aber gekommen sein, wenn ein Vater seinen Sohn mit dem Revolver zu behandeln sich gezwungen sieht.
Hildens, 23. Jan. Am Montag den 20. d. M. wurde, wie man der „Fuld. Ztg." mittheilt, eine Kindesmörderin von Wüstenfüchsen nach Fulda ab- gesührt. Sie legte dem Gerichte ein umfassendes Geständnis; ab. — Am selben Tage verunglückte dahier ein 14jähriger Schüler, indem er, auf einem kleinen Schlitten steil bergab fa beend, vor dem Dorfe mit solcher Gewalt gegen das neben der Schlittenbahn liegende Holz anrannte, daß er in einer halben Stunde eine Leiche war. - (C. Tpst.)
Feuilleton.
Halte JRtuiß.
Novelle von Elise Kraut.
(Fortsetzung).
„Welch sonderbare Auffassung mein Kind. Die Trennung von Dir ist für mich ein schweres Opfer, aber wahre Elternliebe scheut solche nicht, wenn es das Glück des Kindes gilt."
„Glück, Papa? wo wäre das für mich im Joch einer Ehe mit dem Baron Waldkirch?• Dieser adelsstolze, blafirte junge Mann vermochte mir niemals die geringsten Sympathien abzugewinnen."
„In den höheren Ständen, mein Kmo, kommt das wenig in Betracht. Man schliefet darin meistens nur Convenienzehen und sucht sein Glück in behaglicher Zufriedenheit."
„Darum möchte ich auch um keinen Preis in die höheren Stände eintreten. Ich bitte Dich also ernstlich, mich lieber gar nicht in die Lage zu bringen, dem jungen Baron Waldkirch einen Korb geben zu müssen, was jedenfalls geschehen würde, wenn er sich um mich beweiben sollte."
„Das darfst Du keinenfalls thun, Erna, denn ich habe dem alten Geheimrath bereits meine Zusage gegeben und ein Ehrenmann kann niemals wortbrüchig werden," sagte Herr Belford unwillig.
„Papa! Deine Zusage konnte sich ja doch nur auf Deine Einwilligung zu dieser Berbindung beziehen. Ueber meine Zukunft entscheiden, kann doch nur ich selbst, und dieses Recht der freien Selbstbestimmung wirst Du Deiner Tochier nicht schmälern können, und das auch sicher gar nicht wollen."
„Eine unmündige kann von einem solchen Rechte nicht den richtigen Gebrauch machen, deshalb ist es Pflicht der Eltern für sie zu handeln, und Pflicht der Kinder den Eltern Gegocsam zu leisten."
„Den ich Dir im Punkte dieser Eheschließung unbedingt verweigern muß und werde, Papa. Mit dieser Forderung überschreitest Du die Grenzen der Gerechtigkeit," entgegnete Erna sehr entschieden.
Herr Belford sah erstaunt auf seine Tochter. Verdrießlich aber schweigend ging er eine Werke im Gemache auf und ab. Plötzlich blieb er vor Erna stehen und sagte:
„Noch nie hast Du meinen Wünschen einen so energischen Widerstand entgegengesetzt, wie in dieser Stunde. Aber sollte auch einmal die Reihe, an mich kommen, Dir etwas gewähren zu sollen, was nicht mit meinen Ansichten übereinstimmt, so wirst Du mich eben so unbeugsam finden. Deinen Gesühlsschwärmereien bin ich abhold, sie allein sind die Ursache Deiner standhaften Opposition."
„Du irrst, Papa, ich habe gar keinen Hang zur Schwärmereien."
„So doch eine große Zuneigung zu dem Hofmeister Deiner Brüder, von dem Du Dich vielleicht geliebt wähnst, weil er Dir huldigt. Da möchte ich Dir aber doch zu bedenken geben, daß in diesem Punkte der Schein oft sehr trügerisch ist. Zwar ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Mr. Blount nach Deinem Besitz trachtet, was aber verbürgt Dir, daß ihn dazu die Liebe treibt? — Er ist ein mittelloser junger Mann, seine Fähigkeiten können aber erst auf der Grundlage eines gesicherten Daseins zu voller Entwickelung gelangen, er braucht also ein Vermögen; es ist das erste Bedürfniß um die Höhe erklimmen zu können auf welcher für ihn Glück, Ehre, Macht und Reichthum zu finden ist. Dein Vater ist ein reicher Mann, Du selbst bist jung und schön, warum sollte er seine Hand nicht nach Dir ausstrecken, wenn Du ihm zeigst, wie geneigt Du bist, solche zu ergreifen."
„Papa, ich bitte Dich, halte ein/' unterbrach Erna ihren Vater. „Deine Worte sind verletzend. Wahr ist, daß ich für Mr. Blount innige Hochachtung im Herzen trage. Aber nicht nur meine Neigung gehört ihm, sondern auch meine höchste Verehrung und meine Dank- barst it Sollte er nach meinem Besitz trachten, so geschieht es ganz sicher aus anderen Gründen, als aus dem, weil mein Vater ein reicher Mann ist; das könnte ihn vielmehr eher veranlassen, auf seine Herzenswünsche zu verzichten, da es mit den Anforderungen seiner Mannesehre unvereinbar sein wird, seine Lebensstellung dem Reichthume seiner Gattin zu verdanken, und dieser Adel seiner Gesinnung erhebt ihn f^b über Euren zufälligen Geburtsadel, ganz insbesondere steht er erhaben über den Baron Waldkirch, der meine Hand sicherlich allein nur darum begehrt, weil mein Vater seine horrenden Schulden bezahlen kann, und dessen Geld ihm die Mittel giebt, auch fernerhin seinen verderblichen Leidenschaften fröhnen zu können,"
Herr Belford verstummte. Diese unbestrittene Wahrheit ver
mochte er nicht zu widerlegen. Es trat eine lange Pause ein Da ergriff Erna die Hand ihres Vaters und sagte mit zärtlicher, weicher Stimme:
„Papa, einer Verbindung mit dem Baron Waldkirch widersetze ich mich zwar mit all' meiner Kraft, versichere Dir aber zugleich, daß ich niemals eine solche eingehen werde, die gegen Deine Wünsche wäre, denn ohne den liebevollen Segen meiner Eltern ist für mich kein Glück denkbar."
„Und ich Erna," erwiderte Herr Belford im gereizten Tone, „gebe Dir die Versicherung, daß ich Dich nie und nimmer in den Abgrund einer Alltagsehe werde sinken lassen. Meine Tochter wird nie die Gattin eines Emporkömmlings, nie die Gemahlin eines Mannes, der weder sein Vaterland kennt, noch weiß, wo seine Wiege gestanden,- und vielleicht von sehr zweifelhaften Herkommen ist."
Erna richtete sich hoch empor. „Vater!" sagte sie, „den Mann, den ich liebe und verehre, darf nie das geringste Demüthigende treffen, verletzest Du ihn, so verletzest Du mich. Muß ich um der äußeren Verhältnisse willen, meine Liede zum Opfer bringen, so üben diese doch über mein Herz keine Macht aus und das gehört dem Mr. Blunt bis zu meinem letzten Athemzuge."
Nach dieser Erklärung verließ Herr Belford das Zimmer und eine Stunde später übersandte er an Mr. Blount eine beträchtliche Summe in Banknoten mit folgendem Schreiben:
„Mein Herr! Die anliegende Geldsumme diene zur Entledigung meiner Verbindlichkeit gegen Sie und wollen Sie den Mehrbetrag als eine dankbare Anerkennung der meiner Familie geleisteten Dienste betrachten. Zu meinem eigenen Bedauern fühle ich mich veranlaßt, . Sie von heute au Ihrer Stellung zu entheben und stelle es Ihnen demnach anheim, zu welcher Zeit Sie mein Haus verlassen wollen. Achtungsvoll
I. Belford."
Mr. Blount schob sämmtliche Banknoten wieder in ein Couvert, legte seine Karte dabei und sandte Alles dem Herrn Banquier unverzüglich zurück; baun befahl er einem Diener, seine Sachen ein» zupacken, und als diese aus dem Hause geschafft waren, begab er sich nach dem Salon der Frau Belford, um sich von den Damen zu verabschieden. Erna traf er nicht zu Hause, Frau Belford aber reichte dem jungen Mann mit feuchtem Blick huldvoll ihre Hand und sagte in innigem Tone: (Forts, folgt.)
Schlagwörter der Gegenwart.
2. Heft. *)
„Nieder mit dem Kapital."
Unser Kassel hat wie so viele deutsche Schwesterstädte seine besonderen Wahrzeichen. Das Waffer, welches über der Brücke fließt, die Glocke, welche täglich 100 Schläge thut, das Glöckchen über dem Thurm — diese drei Dinge kennt jede ächte Druselpflanze; ab-er nicht weniger bekannt ist das lebendige Kasseler Wahrzeichen, das unser ehrsamer Handwerkerstand aufzuweisen hat. Und gerade aus ein solches, unter uns wandelndes Wahrzeichen dürfen wir besonders stolz sein. Wenn es dem Schreiber dieser Zeilen so leicht gemacht ist, ben Eulenspiegel des Kasseler „Meesters", wie er in der bösen Geschichte vom „Bloosrohr**)" uns vorgehalten wird, schnell über den Ehrenspiegel unseres Handwerkerstandes zu ver- gessen, — wem verdankt er es anders, als Dir, Du würdiger Alter, dessen unter Der Bürde der Jahre längst gebückte, wohlbekannte Gestalt nun schon seit vier Jahrzehnten diesen Ehrenspiegel uns leibhaftig vor Augen stellt! Das war ein einzigartiges Fest, als wir vor einer geraumen Reihe von Jahren das 25jährige Dienstjubiläum Deiner, bei einem Meiner unserer Stadt verlebten Gesellenzeit feierten, und als Du unter dem Jubel der Festgenossen den Ehrenplatz in dem Dir gewidmeten, wohlverdienten Sorgenstuhle annahmst, was freilich bei Deiner rührenden Bescheidenheit Mühe genug kostete!
Der liebliche Tag, eins der besten Blätter in der Geschichte des 20jährigen Geburtstagskindes vom 18. Januar, — er ist nun längst verrauscht und leuchtet aus der Vergangenheit nur zu uns herüber wie das Abendrot!) einer Zeit des Friedens zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auch der alte würdige Meister, Der damals so innigen Antheil au dem Feste nahm, ist schon längst zum stillen Mann geworden, aber Du lieber Alter, begegnest mir zu meiner Freude noch oft unterwegs in unseren Straßen. Den wohlbekannten grauen Beutel unter dem Arm, eiligen Schrittes trotz Deines hohen Alters, trägst Du Tag für Tag unverdrossen die Erzeugnisse der Schuhmacherwerkstatt, der Du bis auf diesen Tag treu bliebest, in Die Häuser der Kundschaft, nachdem Du so lange
*) In Commission bei Junemann u. Comp. in Cassel. Der Preis des neuen Deftchens beträgt ebenfalls wie das frühere 25 Pfg. Bei Abnahme von 25 Exemplaren 20 Pfg. und bei Abnahme, von vcft 1 und 2 zusammen 40 Pfg. (D R.)
**) Anm. des Setzers: Zur Ehre des „Meesters" muß ich übrigens bemerken, daß das bewußte Blasrohr, wenn es auch freilich nicht sehr pünktlich und nicht ganz nach Wunsch des Bestellers abgeliefert wurde, wenigstens ein Loch hatte. Die Behauptung des Gegentheils ist reine Verläumdung!