Endlich schienen sie einen Entschluß gefaßt zu haben. Emil erhob sich und reichte Marien die Hand.
„Ich gehe an's Werk, Marie," sagte er, „und so Gott will, sehen wir uns wieder und anders als jetzt."
Er warf ihr noch einen milden versöhnenden Blick zu — dann ging er. Marie aber sank im Bette zurück — und faltete die Hände.
Ein Sonnenstrahl flog über ihr Gesicht.
„Er hat mir verziehen," flüsterte sie und ihr Auge leuchtete, „Gott segne ihn dafür!
XIV.
Die armen Schueeschaufler! Dort stehen sie in den Straßen und arbeiten. Männer und Frauen, wohl auch halberwachsene, junge Leute.
Freilich gab es zur Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, noch keine Ringstraße zu säubern, noch viel weniger galt es, die Schienenstränge derTramway zu reinigen, aber es gab damals eben so arme Leute wie jetzt und nach jedem heftigen Schneefall tauchten sie namentlich auf den Straßen der inneren totabt auf, um die Wege für den Verkehr der Omnibusse und aller Arten von Wägen, sowie auch für die Passanten frei zu machen.
Darum sagten die Leute, wenn der Schnee recht ausgiebig vom Himmel wirbelte: „Gott schickt Brot für die armen Leute."
Und des Brotes bedurfte, wer die Hand hier anlegt, ihn treibt das Elend, der Hunger.
Der Mann dort, welcher eifrig mit der Schaufel hantirt, hat ein krankes Weib daheim, — neben ihm die blasse Frau weiß, daß fünf hungernde frierende Kinder zu Hause nach Brot und Feuerung jammern.
„Geduldet Euch bis zum Abend," murmelte sie leise vor sich hin, dann sollt ihr Beides haben."
Der junge Bursche dort müht sich für seine kranke Mutter.
Die Kälte auf der Straße ist empfindlich, der Wind braust durch die Straßen, fegt die eine Hälfte derselben blank und häuft auf der anderen wahre Schneeberge an.
Die Passanten hüllen sich in die warmen Mäntel und schützenden Pelze, beschleunigen ihre Schritte und viele eilen an den Schneeschauflern vorbei, ohne denselben einen Blick zuzuwerfen, nur besorgt, rasch in eine warme Stube zu kommen.
Die armen Arbeiter auf der Straße jedoch sind den Unbilden des Wetters ausgesetzt den ganzen Tag, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, denn die Wagen müssen verkehren ohne Aufenthalt und ohne Zeitverlust, und deßhalb giebt es keine Rast, keine Erholung für die vom Frost halb erstarrten Leute, nur des Mittags ein Viertelstündchen zum Essen.
Auch Gruber gehörte dazu, auch er empfand die Qualen des Frostes, die Beschwerden der ungewohnten Arbeit im Freien.
Dabei peinigte ihn der Gedanke, daß einer oder der andere seiner früheren Bekannten ihn sehen und erkennen, ihn wohl gar verhöhnen könnte.
Jene falsche Scham, die schon so viel Unheil gestiftet, überkam ihn.
Da dachte er an die Worte seines Schiasgenossen: „Ihr seit Euch selbst der Nächste, Ihr habt Euch und die Eueren zu erhalte», wie? Das kümmert die Anderen nichts, wenn es nur ehrlich geschieht."
Darum bekämpfte er mit Gewalt die falsche Scham.
„Ei was," sagte er, „ich thue es für Weib und Kind, und Arbeit schändet nicht."
So griff er neu ermuthigt zum Spaten.
Agathe vergaß des wackeren, sich für die Seinen mühenden Gatten nicht. Sie kam zu Anton und ergriff zeitweise für ihn die Schaufel, so daß er auszuruhen vermochte, und als es Mittag war, brächte sie ihm ein warmes, wenn auch ärmliches Mittagsbrod.
Wie wenigen war dies beschieden? Wie sahen manche neidisch oder auch traurig auf den Glücklichen, dem seine Frau eine warme Suppe reichte.
Es zerschnitt ihm fast das Herz, als er neben sich die arme, einst so glückliche Frau fast erliegend der Anstrengung sah, und der wackere Mann ging hin und theilte sein ärmliches Essen mit ihr und Agathe half der Armen bei ihrer Arbeit.
Diese Abtheilung der Arbeiter hatte ihren Platz beim Anfänge der Bognergasse, gerade der Polizerdireklion gegenüber. In der einspringenden Ecke, wo heutzutage ein renommirter Konfektionär sein Lager aufgeschlagen hat, saßen die drei auf einen frischen Schneehaufen und nahmen ihr kärgliches Mahl ein.
Plötzlich schritt an der gegenüberliegenden Häuserfronte ein Mann vorüber, dessen Blick zufällig die Gruppe streifte, doch plötzlich erstaunt, Gruber scharf fixirend, herübersah. Jetzt mußte er ihn erkannt haben, denn der Ausdruck seines Gesichtes wurde unendlich höhnisch, ein widerliches Lächeln umspielte seinen Mund, ein Blitz der wildesten Schadenfreude zuckte aus seinem Auge.
Aber in demselben Augenblicke war Gruber emporgesprungen.
Auch er hatte den Mann erkannt, hatte den höhnischen Ausdruckdes Gesichtes gesehen.
„Elender Schuft!" rief Gruber und mit zwei Sätzen erreichte er den Mann.
Es war Kelephos.
Agathe hatte erst überrascht auf ihren Mann geblickt, als derselbe so jählings emporsprang.
Dann sah sie ihm ängstlich nach. Da erblickte auch sie, erkannte auch sie den Feind, bei dem soeben ihr Gatte angelangt war.
Aber in demselben Momente gedachte sie auch der Gefahr, die ihnen aufs Neue erwachsen müsse, wenn Gruber sich abermals zu einer Gewaltthat hinreißen ließe.
«Habe ich Dich, Verführer," rief dieser seinem Feinde zu, „jetzt entgehst Du mir nicht."
Der Grieche maß ihn mit einem stolzen Blicke. (Forts, f.)
Vermischtes.
— Neue Reklame. Ein Kl eiderhä ndler, welchem die Konkurrenz seines Nachbars ärgerlich war, verursachte demselben eines Tages keinen geringen Schreck, als er Buckskin Beinkleider vor seine Ladenthüre gehängt hatte, auf welchen Zettel klebten, die als Werth der Hose 6 Mk. angaben. Der über so große Billigkeit erstaunte und geängstigte Nachbar konnte sich darüber nicht beruhigen; er schickte einen Freund zu dem Konkurrenten, um ein Paar der Beinkleider zu kaufen. Nun löste sich aber das Räthsel: als der Abgesandte 6 Mark hinlegte, um eine Hose in Empfang zu nehmen, da bedeutete ihm der pfiffige Geschäftsmann, daß er für den Betrag nur ein Bein der Hose erhalten könne, denn jedes derselben trug einen Zettel mit der Aufschrift 6 Mark, die ganze Hose alfe kostet 12 Mark.
— Berlin. Eine freudige Ueberraschung wurde dieser Tage einem älteren Fräulein aus altadeliger, aber verarmter Familie zu Theil. Die Dame hatte im Jahre 1870 dem Vaterlande ihre Dienste als Krankenpflegerin ge- geweiht. Unter ihren vielen Pfleglingen befand sich auch ein junger Osficier, der einzige Sohn begüterter Eltern, welcher in einer der Schlachten an der Loire eine gefährliche Verwundung davongetragen hatte. Nur der hingebendsten Pflege von Seiten der Dame war es zu danken, daß der Osficier gerettet wurde. Die Eltern desselben wollten die Dame beschenken, doch diese wies^jede Belohnung zurück. Vor einigen Tagen erhielt die Dame ein gerichtliches Schreiben, worin ihr die Mittheilung gemacht wurde, daß der Vater ihres ehemaligen Pfleglings vor mehreren Monaten gestorben sei und laut Testament, dessen Abschrift der gerichtlichen Verfügung beilag, ihr ein Legat von 15,000 Mk. ausgesetzt habe.
— Aus Thüringen, 1. März berichtet der „H. C.": In dem unweit Erfurt gelegenen Dorfe Büßleben bewohnte die Witwe Langmuß, 62 Jahre alt und taub, mit ihrer erwachsenen Tochter und einem Arbeiter ein abgeschlossenes Gehöft. Am 12. Juli v. J. ging Morgens die Tochter zum Markt nach Erfurt und der Knecht zum Acker. Als die Tochter um 11 Uhr zurückkehrte, fanb- sie die Hofthür von innen verriegelt und, nachdem man mittelst Uebersteigens geöffnet, die Mutter im Keller des Wohnhauses ermordet vor, während der im Schlafzimmer befindliche Geldkasten geöffnet und seines Inhalts zum Theil beraubt war. Es fehlten 1200 bis 1800 Mk. baares Geld, dagegen fanden sich noch Prioritätsobligationen im Werthe von 18,000 Mk., sowie ein Couvert mit 900 Mk. Papiergeld vor. Mehrere Personen wurden wegen Verdachts verhaftet, aber sie mußten wieder entlassen werden. Als im Herbst die Nachforschungen noch immer nicht zu einem Resultat geführt hatten, wurde der Criminalcommissar Hoeft in Berlin mit den weiteren Ermittelungen beauftragt. Derselbe kam nach Büßleben und nahm bei dem dortigen Geistlichen, nachdem derselbe mit der Sache vertraut gemacht, unter dem Namen eines „Bersiche- rungsinspectors Hahn" Wohnung. Dieser Pfeudo-Hahn frequentirte fleißig die Gasthäuser der Umgegend. Eines Tages hörte er, daß an einem Tische in der Schänke zu Büßleben davon gesprochen wurde, daß ein neuer Braukübel nicht von dem bisherigen Böttcher Hellriegel zu Rhoda, welcher in Büßleben eine Werkstatt hatte, angefertigt sei, sondern von einem andern Böttcher. Ein Anderer warf dabei die Bemerkung hin, daß Hellriegel überhaupt seit der Ermordung der Witwe Langmuß sich nicht wieder in Büßleben habe sehen lassen. Herr Hoest forschte sofort nach und es ergab sich zunächst, daß Hellriegel, der vor jener Ermordung in Armuth gelebt und mehrfach ausgepfändet worden, jetzt einen .Getreide- und Holzhandel betreibe, auch ein Grundstück erworben habe. Ein Mädchen in Büßleben will auch am Tage des Mordes in Büßleben gesehen haben, daß Hellriegel auf das Langmuß'sche Gehöft gegangen ist; später hat man ihn auf dem Wege nach Rhoda gesehen. Am Freitag und Sonnabend stand er vor dem Schwurgerichte in Erfurt, das ihn trotz seines Leugnens für schuldig befand und zum Tode verurth eilte.
— Goslar, i. März (U n g lü ck s f al l.) Wiederum hat das unvorsichtige Spielen mit einer Schußwaffe beiunsein Opfer gefordert. Cigarren- arbeitet B. besuchte gestern die Bergmann Dahle'schen Eheleute. Herr D. hielt noch sein Mittagsschläfchen auf dem Sopha, während seine Frau in Gegenwart des Gastes in der Commode nach einem Gegenstände suchte. Dabei fand sie den schon lange vermißten Revolver und legte diesen mit den Worten: „Sieh', da ist ja das alte Ding!" auf den nebenstehenden Tisch. B. ergriff alsbald die Waffe, und im Glauben, sie sei nicht geladen, berührte er den Hahn derselben. Augenblicklich krachte ein Schuß, dessen Kugel der armen Frau durch die rechte Wange nach dem Hinterkopfe fuhr. Die Unglückliche, in den besten Jahren, verstarb heute früh an der erhaltenen Kopfwunde.
Frachtpreise.
Weizen 100 Kilogr. 22 M. 30 Pf. bls 23 M. 50 Pf. Roggen 100 Kilogr. 19 M. — Pf. biß 19 M. 80 Pf. Gerste 100 Kilogr. 17 M. 20 Ps. bis 18 M. — Pf. Hafer lOOÄilogr. 12 M. 70 Pf. biß 14 M. 35 Pf.