Stationsort. Alle Kommunikation ist unterbrochen; außerhalb liegt der Schnee mannshoch. Der Winter ist hier in seiner schrecklichsten Gestalt erschienen, und ist Heuer äußerst traurig im Hochwald.
Stuttgart, 15. Dezember. Heute früh ist in dem Schacht der Saline W i l h elms g l ü ck bei Hall ein Brand ausgebrochen, die Arbeitermanuschaft ist theils todt, theils verwundet.
Stuttgart, 15. Dezember. Nach weiteren hier cingegange- neu Nachrichten hat in der Saline Wilhelmsglück nicht ein Schachtbrand staitgesunden, sondern eine Explosion von brennbarem Sal- peter in der Schachtstube, 10 Personen wurden gelobtet, 12 verwundet. Die Mannschaften standen im Begriff einzufahren.
Feuilleton.
türstin und Bettlerin.
Erzählung von Dr. Heinrich Pen n.
_ (Fortsetzung.)
„eie, Sie, Marie!" Er rief es jubelnd, und ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen und weinte, daß die Hellen Thränen niederrollten aus den Alabastergrund der Hand, wie glänzende Perlen die Marmor-Statue der Madonna schmücken in der Kirche „Maria maggioie" zu Rom.
Die Frau aber sah mit einem unbeschreiblich innigen Blicke auf den schönen, aber bleichen Mann, der vor ihr lag, und doch ihr Bild in seinem Herzen trug, trotz aller Leiden, ihren Namen lispelte in einsamer trüber Stunde.
Es war Baroneffe Rast, die an dem Lager des Verwundeten weilte. Als es eben recht still und einsam im Gemach war, hatte sich leise die Thür desselben geöffnet, und Marie war eingetreten, in einen dunklen Schleier und Mantel gehüllt, hatte beide rasch abge- worfen und war dann zum Lager Tuarko's getreten, da hatte sie gehört, wie dieser ihren Namen ausiprach, erst leise, dann laut und selig, und sie wußte nun, wie lieb er sie habe.
„Mein Freund," sagte sie jetzt, „wie viel müssen Sie leiden, und meinetwegen 1"
„O sagen Sie das nicht, Baroneffe," entgegnete Tuarko, „ist es doch nicht der Rede werth, hätte es ja doch jeder der Cavaliere,die sich um Sie drängen, eben so gerne gethan. Aber erklären Sie mir, um Golteswillen, wie Sie hierher kommen und ob Ihre stolze Mutter von diesem Schritte weiß?"
Sie schüttelte das Haupt.
„Meine Mutter weiß nichts davon," sagte sie, „aber besorgen Sie nichts für mich. Warum ich aber hierher kam? Konnte ich es ferner ertragen, ohne Kunde von dem Alaune zu sein, der edelmüthig sein Leben für meine Ehre in die Schanze geschlagen, konnte ich ferner ruhig warten, ohne zu wissen, wie es Ihnen geht, Tuarko, ob Ihr Leben nicht in Gefahr stehe, ohne zu versuchen, ob ich nicht vielleicht in der Lage bin, Ihre Leiden zu lindern, Ihnen Trost und Labsal zu bringen?"
„Baroneffe!" rief der Kranke und sein Auge leuchtete, „Trost und Labsal und Glück haben Sie mir gebracht, und wie nichtig und kaum nennenswerth erscheint dagegen das Leiden, welches mich an das Krankenlager fesselt, wie winzig klein der Dienst, den ich Ihnen erwiesen. Was aber haben Sie an mir gethan? Denn jetzt fällt es plötzlich wie Schuppen von meinen Augen, jetzt weiß ich auch bestimmt und unleugbar, wer mich, als ich hülflos und verwundet im Schnee lag, auflesen und hierher bringen ließ. Sie sind es gewesen, Baroneffe, Sie haben trotz der Gefahr, sich zu kompromittiren, diesen Schritt gethan, nicht wahr, Marie, Sie waren es, leugnen Sie es nicht!"
Die Baroneffe lächelte.
„Und wenn ich es war, Tuarko, was weiter?" sagte sie, „war es nicht meine heilige Pflicht, also zu handeln?"
Er schüttelte das Haupt.
„Nein, nein," sagte er, „davon kann keine Rede sein und hundert Andere hätten nicht gehandelt wie S>e!"
Ein ungewöhnliches Feuer blitzte aus ihren Augen.
„Mag es d'rum sein," sagte sie rasch, „hundert Andere wurden aber auch nicht so geehrt von ihrem Freunde, wie ich es von Ihnen wurde, Tuarko."
Da zog es wie Sonnenschein über das Antlitz des Kranken.
„O Marie," rief er, „ich danke Ihnen für dieses Wort! Ja, Sie haben Recht, Wenige nur trugen ein Frauenbild so tief und innig in ihren Herzen, wie id) das Ihre, Wenigen ging so ganz das Leben auf in dem Gedanken an das eine Wesen, das unsere ganze Seele erfaßt, unser ganzes Dasein ausfüllt, und Endzweck des Lebens, uns Gottheit und Himmel ist — denn ich liebe Sie, Marie, glühend, wie die Söhne meines Vaterlandes, aber treu und beständig wie die ruhigen Sprossen des Nordens, ich setzte mein Leben ein für das Ihre, Sie zu beglücken, ist die Aufgabe meines Erdens- waltenS — und Sie Marie, sind die heilige Madonna, der ich einen Altar errichtet habe in meinem Innern!"
Sie war wie mit Gluth übergossen, aber sie entzog ihre Hand
nicht dem Manne, der sie in der seinen hielt und mit glühenden Küssen bedeckte.
„Und sagen Sie mir, Marie," rief er leidenschaftlich, „lebt auch in Ihnen ein Gefühl für mich, ist auch Ihnen der schlichte Gardist nicht ganz gleichgiltrg, wie es etwa die anderen Cavaliere sind, die Ihre Nähe entzückt, begeistert?"
Sie sah ihn mit einem langen Blicke an und es lag wie ein zärtlicher Vorwurf in demselben.
„Sie fragen mich also, Tuarko," lispelte sie, „und vergessen nur das Eine, ob ich wohl die Schritte, welche ich für Sie gethan und die mich — wie Sie sagen, kompromittiren konnten, für einen Mann gewagt hätte, der meinem Herzen gleichmütig ist?"
„Ja, Sie haben Recht, Murre, o ich bin glücklich, überglücklich! Denn auch Sie fühlen für mich! Auch Du, Marie, liebst mich, nicht wahr, liebst mich so wahr und innig wie ich Dich?"
Sie senkte das Auge verschämt und flüsterte kaum hörbar: „Ich liebe Dich," — aber Tuarko hörte es doch, schlang seine Arme um sie und jauchzte: „Marie, meine Marie!"
Sie lehnte ihr Haupt an seine stürmende Brust und Thräne» rollten über ihre Wangen, Thränen der Freude, die er mit Küssen der Liebe hinmegirank.
Draußen rauschten die Bäume, brauste der Sturm, Minnen aber im Krankeugemache pochten zwei Herzen, die sich soeben gefunden hatten, selig und weltvergessene aneinander.
V. Nicht Alles Gold — was glänzt.
Wir haben gesehen, wie Fürst Radziwill die schöne Anna öffentlich als seine Braut erklärte, und wie — nach einem Selbstgespräche des Mädchens zu urtheilen — auch im Geiste desselben schon vor dieser Scene wiederholt der verwegene Gedanke emporgetaucht war, sich eine Fürstenkrone auf das schöne, stolze Haupt zu setzen.
Fürst Radzrwill war nach längerer Abwesenheit auf seinen Gütern in Rußland nach Wien gekommen. An ein zügelloses und genußreiches Leben gewöhnt, machte er alle Vergnügungen der Residenz mit. Plötzlich erkrankte er ziemlich bedenklich und zog aus der Stadt, wo er früher gewohnt halte, in Die Vorstadt, und zwar gerade in das sogenannte „ungarische Gasthaus", wo er ein paar freundliche Zimmer bezog und von Dem Hotelier und seiner Familie herzlich ausgenommen und freundlich behandelt wurde.
Namentlich pflegte ihn Die ältere Tochter des Wirthes, Die uns wohlbekannte Anna, mit einer Geduld und Aufmerksamkeit, welche auf das Herz des sonst so rauhen Polen einen mächtigen Eindruck machte.
An der Wirthstafel des Hotels war StaniSlaus mit mehreren italienischen Gardisten bekannt geworden und durch dieselben angeregt, bewarb er sich um Die Aufnahme in Die Garde, welche ihm auch anstandslos zu Theil wurde, als er von seiner Krankheit wieder hergestellt war.
Er verließ daher das „ungarische Gasthaus" und bezog ein Quartier in .der Ungargaffe, dem Palais Der Gardisten gerade gegenüber, und da Die Fenster seiner Wohnung nach jenem Lokale zu gingen, in welchem sich Die Restauration befand, so konnte er von seinen Fenstern aus Anna jede Stunde Dort gegenüber walten und schalten sehen, und manche Grüße wurden zwischen den Beiden getauscht, manche Blicke gewechselt.
Kam der Fürst dann selbst in das Lmal hinüber, so war es natürlich, daß seine Worte deutlicher und ausführlicher wiederholten, was seine Blicke gesagt, und er dem Mädchen oft genug von seiner Neigung sprach. .. ,
Dasselbe wurde bald gefangen, zumal die männliche Schönheit des Fürsten nach seiner Genesung wieder im vortheilhaftesten Lichte erschien und namentlich durch die prächtige kleidsame Uniform der Garde gehoben wurde.
Das Gefühl der Dankbarkeit, welches der Pole anfangs gegen seine Pflegerin hegte, steigerte sich bald zu einem wilden verzehrenden Feuer, welches zur Folge hatte, daß er, um den Gegenstand seiner Leidenschaft zu besitzen, beschloß, Anna zu seiner Frau zu machen, umsomehr, da er unabhängig und allein in der Welt stand und Niemanden gegenüber Rücksichten zu beobachten hatte.
So kam es/daß Nadziwill die schöne WirthStochter offiziell als seine Braut erklärte. Als das Mädchen freudestrahlend nach Hause kam und ihrer Familie Mittheilung von Dem Glücke machte, das ihr bevorstand, fühlten sich die Ihren aus leicht begreiflichen Gründen ebenso geehrt als in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, dachten wohl auch Nutzen von der nun mit einem Male zur reichen Fürstin gewordenen Schwester und Tochter zu ziehen, und Niemandem fiel es ein, Anna mit Hinweis auf den ungestümen und unbeständigen Eharakler des Polen vor dieser Verbindung zu warnen, oder auch nur an offizieller Stelle sich Gewißheit über das Vermögen Radziwill's zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.)____________________________
— Gera. Eine heitere Scene spielte sich am vergangenen Freitag bei Gelegenheit der Gemeinderathswahlen ab. Eine Bür- gersfrau, deren Gatte verhindert war, sich an der Wahl zu belhei- ligen, glaubte vollständig berechtigt zu sein, denselben hierbei ver«