für den
,Kreis QersfefÖ.
Nr. 43. Sonnabend den 29. Mai 1880.
Das „Kreisblatt" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark pro Quartal bei den Postanstalten kommt der Postaufschlag hinzu. Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die dreispaltige Zeile oder deren Raum mit 10 Psg. berechnet.
Dtenstag den 27. Juli v. I.-, von 9 Uhr Vormittags ab, sollen bterfelbft ungefähr 90 Gestütpferde, bestehend aus Mutterstuten (meistens bedeckt), 4jährigen Hengsten und Stuten und jüngeren Fohlen, meistbietend gegen Baarzohlung verkauft werden.
Sämmtliche vierjährigen und älteren Pferde sind mehr oder weniger geritten. Die zu verkaufenden Pferde werden am 26. Juli von 7 bis 10 Uhr Morgens geritten, sowie am 25. und 26. von 3 bis 6 Uhr Nachmittags auf Wunsch an der Hand gezeigt.
Listen über die zum Verkauf kommenden Pferde werden am 22. Juli zum Versand rc. fertig gestellt und auf Wunsch zugeschickt werden.
Für Personenbeförderung zu den bezüglichen Zügen vom und zum Bahnhöfe Trakehnen wird am 25., 26. und 27 Juli gesorgt sein.
Trakehnen, am 30. April 1880.
5990. Der Landstallmeister von Dassel.
Tagesbegebeilheiten.
Aus Hefsen-Nafiau.
* Hersfel d, 27. Mai. Der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten hat den Königlichen Eisenbahn-Directionen zur Förderung der Gesundheitspflege empfohlen, bei Erholungsausflügen von Schülern eine entsprechende Ermäßigung des tarifmäßigen Fahrpreises zu gewähren. In Folge dessen hat die Königliche Eisenbahn- Direction zu Frankfurt a. M. bei derartigen Erholungsausflügen in Gesellschaften von etwa 40 Personen eine Ermäßigung von 50 ß des Fahrpreises eintreten lassen, während bei einer Betheiligung von unter 40 Personen, dieselbe sich die Genehmigung vorbehalten hat. Sofern es sich um die Beförderung von Schülern über 10 Jahren handelt, soll jedem derselben ein einfaches Personen- oder Schnellzugbillet, je nachdem ein Personen- oder Schnellzug benutzt wird, verabfolgt werden und dieses zur Hin- und Rückreise berechtigen. Die Betheiligten muffen durch den Lehrer legilimirl und möglichst zusammen placirt werden.
Hanau, 26. Mai. Im Altställer Schloßgarten fiel gestern das 3jährige Kind eines hiesigen Bürgers von der mittleren Brücke in den Weiher und ertrank. Man fand dasselbe, vom Wasser fortgeschwemmt, einige Schritte unterhalb der erwähnten Brücke und hatten die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche leider keinen Erfolg. Das mit der Aussicht betraute Dienstmädchen, welches wohl nicht die nöthige Aufmerksamkeit auf das Kind verwendet hatte, mußte, von Trümpfen befallen, in das Landkrankenhaus geschafft werden. Der Unglücksfall erregte hier allgemeine Theilnahme.
Feuilleton.
Die Kraut des Kerörechers.
Von Thekla Seuberlich.
(Fortsetzung.)
Die Fremde ließ die Hände sinken und warf dem jungen Manne einen dankbaren, vertrauensvollen Blick zu. „Erst muß id} einen Versuch machen," sagte sie sinnend. „Im schlimmsten Falle nur werde ich einen Rechtsbeistand annehmen." Dann starrte sie vor sich nieder.
Wie sie so dastand, leise unverständliche Worte vor sich murmelnd und mit ihrem Schirm hastig in den lockeren Sand stoßend, überkam plötzlich Walter ein unheimliches Gefühl. Dieses wurde bedeutend
erhöht, als sie plötzlich mit wild aufleuchtenden Augen empor sah und eine seltsame Frage, die ihr sichtlich lange auf den Lippen geschwebt haben mochte und die nun scheu und ängstlich zum Vorschein kam, an ihn richtete. „Und was, was macht Angela?"
„Angela? Wer ist das?
Die Augen der Fremden erweiterten sich staunend. „Sie scheinen so gut unterrichtet und wissen nicht, daß ich von dem Sohne der Herrn Baron spreche?
„Sie irren; dieser hat keinen Sohn!"
Die Frau taumelte zurück und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Von diesem Schrei angelockt, kam dicht hinter dem Felsvorsprung der Feldhüter hervor. „Habe ich Sie doch noch er» wischt," rief er rauh der Fremden zu. „Jeder, ohne Ansehen der Person, wird verhaftet, der wie Sie mitten durch die grünen Saatfelder läuft. Das wäre eine schöne Wirthschaft." Nichts für ungut, gnädiger Herr," fügte er, gegen Walter gewendet, hinzu, während er seinen alten Filzhut lüftete.
Walter machte der peinlichen Scene schnell ein Ende, indem er dem alten Feldhüter ein Geldstück aushändigte und ihm untersagte, die Dame weiter zu belästigen. Diese hatte sich auf ein Felsstück unter einem überhangenden Fliederbusch niedergelaffen und brütete düster vor sich hin, die Außenwelt ringsum ganz vergessend. Während ihr Walter einige freundliche Worte in ihrer Muttersprache zurief, entfernte sich kopfschüttelnd der alte Hüter. Auch Walter setzte seinen Weg fort, als die Fremde auf alle weiteren theilnehmenden Fragen stumm blieb und mit den Händen den Frager abwehrte.
„Eine harmlose Irrsinnige," sagte er sich und bedauerte die Beklagenswerthe, doch allmälig trat die Theilnahme für fremdes Leid bei der Erinnerung an das eigene in den Hintergrund. Tief in dem einsamen Waldesdunkel kühlte er seine heiße Stirn; sein er» hitzles Blut floß allmählig langsamer, sein Gedankengang wurde geordneter.
Zug für Zug hatte er sich seine fernere Lebensbahn ausgemalt. Es war ein öder gerader Weg, ohne Blumen, ohne kühlen Waldes- schallen, ohne den Gesang der Vögel und das Murmeln der Quellen. Es war ein einsamer, zweckloser, trauriger Weg, aber er wollte stark fern und wollte ihn wandeln ohne Murren und Klagen. Noch ein letztes Abschiedswort der Geliebten wollte er als letztes Geleite mit hinausnehmen in Die Verbannung. Ein letzter Händedruck der kleinen Hand, die er früher so oft mit seligem Entzücken in der seinen gefühlt, sollte den Abschied für dies Leben besiegeln.--
So bald als möglich, spätestens morgen früh, vielleicht nvch diese Nacht, wollte er fort. Renata am nächsten Tage mit dem Manne, den er haßte und Den sie nicht liebte, vor den Altar treten zu sehen, war ihm unmöglich. In dieser Stunde, wo man sein Lebensglück einfargte, wollte er weit, weit weg sein von dem Orte seiner Qual
Zunächst beabsichtigte er drüben im Gebirge einen allen Jugendfreund aufzusuchen, der in ländlicher Abgeschiedenheit sein kleines Gütchen bewirthschaftete. Von hier aus wollte er versuchen, irgend eine Stelle als Oberförster oder Wirthschaftsbeamter zu erlangen. Er hatte etwas Tüchtiges gelernt und brauchte in pecuniärer Hinsicht um so weniger für die Zukunft besorgt zu sein, weil ihn sein kleines väterliches Erbtherl vor allen Wechselfällen des Lebens sicher stellte.
Als Walter zwar körperlich ermüdet, doch um Vieles ruhiger von seinem weiten Spaziergange nach Hause zurückkehrte, fuhren bereits die ersten Wagen an der geschmückten Rampe des Schlosses vor, und bald entfaltete sich in den Zimmern, Sälen und Korridoren ein fröhliches, festliches Gewirre, das sich bis hinaus in die Höfe