1424. Auf Grund des §. 12 des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Octvber 1878 wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die im Druck und Verlage der „Arbeiter- Wochen - Chronik" zu Budapest erschienene nichtperiodische Druckschrift „Allgemeiner Arbeiter-Kalender für das Schaltjahr 1880, IV. Jahrgang" nach §. 11 des gedachten Gesetzes durch die unterzeichnete Landespolizeibehörde verboten i[4 Berlin den 24. October 1879.
Königliches Polizei - Präsidium, von Madai.
Tagesbegebenheiteu.
Aus Hessen-Nassau.
— Besitzer von Obstbäumen werden darauf aufmerksam gemacht, daß in kurzer Zeit der gefährlichste Feind dieser Bäume, der Frostspanner (Frostschmetterling, Reifmotte, Geometra brumata) erscheinen wird. Es ist in neuerer Zeit mehrseitig auf ihn und seine große Schädlichkeit aufmerksam gemacht. Das Jnsect erscheint zu ungewöhnlicher, später Zeit, in welcher fast die ganze Jnsectenwelt schon im Winterschlafe liegt, Anfangs November (am zahlreichsten vom 2. bis 12. des Monats), und fliegt noch in einzelnen Exemplaren bis December, vorausgesetzt, daß die Abende dann noch srostsrei sind. Als gutes Mittel zur Unschädlichmachung dieses Obstbaumseindes wird der lange klebrig und wirksam bleibende Brumata-Leim des Lehrers Herrn C. Becker in Jüterbog genannt.
Fulda, 27. October. Der seit dem 20. d. M. vermißte, 20 Jahre alte Schreinergeselle Peter Joseph Weber von Rönshausen war schon seit einigen Wochen tiefsinnig und befand sich in ärztlicher Behandlung. Sein älterer Bruder hatte ihn in der Nacht auf den 20. d. bis Mitternacht bewacht, worauf er sich, ermüdet, da der Kranke auch ruhig im Bette war, dem Schlafe über- gab. Leider mußte er des Morgens sehen, daß sein kranker Bruder Bett und Haus verlassen hatte und man dann beim Suchen dessen Schuhe und Arbeitsbuch, worin auch geschrieben, daß er sich das Leben nehmen wolle, an der Fulda sand. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er im Irrsinn seinen Tod in den angeschwollenen Fluthen der Fulda gesucht und gefunden hat, aber bis jetzt trotz allem Nachsuchen noch nicht gefunden ist. (C. Tgbl.)
Fulda, 28. Oct. Guten Vernehmen nach wird an der hiesigen Maschinen- Werkslätte, nach Verfügung des Ministers für öffentliche Arbeiten, eine Lehrlingsschule eingerichtet und am 1. December c. eröffnet. Dieselbe hat den Zweck tüchtige Maschinenbauer und Locomotivführer heranzubilden und ist aus 20 Lehrlinge berechnet. Zurückgelegtes 14. Lebensjahr, gutes Sitten- und Schulzeugniß, sowie körperliche Brauchbarkeit, sind die Ausnahmebedingungen; jedoch werden die Söhne von Beamten und ständischen Arbeitern vorzugsweise berücksichtigt. Zur praktischen Unterweisung ist ein eigener Lehrmeister bestimmt, und wird in den Abendstunden Unterricht in den Elementarfächern, Maschinen- zeichnen k. ertheilt werden. Die Lehrzeit ist aus vier Jahre festgesetzt, doch erhalten die Lehrlinge eine Vergütung, welche im Laufe der Zeit, ihren Leistungen entsprechend, erhöht wird. (H. B.)
Hanau. 28. October. Gestern ereignete sich aus der Hanau-Friedberger Bahn bei Roßdorf der traurige Fall, daß einem Arbeiter, welcher unbefugter Weise einen Kieszug bestiegen hatte und aus Unvorsichtigkeit Herabsiel, beide Beine unter dem Knie abgefahren wurden. Er hat Ausnahme im Landkrankenhaus hier gesunden. (C. Tgbl.)
Witzen Hausen, 2s. October. Zwischen Sangerhausen und Leinefelde entgleiste heute der Schnellzug, der 3 Uhr Nachmittags in Eichenberg ankommt. Die Locomotive zersprang und übte eine solche Wirkung auf die Schienen aus, daß dieselben auf einer streite von ca. 60 Metern auseinandergingen. Zum Glück wurde kein Menschenleben gefährdet, nur der Zugführer erhielt eine nicht gefährliche Verletzung an der Stirne. Die Passagiere mußten mit einem Arbeiterzug weiter besördert werden. (C. Tgbl.)
— Gelsenkirchen. Man berichtet dem Westf. Volksblatt: Zwei an der Bahn Gelsenkirchen-Winterswhk beschäftigte Arbeiter „spielten" nach ihrer Art mit einander, wobei ein junger Mensch Namens Cremer den Kameraden mit einem Backstein an den Kopf schlug. Der Geschlagene ein polnischer Arbeiter, Familienvater von 7 Kinder — ging mit dem etwas blutenden Kopfe der Stadt zu, fiel aber aus der Straße hin und verstarb, in's evangelische Krankenhaus gebracht, nach wenigen Augenblicken — wie die Section ergeben dürfte, in Folge der erlittenen Gehirnverletzung. Der Thäter ist entflohen.
Madrid, 30. October. Nach hier eingegangenen Nachrichten dauern die Ueberschwemmungen fort, der Ebro ist neuerdings um 5 Meter gestiegen; Tortosa steht unter Waffer. Auf der ganzen Halbinsel herrschen starke Regengüsse.
Feuilleton.
Eine Wette.
Humoreske von Ewald August König. (Fortsetzung.)
„Na, das sind ja nette Geschichten!" fuhr der Nechnungsrath endlich heraus, während Frieda noch immer die passenden Worte nicht finden konnte; „ist es denn wirklich wahr, daß Du den Assessor auf der Promenade am Hellen Tage geküßt hast?"
Jetzt war's heraus, Frieda athmete tief auf, und wenn auch eine dunkle Gluth ihre Wangen übergoß, so schlug sie doch vor dem forschenden Blick des Vaters die Augen nicht nieder.
„Wer hat es Dir gesagt?" fragte sie.
„Wer? Ich kann Dir nicht Alle nennen, die gestern Abend im Kasino ihre Bemerkungen darüber äußerten "
„Und es waren gewiß recht bissige Bemerkungen", nickte das Mädchen. „Den Balken im eigenen Auge wollen sie nicht sehen, aber wo sie in anderen Augen nur einen Splitter zu entdecken glauben, da fallen sie auch über ihn her. Es mag ja sein, daß ich die Grenzen des Erlaubten überschritt, aber berechtigt das gleich zu so schlimmen Vermuthungen? Er hatte der armen Familie so edel- müthig geholfen, daß ich ihm diesen Dank nicht verweigern konnte, es war ein hoher Preis für einen Kuß in Ehren, und dieser Preis erlöste unglückliche Menschen aus drückenden Sorgen."
„&o? Also deshalb?" brummte der alte Herr, während er langsam auf und nieder wanderte und sein graues Haupt mit dichten Rauchwolken umhüllte. „Jetzt hast Du den Dank dafür —"
„O, Papa, wenn Du nur sehen könntest, wie glücklich die Leute sind!" unterbrach Frieda ihn mit leuchtenden Äugen. „Das boshafte Gerede wird ja wieder verstummen, und der Herr Assessor weiß sehr wohl, daß ihm dieser eine Kuß nicht die leisesten Rechte einräumt, aber die Unglücklichen sind durch ihn der Noth und dem Elend entrissen, — wahrlich, ein geringer Preis für ein gutes Werk!"
„Willst Du damit Dich vor den Leuten rechtfertigen? Sie würden über Deine humanen Bestrebungen spotten und Dich verhöhnen!"
„Wozu bedürfte es einer Rechtfertigung?"
„Wozu? Man behauptet, Du müßtest mit dem Assessor Hagen heimlich verlobt sein!"
„Ich weiß es, Frau Stein war gestern Abend so freundlich, mich darauf aufmerksam zu machen", erwiderte Frieda in herbem Tone. „Ich will sie nicht anklagen, aber ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß von ihr diese Gerüchte ausgehen, und wollte ich Gleiches mit Gleichem vergelten, so —"
„Liebes Kind, es ist ganz gleichgültig, von wem diese Gerüchte ausgegangen sind", fiel der Nechnungsrath ihr in die Rede, „sie sind nun einmal da und stützen sich leider auf eine Thatsache, die Du nicht leugnen kannst."
„Und kann ich diese Thatsache vor Gott und meinem Gewissen verantworten, so darf ich wohl über das Gerede der Menschen mich hinwegsetzen."
Der alte Herr war am Fenster stehen geblieben, er blickte mit bekümmerter Miene sinnend hinaus.
„Das wäre Alles ganz gut, wenn Du nicht eben auf das Urtheil der Menschen Rücksicht nehmen müßtest", sagte er nach einer geraumen Weile. „Ich hinterlasse Dir kein Vermögen, mit meinem Tode fällt meine Pension fort, was dann, wenn Du nicht inzwischen einen braven Gatten gefunden hast? In dieser kleinen Stadt wird man Dir den Kuß nicht vergessen und verzeihen, die Männer sind in diesem Punkte sehr strenge Richter!"
„Sorge nicht", erwiderte Frieda ruhig, „was ich gelernt habe, reicht hin, meine Existenz sicher zu stellen."
„Du weißt nicht, wie bitter das Brod fremder Leute schmeckt."
„Das ist eine Redensart, Papa, an die ich nicht glaube. Ich denke mir, wenn man mit seinem Loose zufrieden ist — aber da kommt Besuch."
„Zu uns?" fragte der Rechnungsrath überrascht.
Ein Zweifel konnte nicht mehr obwalten, denn eben wurde an« geklopft, und auf das „Herrein!" des alten Herrn erschien der Assessor Hagen in der offenen Thür.
Ueber und über erglühend erwiderte Frieda hastig seinen Gruß, dann verließ sie das Zimmer.
„Assessor Hagen!" stellte der junge Mann sich vor, ohne die finstere Miene des Rechnungsraths zu beachten. „Ich darf wohl annehmen, daß Sie wissen, was zwischen Ihrer Fräulein Tochter und mir vorgefallen ist —"
„Allerdings weiß ich es", unterbrach der Rechnungsrath ihn in einem Tone, der nichts weniger als freundlich klang, bitte, nehmen Sie Platz, Herr Assessor, ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß dieser Vorfall mir sehr, sehr unangenehm ist."
„Das ist er mir auch, aber durchaus nicht meinetwegen, sondern nur um der jungen Dame willen —"
„So hätte man ihn vermeiden sollen!"
„Geschehene Dinge lassen sich nun einmal nicht ungeschehen machen, Herr Rath", erwiderte Otto heiter, „man muß sie nehmen, wie sie sind und ihnen die beste Seite abzugewinnen suchen."
„Leider kann ich hier keine gute Seite entdecken", sagte der alte Herr, dessen Stirne sich immer düsterer umwölkte, „die arme Familie, der dadurch geholfen worden ist, interessirt mich nicht, und mir kann's doch wahrhaftig nicht gleichgültig sein, wie man über die Handlungen meiner Tochter urtheilt."
„Ich möchte Niemandem rathen, ein verletzendes Urtheil über sie zu äußern!"
„Und wenn es geschähe, was wollen Sie dagegen machen?" Soll der Eclat noch größer werden, ;wie er es bereits ist? Als Mann von Ehre werden Sie das nicht wollen."
„Gewiß nicht."
„Also darf ich auch hoffen, daß Sie sich fortan meiner Tochter