Beilage zur Nr. 79 des „Kreisblatts"
Hersfeld, den 2. October 1880.
Feuilleton.
Die Araut des Verbrechers.
Von Thekla Seuberlich.
(Fortsetzung.)
„Das sonnen Sie jetzt wohl sagen, weil Sie in die Enge getrieben sind und keinen Ausweg wissen. Zu einen freiwilligen Entschluß hätte Ihnen die moralische Kraft gefehlt. Ein deutsches Sprichwort sagt: Unter zwei Uebeln muß man das kleinste wählen; Sie wählten das kleinste."
„Ja, theuerste Manche, ich wählte das kleinste," erwiderte er mit verstecktem Spott.
„Ich habe bereits darüber nachgedacht, daß gar Manches geändert werden muß, wenn ich hier die Frau vom Hause bin. Vor Allein wird ein großer Theil des unnützen Dienstpersonais entlassen, sowie aber anch Fränlein Sophie darauf aufmerksam gemacht werden müßte, daß sie unter den bewandten Umständen nicht länger . . ."
„Lassen wir dies Alles einstweilen ruhen, Blanche; vor Allem gilt es, die Gegenwart in's Auge zu fassen und die sich nöthig machenden Anordnungen mit Umsicht zu treffen. Ihre Phantasie setzt sich so ganz über die Gegenwart hinweg. Wie gut ist es daher, daß ich Besonnenheit für uns Beide habe. Haben Sie noch nicht darüber nachgedacht, welche Stellung Sie hier im Hause einnehmen werden, nachdem Sie sich mit meiner Tante für immer über- worfen haben und nachdem meine bisherige Gattin das Haus verläßt? Ihre Klugheit und Ihr Schicklichreitsgefühl werden Ihnen sagen, daß vorläufig Ihr Bleiben hier unstatthaft ist. Die strengste Zurückgezogenheit würde Sie nicht vor übelster Nachrede schützen. Eine Frau aber, die meinen Namen tragen soll," sagte er mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, „darf sich weder Verleumdungen ausfetzen, noch ziemt es ihr im Hause des künftigen Bräutigams zu weilen. Eine dienende Stellung aber sönnen Sie nirgends annehmen; es liefe dies meiner Ehre zuwider; als Pensionärin in irgend einem Haushalt einzutreten, wollte mir auch nicht paffend und zudem für Ihr Freiheitsbedürfniß beengend erscheinen. Da fiel mir zufällig eine Annonce über den Verkauf eines Landhauses, dicht an meiner Meierei Falkenau gelegen, in die Hand. Dieses Landhaus ist mir schon vor längerer Zeit zum Verkauf angeboten worden. Seit dem Tode seines früherer! Besitzers, eines vaterland- müden Engländers, Mchem die schöne Gegend anlockte, steht es leer. Dies wäre eine passendes und freundliches Asyl für Sie, Blanche."
„Ich schrieb also sofort an den mit dem Verkaufe beauftragten Advokaten und erhalte die günstigste Nachricht, wie Sie sehen können."
Bei diesen Worten reichte Kuno der Französin den Brief dar, welchen er bis jetzt in der Hand gehalten hatte.
Fräulein Rigot bemühte sich, die deutsche Schrift Zeile für Zeile genau zu entziffern.
„Ist es ein gutes, wohleiugerrchtetes Haus?" fragte sie bann. „Der Kaufpreis scheint mir ziemlich mäßig."
„So viel ich weiß, ist es im besten Stande, doch müssen wir es natürlich erst sehen, ehe wir es kaufen. Ich sage „wir," Manche, denn ich beabsichtige, Sie als Käuferin eintragen zu lassen. Sie sollen im eigenen Hause wohnen. Mein Vorschlag ist nun der: Wir reifen in der Stille hin, denn ich möchte nicht, daß Jemand vor der Hand Etwas davon erfährt, und besichtigen das Haus. Gefällt es uns, fahren wir sofort nach B., um den Kaufkontrakt ab- zuschließen. Da ich die Kaufsumme gleich mit uehme, wird dieser keine Schwierigkeit verursachen. Sind Sie .damit einverstanden?"
Fränlein Rigot's Augen hatten bei der verlockenden Aussicht auf ein so nobles Geschenk freudig aufgeleuchtet, jals aber nun Kuno schwieg und sie den boshaften Zug bemerkte, der stärker als je in feinem Gesichte hervortrat, überschlich sie ein rascherwachtes Mißtrauen. Das Eingehen auf ihre Wünsche betreffs seiner Ehescheidung hatte sie erwartet, denn es blieb ihm nichts weiter übrig; diese Fürsorge aber, die er für ihren guten Ruf au deu Tag legte, erschien ihr befremdend.
Unumwunden sprach sie ihr Mißtranen aus, doch Kuno lachte so unbefangen darüber und wußte seine Handlungsweise so geschickt zu motiviren, daß ihr Mißtrauen schwand, wie Schnee vor der
Sonunerwm ^^issen, mich so unverantwortlich gequält zu haben, raubt Ihnen das Vertrauen zu mir. Seien Sie aber unbesorgt
Blauche, ich trage Ihnen das nicht nach. Was geschehen ist, ist geschehen und mag vergessen werden," sagte er im treuherzigsten Tone der Welt. „Alles Unheil, das mir widerfahren ist, habe ich meiner Unbesonnenheit zuHuschreiben. Aus dem Schiffbruche aller meiner Wünsche und Pläne will ich aber noch so viel zu retten sucheu, daß mein Leben wenigstens erträglich wird. Kopfhängerei oder gar Melancholie liegen mir fern. Ich habe einmal A gesagt unb werde nun auch B sagen müssen; ich bot Ihnen, um einen Vergleich herbeizuführen, meine Hand an und muß nun alle Konsequenzen meiner Handlungsweise tragen. Dazu gehört, Ihre Ehre als die meine zu betrachten. Das ist ja Alles einfach und so klar wie die Sonne am Himmel. Nur ein so maßloses Mißtrauen als das Ihre kann etwas Bedenkliches wittern. Sie wissen, ich verlange durchaus keine Liebe, doch etwas mehr Vertrauen muß ich beanspruchen. Daß unsere Ehe nichts weniger als eine Musterehe wird, liegt auf der Hand, doch ist es darum nicht nöthig, daß wir wie grimmige Feinde neben einander leben und immer auf Kriegs-
"sten. Wir wollen lieber das Leben genießen und Keines seinen Vergnügungen beeinträchtigen. Das Leben ist doch schön, man muß es nur zu genießen wissen!"
Fräulein Rigot, völlig beruhigt, warf dem Baron einen zu-
fuß stehen mir, soll das Andere in
friedenen und gleichzeitig überlegenen Blick zu.
„Welch grenzenloser Leichtsinn steckt in diesem Manne," dachte sie; dann begehrte sie zu wissen, wann das in Rede stehende Haus besichtigt werden solle.
„Sobald als möglich; am liebsten schon morgen."
„Gut, ich bin dabei. Wie lange fahren wir bis nach Falke- nau V"
Kuno gab eine etwas unbestimmte Auskunft und rieth ihr, sich für den Fall, daß man in B. wegen des Kaufkontraktes Verzögerung habe und möglicherweise daselbst übernachten sollte, genügende Vorbereitungen 311 treffen. In der Frühe des nächsten Tages sollte Fräulein' Rigot nach einem Nachbarstädtchen fahren, das Geschirr unter einem Vorwande zurückschicken und an einem bestimmten Ort auf ihren Reisebegleiter warten.
Er schärfte ihr nochmals ein, alles Aufsehen streng zu vermeiden.
AIs Kuno am nächsten Morgen der Abfahrt der Französin von seinem Fenster aus zu sah, nickte er befriedigt mit dem Kopfe.
„Die Maus geht in die Falle!" rief er vergnügt. Dann legte er sich noch eine geraume Weile in sein Ruhebett, verzehrte hierauf mit großem Appetit ein reichliches Frühstück und befahl dann, sein Pferd vor zu führen.
Fest in seinen Mantel gehüllt, ritt er m Begleitung eines Reitknechtes fast die entgegengesetzte Richtung, die die Französin ye- nommen, doch lenkte er bald dem Gute eines Freundes zu, das in der Nähe des Nachbarstädtchens, wo die Französin seiner harrte, lag.
Angesichts der Gutsgebände hielt der Baron, wie einem plötzlichen Einfall nachgebend, sein Pferd an.
„Die Idee ist gut; ich will den alten Einsiedler einmal überraschen; er soll glauben, ich sei den weiten Weg um seinetwillen zu Fuß gekommen," sagt er halblaut, doch laut genug, um von dem dicht hinter ihm haltenden Diener verstanden zu werben.
Rasch stieg er vom Pferde, warf dem Reitkuechte die Zügel zu 1111b befahl ihm, nach Hause zurück zu reiten. Seine Rückkehr sei unbestimmt. f .
Als der Diener in dem dichten Nebel mit den beiden gerben verschwunden war, wechselte der Baron sofort die Richtung. Nicht nach dein Gute des Freundes, sondern nach dem Landstädtchen lenkte er seine Schritte.
In einem der kleinen Gasthöfe traf er Fräulein Rigol pünktlich au. Diese saß in dem kleinen Extrazimmer neben der großen Gaststube, einem Zimmer, welches bei Tage den trübieligsten Eindruck machte und das stark nach Bier, Spirituosen und ^.abak duftete. Kein Wunder, daß die empfindliche Französin, die hier beinahe zwei Stunden gewartet hatte, den Eintretenden in einer ziemlich gereizten Stimmung empfing. ,
„Sie haben mich unverzeihlich lange warten lassen! Je mehr ich in meiner unfreiwilligen Einsamkeit, in diesem abscheulichen Raum darüber nachgedacht habe, desto lächerlicher erscheint mir das ganze Arrangements Schleichen wir uns nicht fort von Friedsteln, wie ein paar Verbrecher? Was wäre viel auffallendes dabei gewesen, wenn wir Beide gleich direkt von dort weggefahren wären? Wozu in aller Welt diese unnöthige Heimlichthuerei!"
„Die künftige Baronin hat andere Rücksichten zu nehmen, wie