wahren Sachverhalt kennen, so werden Sie keine Minute zögern, der Retter eines hilflosen Weibes, der Befreier eines schuldlos Eingekerkerten zu werden."

Manche ließ sich durch eine Geste der Ungeduld und durch eine ablehnende Handbewegung nicht beirren. Mit fliegendem Athem berichtete sie alle Vorgänge auf Schloß Friedstein. Sie verhehlte ihre Beziehungen zu dem Baron nicht, und wie ein Schwur ihr den Mund verschlossen habe, den Baron als Mörder zu denunciren. Doch lieber wolle sie meineidig werden, als noch länger das schreckliche Geheimniß mit sich herumzutragen. „Und nun wissen Sie Alles, mein Herr, und werden mir und meinen Wünschen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich bin gern erbötig, alle meine Aussagen zu beschwören."

Fräulein Rigot hatte erwartet, daß der Direktor entsetzt über solches Bubenstück aufspringen und sofort die nöthigen Schritte zu ihrer Entlassung und zur Entlarvung des Verbrechers thun werde. Doch nichts davon geschah.

Keine Miene zuckte und wie festgefroren blieb dieses kalt­höfliche Lächeln auf dem Gesicht. Schweigend drehte er die Daumen um einander. , .

Wie, Sie schweigen, sollte ich mich tn Ihnen getauscht haben," flammte Blanche auf. „Doch nein," fuhr sie gemäßigter fort, „es ist ja unmöglich, daß Sie mit ihm unter einer Decke" ....

Kein Wort weiter, Fräulein Rigot; meine Ehre verbietet mir, solche" Beleidigungen anznhören, auch wenn sie aus dem Munde einer — Nervenkranken kommen. Ich bin recht wohl von Allem, was in Friedstein vorgegangen -ist, unterrichtet und überzeuge lnich nun persönlich von der Wahrheit der mir gemachten Angaben über die Natur Ihrer fixen Ideen. Sie verwechseln Personell und die Vorgänge verwirren sich in Ihrem Kopfe. Sollten sie wirklich vergessen haben, daß Sie die Geliebte des Herrn Walter von Fried­stein gewesen sind? Erinnern Sie sich wirklich gar nicht mehr, daß der jüngere Bruder es war, der den Mord begmg? Sie sind Zeugin dieses Mordes gewesen — kein Wunder, daß diese gräßliche That des Geliebten die heftigsten Gemüthsaffectwnen bet Ihnen hervor­rufen mußte. Sie verwechseln nun die beiden Brüder und halten

denjenigen, der Ihr Wohlthäter und Gönner ist, für Ihren Feind. Ich hoffe, daß Ihnen die Erkenntniß der wahren Sachlage bald ausgeht. Was übrigens den Schwur, den Sie geleistet haben, be­trifft, so brauchen Sie denselben nicht länger zu halten, denn der Schuldige sitzt ja längst hinter Schloß und Riegel. — Ich begreife, ein Schauspiel so entsetzlicher Art, dessen Zeugin Sie wurden, muß auch stärkere Sterben erschüttern, als die Ihren, mein Fräulein; doch ich hoffe, daß Sie in meinem Hause recht bald Ihre Gesund­heit zurückerlangen. Mein Wort darauf, Alles, was dazu dienen kann, soll geschehen."

Sprachlos vor Erstaunen hatte Manche zugehört. War es denn möglich, die Wahrheit so zu verdrehen und zu entstellen? Dies setzte der Schandthat des Barons die Krone auf.

Heiß wallte das Blut in Blanche empor. Mit Mühe nur ver­mochte sie ihren gerechten Zorn zu bemeistern. Doch nur mit Ruhe und Besonnenheit konnte sie diesem Manne mit dem ewigen Lächeln, imponiren und schließlich überzeugen. Gewaltsam preßte sie ihre Hand auf das stürmisch pochende Herz, als wolle sie ihr erregtes Blut zwingen, ruhiger zu circuliren. Es war für sie ein entscheidender Moment, sie fühlte es wohl!

//

„O glauben Sie mir, mein Herr, man hat Sie getäuscht, sagte sie mit überzeugender Wärme. „Ich bin nicht irrsinnig und alle meine Angaben beruhen auf Wahrheit. Gott ist mein Zeuge! Hätte ich mir den Arzt hier im Hause nicht zum Feinde gemacht, indem ich ihn mit seinen frivolen Redensarten in die Schranken wies, und wäre er kein vollendeter Heuchler, so könnte er Ihnen meine Gesundheit, von welcher er, wie ich weiß, überzeugt ist, be­stätigen. Ihre Gesinnungsart, Herr Direktor, kann aber unmöglich eine derartige sein, daß Sie ruhig zusehen sollten, wenn man eine Frau in Ihrem Hause beleidigt."

„Ich bin durch den Doctor Kühn, welcher ein Ehrenmann ist, von allen Vorgängen genau unterrichtet und weiß selbst am Besten, was ich in diesem oder jenem Falle zu thun, habe," erwiderte er kühl. Dann fuhr er mit erkünstelter Wärme fort: „Haben Sie Vertrauen, Fräulein Rigot. Sie sind in den Händen treuer Freunde und gewissenhafter Männer, denen Ihr Wohl am Herzen liegt. Erscheint Ihnen auch jetzt Manches dunkel, so wird sich ja bald Alles lichten. Seien Sie versichert> daß Alles, was geschieht, zu Ihrem Besten dient Geben Sie sichnicht düsteren Gedanken und trüben Vorstellungen hin, werfen Sie alle Selbstquälerei über Bord und seien Sie heiter. Das ist die beste Arznei für Sie."

„Gerechter Gott, ist es denn möglich, so soll ich noch nicht frei werden? Haben Sie auch bedacht, daß Sie mit dieser Entscheidung nicht nur mein Leben vergiften, sondern auch dasjenige des armen Eingekerkerten vernichten? Wird mein Meineid nicht dadurch ge­sühnt, daß ein Justizmord durch ihn verhindert wird? Sie können, Sie dürfen mich nicht daran hindern, wenn Sie nicht einst als der Hehler des Mörders allgeklagt werden wollen. Im Namen der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit, fordere ich meine sofortige Frei­lassung."

„Was Ihren gänzlich uumotivitteü Ausfall gegen meine Person anbelangt, so verzeihe ich Ihnen denselben. Betreffs Ihrer ge­wünschten Freilassung muß ich bedauern, nicht darauf eingehen zu können. Ich müßte mich als einen Gewissenlosen schelten, wollte ich das Vertrauen, welches Ihre Wohlthäter hinsichtlich Ihrer Hei­lung in mich setzten, mißbrauchen. Die kurze Unterredung mit Ihnen hat mir den Beweis gegeben, daß Ihre Nerven noch sehr angegriffen sind. Eine regelmäßige Lebensweise und Ruhe werden im Verein mit zweckdienlichen Stärkungsmitteln bald gute Folgen für Körper und Gemüth haben. Um Ihres eigenen Interesses willen bitte ich Sie nochmals, haben Sie Geduld und Vertrauen."

Manche stieß einen durchdringenden Schrei aus. Ihre einzige Hoffnung war vernichtet, die Brücke war hinter ihr abgebrochen. Sie war gefangen, vielleicht auf Lebenszeit hinter diesen Kerkermauern vergraben. Doch nein, es konnte, es durfte Nichtsein! Sie mußte alle ihre Beredsamkeit aufbieten, um das starre Herz dieses Mannes zn erweichen. Sie erhob ihr thränenfeuchtes Auge — doch sie war allein. Der Direktor hatte den günstigen Moment benutzt, um sich leise zu entfernen.

Manche stieß einen Seufzer aus; es wurde Nacht in ihr, denn sie fühlte gar wohl, daß alle ihre Worte vergebens sein würden. Mall wollte sie nicht erhören. So blieb nur noch ein Weg, um aus diesem schrecklichen Hanfe zu entkommen, die Flucht. Der Gedanke, daß sie zur (Erlangung ihrer Freiheit auf sich gaiy allein ange­wiesen war, lähmte mir wellige Minuten ihre Thatkraft und Energie. Ein Feuereifer durchglühte sie. Kein einziges bittendes Wort wollte sie mehr verschwenden, sondern nur in der Flucht ihr Heil suchen.