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Schweiß war nothwendig, aus den schrecklichsten, erbarmenswerthen Situationen wurden die Unglücklichen so schnell als möglich befreit und in Sicherheit ge­bracht. Die Zahl der Todten beträgt 4, die der Schwerverwundeten 16 (darunter zwei hoffnungslos), die der Leichtverwundeten 4. Als Urheber dieses Unglückssalles wird der Weichensteller Schröder bezeichnet, welcher sich am Nach­mittag erhängte.

Stuttgart, 16. März. Der Mann, welcher am hiesigen Königsthore das Amt eines städtischen Wagemeisters versah, ver­dankt die Anstellung den trefflichen Diensten, die er einst als Sergeant des 7. Württembergischen Infanterie-Regiments geleistet hat. Als solcher machte er die Schlacht bei Ehampigny mit und wurde im Hin- und Herwogen dieses mörderischen Kampfes durch einen Schuß in den Rücken schwer verwundet. Er genas, wurde invalidirt und bekam die genannte Civilversorgung. — Die Kugel von Champigny konnte nicht herausgezogen werden. Er trug sie fast zehn Jahre im Leibe. Erst vor etwa fünf Wochen stellte sich bei ihm unter heftigen Fiebererscheinungen eine entzündliche Anschwellung des rechten Ober­schenkels ein. Vorgestern wurde der Absceß, welcher dort sich ge- bildet hatte, im hiesigen Garnison-Lazareth geöffnet, und heraus kam die Chaffepotkugel, welche der Mann fast zehn Jahre in sich be­herbergt hatte. Dieselbe war unterhalb der letzten Rippe von rück­wärts eingedrungen, hatte ihren Weg offenbar durch die Bauchhöhle genommen und sich so allmählich in den Oberschenkel gesenkt. Das Merkwürdigste ist, daß der Mann nach Heilung der Wunde in den zehn Jahren sich nie irgendwie ernstlich unwohl gefühlt hatte. Er ist jetzt nach der glücklichen Operation auf dem Wege vollständigster Genesung.

— Selbstmord auf Kommando. Zwischen der bei Karls­burg gelegenen Marosportoer Brücke und dem Elsenbahndamm pfleg­ten zwei Bauernjungen im Alter von 10 bis 12 Jahren Schafe zu hüten. Letztere kletterten öfter auf die Dämme hinauf, weßhalb der Bahnwächter mehr als einmal mit den kleinen Hirten zankte. Am 6. d. geschah es, daß die Schafe oben auf der Dammkrone sich be­fanden, als der Arader Zug herankam; nur der Achtsamkeit des Bahnwächters war es zu verdanken, daß die Schafe nicht überfahren wurden. Er zog deßhalb die kleinen Jungen zur Verantwortung und drohte ihnen mit einer strengen Bestrafung. Diese geriethen darüber in nicht geringe Angst und beschloffen zuletzt — auf den Rath eines hinzugekommenen kleinen Bauernmädchens — um der Strafe zu entgehen, in die Maros zu springen. Einer der beiden Knaben, dem es leid that um seinen neuen Hut und noch mehr um die darauf prangende schöne Pfauenfeder, verkaufte diese vorher sammt dem Hute um 13 Kreuzer dem kleinen Mädchen, und mit den Semmeln, welche er dafür kaufte, hielten sie dann ihre „Po- mana“ (das bei den Rumänen übliche Leichenmahl), dann stellten sie sich auf das „Brückengeländer, das Mädchen zählte: „Eins, zwei, drei!" und auf das Kommandowort sprangen die armen Jungen hinab zwischen die Eisschollen der Maros in das kalte Wellengrab. Sie kamen nicht mehr zum Vorschein und die eingeleitete polizeiliche Untersuchung konnte nur den soeben erzählten Hergang konstatiren.

Feuilleton.

Jürftin und Settserin.

Erzählung von 0r. Heinrich Penn.

(Fortsetzung)

Damit stürzte er auf den Priester zu und dieser breitete die Arme aus und rief: „Ich bin's Vater, Dein unglücklicher Sohn Josef!"

Da lagen sie Brust an Brust, Vater und Sohn und drückten sich an's Herz und weinten Thränen der Freude und des Schmerzes.

Und Josef wies endlich mit der Hand nach dem frischen Grab­hügel und sprach: „Siehst Du, Vater, dort liegt sie, die meine Seele geliebt — segne ihr Andenken!"

Lenz sah den Sohn groß an.

«Und hast Du vergeffen, was sie Dir, was sie uns gethan? Ich war ein wohlhabender Fabrikant, Du mein braver Sohn. Frühzeitig halte ich die Frau, Du die Mutter verloren, so schloffen wir uns innig einander an, Du warst mein Alles, mein Augapfel, mein Glück, mein Stolz, in Dir, für Dich lebte ich. Da führte Dich ein unglücklicher Zufall mit jenem Weibe zusammen, und um Dich und Deine Ruhe war's geschehen, Dein reines unverfälschtes Herz erschloß sich dieser Liebe mit einer Heftigkeit, die den Menschen zum Gott macht, wenn er erhört, elend sür's ganze Leben, wenn er in feinen Hoffnungen getäuscht wird. Dich hat sie elend gemacht, denn jenes stolze, hochmüthige Weib verschmähte Dich, wies Dich schnöde ab, da welkten die Blumen Deines Lebensbaumes, da brach Dir das Herz und unfähig, ihren Anblick länger zu ertragen, zogst Du eines Tages fort in die weite Welt, Niemand wußte wohin. O, mein unglückliches Kind, was habe ich damals gelitten! Du warst mein einziges Glück, mein Alles, meine Welt! Ich verlor Dich und hatte Alles auf der Welt verloren. Ich vernachlässigte mein Geschäft, machte mich auf, Dich zu suchen und fand Dich nicht. Als ich heimkehrte, waren meine Verhältnisse zerrüttet, mein Geschäft

zerstört, was kümmerte es mich, ich trieb mich tagelang im grünen Walde, auf ödem Felde herum und meinte um Dich, klagte nach Dir! Ich wurde ein Bettler, eine Drehorgel halte ich mir gemacht, mit ihr und meiner alten Violine erwarb ich mir mein ärmliches Brod. Aber in einer jener entsetzlichen Nächte, wo ich nach Dir weinte, da hatte ich geschworen, mich an dem hochmüthigen Weibe zu rächen, mich an ihre Fersen zu hängen und nicht früher zu weichen, bis sich mein Fluch erfüllt hat. Den «tollen Lenz" nennen sie mich, denn der Schmerz hat meinen Geist zerrüttet, aber einen Gedanken habe ich festgehalten mit eiserner Energie: den der Rache. Sie ist erfüllt!'

Josef sah tief erschüttert auf den Alten, dann ergriff er seine Hände.

„Vater," sagte er bittend, „sei versöhnlich, Du stoßest auch den Sohn zurück, verdammst auch Deinen Josef, wenn Du unerbittlich bist. Denn ich habe Dich treulos verlassen und bin in die Welt gegangen, ohne mich um Dich zu kümmern, egoistisch nur meinem eigenen Schmerz nachhängend, ihm den guten Vater opfernd. So irrte ich ruhelos herum, ein moderner Ahasver; ein alter würdiger Landgeistlicher, der mich eines Tages todtkrank und erschöpft am Waldsaume fand, erschloß mir endlich die Erkenntniß und gab mir den Frieden. Ich wurde selbst ein Priester, nahm in unserer Armee Dienste als Feldkaplan und machte die Feldzüge in Italien und Ungarn mit. Nach Jahren zog mich das Heimweh wieder zu Dir, ich suchte und fand Dich nicht, sie fand ich wohl, aber todt, auf dem prächtigen Paradebelte, aber so schön wie einst im Leben. Und im Tode ist die Versöhnung, denn sie gab mir, da ich ihrer Leiche folgte, den Vater wieder zurück."

Er kniete nieder.

„Vater," sagte er, „hier ist Dein Josef, nimm ihn auf den ver­lorenen Sohn, der jetzt nur Dir und Deinem Wohle leben wird. Nimm ihn auf, den reuigen, wiedergefundenen Sohn!"

Da warf sich der Alte aufschluchzend in die Arme des Priesters.

„Und jene dort, Vater?" fragte er den Alten.

„Ich verstehe Dich," entgegnete dieser milde.

Und Arm in Arm schritten die beiden Männer zum Grabhügel.

Dort knieten sie nieder und während Lenz seine Hände segnend über das Grab ausbreitete, beteten die Beiden:

«Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

, XVII. Die Vergeltung.

Emil hatte feine Schritte in die innere Stadt gelenkt.

Er trat in ein Cafs. Ein Mann, welcher dort auf ihn zu warten schien, kam ihm hastig entgegen.

„Wichtige Neuigkeiten," sagte er eifrig.

„Nun, was gibt's?" fragte Emil gespannt.

„Der Bankerott ist da, noch mehr als dies," entgegnete der Andere.

„Dies wäre?"

Er will alles zu Geld machen und dann fort —"

„Er wird es nicht; wann soll es geschehen?"

„Heute Nacht."

„Ihr seit sicher?"

„Gewiß."

„Dann ist es also Zeit."

Die beiden Männer schieden.

Emil begab sich zum Polizeipräsidenten.--—--—

Es war Nacht, Ruhe lagerte auf der Straße, die Läden und Hausthüren waren geschlossen, überall herrschte tiefe Stille.

Doch nicht überall, in einem Gewölbe an der Ecke der Kärtner- straße und Weihburggasse brannte noch Licht, gab es noch Leben. Es war die Niederlage des Griechen Kelephos. Die rückwärts in die Weihburggaffe führende Thür stand halb offen.

Im Laden selbst waren mehrere Arbeiter damit beschäftigt, die Waaren einzupacken und dann nach dem genannten Ausgange zu schaffen.

Nicht weit davon hielt ein Wagen, auf dem die Waaren ver­laden werden sollten. Kelephos befand sich im Lokale und über­wachte die Arbeiter. Dann ging er in fein Comptoir, nahm feine Bücher und rechnete.

„Alles in Ordnung", sagte er laut vor sich hin. „In drei Nächten kann das ganze Waarenlager bequem bei Seite geschafft sein. Goldbaum zahlt mir zwölftausend Gulden dafür. Ein Drittel der Summe habe ich bereits erhalten und trage das Geld bei mir. Ob auch Alles verpfändet, ja zum größten Theile fiscalisches Gut ist, — was liegt daran, ich brauche Reisegeld und reisen muß ich, denn es ist hohe Zeit."

«Nein, Sie werden nicht reisen, Sie werden hier bleiben," ertönte es plötzlich im Rücken des Kaufmannes.

Dieser sprang rasch auf und wandte sich um.

In demselben Augenblicke taumelte er entsetzt zurück.

Emil stand vor ihm, eisern, finster wie immer.

Endlich ermannte sich Kelephos. „Was wollen Sie?" rief er.