Eine Leere war in meiner Brust zurückgeblieben; öde und zwecklos erschien mir mein Dasein."
„Renata, warum antwortetest Du auf meine Briefe nicht?" fragte Walter voll banger Ahnung.
Das junge Mädchen zuckte zusammen. „Briefe? Gerechter Gott, ich habe nie eine Zeile erhalten!"
Walter stieß einen dumpfen Verzweiflungsschrei aus. Renata hört sein Herz mächtig schlagen und beugt in überwallendem Schmerz und edlem Zorn ihre weiße Stirn hernieder auf das duftige Haar des Geliebten.
Ihr fällt es wie Schuppen von den Augen; man hat sie systematisch betrogen.
Walter fühlt, wie ihr zarter Körper krampfhaft zusammenzuckt. Er hält sich nicht länger, er springt empor. „Laß uns diese Schurkerei entlarven, Renata, laß uns mit energischer Hand dieses ganze schändliche Lügengewebe zerreißen. Nach ist es nicht zu spät, noch ist das bindende Wort am Altare nicht gesprochen, — o Gott, ich fasse die Seligkeit nicht; wir können, wir dürfen vielleicht noch glücklich sein!"
Er will die Geliebte stürmisch an sich pressen, sie aber wehrt ihn sanft ab. „Es geht nicht, Walter, ich kann nicht mehr zurück!" sagte sie trübe.
„Renata!" Er stand im Schmerz erstarrt.
Das unglückliche Weib faßt seine kalte Hand und zieht sanft den Willenlosen auf die Moosbaxk neben sich nieder. „Laß Dir erzählen, Walter, wie Alles gekommen ist. Zu meinem Herzenskummer kam bald ein neuer, schwerer Schmerz hinzu. Der langjährige und kostspielige Prozeß meines Vaters gegen den Gutsbesitzer F. wurde in letzter Instanz entschieden, — mein Vater hatte ihn verloren! Er war dadurch ruinirt, ein Bettler.--Es waren schreckliche Scenen, die diesem Schlage folgten; Auftritte, unter welchen mein armer Bruder, der augenblicklich an einem Brustleiden in M. darniederliegt, ebenso litt als ich. Oft war der Vater ganz von Sinnen, schwur der ganzen Welt Rache und wollte Alles zerstören; dann wieder blickte er stundenlang grübelnd vor sich nieder. Immer häufiger suchte er Trost bei der Flasche. Nichts war dann schrecklicher als die Ausbrüche seiner lärmenden Lustigkeit. Doch war er darum nicht müssig gewesen. Er hatte alle Mittel und Wege versucht, um Capitalien creditirt zu bekommen; er hatte bei allen Bekannten angeklopft, — Niemand mochte mit der Sache zu thun haben. Sich bei seinem nächsten und reichsten Nachbar, Deinem Bruder, Hülse zu erbitten, davon schien ihn eine gewisse Scheu abzu- halten. Da bemerkte ich plötzlich, daH. zwischen ihm und meinem Vater geheime Unterredungen stattfanden. Zu gleicher Zeit begann sich mir Kuno in einer Weise zu nähern, die mich mit Widerwillen und Angst erfüllte, denn ich bemerkte, daß mein Vater diesem dreisten Gebühren Vorschub leistete.
Schon nahte der Tag, an welchem wir Haus und Hof verlassen sollten, — da kam die Stunde, die schreckliche Stunde, die über mein ganzes Lebensglück entschied!"
Renata schweigt erschöpft u. legt dieHand auf ihr IhränenmüdesAuge.
„Sprich weiter, sprich weiter," drängt Walter mit heiserer Stimme, als Renata noch immer schweigt.
Sie ermannt sich. „Noch sehe ich den Vater vor mir," fährt sie fort, „wie er mich mit unheimlich funkelnden Augen und entstelltem Gesicht in sein Zimmer rief. Seine Hand umfaßte krampfhaft einen Revolver. So stand er mitten im Gemach. Mir entfuhr bei diesem Anblick ein Schrei der Angst und des Entsetzens. Ich glaubte nicht anders, als daß er mir ein Leid anthun wolle, weil ich kurz vorher den Bruder vor ihm in Schutz genommen und dessen Flucht aus dem väterlichen Hause unterstützt hatte. Doch ich irrte mich. So drohend das Aussehen des Vaters war, so mild und ruhig waren seine Worte. ,Renata', sagte er, ,Du kannst Großes und Edles vollbringen, wenn Du willst; das Leben Deines Vaters ist in Deine Hand gegeben Es kostet Dich nur ein wenig Selbstbeherrschung und Du rettest ihn vom sicheren Tode!" — Ich starrte den Vater sprachlos an. Das Herz stand mir still.__________(F. f.)
Landwirthschaft
Wie wird der Uebergang vom Stabil- zum Mobilbau am leichtesten bewerkstelligt und in welcher Weise ist letzterer zu betreiben?
Vortrag von H en kel-Grifte auf der Wanderversammlung zu Hof-Geismar.
(Schluß.)
Um den Mobilbau in nutzbringender Weise weiter zu betreiben, ist es ferner nothwendig, daß in au guten Bau in Menge vorräthig besitze. Diese Ueberzeugung drängte üch mir vor mehreren Jahren aus, als ich zehn Völker im Mobilbau pflegte. Um nun dieses Ziel so schnell als möglich zu erreichen, mußte ich natürlich zunächst meine Bienen sehr viel bauen lassen; dann aber ging mein Streben dahin, den geschaffenen Bau zu erhalten, um den Bienen das so viel Zeit und tastbares Material in Anspruch nehmende Bauen der Waben zu ersparen. Damit die Bienen zum Bauen möglichst vieler und guter Waben gezwungen werden, empfehle ich ein von mir häufig angewandtes Verfahren Man stelle etwa in der Mitte des Monats Mai ein ziemlich starkes Volk auf Schwarmstand, d. h. man nehme sämmtliche Waben bis auf eine Brut- wabe aus dem Kasten heraus und hänge an die Stelle jener leere Rähmchen in den letzteren ein Die Bienen, welche sich an den herausgenommenen Waben befinden, kehre man mit einer starken Feder ab, damit diese wieder in ihr altes Quartier zurückkehren, achte insbesondere daraus, daß die Komgin unverletzt mit zurückkommt und hänge die abgekehrten Waben schwächeren Völkern
ein. Jenes Volk, das seines Baues fast vollständig beraubt wurde, ist, um sich zu erhalten, darauf angewiesen, so bald als möglich wieder neuen Bau herzustellen und zwar, weil ihm vor Allem Arbeiter von Nöthen sind, Waben mit kleinen Zellen zu bauen. Um dasselbe in feiner Thätigkeit zu unterstützen, oder besser gesagt, um den Bau zu forciren, stelle man in den Honigraum ein niederes, nicht glasurtes Gefäß auf, welches von Zeit zu Zeit mit süßem Wasser angefüllt wird. Unterstützt man den Stock in dieser Weise und ist die Witterung und die Tracht dabei günstig, so werden die einzelnen Arbeitsbienenwaben in erstaunlich kurzer Zeit fertig gebaut und zwar sind diejenigen immer am weitesten vorwärts gediehen, welche dem Flugloch am nächsten stehen und deshalb ist die Arbeit vom Fenster aus zu übersehen, ob in der rechten Weise gearbeitet wird. Hat nun das Volk seine Aufgabe in der beschriebenen Art erfüllt, so kann es noch einmal, und wenn auch dann wieder die Rähmchen ausgebaut sind, vielleicht noch ein drittesmal auskehren und sich auf diese Weise einen tüchtigen Vorrath von aus gebauten Rähmchen verschaffen, besonders wenn das Experiment nicht blos an einem, sondern an mehreren Stöcken ausgeführt wird. Zuletzt muß natürlich der betreffende Stock sehr arm an Volk werden, so daß es dann am besten ist, ihn ganz eingehen zu lassen. — Alle diese von den Bienen und dem Bienenzüchter geleistete große Arbeit würde jedoch ganz vergeblich sein, wenn in der althergebrachten Weise die mit Honig gefüllten Waben im Herbste zerschnitten und der Honig aus dem Wachse herausgedrückt würde. Die Bienenzüchter mußten, damit der werthvolle Wachsbau erhalten würde, darauf sinnen, einen Apparat zu entdecken, durch welchen der Honig aus den Waben entfernt werden kann, ohne daß die letzteren selbst einen irgend wie bedeutenden Schaden dabei erleiden. Eine Maschine, welche diese Aufgabe in sehr befriedigender Weise löst, ist die sogenannte Honigschleuder. Die Hauptvorzüge, durch welche dieselbe dem Bienenzüchter so außerordentlich werthvoll und unentbehrlich wird, bestehen in Folgendem: die Centrifugalkraft, welche bei der Honigschleuder zur Wirkung gelangt, schleudert den Honig aus den Waben heraus, während die festeren Pollenmassen in den Zellen zurückbleiben. Dadurch erhält man den Honig in einer Reinheit, wie es nach der alten Methode völlig unmöglich ist, ihn zu gewinnen. Der Wachsbau bleibt bis auf einige höchst unbedeutende Schäden, die von den Bienen leicht und in kürzester Zeit wieder ausgeglichen werden, unversehrt und er kann daher immer wieder in die Bienenwohnungen eingehängt werden, so daß die Bienen nicht mehr nöthig haben, ihre süße Ladung in Wachs umzusetzen, sondern sie gleich in die ihnen zu Gebote stehenden zahlreichen leeren Zellen ergießen zu können. Da ferner der Pollen, wie wir eben hörten, in den Waben zurückbleibt, so werden die Bienen durch das Einhängen der ausgeschleuderten Waben zugleich in den Besitz großer zu ihrer Nahrung unumgänglich nothwendigen Vorräthe von Blumenmehl gebracht; sie brauchen daher nicht viel Zeit und Mühe auf die Herbeischaffung des letztern zu verwenden, sondern können ihre Hauptthätigkeit auf die Gewinnung des Honigs richten. — Ein Bienenvater, der recht tüchtige Völker in mobilem Bau und großen Vorrath an leeren Waben besitzt, erlebt goldene Tage, sobald die Bienen bei guter Witterung die Blüthenfülle des Felves und der Wiesen so recht ausnützen können. Wir nehmen an, das Wetter sei recht günstig und reichliche Weide stehe in Aussicht. Dann hängen wir den Völkern leeren Bau ein und wir können nun beobachten wie in eine Zelle nach der andern Honig ergossen wird. Es dauert gar nicht lange, so sind die Rähmchen gefüllt und zwar ist der im obern .Theil« der letzteren befindliche condensirte Honig ge« deckelt, während der Honig in den darunterliegenden Zellen noch flüssig und unbedeckelt ist. Sobald die Waben 2 Finger breit gedeckelt sind, nehmen wir sie aus den betreffenden Wohnungen heraus, schneiden die Deckel weg, hängen die Waben in Honigschleuder ein und setzen un3 mit Hülfe der letzteren in den Besitz, des reinsten klarsten Honigs, der schon nach wenigen Tagen durch Crystallation seine ihm eigenthümliche Dichtigkeit erhält. Da die Waben wiederum leer sind, so wenden wir dieselben, falls die Tracht noch immer gut ist, von Neuem einhängen und Sie werden, meine Herrn, aus dieser Schilderung erkennen, wie wichtig für einen Bienenzüchter ist, recht viel vorräthigen Bau zu besitzen; denn dadurch erst wird er sehr recht in den Stand gesetzt, seine Völker, die Witterung und die Tracht in der vortheilhaftesten Weise ausnutzen zu können.
Wir machten soeben die Voraussetzung, daß die Stöcke sämmtlich tüchtig und leistungsfähig wären. Leistungsfähig können sie aber nur dann sein, wenn sie sehr stark an Volk sind, und es muß also derjenige, welcher die Bienenzucht mit möglichst großem Vortheil betreiben und auch wirklich Freude an ihr haben will, vor allem dafür Sorge tragen, daß seine Völker wirklich Völker, d. h. möglichst zahlreich an Arbettern werden. Denn schwache Völker liefern einen nur geringen, oft gar keinen Ertrag, da sie sich gegen das zahlreiche, sie bedrohende Heer von Feinden nicht ausreichend zu vertheidigen vermögen, da sie ferner des Morgens ihre Arbeit spät beginnen, des Nachmittags ihren Flug frühzeitig einstellen und bei kühler Witterung fast gar nicht fliegen, daß in schlechten Jahren schwache Völker er rechtst nichts zu leisten vermögen, ist gewiß selbstverständlich. Um nur lauter leistungsfähige Völker zu besitzen, vereinige man solche, welche im Winter gelitten hatten und arm an Volk geworden waren, mache Ableger und unterstütze diese mit Brutwaben aus abgekehrten Völkern, stelle leeres Arbeiterbienenwachs zwischen die Brutwaben, wodurch der Brutan- satz verstärkt wird und verhindere das häufige Schwärmen durch Ausschneiden der Weiselzellen. Sollten dennoch Schwärme vorkommen, so thut man gut, sie wieder mit ihren Mutter- oder mit andern schwachen Stücken zu vereinigen; denn nicht auf die Zahl, sondern auf die Leistungsfähigkeit der Völker kommt es an.
Meine Herren! Ich glaube, durch das Vorhergehende dem angehenden Bienenzüchter Winke genug gegeben zu haben, wie er am besten verfährt, um den Mobilbau vortheilhaft einzurichten. Zugleich glaube ich aber auch den Beweis erbracht zu haben, daß die Bienenzucht im Mobilbau sowohl die rationellste, als einträglichste ist. Obwohl dies auch demjenigen, der noch durchaus keine Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt hat, klar geworden sein muß, so erlaube ich mir zum Schluß doch noch einmal kurz die Vortheile aufzuzählen, welche der Mobilbau vor dem Stabilbau hat.
1. Im Mobilbau wird die Biene abhängig von dem Willen des Bienenzüchters.
2. Im Mobilbau können die Völker stark und bis zum hohen Grade leistungsfähig gemacht werden.
3. Schwachen und weisellosen Völkern kann so ausgeholfen werden, daß in kurzer Zeit wieder ein normaler Zustand derselben hergestellt ist.
4. Beim beweglichen Bau kann, wenn er in vernünftiger Weise betrieben wird, ein viel höherer Honigertrag erzielt werden.
5. Die Bienenzucht mit Mobilbau ist außerordentlich lehrreich, weil sie einen Einblick in das wunderbare Thun und Treiben der Bienen gestattet.
Grifte im September 1879, Henkel, Cantor.