Beilage zur Nr. 65 des „Kreisblatts"
Hersfeld, den 14. August 1880,
Feuilleton.
Die Wraut des Verbrechers
Von Thekla Seuberlich.
(Fortsetzung.)
Der Baron war ausgeritlen gewesen. Bei seiner Rückkehr
...... . Wie gleichgültig war
empfing man ihn sofort mit dieser Nachricht.
oder des Erstaunens,
dabei sein Blick! Kein Wort der Bestürzung keine Frage nach den näheren Umständen. Nur ein langgezogenes: „So, so!" hatte er gesagt, doch dabei ausgesehen, als seien seine Gedanken ganz woanders. Er mußte sehr zerstreut sein, der gnädige
Herr, oder auch, wie man sich verstohlen zuflüsterte, ein klein wenig zu tief in's Glas geguckt haben, denn er schwankte ein Paar Mal, als er die wenigen Stufen zur Hausflur erstieg.
Der Baron ging direct in sein Zimmer, welches er sorglich hinter sich verschloß. Fast eine Stunde lief er hier mit gerungenen Händen aus und ab. Allmälig ward er ruhiger; er begann nachzu- denken. Hierauf schrieb er, doch nicht mit schneller Hand, wie gewöhnlich, sondern er malte mit großer Mühe und Sorgfalt die Buchstaben eines Briefes nach, der vor ihm ausgedreitet lag, und zwar auf Papier, dessen er sich sonst nie zu bedienen pflegte.
Er schien mit sich zufrieden, denn er nickte leicht vor sich hin. Nun erst entledigte er sich seiner Sporenstiefel, doch leise und geräuschlos und ebenso leise schlich er wie ein Berbrecher durch die Zimmerflucht, an deren Ende eine geheime Treppe zum oberen Stockwerk führte. Man hätte nicht geglaubt, wie leise und behende der breite, starke Mann austreten konnte. Keine Stiege knarrte unter seinen Füßen! Geräuschlos öffnete er im oberen Stockwerk ein Paar Thüren, wie es schien, mit einem Hauptschlüssel.
Eine ganze Weile blieb er in einem der Zimmer, welches Walter noch bis vorgestern bewohnt hatte und das noch die Spuren einer eiligen Abreise trug.
Als der Baron nach seiner geheimnißvollen Wanderung wieder in sein Zimmer zurückkehrte, leuchtete eine dämonische Schadenfreude auf seinem Gesicht.
„Die Würfel sind gefallen," murmelte er.
Behutsam riegelte er hierauf die Thür auf und schellte.
„Jean," fuhr er den eintretenden Kammerdiener an, „warum weckst Du mich nicht früher?" Gähnend siel er auf das Sopha zurück. „Du hättest mich wahrhaftig bis heute Abend hier liegen lassen. Wo ist die Frau Baronin?"
Jean berichtete in untertänigster Haltung, daß die gnädige Frau und das gnädige Fräulein im Wohnzimmer und von dem großen Schreck noch ganz alterirt seien.
Schreck? Der Baron mußte sich erst besinnen, so müde und verschlafen war er noch. So war es also kein Traum, daß man oben in der Ruine oder im Brunnen eine Leiche aufgesunden habe? War es so?
Jean verbeugte sich bejahend und berichtete mit großer Zungenfertigkeit über den unheimlichen Fund.
„Und denken Sie sich, gnädiger Herr, es soll der Leichnam der unbekannten Dame sein, die in der Krone gewohnt hat und von welcher seit gestern wiederholt die Rede war."
Kuno brannte sich eine Cigarre an.
„Das ist ja hochromantisch! Aber fatal, höchst fatal, daß der Mord oder Selbstmord auf meinem Grund und Boden verübt wurde. Die Untersuchungen und Verhöre werden mancherlei Unbequemes im Gefolge haben. Doch," fügte er wie im Selbstgespräch hinzu, „man scheut ja eine kleine Unbequemlichkeit nicht, wenn es gilt, Licht in eine so schreckliche Sache zu bringen."
Schon nach wenigen Stunden trafen die von der Ortsbehorde schleunigst benachrichtigten Untersuchungsrichter aus der Nachbarschaft ein und stiegen auf Wunsch des Barons im Schlöffe ab.
Dieser zuckte bei dem Anblick der Beamten unmerklich zusammen. Als das Ansinnen an ihn gestellt wurde, bei Aufhebung der Lerche als Heuge zugegen zu sein, wollte er dieses rasch und entschieden von sich weisen, doch er besann sich schnell eines Andern und gab seine Bereitwilligkeit zu erkennen, obgleich ihm, wie er sagte, nichts mehr zuwider sei, als der Anblick eines Todten.
Da lag es, das fremde, junge Weib, auf dem grünen Rasen unter dem Schatten der alten Buchen. Unterhalb der Brust starrte fern dunkles Gewand von geronnenem Blute, welches aus einer Stichwunde geträufelt war. In der Wunde selbst steckte m, dolch- artiges Meffer, ein Stilet, ein kleines, rares Meisterstück, wie die ^“^ebiciM Günther, der in seiner Eigenschaft als Gerlchts-
arzt als eine der Hauptpersonen bei Aufhebung der Leiche zugegen war, nahm mit zitternder Hand das Meffer entgegen. Er taumelte zurück, der Athem stockte ihm vor Entsetzen und Schmerz.
Den Beamten war die plötzliche tiefe Ergriffenheit des verehrten greisen Mannes nicht entgangen. Man unterbrach die Untersuchung der Gemordeten, um einige neugierige und theilnehmende Fragen an ihn zu stellen. Doch er vermochte nicht zu antworten, denn der Hals war ihm wie zugeschnürt. Erst als er sich durch ein Glas schweren Weines, welchen man vorsorglich mitgenommen, gestärkt hatte, faßte er sich, doch er fühlte sich noch immer zu erregt, um mit Festigkeit und Ruhe den furchtbaren Verdacht, der sich seiner Seele bemächtigt hatte, auszusprechen. Er blickte aus Kuno, auch dieser schien die kleine Waffe erkannt zu haben. Denn er sah leichenblaß aus und seine bläulichen Lippen zitterten wie im Fieberfrost. Sein unstätes Auge irrte von der Ermordeten auf den tödtlichen Stahl, den Günther fast bewußtlos noch immer krampfhaft fest in der Hand hielt.
„Ein Raubmord liegt nicht vor," constalirten die Beamten, die unterdeß ihre äußere Untersuchung fortgesetzt hatten.
In der Kleidertasche der Todten fand sich eine Summe Geld in Banknoten, ein schwerer Ring, wie es schien ein Trauring, glänzte an ihrem Finger, auf dem erstarrten Busen ruhte, von einer kurzen Jotkette gehalten, eine kleine goldene Damenuhr. Die Kleidung war einfach, doch von guten etoffeii. Der schwarze Kreppschleier des Hutes war zum Theil an dem Dornengebüsch der inneren Brunnenmauern hängen geblieben und hatte die Entdeckung des Mordes herbeigeführt.
Man schaffte die Leiche auf einer Bahre in die Todtenhalle und entkleidete dieselbe.
Medicinalrath Günther hatte bereits völlig wieder seine Ruhe und Besonnenheit zurück erlangt und leitete, nachdem er den Beamten in Abwesenheit Kuno's seinen schweren Verdacht gegen Walter mitgetheilt hatte, die Untersuchung mit gewohnter Umsicht.
Der Stich in die Brust war absolut tödtlich gewesen. Günther cenfiatirte außerdem einen Schädel- und Rippenbruch, welche durch den Sturz herbeigeführt worden und die nach seiner Aussage an und für sich schon tödtlich waren.
Die Entseelte mochte kaum erst in der Mitte der Zwanziger Jahre stehen und trug Spuren von einstiger großer Schönheit, die, wie es schien, durch Gram und Sorgen, nicht aber durch Kränklichkeit so früh verwelkt war.
Unterkleider und Wäsche, die letztere mit dem einzigen einge- stickten Buchstaben C. bezeichnet, boten keinen Anhalt über die Person der Ermordeten.
Nachdem die gerichtliche Beweisaufnahme und Aufbahrung des Leichnams stattgefunden hatte und alle Nebenumstände zu Protocoll genommen waren, galt es nun, den ruchlosen Mörder zu entölen. Kaum nahm man sich so viel Zeit, einige Erfrischungen, für welche der Baron in opulenter Weise gesorgt hatte, zu sich zu nehmen, als man auch schon zum Zeugenverhör schritt.
Zuerst wurde der Kutscher Anton als Zeuge vernommen, welchen die Kunde von der Ermordung seines Fahrgastes im Dorfe zurückgehalten hatte. Er wußte nur wenig zu berichten. Die Dame war mit einem der Züge des Centralbahuhofes zu G. angekommen. Sie ließ angeblich ihr Gepäck auf dem Bahnhöfe und miethete sofort ein Lohngeschirr nach dem Dorfe Friedstein, welches ihr, ihren eingehenden Erkundigungen nach, gänzlich fremd fein mußte. Während der langen Fahrt habe die Fremde fast nichts gesprochen, aber viel geweint. Bei dem ersten Anblick von Dorf und Schloß Friedstein sei sie sehr erregt gewesen und habe laut rn einer fremden Sprache mit sich selbst gesprochen. Anton hatte die Ermordete das letzte Mal gesehen, als sie ihm anbefohlen, für den nächsten Morgen den Wagen zur Rückfahrt bereit zu halten.
Auch der Wirth, der sodann verhört wurde, wußte nicht viel auszusagen. Da die Fremde nur ganz gebrochen Deutsch gesprochen, so war ein Verkehr mit ihr fast unmöglich gewesen. Sie je: anspruchslos und still gewesen und habe sich nur zu Hause ausgehalten, um zu schreiben oder ihre einfachen Mahlzeiten einzunehmen.
Ein größeres Interesse erhielt das Zeugenverhör, als der OrtS- richrer das kleine Buch mit dem Wappen der Majoratsheiren von Friedstein zum Vorschein brächte. Unzweifelhaft stand die Gemordete mit irgend einem Gliede der Familie Friedstein in Verbindung. Aber mit wem? Der Zweifel sollte bald gelöst werden.
Daö Büchelchen gehörte nach Aussage Kuno's seinem Stresbruber Walter. Dieser war es auch, welcher vorn Feldhüter im Gespräch mit der Unbekannten und später höchst verstört im Parke gesehen worden war und zwar fast zur selben Zeit, als mehrere Zeugen die Fremde ebenfalls im Park bemerkt halten. Lag es nicht nahe, daß