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um so stärker, je näher man der gemäßigten Zone kommt. Wo der Wein billig ist, wie in Griechenland, Italien und Spanien, ist die Trunksucht feiten. Sie hat jüngst in Frankreich zugenommen, das früher im Ruf großer Mäßigkeit stand. Am ungünstigsten in Europa steht England, wo 1875 die Staatsein­nahmen von den berauschenden Getränken 33 Millionen Pß Sterling betrugen, d. h. 42 g aller Einnahmen. Darnach kommt Rußland, wo die Branntwein­steuer 36 g der gesummten Einnahmen ausmacht. Wahrend bis zum Anfang dieses Jahrhunderts die Unmäßigkeit im Trinken eine Eigenthümlichkeit des ger­manischen Stammes war, haben seitdem die von der Staatsgewalt, besonders in Preußen, beförderte Erziehung des Volkes zur Sittlichkeit, Pflichttreue und Arbeitsamkeit, die Verbreitung von Bildung unter allen Volksklassen durch den allgemeinen Schulzwang und die allgemeine Militärpflicht wesentlich dazu bei­getragen, daß Deutschland im Genuß des Alkohols einen der letzten Plätze ein- nimmt. Der immerhin noch ziemlich ansehnliche Konsum, der allerdings seit 8 Jahren wieder zugenommen hat, beschränkt sich vorwiegend auf die arbeitenden Klassen. Für 1875 kamen auf den Kopf nicht ganz 10 Liter. Der größte Ver­brauch findet sich in Brandenburg und Posen, der geringste in der Rhemiprovinz und Hessen-Nassau. Sodann wurde der Einfluß des Alkohols auf das physische Leben besprochen. Die Hälfte fast aller der Trunksucht ergebenen Menschen stammen von trunksüchtigen Eltern ab. Bei jenen ist die Empfänglichkeit für Krankheiten viel größer. Wo eine epidemische Krankheit oder eine Seuche auf- tritt, werden vorzugsweise die Trinker von derselben befallen und erliegen ihr am leichtesten. Am deutlichsten hat man dies bei der Cholera beobachtet. In Folge des übermäßigen Alkoholgenusses sind allein in England in 5 Jahren fast 4000 Menschen plötzlich gestorben. Die Zahl der am delirium tremens zu Grunde gegangenen ist noch weit größer. Bei 17 g der Selbstmörder ist der Beweggrund in der Trunksucht zu suchen. Hierauf kam die Rede auf den Ein­fluß, welchen der Alkoholgenuß auf Wohlhabenheit und Sittlichkeit ausübt. Er- fahrungsmäßig steht fest, daß die, welche sich dem Trunke ergeben, früher oder später der Verarmung anheim fallen. Der Alkoholgenuß ist eins der größten Hindernisse für die Beseitigung des Pauperismus (des Zustands der Armuth.) Allgemeine Nothstände, z. B. in Irland, haben zum Theil ihren Grund in der Trunksucht der Bevölkerung. Dieses Laster befördert auch die Unwissenheit. Die Trunksucht der Eltern ist z. B. oft daran schuld, daß die Kinder die Schule schlecht besuchen Ferner stört sie das sittliche Familienleben. Nur wo in der Familie Mäßigkeit herrscht, wo Arbeit und Erholung abwechseln, geht der Sinn für die Ordnung und Berufspflicht von den Eltern auf die Kinder über. Zweifellos ist die Trunksucht auch eine der Ursachen der Geisteskrankheiten. Statistische Ermittelungen in allen Ländern haben ergeben, das bei 60 g der an ihrem Geist gestörten die Trunksucht mitgewirkt hat. — Der letzte Theil des Vortrages beschäftigte sich mit den Mitteln, durch welche die Trunksucht, besonders der so verderbliche Branntweingenuß, bekämpft worden ist und bekämpft werden kann. Die Mäßigkeitsvereine haben durch Belehrung zum Theil große Erfolge errungen. Von Seiten des Staats kann der Ausbreitung der Trunksucht durch Preventivmaßregeln, z. B. durch Verminderung der Schankstellen oder durch Repressivmaßregeln, z. B. durch Strafen gegen die Schankwirthe, welche die Trunksucht befördern vorgegangen werden. In Amerika wirkt wohlthätig die Einrichtung von Asylen für Gewohnheitstrinker. Jüngst hat sich der Verein deutscher Irrenärzte ebenfalls für das Bedürfniß solcher Anstalten in Deutsch­land ausgesprochen. Viel wirksamer sind die Mittel, durch welche mittelbar die Trunksucht bekämpft wird. Man muß für das Wohl der arbeitenden Classen sorgen durch Beschaffung gesunder Wohnungen, besserer Nahrung, durch Ein­richtung von Volksküchen. Ferner muß man die Sittlichkeit heben durch guten Schulunterricht, Fortbildungsschulen, Volksbibliotheken u. s. w. Jeder einzelne muß nach Kräften in seiner Lebensstellung für die Sache der Mäßigkeit wirken. Nach Beendigung dieses lehrreichen Vortrages wurden einige Fragen, um deren Beantwortung durch den Zettelkasten gebeten wurde, beantwortet. Schließlich empfahlder Vorsitzende die Lectüre einiger für die Bibliothek angeschaffter Bücher, besonders eines aus die Innungen bezüglichen Schriftchens.

□ Hersfeld, 2. April. Der heutige Vieh markt war mit 408 Stück Rindvieh und 203 Schweinen befahren. — In ersterer Viehgattung war das Angebot bedeutend größer als die Nachfrage und in Folge dessen das Geschäft flau. Die Kauflustigen wollten die bisherigen hohen Preise nicht mehr zahlen und Verkauss- luftige konnten sich nicht dazu verstehen ihre Thiere billiger als bisher abzusetzen. Die Schweine wurden zum größten Theil zu mäßigen Preisen verkauft. Der paffende Platz und die zweckmäßige Einrichtung des neuen Viehmarktes fand allgemeine Anerkennung. Der nächste Viehmarkt wird am 11. Juni abgehalten werden.

Kassel, 29. März. Wegen unerhörter, kaum glaublichen Schändlichkeit wurde dieser Tage ein Arbeiter K. verhaftet. Der­selbe halte das uneheliche 3jährige Kind seiner Geliebten nackt in siedend heißes Wasser gesetzt. Das Kind befindet sich in ärztlicher Behandlung, gebraucht aber nach Aussage des betreffenden Arztes zu seiner Wiederherstellung mindestens 6 Monate, wenn es überhaupt mit dem Leben davon kommt.

Eschwege, 27. März. In der Nacht vom Montag auf den Dienstag verlor die Ehefrau des Oekonomen Beckmann zu Langen- heim auf eine traurige Art ihr Leben. Die Unglückliche, welche am Nervenfieber krank war, erhob sich gegen Mitternacht, da ihre Wär­terin, von Müdigkeit überwältigt, eben eingeschlafen war, im Fieber­traum von ihrem Lager und eilte Reichensachsen zu, wo eine ihrer Töchter verheirathet ist. Ehe sie noch ihr Ziel erreicht, führte die winterliche Kälte ihren Tod herbei, und fand man des anderen Tages ihren Leichnam, von Dornen zerritzt, unterwegs in einem Graben liegen. (F. Z.)

Hausen, Kr. Z., 28. März. In unserem Orte hat sich vor­gestern Abend eine schauerliche That ereignet. Der Einwohner Stübing dahier wurde von seinem zweiten, 19 Jahre alten Sohne durch mehrere Mefferstiche in den Hals und die Brust getödtet. Am andern Morgen des darauf folgenden Tages ging der Uebelthäter freiwillig nach Oberaula und zeigte der Gendarmerie seine That an, worauf er sofort verhaftet wurde. Ein zwischen ihm und seinem

Vater entstandener Streit soll die Ursache zu dieser Blutthat gewe­sen sein. (C. Tgpst.)

Feuilleton.

Halte.Jliiwlj.

Novelle von Elise Kraut.

(Fortsetzung.)

XIII. D ie Herrin des Schlosses Turiello und ihre Gäste.

Es war Frühling 1871. Erna saß mit banger Sorge am Krankenbette ihres bei Sedan schwer verwundeten Gatten. Sie hatte ihn schon mehrere Monate lang mit unermüdlicher Sorgfalt aus's liebevollste gepflegt, dennoch hatte der Arzt die Genesung für unmöglich erklärt und eben heute geäußert, daß der Kranke nun bald ausgelitten haben würde, ja, daß man stündlich feine Auflösung erwarten könne. Frau Belford legte deshalb einen so eben empfan­genen Brief von Bella, die seit einem Jahre gar nicht geschrieben hatte, uneröffnet bei Seite und trat eben in dem Augenblick in das Krankenzimmer, als Hugo schon mit dem Blick der Verklärung seine geliebte Erna zu sich heranzog und ihr in abgebrochenen Sätzen zuflüsterte: „Meine Erna! — ich danke Dir, — Du hast mich un­beschreiblich glücklich gemacht!" — Darnach athmete er noch einmal tief auf und schloß die Augen für immer. — Erna lag auf den Knieen an seinem Lager und hielt noch lange seine erkaltete Hand in der ihren. Als sie sich erhob, schloß die Mutter des Dahinge« schiedenen Erna in ihre Arme und seufzte: „O, Erna, auch ich danke Dir für all’ Deine Liebe, die Du für Hugo und mich hattest. Jetzt habe ich nur noch Dich. Gott erhalte Dich mir!"

Nachdem der Verblichene zur Erde bestattet, erinnerte sich Erna an Bella's Brief, den sie nun erbrach. „Meine geliebte Erna" — schrieb Bella — „seit geraumer Zeit habe rch mich auch schriftlich von Dir und den Meinen fern gehalten, weil Worte und Versprech­ungen, die Euch meine ernstliche Reue über meine Vergangenheit bekunden und mein eifriges Streben nach Besserung und Sühne versichern sollten, mir Euch gegenüber nicht genügten. Erst wenn ich durch treu bewährte That meine gänzliche Umkehr zu besiegeln vermochte, wollte ich um Eure nachsichtige und verzeihende Liebe, deren ich so sehr bedarf, nachsuchen. Wenn ich jetzt durch Dich an alle die Meinen die Bitte richte: Kommt Alle zu mir, und überzeugt Euch persönlich in wie weit ich diesem Streben gerecht geworden und mich aus meiner moralischen Vergessenheit emporgerafft habe, so geschieht es in der Hoffnung, daß Ihr so bald als möglich mein mächtiges Verlangen nach einem Wiedersehen befriedigen und mit meinem ernsten Willen zum Guten zufriedengestellt sein werdet. So sehe ich denn einer baldigen Antwort mit der Anzeige Eurer Ankunft mit großer Sehnsucht entgegen.

Mit treuer Schwesterliebe Deine Bella.

Vierzehn Tage nach Empfang dieses Briefes trafen Frau Hartwig und Erna auf Schloß Turiello ein. Bella lebte hier all ihres früher luxuriösen Glanzes entäußert mit ihren Kindern still und einfach, aber in stets reger Thäligkeit, welche sie während des deutsch-französischen Krieges insbesondere den Kranken und Verwun­deten von Freund und Feind zuwandte, von denen beständig eine große Anzahl die Räume des Schlosses Turiello füllte. Nicht nur, daß sie sich unabläßlich bemühte, Wunden zu heilen und Schmerzen zu lindern, sie sorgte auch für die moralischen Bedürfntffe, der ihrer Pflege Anvertrauten. Den fernen Angehörigen berichtete sie fort­während über den Zustand der Ihren, spendete Trost, wo es zulässig war und bot den Familien-Milgliedern Gastfreundschaft an, wenn die Hoffnung auf Genesung ausgeschlossen blieb, damit sie den Ster­benden die letzten Liebesdienste erweisen konnten. Und wie sie von jeher Alle, die zu ihr in näheren Beziehungen gestanden, für sich eingenommen hatte, so war sie auch jetzt wieder das Wesen, zu welchem Alle, die in ihrer Nähe lebten, mit Liebe und Verehrung emporblickten, und doch bildete ihr gegenwärtiges Leben und Wirken zu dem früheren einen grellen Contrast. Was ihr ehemals die Ge­sellschaft und die weltlichen Zerstreuungen gewesen, das waren ihr jetzt ihre Kinder, ihr Haus und die strenge Erfüllung ihrer Pflichten als Mutter, Hausfrau und Schloßhernn und da sie Geist und Bil­dung besaß, um die Gegenstände ihrer Thätigkeit zu durchdringen, so verstand sie es auch alle ihre, praktischen Geschäfte dem eigentli­chen Leben so unterzuordnen, daß sie ihr stets nur als Mittel zum Zweck dienten, sich aber niemals als Zweck selbst sich geltend mach­ten. Dabei besaß sie einen feinen und scharfen Blick für die Be- dürfniffe Anderer.

So entledigt alles eitlen, selbstsüchtigen Welttreibens, war Bella ein Segen für ihre Umgebung und eine wahre Herzerquickung für ihre Mutter und Erna.

Frankreichs Boden dröhnte aber noch fortwährend unter dem Husschlag der Stoffe und dem Brüllen der Geschütze und Schloß Turiello wurde von den Krankenträgern noch oft heimgesucht, so daß neben Bella auch Frau Hartwig und Erna vollauf beschäftigt