Beilage zur Nr. 55 des „Kreisblatts"
Hersfeld, den 10. Juli 1880*
Tagesbegebenheiten.
Eins, 8. Juli. Se.Maj. der Kaiser wohnte gestern mit dem Fürsten Milan von Serbien der Vorstellung im Theater bei und machte heute früh die gewohnte Kurpromenade. Se. Majestät begibt sich am Sonnabend Nachmittag nach Koblenz.
Berlin, 8. Juli. Der König von Griechenland, dessen Ankunft man bestimmt entgegensteht, dürste voraussichtlich morgen hier eintreffen. Er begiebt sich sodann nach Petersburg, um die Königin von Griechenland abzuholen; auf seiner Rückreise wird er abermals zu vorübergehendem Aufenthalte hier erwartet.
Bremen, 6. Juli. Nach einer bei Lloyds eingegangenen Depesche ausWeymouth vom heutigen Tage ist der Dampfer des norddeutschen Lloyd „Main" in Der Nähe des Shambles- Lenchtschiffes gestrandet. Man hofft, daß der „Main" sich bei eintretender Muth wieder flott machen werde.
La up h e i m, 6. Juli. Der „Schwäb. Merkur" meldet: Heute früh verbreitete sich die Schreckenskunde in der Stadt, daß der Seifensieder David Betzeler, evangelischer Kirchenältester, von seinem Sohne, der auf einen vermeintlichen Dieb einen Revolver abfeuerte, erschossen worden sei. Die Familie des Betzeler hatte schon einige Mal bemerkt, daß Diebe in den Laden einbrechen wollten, und der Vater empfahl dem Sohne besondere Vorsicht. Der Vater kehrte zwischen 9 und 10 Uhr Abends von Gesellschaft heim; Sohn und Tochter waren schon zu Bette unb der Vater schaute zum Fenster hinaus, eine Cigarre rauchend. Der Sohn im obern Stock hörte Geräusch, vermuthet Diebe im Laden, schoß von oben nach unten gegen die Schaufenster und dem Vater die Kugel durch den Kopf, daß er nach wenigen Minuten den Geist aufgab. Der unglückliche Sohn hat sich dem Gericht gestellt. ,
Wien, 8. Juli. Meldung der „Polit. Korresp." aus Belgrad von heute: Der Gouverneur von Novibazar, Hassan Pascha, welcher uach den Aussagen christlicher Flüchtlinge durch Ejub Bei getödtet sein sollte, hat nur eine Verwundung erlitten und ist hier eingetroffen, um Heilung zu suchen. Der Pascha von Sienitza hat in Verbindung mit dem Kaimakam die Verwaltung von Novibazar übernommen. Die albanesische Liga hat die That Ejub Beis, von welcher dieser die Liga benachrichtigte, nicht nur gut geheißen, sondern auch noch Ejub Bei jedwede Unterstützung zugesagt.
R a g u s a, 7. Juli. Nach hier eingegangenen Nachrichten sollen die Montenegriner die bisher bei Dulcigno innegehabten Positionen geräumt haben und sich auf dem Marsche nach Tousi und Podgoritza befinden. — Zwischen Türken aus Iakova und Christen aus Faudesi hat ein Zusammenstoß stattgefunden, bei welchem einige Türken getödtet wurden.
Feuilleton.
Die Araut des Aerörechers.
Von Thekla Seuberlich.
(Fortsetzung.)
Fräulein Sophie hatte der Französin, in welcher sie sich f° bitter getäuscht, den Gehalt für die nächsten zwei Quartale aus' händigen lassen und sie ersucht, das Haus baldmöglichst zu verlassen, auch hatte sie in wenig verblümter Weise zu verstehen gegeben, daß man ihre Theilnahme bei der Vermählung nicht wünsche. Und nun mußte sie erleben, daß die sonst so rücksichtsvolle, gefügige Gesellschafterin nicht die mindeste Rücksicht auf die Wünsche ihrer bisherigen Wohlthäterin nahm, ja fast demonstrativ das Gegentheil that.
Fräulein Sophie beschwerte sich bei Kuno; dieser aber mußte in seinem Glückstaumel ganz um den Verstand gekommen sein, denn anstatt Fräulein Rigol von der Theilnahme bei der Vermählung aus- zuschließen, behandelte er sie wie einen seiner vornehmsten Gäste und wies ihr sogar an der Tafel einen Ehrenplatz an welchen sie als Dame von Welt sehr wohl zu behaupten wußte. Dem alten strengen Fräulein lief die Galle über bei diesem Gebühren der „dreisten Person." Bald aber trat der Aerger vor einem heftigen Schreck in den Hintergrund.
Ihr scharfes Auge glaubte plötzlich eine Bewegung unter der Dienerschaft zu bemerken. Unbemerkt erhob sie sich, um den Grund dieses geheimnißvollen Zischelns und verwunderten Kopfschüttelns zu erforschen. Man theilte ihr im Nebenzimmer auf ihr eindringliches
Fragen mit, daß Emma, Fräulein Sophiens Kammermädchen, im Parke, dicht in der Nähe des Schloffes ein weißes, blutgetränktes Taschentuch gefunden habe, welches augenscheinlich dem jungen gnädigen Herrn gehöre. Bereits hatte, wie sich aus einzelnen Worten ergab, die Dienerschaft das blutige Tuch mit Walter's plötzlichem Verschwinden in Verbindung zu bringen gesucht.
Fräulein Sophie's Herz zog sich krampfhaft zusammen; mit zitternder Hand nahm sie das blutgetränkte Tuch in Empfang Der Athem stockte ihr, denn in der That, es war Walter's Tuch. Hier in der Ecke befanden sich die InitialenW. F. nebst der Familienkrone darüber. Walter's Tuch, und mit Blut befleckt! Hatte er sich ein Leids gethan?
Sie suchte sich damit zu beruhigen, daß ein Nasenbluten oder irgend eine zufällige kleine Verletzung die unschuldige Ursache sein könne, doch trotzdem vermochte sie den Alp nicht los zu werden, der sich ihr beim Anblicke des Tuches auf die Brust gelegt hatte.' Grauenvolle Schreckensbilder tauchten vor ihrer geängstigten Seele auf. Sie gedachte der letzten Scene mit ihrem Neffen und bereute, den leidenschaftlichen jungen Mann durch Hohn und Spott verletzt zu haben. War nicht Alles, was er seit seiner Rückkehr hier erfahren und erlebt, dazu angethan, ihn zum Aeußersten zu treiben? Und nun dieses plötzliche Verschwinden, die räthselhaften Worte der Französin, die sie Nachts an ihrer Thür erlauscht, endlich das blutige Tuch. Sie verlor beinahe die Fassung. Indeß gewöhnt, sich stets zu beherrschen, behielt Fräulein Sophie auch jetzt, sowohl der Dienerschaft als auch den Gästen gegenüber ihre äußere Ruhe bei, als aber der letzte der Trauungszeugen sich verabschiedet und selbst Haagen sich empfohlen hatte, um sich, wie er meinte, nach den Strapatzen der letzten Tage gründlich auszuruhen, oder vielmehr, um gründlich zu ernüchtern, fand endlich Fräulein Sophie Gelegenheit, Kuno von ihrer geheimen Angst Mittheilung zu machen.
Renata, welche währenddem theilnahmlos am Fenster gestanden hatte, zuckte bei der Nennung von Walter's Namen erschrocken zusammen, und als Tante Sophie das blutgetränkte Taschentuch her- vorzog, stürzte sie mit dem Schreckensrufe:
„Er hat ihn getödtet!* zu Boden.
Mitten in der Aufregung, die durch Nenata's Ohnmacht her- vorgerusen wurde, vernahm man plötzlich eine fremde, rauhe Stimme, welche Jean, der wohlgeschulte Kammerdiener, zu besänftigen suchte.
„Da Sie den Kronenwirth schon abgewiesen haben, so komme ich endlich selbst, um mich zu erkundigen, wo die Dame steckt, die ich hier hergefahren habe und welche seit gestern Abend im Schlosse sein muß."
Jean wies den Mann zur Ruh', doch dieser ließ sich nicht beirren.
„Ihnen kann es freilich egal sein, wenn ich wegen meiner Um Pünktlichkeit Verdruß bei meinem Herrn habe. Ich kann ja aber ohne das bedungene Fahrgeld nicht fort. Die Mamsells oder Madame wollte heute mit dem Frühesten abreisen. Ich füttere zur rechten Zeit die Pferde, spanne an und warte und warte — von früh bis jetzt. So etwas ist mir noch nicht paffirt! Der Herr Baron aber wird sicher wissen, was aus der Madame geworden ist!"
Kuno, der mit ungeschickter Hand bei Renata Wiederbelebungsversuche angestellt hatte, ließ bei den Worten des Fremden, die deutlich bis in das Zimmer hineindrangen, den Kopf der Ohnmächtigen mit einem unsanften Ruck zurücksinken, holte ein Paar Mal tief und schwer Athem und eilte dann von einem raschen Impuls getrieben, nach der Thür, um dieselbe zu verschließen. Doch eben so schnell besann er sich anders und öffnete dieselbe wieder.
„Was giebt es?" fragte er kurz und herrisch.
„Wir wissen nicht, gnädiger Herr, was dieser Mann, ein Kutscher aus der Kreisstadt F., für ein Begehr hat," berichtete Jean, indem er ehrerbietig einen Schritt vortrat, während sich die andern Diener scheu zurückzogen. „Diesen Morgen schickt der Wirth aus der Krone einen Loten um wegen einer fremden Frau, welche wir Alle nicht kennen, Erkundigungen einzuziehen und kommt dann, aus Angst die Zeche von der Frau nicht bezahlt zu erhalten, im Laufe des TageS noch ein Mal mit derselben Anfrage hierher; bei dem zweiten Male verlangte er Sie, gnädiger Herr, zu sprechen, da die gnädige Herr- schast aber gerade bei Tische saß, schickte ich ihn fort und nun verlangt dieser Mensch durchaus vorgelassen zu werden.
Der Baron zog finster die Brauen zusammen und versetzte barsch: „Wie kommt es, daß Sie Ihren Fahrgast gerade hier suchen? Hat Jemand diese Frau hier eintreten sehen?"
„Nein, aber. .