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riß den Knaben nieder und schleifte ihn mit rasenden Galop hinter sich her. Herbeieilende Leute fanden den Unglücklichen bereits in den letzten Zügen liegend.

— (Wun der b ar e Ge n esu n g.) In Düsseldorf ereignete sich im ver­gangenen Jahre in einer Familie der betrübende Fall, daß ein 12 Jahre altes Kind in Folge einer Krankheit die Sprache verlor. Vor ca. 3 Monaten wurde der Knabe wiederum krank; zur Zeit der Derendorfer Kirmeß war derselbe so weit hergestellt, daß er Spaziergänge unternehmen konnte. Bei Gelegenheit eines Hustenanfalles auf einer solchen Promenade erhielt der Patient plötzlich die Sprache wieder zurück. Die Freude der Eltern ist unbeschreiblich.

Augsburg, 18. Oktober. Heute Nachmittag 1 Uhr wurden bei deni Einsturz eines Theils des Kanalgewölbes in der Karmeliter- gasse zwei Arbeiter verschüttet. Die vorgenommenen Rettungsarbeiten hatten bisher keinen Erfolg und sollen während der Nacht fortgesetzt werden.,

Madrid, 19.October. Nach den hier vorliegenden Nachrichten wird der durch die Ueberschwemmung in Murcia herbeigeführte Verlust an Menschenleben auf über 500 Personen und der am Eigen­thum angerichtete Schaden auf über 30 Millionen geschätzt; authen­tische Nachrichten liegen noch nicht vor..

— Die englische Bank hat vier Banknoten herausgegeben, deren jede über 100.000 L. (zwei Millionen Mark) lautet. Nach dem Druck derselben wurde die Platte vernichtet. Von diesen vier Banknoten befindet sich eine im Besitze des Hauses Rothschild, eine zweite im Besitze der Familie Coutts, die dritte im Tresor der englischen Bank und die vierte hängt im Salon des englischen Banquiers und Dichters Roger.

Feuilleton.

Eine Wette.

Humoreske von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Nicht bei Dir?" erwiderte der Doctor, ihm einen großartigen Seitenblick zuwerfend. „Ein Adonis bist Du auch nicht, lie­ber Sohn —"

„Und ich wette, daß sie mir den Kuß geben wird!"

„Auf der öffentlichen Promenade?"

„Hier, vor Euren Augen!"

„Ohne vorherige Absprache mit ihr?"

„Natürlich!"

„Unsinn!" sagte der Bauführer ärgerlich. „Der feurige Nüdes- heimer ist Dir in den Kopf gestiegen, Otto, wir hätten meinem Vorschläge folgen und einen leichten Moselwein trinken sollen."

„Fürchtest Du schon, ich könne die Wette gewinnen?" fragte der Assessor sarkastisch."

„Bei Gott nicht! Fräulein Kübel würde Dich glänzend ab­fahren lassen."

„Wir werden sehen!"

„Wenn er absolut will, weßhalb sollen wir ihm den Spaß nicht gönnen!" sagte der Doctor, der mit seinem Taschentuch emsig die Gläser seiner Brille abrieb. „Ein Hauptspaß wird's werden, ich sehe die Philister sammt ihren ehrbaren Frauen und Töchter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Stellen wir unsere Be­dingungen fest! Wann soll die Wette vollzogen werden?"

„Kommt die junge Dame jeden Tag hier vorbei?" fragte der Assessor nachdenklich.

„Jeden Tag um diese Stunde!"

„Gut, findet Euch morgen hier ein!"

„Und der Preis der Wette?"

„Ein Souper mit Sekt", sagte der Bauführer rasch.

„Einverstanden!" nickte Otto. „Natürlich bleibt die Sache bis zum Austrag der Wette ganz unter uns, ob sie später zur Sprache gebracht werden darf, darüber läßt sich erst morgen bestimmen."

„Du scheinst Deiner Sache sehr sicher zu sein", spottete der Bauführer, „wir nehmen das Souper natürlich im Anker, ich werde heute Abend noch mit dem Wirth reden, er soll das Feinste liefern, was zu haben ist."

„Wird mir sehr angenehm sein!" bemerkte der Assessor trocken, indem er sich erhob und seinen Hut in die Stirne drückte, ich will Euch beweisen, daß ich nicht mehr der blöde Knabe bin, den Ihr so oft zur Zielscheibe Eurer schlechten Witze gemacht habt. Wir treffen uns nachher wohl noch im Kasino, ein Kollege will mich heute Abend dort einführen, also auf Wiedersehen!"

Der Doctor blickte ihm gedankenvoll nach und schüttelte ärger­lich das blonde Haupt.

„Er scheint wirklich entschlossen zu sein!" sagte er. „Jetzt reut es mich doch, ihm zugeredet zu haben, er könnte sich seine gesellschaft­liche Stellung hier für immer verderben."

„Und kommt dann Alles an den Tag, so haben wir Beide es auch mit den Damen hier verdorben", erwiderte sein Freund.

„Du könntest ihm jetzt noch zuvorkommen!"

„Ich? Inwiefern?"

„Geh' morgen früh oder heute Abend noch zu dem alten Rech­

nungsrath und wirb um die Hand seiner Tochter, gibt man Dir das Jawort, so wird die Wette dadurch hinfällig."

„Und wenn ich einen Korb bekomme?"

„Dann mußt Du Dich mit dem Gedanken trösten, daß das auch Anderen schon passirt ist."

„Danke bestens für den guten Rath," erwiderte der Bauführer achselzuckend, „für den Spott brauchte ich in diesem kleinen Nest wahrscheinlich nicht zu sorgen, und dagegen bin ich sehr empfindlich."

Der Doctor erhob sich nun auch, es fiel ihm plötzlich ein, daß er noch einen Patienten besuchen mußte.

„Wer nicht wagen will, kann auch nicht gewinnen," sagte er, dann überließ er den Freund seinem Nachdenken.

II.

An jenem Tage, an dem die Wette zum Austrag gebracht werden sollte, befand Frieda Kübel sich in sehr trüber, gedrückter Stimmung.

Das gutherzige Mädchen hatte sich schon seit längerer Zeit einer verarmten Familie angenommen, die durch andauernde Krankheit ihres seitherigen Ernährers unverschuldet in Noth und Elend ge­kommen war.

Die Frau arbeitete vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein, was sie verdiente, reichte indeß kaum hin, die zahlreiche Kinder- schaar notdürftig zu ernähren, und das öffentliche Mitleid in An­spruch zu nehmen, von der Gemeinde Unterstützung zu verlangen, dazu waren die Leute, die früher bessere Tage gesehen hatten, zu stolz.

Alles Entbehrliche war nach und nach verkauft worden, jetzt fehlte es am Nöthigsten, und der Hausherr wollte mit der Zahlung der rückständigen Miethe auch nicht länger warten, er hatte gedroht, die Familie in den nächsten Tagen auf die Straße setzen zu lassen.

Frieda hatte bisher geholfen, soweit ihre leider nur geringen Mittel es erlaubten, jetzt aber waren diese Mittel erschöpft, und es wollte ihr auch nicht gelingen, der unglücklichen Familie andere Quellen zu erschließen.

Bei ihren Freunden und Bekannten hatte sie schon angepocht, man zuckte die Achseln und gab ihr zu verstehen, falsche Scham sei in solchen Fällen schlecht angebracht, die Familie möge sich an die Gemeindekasse wenden, die ja zur Unterstützung der Nothleidenden verpflichtet fei. Der Steuersatz sei bereits so hoch, daß man weitere Opfer nicht wohl verlangen dürfe, überdies könne auch nur die Armenverwaltung mit Sicherheit ermitteln und festhalten, ob und welche Unterstützung in diesem Falle nöthig sei.

Auf die Hülfe des Vaters durfte Frieda auch nicht rechnen, der alte Rechnungsrath klagte täglich über theuere Zeiten und ge­ringes Einkommen, er hatte über die Gutherzigkeit feiner Tochter schon oft ernste Bedenken geäußert und auch jetzt wieder ihr mit dürren Worten gesagt, es sei ein höchst undankbares Geschäft, sich um andere Leute Sorge zu machen.j

So trat denn Frieda mit recht schwerem Herzen den Weg zur ärmlichen Wohnung der unglücklichen Familie an, sie wollte noch einmal mit der Frau berathen, ob nicht in anderer Weise ein Aus­weg gefunden werden könne.

Aus ihrem Sinnen weckte sie plötzlich eine sonore Stimme, ihre dunklen Augen hefteten sich mit dem Ausdruck der Ueberraschung auf den fremden Herrn, der mit dem Hut in der Hand vor ihr stand.

„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, eine Wette, die Ihnen gewiß sehr seltsam erscheinen wird, zwingt mich, Sie anzureden," sagte er mit einer leichten Verbeugung, und dem rasch und scharf beobachtenden Blick des schönen Mädchens entging es nicht, daß seine scheinbare Unbefangenheit nur erzwungen war. „Ich habe in einem Augenblick jugendlichen UebermuthS die Aufgabe übernommen," fuhr er fort, „nun muß ich sie lösen, selbst auf die Gefahr hin, mich einer Demüthigung auszusetzen, bie ich als verdient hinnehmen müßte,"

„Ich verstehe Sie nicht," erwiderte Frieda, als er jetzt eine Pause machte, „ich weiß nicht, mit wem ich die Ehre habe —"

„Assessor Hagen!"

„Sehr angenehm, aber —"

„Ich erwähnte bereits, daß eine Wette mich zwinge, dieser Unverschämtheit mich schuldig zu machen."

„Und wie lautet diese Wette?

„Daß ich Sie hier, auf dieser Stelle um einen Kuß bitten wolle."

„Herr Assessor!"

„Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung," sagte Otto, das entrüstet zurücktretende Mädchen flehend anblickend, „ich weiß ja sehr wohl, daß Sie gerechte Ursache haben, mir dieser Bitte wegen zu zürnen, und wenden Sie mir jetzt mit Verachtung den Rücken, so darf ich mi$ nicht beklagen, denn ich habe diese Demüthigung verdient. Man nennt sie eine Wohlthäterin der Armen, man sagt mir, Sie seien ein Engel, der —"

„Genug, mein Herr!" unterbrach Frieda ihn, und die Gluth der Entrüstung färbte noch immer ihre Wangen. „In dieser Wette liegt eine Beleidigung für mich —

(Fortsetzung folgt.)