^F 86» Sonnabend den 27. October 1877.
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Hersfeld, den 24. October. Heute fand in Gegenwart des Herrn Ober-Präsidenten Freiherr» von Ende — der commandi- rende General des 11. Armeecorps, Herr General - Lieutenant von Böse sowie der Oberst des 32 Infanterie-Regiments, besten Füsilier- Bataillon hierselbst garnisonirt, waren durch unerwartet eingetretene Verhinderungen abgehalten worden, der Feier gleichfalls anzuwoh- nen — die feierliche Enthüllung des von dem Kreis« Hersfeld auf A dem Neuen Markte hierselbst errichteten Denkmals zu Ehren der im Kriege 1870(71 gebliebenen Krieger aus dem Kreise, ohngeachtet des etwas regnerischen Wetters, unter Betheiligung einer überaus zahlreichen Volksmenge auch vom Lande, programmmäßig in folgender Weise Statt: Morgens 6 Uhr Festgeläute mit allen Glocken des Stadtthurms. Nachdem sich Mittags 1 Uhr die Festtheilnehmer auf dem Kasernenplatze versammelt hatten, bewegte sich um 2 Uhr der Festzug in folgender Ordnung: 1. Städtische Musik, 2. Knaben und Mädchen sämmtlicher Hersfelder Elementarschulen, 3. die Zöglinge der hiesigen Höheren Töchterschule, 4. die Zöglinge der hiesigen höheren Bürgerschule, 5. die Zöglinge des hiesigen Königlichen Gymnasiums (sämmtliche Schulen mit ihren Lehrern und resp. Lehrerinnen), 6. die Geistlichkeit, 7. die Angehörigen der gebliebenen Krieger, 8. Militair-Musik, 9. die Ehrengäste, das Festcomite und die Kreisstandschaft, 10. die Landwehr-Offiziere und die Kriegervereine des Kreises, 11. das hier garnisonirende Füsilier-Bataillon, 12. die Mitglieder der städtischen Behörden hierselbst, 13. die Beamten und Bürger aus der Stadt und den Landgemeinden des Kreises und 14. die Hersfelder Feuerwehr, von da aus durch das Stift über den Linggsplatz, durch die Weinstraße, Breitenstraße und Brüdergaste nach dem Festplatz, woselbst die Festtheilnehmer, gemäß der vorher getroffenen Einrichtung auf den für die einzelnen Abtheilungen bestimmten Plätzen sich um das Denkmal aufstellten. Die Stadt und namentlich die Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, waren mit Fahnen und Laubgewinden reich geziert. Nach Absingung eines Chorals und nachdem Herr Consistorialrath Pfaff eine der Feier k entsprechende Ansprache gehalten, wurde von den Schülern des Gymnasiums ein von dem Gymnasial-OberlehrerHerrn Dr. Ritz gedichteter und von dem Gymnasialgesanglehrer Herrn Friedr. Anacker componirter Wechgesa»g vorgetragen. Die Festrede, (ist unten ausführlich wiedergegeben), wobei das Denkmal, ein Obelisk von Sandstein mit Gedenktafeln an die 62 Gefallenen, enthüllt wurde, hielt Herr Landrath Freiherr von Broich. Derselbe sprach sich darin in packenden warmen, patriotischen Worten über die Bedeutung des Denkmals aus, überlieferte es namens des Kreises der Stadt HerSfeld und brächte am Schlüsse seiner Rede ein Hoch auf den milden, heldenmüthigen und starken Schützer des deutschen Reiches, auf besten Haupt wir jetzt das Symbol des in nicht erträumter Kraft und Größe wieder erstandenen Deutschen Reiches erblicken, auf Sr. Majestät den Kaiser Wilhelm 1. aus, in welches die Versammlung dreimal begeistert miteinstimmte. Herr Bürgermeister Kempf nahm das Denkmal hierauf mit tief bewegten Worten namens der Stadt in deren Obhut als ein ehrendes Andenken an die gefallenen Helden und einen Mahnruf an Kinder und Kindeskinder. Hierauf wurde von den Schülern die „Wacht am Rhein" gesungen und wenn damit die tief ernste, patriotisch gehobene und erhebende Feier auch schloß, so blieb doch der Platz bis zur herein- brechenden Dunkelheit^noch dicht mit Menschen besetzt. —Zahlreiche, durch Thränen des Schmerzes und der.Erinnerung feuchte Augen suchten unter den Namen der Gefallenen den des geliebten Gatten, Vaters, Sohnes, Bruders, Verwandten, Freundes oder Bekannten.
Später fanden im Vereinslokale, im Hotel Stern und auf dem Felsenkeller Festesten, unter zahlreicher Betheiligung Statt. An dem ersteren nahmen auch der Herr Oberpräsident, der Herr Bezirks
commandeur, Herr Oberstlieutenant Reichard von Notenburg, der Commandeur des hier galnisonirenden Bataillons, Herr Oberstlieutenant Hackewessel, die Väter gefallener Krieger und der Ver- fertiger des Denkmals, Herr Steinhauermeister Karpenstein von Sieglos als Ehrengäste Theil.
Der Herr Ober-Präsident, welcher den ersten Toast ausbrachte, ging in seiner geistreichen Rede davon aus, daß zufällig die Ent- Hüllungsseier an einem Tage Statt finde, welcher zugleich für Hersfeld und das Deutsche Reich ein geschichtlich besonders wichtiger sei, nehmlich an dem Tage der Unterzeichnung des West- phälischen Friedens, durch welchen vor 229 Jahren das Stift Hersfeld dem Krummstabe entrissen und an Hesten-Cassel gekommen und das deutsche Volk die Schmach erlebt habe, daß Elsaß und Lothringen an Frankreich abgetreten wurden. Redner gedachte des Unterschiedes zwischen dem damaligen, aus 300 Staaten bestandenen und durch den 30 jährigen Krieg geschwächten Deutschen Reiches mit einem Schatten von Kaiser und dem jetzt, nach zwei Kriegs- und Siegeszügen der deutschen Ration nach Paris wieder erstandenen, mit Elsaß und Lothringen wieder vereinigten, Achtung und Macht gebietenden, Deutschen Reiche mit einem hell leuchtenden Vorbild als Kaiser, welcher von sich selbst habe sagen können, daher sich als Mittelpunkt alles nationale» Lebens nach den ihm unaufhörlich und von allen Seiten dargebracht werdenden Huldigungen ansehen müste. Redner forderte die Festtheilnehmer auf, in dem stillen Gelöbniß fest und treu an Kaiser und Reich zu halten, mit ihm ein Hoch auf Se. Majestät, den Kaiser Wilhelm I. auszubringen. In dieses dreimalige Hoch stimmte die Versammlung begeistert mit ein.
Das Comit« - Mitglied, Herr Dr. Müller brächte hierauf auf die Deutsche Armee — das Deutsche Volk in Waffen — ohne welche jetzt bei dem orientalischen Kriege Deutschland wieder hätte ein Kampfplatz für fremde Völker werden können, Herr Bürgermeister Kempf auf die Ehrengäste und besonders den Herrn Ober-Prasidenten, Herr Oberstlieutenant Hackewessel auf das Fest-Comite Hochs aus, in welche von den Festtheilnehmern stets begeistert eingestimmt wurde. Der Herr Landrath Freiherr von Broich erwiderte diesen Toast als Vorsitzender des Fest-Comites mit einem Hoch auf den Kreis Hersfeld, welcher dadurch, daß er selbst bei beschränkten Mitteln, seinen gefallenen Helden ein Denkmal errichtet, dem nationalen Gefühle seiner Einwohner einen bereden, und ihn selbst ehrenden, Ausdruck gegeben und dadurch bewiesen habe, daß er von einem Geiste beseelt sei, der ihn zu einem hoffnungsreichen Blick in die Zukunft berechtigt. Auch dieses Hoch fand bei den Festgenoffen die freudigste Aufnahme. Außerdem gedachte Herr Gymnasial-Director Dr. D usd en in längerer Rede des SomiteS, welches den Platz für das Denkmal auf einer der Jugend aus dem Kreise Hersfeld und deren Erziehern täglich zugänglichen Stätte ausgewählt und brächte ein Hoch auf die Deutsche Jugend, hierauf Kreisstandsmitglied Herr Bürgermeister Schmidt von Frielingen, nachdem dasselbe des verstorbenen Herrn Landraths Auffarth, als dem Schöpfer der Idee der Errichtung eines solchen Denkmals, ein stilles Glas geweiht, ein Hoch auf den jetzigen Landrath, Herrn Freiherrn von Broich, den energischen Vollbringer dieser Idee aus. Nachdem hierauf noch Herr Postver- walter Froböse von Schenklengsfeld im Namen der Väter gefallener Söhne Allen, welche an der Veranstaltung des die gefallenen Krieger und deren Hinterbliebenen in so hohem Grade ehrenden schönen und erhebenden Feste-, Theil genommen, besonders dem Comite, in schlichter sehr ansprechender Weise dankbare Worte gewidmet und ein Hoch auf das letztere ausgebracht hatte, gedachte Herr Rechts- anwalt Cr aß in ebenso innig empfundener, wie geistreich zum Ausdrücke gebrachter schöner Rede der deutschen patriotischen Frauen, welche einen so großen Theil an dem Erziehungswerkejguter Patrioten