Beilage zur Nr. 81 des „Kreisblatts"
Hersfeld, beu 9. October 1880.
Die ZLraut des Aerörechers.
Von Thckla Scuberlich.
(Fortsetzung)
„Tobsüchtig!" sagte die Frau.
„Zwangsjacke oder Zwangsbett?" fragte der Mann, indem er näher an die Französin herantrat.
Diese wich entsetzt zurück.
„Rühren Sie wich nicht au," rief sie mit vor Angst halberstickter Stimme. „Ein furchtbares Mißverständniß Walter hier ob, ich bin eben so wenig irrsinnig als Sie!"
„Natürlich!" versetzte mit einem rohen Lachen der Mann. „Jedes von den Irrsinnigen, die hier sind, glaubt vernünftig zu sein."
„Wo ist der Direktor dieser Anstalt?" fragte sie mit zunehmender Angst; „ich muß ihn unverzüglich um eine Unterredung bitten."
„Das ist unmöglich; der Herr Direktor ist nur Vormittags zu sprechen," wurde ihr zur Antwort.
„Und so soll ich eine ganze Nacht hier bleiben, in diesem schrecklichen Hause? Nein, nein, das vermag ich nicht, es würde mich tödten!"
Dieser Gedanke war Fräulein Rigot so furchtbar daß sie mit fest an die Schläfe gedrückten Händen im Zimmer auf- und ab- stürmte und in ihrer Muttersprache wilde Drohungen und Verwünschungen ausstieß.
„Wenn Sie nicht still sind, Madame, so kommen Sie in die Zwangsjacke," sagte die Pflegerin mit einer harten, gleichmäßigen Stimme.
Die Unglückliche wehrte entsetzt ab.
„Ich will still sein," rief sie und sank wie zerknickt -auf einen der hölzernen Stühle nieder. „Aber um «Gottes Barmherzigkeit willen, geben Sie mir wenigstens Tinte und Papier."
„Dies liegt nicht in unserem Bereich; wenden Sie sich an den Arzt."
„Wo, wo ist dieser?"
„Er wird bald seine abendliche Runde machen."
Die Französin verhüllte das Gesicht mit den Händen und gab keine Antwort als die Pflegerin betreffs des Abendbrodes und der Zimmereinrichtung einige Fragen an sie stellte. Achselzuckend entfernten sich die beiden Bediensteten und verschlossen hinter sich die
Die Einsame blieb unbeweglich sitzen. Ihr war zu Muthe, als sei sie lebendig begraben, begraben in dem Augenblicke wo sie die Hände nach einem heißersehnten Glücke ausstreckte!
Allmälig war es finster geworden, doch Manche Rigot bemerkte es nicht; Zorn und Verzweiflung und das Entwerfen wilder Rachepläne trieben ihr das Blut siedendheiß durch die Adern.
Da schrak sie plötzlich zusammen vor einem knarrenden Geräusche oberhalb der Thür; — eine matterleuchtete Lampe kam in einer Wandöffnung zum Vorscheine.
Dann war wieder Alles still, nur zuweilen glaubte sie in der Ferne einen dumpfen Schrei oder scheltende Stimmen 3u hören. Der schleichende Schritt des unsichtbaren Lampenanzünders verlor sich nicht ganz auf dem Corridor; er schien zu zögeru, wieder zu- rückzutreteu. Doch es war ein anderer Schritt, ein fester, männlicher. An ihrer Thür hielt er. Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Ein Mann in feinem Gesellschaftsanzug uud mit den Manieren der großen Welt trat ein.
Die Einsame stieß einen Ruf der Erleichterung aus. Sie glaubte, es sei der Direktor und es bedürfe nur eines Wortes, um sie aus diesem schrecklichen Kerker zu befreien.
Doch sie irrte sich; es war der Arzt, den seine Pflicht hier- ^^Frallleiu Rigot eilte dem Eintretenden entgegen und breitete flehend die Hände gegen ihn aus. „Retten Sie mid), mein Herr, schützen Sie mid), damit ich nicht in Wirklichkeit wahnsinnig werde Wie man es Ihnen bereits glauben gemacht hat. Eine entsetzliche Intrigue hat mich in dieses Grab der Lebendigen gebracht, das scheußliche Verbrechen wurde an einem wehrlosen Weibe verübt. Brüten Sie meine Geisteskräfte, mein Herr, und Sie werden sich überzeugen, daß ich klar bei Vernunft bin nnb daß ich ein Recht habe,meine lsofort^^ 3ll seiner sofortigen
Entlassung zu besitzen," murmelte der Doctor und setzte in elegantem Französisch, denn Manche hatte sich in der Erregung des Augenblickes ihrer Muttersprache bedient, hinzu: „Sprechen Sie morgen mit dem Herrn Direktor selbst; er wird Ihre Anklage und Ihre Forderung prüfen. Ich selbst bin der Arzt dieser Anstalt."
„Der Arzt? Was soll mir ein solcher?"
„ . Doctor Kühn hatte mit wachsendem Wohlgefallen die schöne, üppige Frauengestalt und das durch die Erregung doppelt anziehende Gesicht betrachtet. _ „Man hatte Sie ohnmächtig auf dies Zimmer gebracht; nach dieser Ohnmacht befanden Sie sich, wie man mir mittheilte, in dem Zustande einer heftigen Exaltation, welche einen etwas geräuschvollen Charakter angenommen hat. Dies beweist, daß ^hre Nerven etwas erschüttert sind und daß Sie vielleicht eines nervenberuhigenden Mittels bedürfen."
Er näherte sich der Französin und fühlte ihr nach dem Pulse, während seine andere Hand leise den vollen, weißen Arm berührte, der aus dem mit Spitzen besetzten Halbärmel ihres Kleides verlockend hervorblickte.
Fräulein Rigot entzog ihn denselben. Jnstinktartig fühlte sie Unbehagen bei der Berührung dieses Mannes; sie würde vor ihm zurückgeschreckt sein, hätte sie seine lodernden Blicke bemerkt.
„Der Puls ist hart,unregelmäßig. Sie müssen sich Ruhe gönnen; der Schlaf wird Sie erquicken. Ich werde Ihnen ein calmirendes Mittel verschreiben," sagte er.
Manche streckte die Hand abweisend aus. „Keine Arznei der Welt würde mir nützen, wenn ich in diesem Hanse festgehalten werde. Mir fehlt nichts, als die Freiheit. Ich aber werde unb muß dieselbe noch heute erlangen, denn es giebt kein Gesetz, welches Gesunde unter geistig Kranken zurückhält. Wehe denen, die dies nicht aus Irrthum, sondern um schnöden Gewinnes willen thun; ich würbe die ganze Welt gegen solche Grausamkeit und Unmensch- lichkeit aufrufen!"
„Still, still," beruhigte der Arzt, als die lebhafte Französin heftig emporgefahren war. „Theilen Sie mir vertrauensvoll mit, was versetzt Sie in solchem Zorn und solche Bitterkeit?"
Bei diesen Worten nahm er dicht an Manche's Seite Platz, welche er sanft auf ihren Sitz zurückgezogen hatte. „Einem Arzte I dürfen Sie Alles vertrauen," fügte er mit eindringlicher Stimme hinzu. „Hat vielleicht Ihr heißblütiges Herz bittere Erfahrungen machen müssen? Seien Sie offen gegen mich, lassen Sie uns Freundschaft schließen," flüsterte er mit rohem, cynischem Gesichtsausdruck.
Blanche stieß einen Schrei des Zornes aus. „Entfernen Sie sich sofort aus diesem Zimmer, oder ich mache Lärm!" rief sie empört.
„Sachte, sachte, meine Schöne! Gar Manche, die so gebieterisch und hochmüthig auftrat, wie Sie, ist hier gebändigt worden. Alan hat hier so allerlei hübsche kleine Mittel dazu .... Hüten Sie sich, mich zum Feinde zu machen! Doch ich weiß, Sie werden Ihre momentane Aufwallung bald bereuen."
Als sich die Thür hinter ihrem Peiniger schloß, sank die Französin wie gebrochen an Leib und Seele mit einem Schmerzendchrei auf die Knie.---
Doctor Kühn stattete dem Director der Anstalt Bericht über die Neuangekommene ab und faßte seine Resums dahin, daß man es hier mit einer nächst dem Größenwahnsinn am meisten verbreiteten Geisteskrankheit zu thun habe, nämlich dem Verfolgungswahnsinn. Es ist gut, daß man während ihrer Ohnmacht aus ihrer Tasche ein Etui mit Scheere sowie ein kleines Messer entfernt hat."
Der Direktor schlug in einem großen Buche nach. „Ganz recht, Verfolgungs-, doch auch Größenwahusinn, heroorgerufen durch einen heftigen schreck. Ich denke, die Krankheit wird ziemlich ungefährlich und curabel sein?"
Doctor Kühn zuckte zweifelild die Achseln. „Bis jetzt kann ich selbstverständlich noch nicht darüber urtheilen, doch, flößen mir einige Symptome an der Kranken Bedenken für eine schnelle Heilung ein."
Der Director murmelte einige bedauernde Worte, nickt aber gleichzeitig befriedigt vor sich hin.' Für Niemand in der Anstalt wurde ein so reiches Kostgeld bezahlt, als wie für Fräulein Rigot. Je länger sie hier blieb, desto reicher war der Gewinn für den habsüchtigen Director. .
„Ich denke wir können es wagen, die Aermste bis auf Weiteres in der Abtheilung für ruhige Frauen unterzubringen; ihr Se- paratzimmer mag sie beibehalten," ordnete der Director an. „Sollte