Vermischtes.
Feuilleton.
— Die Leser welche sich für den kürzlich veröffentlichten Bericht über die im verflossenen Jahre in Hannover ausgeführten Untersuchungen von Nahrungsmitteln interessiren, werden auch gern von der Thätigkeit einer rheinischen Controlstation für Lebensund Genußmittel Kenntniß nehmen. In Crefeld wird schon seit beinahe drei Jahren mit Energie und Erfolg gegen die Fälschung der Nahrungsmittel vorgegangen. Die Untersuchungsstation wird auch bei anderen sanitären Fragen unausgesetzt in Anspruch genommen, wie aus vielen Analysen des Grund und Bodens, der Trinkwaffer und Bodenluft rc. hervorgeht. Daneben wurden zahlreiche technische Untersuchungen von Rohstoffen und Erzeugnissen der Industrie ausgeführt. Mittheilungen über frühere Thätigkeit der crefelder Controlstation finden sich im Correspondenz-Blatt des Niederrheinischen VereinS für öffentliche Gesundheitspflege, so z. B. in dem zuletzt erschienenen Hefte Band VIII, Nr. 10, 11, 12. Nach dem dem kaiserlichen Gesundheitsamte von der Controlstation in Crefeld zugegangenen Berichte sind dort im Laufe des Jahres 1879 1481 Untersuchungen ausgeführt worden, von welchen 438 durch Private und 1043 durch die Behörde veranlaßt wurden. 968 dieser Untersuchungen hatten Lebensmittel und Genußmittel zum Gegenstände und wurden bei denselben 134 oder 13,84 pCt. Fälschungen ermittelt. Dieser Procentsatz ist wesentlich geringer als der in der vorhergehenden Zeit beobachtete, was wohl mit Recht der sorgfältigen Controls zuzuschreiben ist. Von 28 untersuchten Trinkwassern waren 15 zu beanstanden. In dem Untergrund der Straßen fanden sich feste und flüssige Kohlenwafferstoffe, darunter Naphtalin, auch wurde an vielen Stellen Leuchtgas als Beimengung der Bodenluft aufgefunden. Hier dürfte noch erwähnt werden, daß die Untersuchung von 171 Weinproben (davon 36 für die Polizeibehörde ausgeführt) 27 Fälschungen ergeben hatte. (K. Z.)
— Minden. Das gräßliche Unglück in der Grube Meißen ist, wie sich jetzt herausstellt, auf den unverantwortlichen Leichtsinn eines der den schlagenden Wettern zum Opfer gefallenen Bergleute zurückzuführen. Die amtliche Untersuchungscommission hat nämlich die Lampe des getödteten und in grausamer Weise verstümmelten Friedrich Hartmann aus Meißen ohne den vorschriftsmäßigen Drath-Cylrnder und unverschlossen vorgesunden. Sie nahm als höchst wahrscheinlich an, daß die Explosion durch diesen nicht vorschriftsmäßigen Bestand der Lampe des Gelösteren entstanden sei. Die Entfernung des Cylinders hat, da die Lampen vorher untersucht werden, im Innern des Schachtes Statt gefunden. Hartmann hat seine Lampe geöffnet und so sein und seiner Kameraden Verderben heraufbeschworen.
Alsfeld, 10. Febr. Gestern Mittag wurde im District Schönbuchenrück ein Holzhauer aus Rainrod von einem umfallenden Stamme derart getroffen, daß ihm ein Ast durch den Kops drang, wodurch der Tod augenblicklich erfolgte. (A. Anz.)
Darmstadt, 6. Febr. Gestern wurde vor der Strafkammer des Landgerichts der Urheber des beklagenswerthen ElsenbahnunfaUeö bei Bischofsheim, der drei Menschen das Leben kostete, der Weichenwärter I. Scherneck von Astheim dieserhald zu 2| Jahr Gefängniß verurtheilt. Aus der Verhandlung ergab sich, daß der Angeklagte ursprünglich die Weiche richtig gestellt hatte, dann aber eingeschlafen war und im Moment als der Zug kam, aus seiner Bude heraus- sprang und in seiner Schlaftrunkenheit der Weiche die verhängniß- volle falsche Stellung gab. Die Staatsbehörde hatte eine vierjährige Gefängnißstrafe beantragt.
— (Ein schweres Unglück) hat sich Dienstag Nachts in Gr>- Koschlau bei Solduu (Station der Marienburg-Mlawkaer-Eisenbahn) zugetragen. In der dortigen Brennerei des Herrn Eisenstädt entstand durch eine Explosion im Kühlraum ein Brand, der sehr schnell das ganze Gebäude ergriff und vier jungen Damen, die im zweiten Stockwerk schliefen, den Ausgang aus dem brennenden Hause adschnitt. Zwei derselben, die Töchter des Brennerei-Jnspectors, retteten sich durch einen Sprung aus dem Fenster, bei dem sie ohn^ erhebliche Verletzung abkamen, ihre beiden Genossinnen, eine Gouvernante des Besitzers und die sich besuchsweise bei den Ersteren aushaltende Tochter des Postmeisters Wolgram in Lauterburg, wagten diesen Sprung nicht. Sie zu retten, stürmte der Brenner Schmidt die Treppe des in Flammen stehenden Hauses hinauf. Der edle Retter sowohl wie die beiden Mädchen wurden unter den brennenden Trümmern begraben. Schmidt hinterläßt leider eine Familie von Frau und sechs Kindern. Das verunglückte Fräulein Wolgram aus Lauterburg war die einzige Tochter des am folgenden Tage tief gebeugt zur Empfangnahme der verkohlten Reste seines Kindes auf der Brandstelle erschienenen Vaters. Frisch und blühend hatte sie vor einigen Tagen das elterliche Haus verlassen.
Konstantinopel, 10. Februar. Am Sonntag hat sich in BeikoS (Ortschaft am Bosporus) ein sehr großer Unglücksfall ereignet, indem eine Kaserne einstürzte wodurch 200 Soldaten und Offiziere getödtet, 300 verwundet wurden.
Jürflin und Bettlerin.
Erzählung von vr. Heinrich Penn.
(Fortsetzung.)
„Das graue Haus?" fragte er überrascht. Ihr kommt aus dem Criminal?" Dabei sah er ihm scharf in's Gesicht. „Wie kommt Ihr dahin, Mann?" forschte er weiter, „dennIhr habt nicht das Aussehen eines Verbrechers."
Gruber erzählte seinem Genossen zu welchem er sich eigenthümlich hingezogen fühlte, die Geschichte seines Unglückes.
Ein Blitz schoß aus den Augen des Anderen.
„Ah, Ihr habt den Schurken also gezüchtigt?" rief er im Tone innerer Erregung.
Gruber ballte die Faust und rief, ich glaube der elende Kelephos wird an die Züchtigung denken!
„Kelephos?" fragte der Andere überrascht, und seine Augen funkelten, sein bleiches Gesicht überflog eine dunkle Rothe. „Den Vogel kenne ich!"
Gruber aber hatte sich wieder in seinen Zorn hineingeredet.
„Man hat mich abgestrast", sagte er, jetzt aber will ich diese Abstrafung verdienen, ich will in Wahrheit ein Verbrecher werden, ein Mörder — aber wen ich morde, das soll er fein, mein Todfeind, der Ehrlose, welcher meine ganze Familie elend gemacht und an den Bettelstab gebracht hat."
Aber der Andere legte seine Hand auf den Arm Grubers.
„Geduld, mein Freund", sagte er, „und laßt Euch vom Moment nicht hinreißen, denn gelänge es wirklich den Schurken zu fassen und den Streich auf ihn zu führen, wer bürgt Euch dafür, daß Ihr ihn tödlet und Euch dadurch rächt? Aber selbst den Fall gesetzt, Ihr tödtet ihn, habt Ihr dann Euerem Weibe und den Kindern damit nicht auch den Vater getödtet, aus's Nrmmerwieder- finden? Oder meint Ihr vielleicht, diese Trennung, die Ihr im Momente erdulden müßt, Dauert ewig, glaubt Ihr denn nicht, eines Tages die Eueren wieder zu finden, von denen Euch jetzt vielleicht ein böser Zufall trennt in dem großen Wien? Und welch' ein beseligendes Gesühl wird Euch erfassen, wenn Ihr Die Lieben wieder sehen solltet und Ihr Euch Dabei keiner Schuld bewußt seid, wenn Ihr Euch des Wiedeifindens, des Besitzes der Familie völlig erfreuen tönnt, ohne Rückhalt, ohne Reue, ohne GeunffenSviffe!"
Gruber war nachoenkeno geworben, sein Haupt auf Die Brust gesunken.
Plötzlich sprang er auf. „Laßt mich", rief er heftig, „waS liegt nur am Leben, an Existenz, Deren Ende die elende Herberge ist."
Da aber trat sein Genosse vor ihm hin.
Er hatte das Haupt stolz erhoben, seine Gestalt schien förmlich zu wachsen und ein Ausdruck von Hoheit lagerte auf dem edel geschnittenem Gesichte.
„Ihr wollt eine Existenz von Euch,werfen, weil das Ende derselben diese schlechte Herberge ist?" fragte er ernst. „Meint Ihr denn, Ihr wäret der Einzige, welchem das Schicksal so übel milge- spielt hat? Blickt doch einmal jetzt, wo gerade Die Insassen der anderen Schlasstätten an uns vorüberziehen, auf die stattliche Anzahl von Schicksalsgenossen. Seht dort den Arbeiter in seinem bestaubten Kittel, dort den Mann mit dem emsig gebürsteten Rock, einst einer der reichsten Fabrikanten des Brillantengrundes, dann den vazirenden Commis, den zugereisten Studenten, den an der allgemeinen Arbeitsnoth zu Grunde gegangenen Geschäftsmann. Und dort in dem gegenüber liegenden Hause, in dem für die Frauen bestimmten Raume, die arme Mutter mit den Kindern, deren Mann den Verdienst verspielt und vertrunken hat und dann fortgegangen ist in die weite Welt. Und schaut mich an, meint Ihr, es fei mir an Der Wiege gesungen worden, daß ich mein müdes Haupt eines Tages aus diesen Pfühl legen werde? Ich denke nicht daran, hier mein Leben abzuschließen, und doch bin ich zehnmal unglücklicher, zehnmal elender als Ihr! Ich habe noch eine Mission zu erfüllen, und beim Himmel, ich werde es thun. Ihr aber wollt hier ein Ende machen? Nein, Mann, Ihr seid bis hierher gekommen, ruft denn auch mit der ganzen Energie Eurer Seele: Bis hierher und nicht weiter! Kehrt hier um, kehrt wieder zur Gesellschaft zurück, sucht hier nicht das Ende Euerer Laufbahn, nein, sondern den Anfang eines neuen Lebens!"
Gruber hatte mit steigender Erregung zugehört.
Dann ergriff er die Hand seines Schlafkameraden.
„Ich danke Euch, Herr, wer Ihr auch immer seid", rief er, „Ihr habt mich erhoben, gestärkt, gerettet! Ich will ein neues Leben beginnen.
„Wohin geht es also jetzt?" fragte der Andere.
„Wohin mich der Zufall führt", entgegnete Gruber, „immer aber bleibt der Zweck, Die Meinen zu suchen, und wenn ich sie gefunden habe, mich ihnen zu erhalten."
„So ift's recht", entgegnete der Mann, „und was Kelephos