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Feuilleton.

Halle Maaß.

Novelle von E1 ise Kraut.

(Fortsetzung.)

Aber tiefeS inniges Ergriffensein bemächtigte sich Aller, als nun das schöne Mädchen, Weit und Menschen vergessend in der Wirkung der erwachenden Liebe, nur ihr innerstes, tiefinnerstes Herz auf ihre Lippe» treten ließ, denn das, was sie sprach, konnte nicht Kunst, es konnten nicht gelernte Worte, nein! sie selbst mußte es sein! Ihr Auge leuchtete dabei im himmlischen Feuer höchster Begeisterung. Es ging ein unterdrücktes Murmeln und Flüstern durch den Saal. Mich durchschauerte es, ich fühlte sympatischen Mitklang, ich war hingerissen, entflammt,ein namenloses Sehnen nach dem Gebild aus Himmelshöhen" erfaßte mich, während dieses, wie in einer Welt der Verklärung lebend, jetzt dem Dichter folgend, von dieser Zeit in träumerischer Wehmuth mit den Worten schied:

O daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!"

Sie war so groß, so überwältigend in dieser Scene, daß aber­mals ein Murmeln die Menge durchschauerte. Ich vermochte kaum die durchaus erforderliche äußere Haltung zu bewahren.

O geliebt zu werden von diesem Stäbchen, was ist dann der Tod, was die Welt was Alles, Alles?" so rief es laut in meiner Seele. Dann ergriff mich ein Weh, eine eifersüchtige, qualvolle Regung bei dem Gedanken an meine Unbedeutendheit, ich zitterte vom Scheitel bis zur Fußsohle und mußte alle meine Selbstbeherr­schung aufbieten, um in der Lösung meiner Aufgabe nichts zu versäumen.

Die nun folgenden schönen Bilder schritten fort unter wachsen» der Theilnahme und Erregung. Bei dem Gemälde der Feuersbrunst bis zum Schluß der Grabesscene sah man nur athemlos gespannt tauschende Menschen Kopf bei Kopf und Augen in Thränen.

Von überaus schöner Wirkung war das unmittelbar nach diesen tragischen Scenen folgende kleine idyllische Bild des Feierabends mit seinen von der Arbeit heimkehrenden Erntearbeitern, zu deren Erheiterung die Composition der begleitenden Musik eine electrisi- rende Aufforderung zum Tanz ertönen läßt, welche die, nach einem beruhigenden Akkord sich sehnende Gesellschaft in die heiterste Stim» mung versetzte, in welcher sie nun, fortschwimmend mit dem von der Familie auf die Gesellschaft und den Staat sich ausbehnendem Strome der Dichtung, beharrt bis zu des Meisters in würdigster Weise gesprochenen Worten der Glockentaufe:Concordia soll ihr Name sein! Friede sei ihr erst Geläute!"

Ich hielt es für angemessen mich nach Schluß der Piece zu entfernen, doch als ich mich von meinem Chef verabschieden wollte, sagte derselbe:

O nicht doch, lieber Johnson, heute Abend gehören Sie uns, Sie müssen uns auch noch ein Lied singen", und als nun auch noch die Dame des Hauses hinzutrat, mir nicht nur ihre volle Zufrieden­heit mit meinen Leistungen aussprach, sondern mich auch huldvoll zur ständigen Mitwirkung bei ihrem musikalischen Verein auffor- derte und mich ebenfalls zum Verweilen in der heutigen Gesellschaft freundlich einlud, da blieb ich gern und entzündete die in mir er­wachte Leidenschaft mehr und immer mehr an den dunkeln blitzenden Augen, die mich unwiderstehlich in ihren Zauberkreis zogen. Welch' einen hohen Geist! welch' eine schöne Seele mußte Diejenige besitzen, welche ein Werk unseres großen Dichters so in sich aufzunehmen und so wiederzugeben vermochte, wie das an diesem Abende zum Genuß aller Anwesenden von Fräulein Bella Hartwig geschehen? Mein Herz war so tief durchdrungen, daß darin auch nicht der kleinste Raum für andere Dinge frei geblieben war.

In dieser Stimmung zum Vortrag eines Liedes ausgefordert, schwollen die Tonwellen unter meinen Fingern zur ungestümen Fluth. Ein Wallen und Wogen war der Ausdruck meiner stürmi­schen Empfindungen. Allmälig etwas ruhiger werdend, gingen endlich die Töne leiser und immer leiser in die einfache Melodie des schönen Liedes über:Das Herz ist wie das tiefe Meer" u. s. w., und nun sang ich diese Worte, das fühlte ich selbst, wie ich wohl noch nie im Leben gesungen. Ein Beben tiefster Erregung flog dabei durch meinen Körper. Lautlose Stille herrschte im großen Saale und selbst als ich geendet, dauerte das tiefe Schweigen noch eine Weile fort, dann aber folgte abermals der rauschendste Beifall. Die Herren drängten sich in Schaaren um mich und die älteren Damen wünschten, man möge mich ihnen vorstellen. Man sagte mir viel Schmeichelhaftes, was ich aber mit begeisterter Hinweisung auf die vorhergegangene Deklamation abzulehnen suchte. Meine, bei dieser Gelegenheit geäußerten Ansichten über Kunst und Literatur schienen das Interesse der Damen zu erregen, man ver» wickelte mich immer tiefer in diesen Gegenstand der Unterhaltung und der Kreis der daran Theituehmenden erweiterte sich immer mehr. Da fragte nffch plötzlich eine der wortführenden Damen:

Bin ich recht unterrichtet, Herr Johnson, Sie wollen Kaufmann

werden? Wie ist das vereinbar mit Ihrem hohen Kunstsinn

Ihren schönen musikalischen Talenten?" "

Gnädige Frau!" erwiderte ich,bei der Wahl meines Lebens- berufes habe ich bis jetzt meine eigenen Wünsche denen meines Onkels und Vormundes untergeordnet, weil sie im Geist meines verstorbenen Vaters waren."

Und haben sich dadurch schwer gegen die kunstliebende Welt versündigt," ertönte aus der Mitte des Kreises jetzt eine Stimme, die mein ganzes Innere in Aufruhr brächte. Ich hob den Blick und schaute nun in ein Paar flammende Augensterne, deren Glanz mich blendete, daß ich tief erröthend mich nur stumm verneigte, während ich hätte zu ihren Füßen sinken und ausrufen mögen: Göttin! ich bete Dich an! Befiehl über mich!" Doch ließ sie mir auch keine Zeit zu einer Erwiderung, sondern fuhr lebhaft fort:

Wer so von Gott begnadet ist, wie Sie, dem ist unzweifelhaft eine andere Laufbahn zugewiesen, als die kaufmännische. Ich glaube, alle hier Anwesenden theilen mit mir die Ansicht, daß Sie ein großes Unrecht begehen, wenn Sie die Ihnen verliehenen herrlichen Gaben, nicht zu dem Zweck benutzen, dem zu dienen sie bestimmt sind. Der Kunst seine Kräfte zu widmen, scheint mir ein geheiligter Beruf. Großes zu leisten und dadurch zur reinsten Freude und Veredlung der Menschheit mitzuwirken, muß etwas Erhabenes, etwas hoch Beglückendes sein!"

Was heute zu empfinden, Sie, mein Fräulein, in hohem Maaße berechtigt sind", rief mein Prinzipal mit lauter Stimme, indem er sich durch die Menge einen Weg zu der eben erst wieder in der Gesellschaft erschienenen schönen Bella bahnte, und derselben nun in den beredtesten Worten seinen Dank und seine Huldigung aussprach. Diesen Moment benutzte ich, um mich etwas zurückzu» ziehen, fand aber darnach bald die gesuchte Gelegenheit, meiner Angebeteten in einer längeren Unterredung das Bekenntniß abzule» gen, daß sie, wie aus der Tiefe meiner eigenen Seele gesprochen und daß ich wohl nur einer Anregung aus so schönem Munde noch bedurft hätte, um mich zu emancipiren und mein Leben der Kunst zu weihen. Während ich so zu ihr sprach, ruhten unsere Augen fest in einander, ein ganz unnennbares Etwas, was mir aus den ihren entgegenglänzte, versenkte mich in ein Meer von Seligkeit, ich schwelgte förmlich in nie gekannter Wonne und wie bezaubert ließ ich mich eine geraume Zeit von diesen Blicken und dem Wohllaut ihrer Stimme berauschen. Da störten uns die Diener welche Er­frischungen umherrelchten. Aber glaube mir Stephan, zehn Jahre meines Lebens würde ich freudig opfern, könnte ich damit das un­nennbare Glück erkaufen, alle frohen Empfindungen dieses Abends noch einmal zu durchleben! (Forts, folgt.)

Vermischtes

Aus Mecklenb ujr g wird geschrieben: Der Schulze einer in der Nähe Schwerins gelegenen Dorfschaft wurde in diesen Tagen von einem besonderen und herben Unglück betroffen. Der Schulze hatte nämlich die Dorfkasse, um sie vor Dieben recht sicher zu ber­gen, im Ofenloch aufbewahrt. Ohne fein Wissen wird aber in dem Ofen Feuer angemacht und der Schulze kommt erst hinzu, als das in der Kasse befindliche Papiergeld bereits verbrannt und die Gold- und Silbermünzen geschmolzen sind. Der Fonds der Kasse soll sich unglücklicherweise aus 1100 Mark belaufen haben, welche der Schulze jetzt ersetzen muß.

(Postberaubungen.) In Leipzig ist am 13. Dezember auf dem Thüringer Bahnhöfe ein Geldfahrpostbeutel, in welchem sich außer zwei Ein­schreibebriefen Geldsendungen im Gesammtwerthevon 1413 M. befunden haben, spurlos abhanden gekommen. An dem nämlichen Tage ist auf dem Eisen, bahnpostamt in Dcutz der für die Strecke Köln-Hannover bestimmte Geldsack gestohlen worden. Es wird angenommen, daß der Dieb entweder beim Ver­laden am hiesigen Centralbahnhof oder beim Ausladen in Deutz Gelegenheit zur Entwendung gefunden habe. Der Betrag kann noch nicht bestimmt ange­geben werden, da die Beträgezettel mitgestohlen wurden. Der Courszettel nebst allem Inhalt wird jedoch zu 300,000 Mark geschätzt

Eningen, (Württemberg), 15. Dezember. Gestern Morgen nahm der hiesige Bierbrauer Schlegel von den Seinigen Abschied, um aus den Wochen- markt und zu Verwandten nach Grabenstetten zu gehen. Er kam an keinem dieser Orte an, dagegen wurde er diesen Nachmittag von einem Feldschützen im Metzinger Wald, weit vom Weg entfernt, scheinbar erhängt gefunden, aber mit einer tiefen Schlagwunde am Kops und 5 Stichen in Brust und Bauch. Seine Taschen waren gänzlich geleert, sogar die Ringe von seinen Fingern ab­gezogen. Die Untersuchung, die ohne Zweifel einen Raubmord ergeben wird, ist im Gange.

Ein schreckliches Unglück ereignete sich wie dem Petersburger Golos" telegraphirt wird, am 11. d. auf der Rostow-Wladikawkaser Eisenbahn in Südrußland. In der Nähe der Station Batajskaja entgleiste ein Postzug, wobei 11 Waggons vollständig zertrümmert und die darin befindlichen Passagiere, darunter mehrere Officiere und ein General, getödtet wurden. Die Zahl der Verletzten übersteigt 200. Ursache der Entgleisung waren die verfaulten Schwellen und allzuschnelle Fahrt.

JOT Die nächste Nummer d. Bl erscheint Dienstag den 24. d MtS.