Glochau, 6. Juli. Die 4. Kompagnie des 5. Fuß-Artillerie- sie sofort anderer Meinung geworden sein und es war fast, als ob
regiments wurde am heutigen Schlußtage der diesjährigen Schieß- die klugen grauen Augen die Gedanken des jungen Mädchens auf
Übung von einem schweren Unglück betroffen. Eine 15 Centimeter- dem Gesicht gelesen hätten, denn die Baronin streckte Tinka die
Granate krepirte vor dem Einsetzen in das Rohr. 2 Kanoniere Hand entgegen und sagte auf die herzlichste Weise:
wurden auf der Stelle getödtet, 1 Unteroffizier und 2 Mann schwer, „Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich am ersten Tage bei Ihnen Hauptmann Brennecke, t Unteroffizier und 2 Mann leicht verwundet. Punkte berühre, die für Sie schmerzlich sind. Mein Wunsch ist,
Wien, 8. Juli. Nachrichten aus Bosnien besagen, daß die " r Museimannen allenthalben zu den Waffen greifen und den Wiver- stand gegen die Besetzung durch Oesterreich organisiren. Vielfach, so in Serajewo, schließen sich ihnen die Katholiken an.
Newyork, 7. Juli. Die Nachrichten über den Krieg mit den Indianern sind ernster Natur. Die Indianer dringen nach Norden vor, eine starke Colonne versuchte den Fluß Columbia zu überschreiten. Die Stadt Canyoneity (?) ist von den Indianern umzingelt, das ganze Gebiet ist in größter Beunruhigung.
Aus Hessen-Nassau.
** Hersseld, 8. Juli. Am 5. d. Mts. Abends gegen ^8 Uhr wurde auf den Königlichen Förster Kram ex von Obergeis als er auf einem Revierbegange den die Districte Faulerück, Sommer- und Winterseite trennenden Weg passirte aus einer Fichten-Dickung ein Schrotschuß abgegeben, welcher, ohne ihn selbst zu verletzen, dessen Jagdtasche und Uniformrock mehrfach durchlöchert hat. Derselbe will einen mit einer dunkelfarbigen Joppe bekleideten Menschen haben entspringen sehen und hat in der Richtung des Fliehenden einen Schuß abgegeben. Ein jeder, der irgend welche Spuren zur Ermittelung des Thäters anzugeben vermag, sollte nicht unterlassen, solches baldigst zu thun.
« § Her'sfeld. Am 28. Juni hat sich der ledige Jonas Weinberg, Sohn des Handelsmannes Herz Weinberg, in Schenklengsfeld in der Scheuer seines Vaters erhängt.
Cassel, 3. Juli. (Zweite allgemeine Geflügel- und Vogel-Ausstellung in Cassel.) Am 1. d. M. haben die Vorbereitungen zur inneren Einrichtung des Ausstellungsgebäudes begonnen und werden dieselben rüstig fortgesetzt, so daß die auf den 9. und 10. Juli festgesetzte Annahme der auswärtigen Sendungen ungestört vollzogen werden kann. Dem Vernehmen nach sind die Anmeldungen überaus zahlreich erfolgt und sollen jetzt noch immer neue hier eintreffen, die aber wahrscheinlich nicht mit berücksichtigt werden können, weil wegen recht zeitiger Herstellung des Katalogs die Schlußzeit für die Anmeldung auf den 30. Juni im Programm festgesetzt worden ist. Ebenso ist der Verkauf der Loose zu
der 16. wie der
das
mit der Ausstellung verbundenen Lotterie, deren Ziehung am d. M. stattfindet, ein sehr lebhafter und dürfen dieselben gleich bei der ersten Ausstellung im Jahre 1875 schon vor Eröffnung Ausstellung vergriffen sein.
Cassel, 9. Juli. Wie in den letzten Tagen allgemein verlautete, wäre
im kommenden Herbst in hiesiger Gegend abzuhaltende Kaiser-Manöver abbestellt worden. Wir können diese Nachricht aus authentischer Quelle dahin
berichtigen, daß höherer Anordnung zufolge Weisung ergangen ist, die Vorbereitungen dazu in bisheriger Weife fortzusetzen und zwar bis zu einem bestimmten Tage in diesem Monate, an welchem definitive Entscheidung eintreffen würde, ob das Manöver stattfinden wird oder aufgegeben worven fei. (C. Tp.)
Hanau, 2. Juli. Folgender Vorfall ist eine Warnung für viele Eltern. Vorgestern hatte das 10jährige Söhnchen eines hiesigen Metzgermeisters unmittelbar nach dem Genusse von Kirschen Wasser getrunken. Die Folge davon war, daß das Kind plötzlich unwohl wurde und in kurzer Zeit eine Leiche war. Ein ähnlicher, wenn auch nicht so plötzlicher Fall, ist auch in Fulda vorgekommen.
Feuilleton.
Ein Vermächtnis«
Novelle von C. Schirm er.
(Fortsetzung.)
Es war Tinka, als würde sie durch die Frage der Baronin aus einem tiefen Traum erweckt. Doch sie sammelte sich schnell und tief erröthend, erwiderte sie:
„Fast acht Jahre bin ich in der Anstalt gewesen, zuerst als Schülerin, das letzte Jahr als Lehrerin."
„Sie haben keine Eltern mehr?"
„Nein, meine Eltern sind lange tobt," sagte Trnka, bie Augen niederschlagend, „ich erinnere mich ihrer nicht mehr."
Die Baronin hätte gern noch mehr gefragt, doch sie war zu zartfühlend und das junge Mädchen sah so ängstlich aus, als surchte sie die Berührung einer Wunde. . .
Tinka blickte aus und sah, daß bie Augen der Baromn noch immer forschend auf ihr ruhten, als erwarte sie, noch über die Ver.
gangenheit Derjenigen zu erfahren, die fortan in ihrem Hause unaufhörlich auf den bucklichen Jochen
IebenJma§" wie Trotz senkte sich in Tinka's Brust. Wie kam diese ' Der Baron stand auf der Veranda und lachte laut. Er schien bani sie schon am ersten Tage ausforschen zu wollen? Um sich zu freuen über seinen Sohn und amüfirte sich über die Kraft-
leinen °Meis wollte sie sich'ihr Geheimniß entreißen lassen. Sie äußerungen, ohne das Brutale zu beachten.
SS die «innen fest au einander, als wollte sie andeuten, daß sie Als die beiden Damen aus dem Hause traten, sagte die Baro- preßle Die Rippen s«n t ' mAt nefte« nin in ihrem ®ntten mit erreater Stimme:
die Autorität in Bezug auf ihre persönlichen Verhältiusse nicht gelten ^asse. Hätte sie in das Herz der Baromn bilden können, so wurde
die klugen grauen Augen die Gedanken des jungen Mädchens auf dem Gesicht gelesen hätten, denn die Baronin streckte Tinka die
z v tv I | vy HlCLßllty |HIU. UJUvUl -CU U 11 | l[*7 daß Sie hier eine Heimath finden und sich so wohl fühlen mögen, daß Sie alles Trübe, was Ihnen das Leben etwa gebracht hat, vergessen."
„Mach' mir das Fräulein nicht sentimental, liebe Caroline", fiel hier der Baron ein und legte die Zeitung zusammen, „Du weißt, daß ich betrübte Gesichter nicht gern sehe. Ich werde Dir jetzt eine ganze Stunde Zeit lassen, dem Fräulein die Jnstructionen betreffs der Unterrichtsstunden zu geben, dann jedoch werde ich die Dame» zu einer Spazierfahrt einladen."
Er stand auf und küßte seine Frau auf die Stirn, dann verließ er, beiden Damen noch freundlich zuwinkend, das Zimmer.
War das derselbe Mann, der Tinka vor acht Jahren so über alle Maßen abstoßend und widerwärtig erschienen war?
Sie hatte nie an die Bewohner von Darkow denken können, ohne sich der Scene aus ihrer Kindheit im Park zu erinnern und hatte dabei jedesmal ein Frösteln verspürt. Die Abneigung gegen die Kronheim's war so fest bei ihr gewurzelt, daß der Gedanke, hier ein häusliches Glück zu finden, gar nicht bei ihr aufgekommen war.
Und nun sah sie sich plötzlich in einen behaglichen glücklichen Familienkreis versetzt, es war Alles so ganz anders, als sie es zu finden meinte, sie hatte gesehen, wie die Baronin ihrem Gatten einen fast zärtlichen Blick zuwarf, als er das Zimmer verließ, diese Frau war glücklich, das sah man, wenn man auf das ruhige Antlitz blickte, auf dem der volle Sonnenschein innerer Befriedigung und glücklicher Ruhe lag.
Die Falte, die zwischen Tinka's Augenbrauen lag, verschwand, indem die Ahnung in ihr Herz zog, daß sie an einen Wendepunkt ihres Lebens angelangt sei, der ihrem Gemüth mehr Ruhe verhieß, als sie zu hoffen gewagt hatte.
Die „Jnstructionen," wie der Baron sagte, wurden von seiner Frau lächelnd eingeleitet.
„Sie können sich ja denken, Fräulein, daß der kleine lebhafte Bursch noch nicht an Stillsitzen gewöhnt ist, deshalb kann von einem systematischen Unterricht noch nicht sofort die Rede sein. Eine gewisse Regelmäßigkeit der Schulstunden ist jedoch nöthig, wenn er sich auch Anfangs sträuben sollte. Jeder Zwang ist ihm verhaßt, er muß aber angewendet werden, wenn sich Eigensinn bei ihm zeigen sollte. Glauben Sie nicht, in mir eine Mutter zu finden, die in der Liebe zu ihren Kindern blind ist", fügte sie hinzu. „Ich liebe meinen Knaben unbeschreiblich, aber ich werde mich bestreben, aus ihm einen Mann zu erziehen, den ich mit Stolz meinen Sohn nennen kann und oas ist nicht so leicht — wenigstens darf man die Schwächen so mancher Mutter nicht zeigen. Die Kinder haben ein unbeschreiblich feines Gefühl und wissen die geringste Nachgiebigkeit so auszunutzen, daß die Mutter die Strafe bald selbst fühlen wird. Mein kleines Mädchen wird für jetzt mehr auf Ihre Liebe als auf Ihre Belehrung angewiesen sein, wir wollen sie noch nicht quälen, sondern ganz allmälig für den Unterricht heranziehen. Wenn später für Alphons ein Erzieher den Unterricht übernehmen muß, wird Alice so weit sein, daß Sie Freude an der Ausbildung ihres Verstandes haben werden. Doch jetzt genug der Pädagogik. Ich überlasse Ihnen die Zeiteintheilung und die Bestimmung der Lectionen vollständig, da ich mich aus Fräulein Jung's Versicherung verlasse und auf ihre warme Empfehlung fest baue, in Ihnen die Stütze bei der Erziehung meiner Kinder zu finden, die ich wünsche.".
Tinka fühlte, daß sie tief erröthete und mußte die Augen niederschlagen, als sie leise erwiderte, daß es ihr Bestreben sein würde, Fräulein Jung's Empfehlung Ehre zu machen. Sie schämte sich, daß ihr rebellisches Blut sich empörte, als sie an die Fesseln dachte, die ihr trotz des Scheines der Freiheit hier angelegt werden sollten. Aber was wollte sie denn? War sie nicht eine arme Gouvernante die darauf angewiesen war, sich ihr Brod zu verdienen? Sie blickte auf ihr einfaches Kleid und zwang sich zurück zu der Demuth, die zu ihrer Stellung gehörte.
Laute Stimmen und der Schall von Peitschenschlägen klang an das Ohr der beiden Damen und veranlaßte sie an das Fenster zu treten, das die Baronin sofort öffnete.
„Alphons, Alphons!" rief sie, „was beginnst Du? Komm sofort zu mir!"
Doch Alphons hörte nicht auf die stimme seiner Mutter, sondern schrie so laut, daß sein Gesicht schon dunkelroth aussah und
nin zu ihrem Gatten mit erregter Stimme:
„Ich bitte Dich, Joseph, Alphons sofort Einhalt zu gebieten,