letzt geschleudert worden war, todt vorgesunden. Durch den heftigen Anprall des Knaben an den Stein, war der Strick geriffen.
Feuilleton.
Unter der Gr-e.
Grubenerzählung von Louis Rosenthal.
(Fortsetzung.)
„Ich weiß, was ich weiß", sagte der alte Bergmann, „ein Hund, das heißt .ein lebendiger, in Der Grube, ist ein schlimmes Ding und kein rechtschaffener Häuer nimmt so ein Beest mit in Den Stollen. Mein Vater selig hat mir's oft erzählt wie vor vielen, vielen Jahren einmal ein Schäfer mit seinem Hund oben in den Adalbertstollen bineingegangen ist und sogar dabei gepfiffen, — denken Sie sich Herr Direktor — gepfiffen — hat. Das können aber die da drinnen schon gar nicht vertragen und richtig, wie der Schäfer umkehren will, krach t's auf einmal oben an der First, Stempel und Kappen splittern und, hast Du nicht geseh'n, geht der ganze Adalbertstollen zu Bruch und verschüttet außer den Schäfer und seinen Köter, zehn brave Bergleute, welche hinten im Abbau gearbeitet hatten. Du kennst doch auch die Geschichte Anselm?"
„Freilich", gab der andere Bergmann zur Antwort, „mehr noch als die Hunde, hassen sie das Pfeifen. Hätte der Schäfer still geschwiegen, wäre gewiß nichts passirt. S'ist eigentlich merkwürdig, — sie haben doch das Singen so gern."
„Narren seid Ihr Alle miteinander", brummte ärgerlich der Direktor, „wahrlich, die alten Weiber sind Freigeister gegen Euch, und eher wird man mit einer Nübe den Erzberg durchbohren, als Euch von Eurem Aberglauben abbringen können."
„Wie schauerlich hohl und dumpf das Rollen des Wagens klingt!" nahm jetzt eine der Damen das Wort, „man könnte glauben, die bösen Geister murrten darüber, daß wir es wagen, ihre nächtliche Einsamkeit zu stören. Jetzt, wo wir schon so tief im Berg drinnen sind, fange ich doch an, mich ein wenig zu fürchten."
„Wie eine Reihe verdammter Seelen, schleichen wir mit unseren Lichtern dahin", lachte ihr Nachbar, der Hauptmann von Wiltern- dorf und wie um zu zeigen, daß er sich durchaus nicht fürchtete, trällerte er den infernalischen Chor aus „Robert der Teufel:"
„Dämonen, Phantome, den Himmel verlacht,
Im finsteren Dome, durchschwelget die Nacht."
„Pst, wer wird solche Worte wagen", rief Herr von Trauten- fels, ein Gutsbesitzer aus der Umgegend, „wir wollen froh sein, wenn uns die Dämonen und Phantome in Ruhe lassen Droben fürcht' ich mich auch nicht vor ihnen, aber hier unten ist das ganz was Anderes, — so tief im Bauche eines Berges, muß selbst den Muthigsten ein unheimliches Gefühl anwandeln."
„Bin ganz derselben Meinung", tönte die tiefe Stimme eines alten, pensionirten Oberlieutenants, „nicht im dichtesten Schlachtgewühl würde ich mich so eigenthümlich beklommen fühlen, wie hier in diesem engen, endlosen Ganze, wo man kaum zehn Schritt weit sehen kann, und vor und hinter sich, dichte, undurchdringliche Finsterniß hat. Trotzdem aber hat die Geschichte einen eigenen Reiz für mich und freue mich, daß ich nicht, wie die anderen älteren Herrschaften, zurückgeblieben bin"
Man war jetzt an dem Punkte angelangt, wo der Stollen den Willibaldgang kreuzte. Links und rechts waren im Streichen des letzteren hohe Strecken aufgefahren. Der Direktor beleuchtete mit seiner Lampe das quarzige Gestein und machte die Gesellschaft aufmerksam auf die in allen Regenbogenfarben schimmernden Erzbänder, welche sich in wunderlichen Verschlingungen hindurchzogen. Dann übernahm er selbst die Führung und das Schienengeleise, welches nach rechts abbog, verlassend, betrat er die Strecke links, um zu den alten Abbauen und Weitungen, wo auch die blaue Grotte lag, zu gelangen. Etwas beklommen folgten die Herren und Damen, denn die Strecke zeigte sich jetzt nicht mehr so solid und sauber wie in dem Förderstollen; überall hing in grauenerregender Weise das feuchtschimmernde Gestein herunter, der Boden war mit groben Trümmern bedeckt, dazwischen starrte regellos das hie und da unter der Wucht des „Hangenden" gebrochene Balkenwerk und grausig groß gähnten zuweilen Klüfte und Abgründe, deren Ende das Auge nicht ermessen konnte, seitwärts und aus der Tiefe herauf. Je weiter man vorwärts fam, um so stärker tropfte und troff das Wasser von der First hernieder, ja zuletzt schoß es sogar in armsdicken Strahlen aus einzelnen Klüften. Nichtsdestoweniger aber sah man nicht den geringsten Tümpel in der Strecke. Spurlos verschwand alles Wasser in der Sohle derselben, obwohl sie die tiefste des ganzen Baues war.
Und immer dumpfer, immer modriger wurde die Luft. Die triefende, auf der Oberfläche bereits faulende Zimmerung, war stellenweise mit riesig großen, schneeweißen Prlzgewächsen bedeckt, welche bald dendritenartig, bald flockig, wollig oder bartartig gestaltet, die wunderlichsten Figuren und Formen bildeten.
„Ach!" kreischte plötzlich eine der Damen, indem sie entsetzt mit
dem Finger nach seitwärts in eine breite, schwarzgähnende Kluft hineindeutede, „sehen Sie doch nur, — was ist das?"
„Nur ein halbvermoderter Holzpfeiler, meine Gnädige", be« ruhigte sie der Direktor, „der in der Dunkelheit phosphorisch leuchtet und mit dem langherabhängenden, weißen Pilzbart allerdings leicht für ein feuriges Grubengespenst, ja sogar für den „Bergmönch" selbst gehalten werden kann."
Ueberrascht blickten Alle nach der spukhaften Erscheinung hinüber. Nicht die geringste Spottrede wurde laut und die grabes- ähnliche Stille wurde nur von dem Flüstern der fallenden Wassertropfen unterbrochen.
Man paisirte jetzt verschiedene „Wetterthüren", welche zur Re- gulirung des durch die Grube kreisenden Luftstroms dienten, denn da der Erzgang sich hier in mehrere Aeste theilte, sowie mit dem neu hinzukommenden „Segen-Gottes-Gang" schaarte und schleppte (vereinigte), so theilen sich demgemäß auch die Baue in zahlreich, Strecken und Nebenstrecken, die alle mit „frischen Wettern" versorgt werden mußten. Ein wahres Labyrinth von Gängen, kluftartigen Höhlen, großen, glockenförmigen Hallen (Weitungen), und senkrecht hinabgehenden Schachten (Gesenke) begann jetzt, man passirte Räume, deren Höhe trotz der vielen Lichter taum zu erkennen war und deren erzgeschwängertes Firstgestein, Formen, wie die einer umgekehrten Riesentreppe zeigte; an anderen Stellen wieder zogen sich solche Räume, dem Fallen der Lagerstätte folgend, seitswärts in die Tiefe hinunter, nur zeigten sich dann die gewaltigen Stufen oder „Sprossen" wie bei einer wirklichen Treppe angelegt, und während das taube Gestein der ersteren oder „Firstenbaue", unter den Arbeitenden aufgeschüttet (versetzt) war, hatte man es hier, bei den „Strossenbauen", mittelst kostspieliger „Kastenzimmerung", über sich placiren müssen. Mehreremals passirte man solche abgebaute, mit taubem Schultgestein versetzte Gangfelder, den „alten Mann", wie sie der Bergmann nennt, durch welche, von der sie durchschneidenden Strecke aus, schmale, „tonnlägige" Schachte oder „Rollen" zu den Firstenbauen hinauf, zu den Strossenbauen hinabführten. Dann wieder zog sich die Grundstrecke eine Zeitlang durch festes, taubes Quarzgestein.
„Was ist denn das für eine Thür?" frug der Lieutenant von Pankow, als sich eine, in den rechten „Ulm" (Seitenwand) der Strecke angebrachte Eisenthür zeigte.
„Das ist unsere Pulverkammer", gab der Direktor zur Antwort, „wir haben sie hier in dem entlegensten Theil der Grube angelegt, wo sie, wenn sie wirklich einmal auffliegen sollte, verhältnißmäßig nur wenig Schaden anrichten kann.
„Ist viel drin?" frug ängstlich die Dame, die vorhin zuerst das Gespenst des Bergmönchs gesehen hatte.
„Zehn bis zwölf Centner Pulver und Dynamit mögen schon darinnen sein", bemerkte lächelnd der Direktor, „doch haben Sie durchaus keine Ursache zur Besorgniß, — mein Wort darauf!"
„Dynamit? Gott der Gerechte!" ließ sich auf einmal die zitternde Stimme des Finanzraths Schlesinger, der sich bisher schweigsam verhalten hatte, vernehmen, „soll ich leben, aber ich fange schon an zu bereuen, baß ich bin gegangen mit in diese fürchterliche Unterwelt. Kann wirklich nicht losgehen der Dynamit, Herr Direktor?"
„Keine Sorge, Herr Finanzrath, — Sie sind hier so sicher wie in Abraham's Schooß" bemerkte etwas ironisch der Direktor.
Damit setzte er sich wieder in Marsch und seufzend, und sich mit dem Taschentuch die Stirn wischend, folgte der, dicht hinter ihm gehende Finanzrath, sowie die übrige Gesellschaft.
„Bücken—meine Herrschaften!" rief jetzt Ersterer, „die Strecke wird etwas niedrig!"
„Au!!" schrie da plötzlich Herr schlesinger, der diese Warnung nicht genügend beachtet uno sich mit dem Kopf empfindlich gegen eine „Kappe" der Zimmerung gestoßen hatte, „ich hab' mich gehörig an Die Stirn!"
„Ich auch, — ich auch!" wimmerte es von verschiedenen Stimmen hinter ihm. (F. f.)
Vermischtes
^ Saarbrücken. Auf dem Polizeiamt hier stellte sich kürzlich, wie die „saarbr. Ztg." meldet, freiwillig ein Mann aus der Gegend von Baumholder, der im Februar 1871, während der Schlacht von Villersexel vom 30. Infanterie - Regiment desertirt war. Der Mann, welcher in der deutschen Verlustliste als „vermißt" geführt wurde, hat sich während der ganzen Zeit in der Schweiz umherge- trieden, scheint aber von dort kürzlich ausgewiesen worden zu fern und hat stch jetzt, des elenden Flüchtlingsledens satt, freiwillig der Militärbehörde gestellt. Er wurde nach Saarlouis gebracht, woselbst demnächst seine kriegsgerichtliche Aburtheilung wegen Desertron vor dem Feinde erfolgen wird. ,
Trier, 7. October. Eine mysteriöse Vergiftungsaffaire bildet so schreibt die „Tr. Ztg ", seit vorgestern Mittag Den Gegenstand ves Stadtgespräches, bezw. der polizeilichen, ärztlichen und gerrcht-