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Beilage zur Nr. 29 des „Kreisblatts"

Hersseld, den 10. April 1880.

Feuilleton.

-fürstin und Zeltlerin.

Erzählung von Dr. Heinrich P e n n.

(Fortsetzung»

Der Wagen war nämlich nicht vollständig umstellt, sondern die entgegengesetzte Seite ohne Bewachung gelassen worden, ein Versehen, welches darin seine Erklärung fand, daß man das Hauptaugenmerk auf das Lokal und die beiden Ausgänge desselben richtete.

So kam es, daß in dem Augenblicke, wo der Kommissär den Verhafteten ausforderte, den Wagen zu besteigen, sich noch keines der Sicherheitsorgane dein gegenüberliegenden Schlage genähert hatte.

Kelephos war dies nicht entgangen. Er befand sich daher kaum im Conpv, als er blitzschnell, bevor es der ihn: folgende Beamte verhindern konnte, den entgegengesetzten Schlag aufriß, mit einem jähen Sprunge auf dem Straßenpflaster war und so rasch, als er es vermochte, das Weite suchte.

Jetzt erst bemerkte der Beamte seinen Fehler und beeilte sich, denselben wieder gut zu machen.

Eine wilde Jagd begann, vorne dahinstürmend der Grieche, ihm nach Emil, Gruber und die Polizeimänner.

Die Signalpfeifen ertönten, um die an ben verschiedenen Straßen postirten Sicherheitsorgane zu alarmireu. Unbekümmert darum flüchtete Kelephos weiter.

Jetzt bog er um die Ecke der Weihburggasse auf die Seiler- stätte, da trat ihm die dorthin postirte Wache entgegen: „Halt!" donnerte ihm dieselbe zu.

Und „haltet ihn, haltet ihn!" erscholl es im Rücken des Verfolgten.

Dieser jedoch wollte mit einem Sprunge nach seitwärts dem ihm Entgegentretenden ausweichen und bann an ihm vorbei die Flucht fortsetzen.

Der Polizist indeß errieth seine Absicht und sprang nach der­selben Richtung, wie er.

Schon war er nahe an ihm, schon hatte er den Flüchtling ge­faßt, während die Verfolger näher kamen, da riß sich der Kaufmann mit einer gewaltigen iKraftanstrengung los, daß ein .Stück seines Oberrockes 'in der Faust des Allgreifers blieb, versetzte demselben überdies einen wuchtigen Schlag in's Gesicht, daß der Mann zn- rücktaumelte iinb stürmte darauf fort.

Die Gefahr wuchs, die Wachen, welche das Signal vernommen hatten, tauchten von allen Seiten auf und schloffen sich den Ver­folgern an oder warfen sich dem Flüchtigen entgegen.

Noch gelang es diesem, den Ellgriffen auszuweichen, aber immer kürzer wurde der Raum zwischen il)in und jenen, die ihm folgten.

Da kam er zum Karoliuenthor, stürmte durch dasselbe, (prang mit ein Paar Sätzen über die den Stadtgraben überwölbende Brücke und befand sich nun auf dem Glaeis.

Er flüchtete bald unter die Bäume, bald auf die Grasslächeu, bald durch das Gebüsch.

Dadurch gelang es ihm, die Verfolger irre zu machen und einen kleinen Vorsprung zu gewinnen. ,

Aber das währte nicht lange, bald waren ihm feme Verfolger wieder auf der Ferse unb gerade am Hänschen, welches sich dainals an der Stelle, wo heute das Donauweibchen steht, erhob, und wo die alten oder außer Cours gerathenen Banknoten verbrannt wurden, schien seine Flucht ihr Ende erreicht zu haben, bciiu schon tauchte unmittelbar an seiner Seite ein robuster Polizeimann auf und hielt ihm die Spitze des Bajounets entgegen.

Aber noch gab sich Kelephos nicht verloren. Er wich zilrück, lief blitzschnell um das Haus herum und war mit ein Paar Sätzen auf der Karolinenbrücke. ,

Aber da gab es keui Entrinnen mehr, denn mitten auf der Brücke zogen ihm, langsamen Schrittes, durch den Lärm und die Alarmrufe aufmerksam gemacht, zwei Wächter entgegen.

Er war verloren — einen Moment noch und die Verfolger hätten ihn gefaßt; da rief er: „Lieber todt, als gefangen!" sprang seitwärts und schwang sich blitzschnell über das Brückengeländer.

In demselben Momente fiel ein schwerer Gegenstand tu die zur Keit eben Hochangeschwolleuen Fluthen der Wien, ein Schrei ertönte, dann wurde es wieder still. , w x '

Am ab sah man eine dunkle Maße auf den Wogen treiben.

Die Verfolger eilten derselben längs des llfers nach, aber die Strömung hatte sie^rasch gegen die Stnbenmühle hingerissen, so daß sie den Augen der Sicherheitsorgane entschwand.

„Er ist verloren," sagte der Polizeikommissär, „das Hoch- angeschwollene Wasser reißt ihn unaufhaltfam in den Donaukanal.

Die anbereu stimmten bei und die Expedition kehrte langsamen Schrittes in das Lokal in der Weihburggasse zurück, um dort die anfgefaugeuen Waarenvorrüthe in Sicherheit zu bringen.---

Kelephos war, da er sich im Anfänge der Brücke niedergestürzt hatte, bei seinem Sprunge noch auf das abschüssige Ufer der Wien gerathen und hatte die Füße an einen Pflock gestoßen, welcher, von den Wellen früher dort hingeworfeu, jetzt lose in dem durchweichten Erdreiche stak. Der Pflock wurde durch den heftigen Anprall aus seiner Lage gebracht und stürzte mit lautem Geholter in das Wasser, daß selbes hoch aufspritzte.

Der Flüchtling hatte, als der Pflock unter ihm wich, unwill­kürlich jenen Schrei ausgestoßen.

Seine Verfolger hatten ihn sowie den Fall in's Wasser gehört und waren der Meinung, der Alaun selbst treibe nun unrettbar dem Douantanale zu.

Kelephos war jedoch mit beiden Füßen im Schlamm stecken ge­blieben. Dadurch sah er sich von dem Sturze iu's Wasser gerettet.

Wie ein Blitz schoß ihm der Gebaute durch den Kopf, daß ihm die Gelegenheit zur Flucht jetzt günstiger als je sei. Er kauerte sich daher zusammen und verhielt sich ruhig.

Da hörte er, wie sich die Wachen über seinem Verstecke anriefen, beut von den Wogen fortgerissenen Manue zu folgen und sah sie unmittelbar darnach längs des llfers dahineilen.

Darauf baute der Flüchtling seinen Plan. Er wollte sich einige Stunden lautlos unter der Brücke verborgen halten und dann, noch bevor die Dunkelheit wich, vorsichtig wieder die Straße zu gewinnen suchen.

Da er eine Baarschaft, die immerhin uid)t unbedeutend war, bei sich trug, so wollte er sich erst mit frischer Kleiduug Verseheu, und baun vorsichtig die Ungarische Grenze zu gewinnen trachten.

Jenseits derselben hatte er Freunde/ die es ihm möglich machen konnten, die Donaufürstenthümer zu erreichen, und befand er sich einmal dort, war er auch sicher vor allen Nachstellungen.

Kam ihm ja bei diesem Plane noch außerdem der Umstand zu statten, daß man ihn für todt hielt. —--

Einer aber hielt ihn nicht für todt, und das war Emu.

Er hatte sofort, als der Grieche in den Wagen gestiegen war, das Manöver desselben bemerkt und war ihm nachgesprungen.

„Marie, ich räche dich," sagte er, während ein Blitz des tödt- lichsten Hasses auf den Fliehenden fiel. _— , ■

So war Emil ü)m gefolgt, der ersten einer, wiederholt hatte er bereits die Hand nach dem Feinde ausgestreckt, aber die Schnellig­keit und Gewandtheit desselben hatten ihn immer wieder der Gefahr *"*^8 sich nun der Grieche über das Brückengeländer geschwungen hatte, die Andern meinten, er sei ertrunken, und daher längs des Users dahineilten, blieb Emil allein auf der Bracke zurück.

Er blickte genau von der Stelle, wo hch der Verfolgte hmabge- stürzt hatte, tu die Tiefe und trat kopfschüttelnd zurück. Der Bursche mußte, nach dem unten befindlichen Terrain zu schließen, hier noch auf das Ufer gerathen sein, denn das Wasser bespuhlte erst einige Schritte davon das Erdreich.

(Fortsetzung folgt.)

Weimars. Ein Dicbstahl ganz eigenthümlicher Art wurde vor Kurzem in dem Dorfe Tollwang bei Neumark verübt und verdient zur Warnung in die Lesfentlichkeit gebracht zu werden. Es mag ungefähr acht Tage sein, als in einem der Wirthshäuser genannten Dorfes ein Haudwerksburfche übernachtete. Der Wirth dortselbst ging, als man Feierabend gemacht, mit Borsicht zu Werte, verlangte die Legitimation des Reisenden, legte diese in eine Tischschublade, worin auch das Fremdenbuch und das Tags über erlöste Geld lag, versperrte die Schublade und legte sich zu Bette. Doch der erfinderische Geist eines Hand» werksburschen resp, des Diebes, fand auch hier ein Mittel, um der Borsicht des Wirthes zu spotten. Als der Wirth untern Tages erwachte, fehlte ihm der ganze Tisch, worin er Geld, Legitimation und Fremdenbuch als geborgen glaubte. In dem nahen Walde fand man später die Trümmer foes Tisches; Fremdenbuch und Geld fehlten zum Schaden des vorsichtigen Wirthes.