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Diejenigen Herren Bürgermeister des Kreises, welche noch mit Einsendung des Betrags von 50 Psg. für die den Gemeinden am 27. v. M. zugesandte „Dienstanweisung für die Gemeinde-Erheber" im Rückstände sind, werden hiermit angewiesen, denselben umgehend kostenfrei hierher einzusenden.
Hersfeld, am 1. September 1877
8700. Der Königliche Landrath Freiherr von Broich.
Der Domainenpachter George Freise von Biengartes ist als Ortsverwalter für den Gutsbezirk fiscalische Domains Biengartes eidlich verpflichtet worden
Der seitherige commissarische Bürgermeister Joh. Justus Schmidt zu Allen darf ist als Bürgermeister der dasigen Gemeinde bestätigt und verpflichtet worden. ____________________________________
Berlin W., 17. August 1877.
Bekanntmachung.
Beitritt Persiens zum Allgemeinen Postverein.
Zum 1. September tritt Persien dem Allgemeinen Postverein bei. Das Porto für Briefsendungen nach und von Persien beträgt vom obigen Zeitpunkte ab für je 15 Gramm bei frankirten Briefen 20 Pfennig, bei unfrankirten Briefen 40 Pfennig; für Postkarten 10 Pfennig; für Drucksachen, Waarenproben und Geschästspapiere 5 Pfennige für je 50 Gramm. Die Einschreibegebühr beträgt 20 Pfennig; für die Beschaffung eines Rückscheins tritt eine weitere Gebühr von 20 Pfennig hinzu. Die Leitung der Briefsendungen nach Persien erfolgt im Allgemeinen auf dem Wege über Rußland. Dieselben erhalten jedoch ausnahmsweise auf dem Wege über Suez und Bombay Beförderung, falls dieser Weg seitens der Absender ausdrücklich vorgeschrieben worden ist.
Der General-Postmeister. Stephan.
Tagesbegebenheiten.
Nürnberg, 30 August. Se. kaiserlich königliche Hoheit der Kronprinz besuchte sowohl gestern nach seiner Ankunft, wie auch heute, nach der Besichtigung der Truppen, die Museen und Sehenswürdigkeiten, sowie einige Etablissements. Heute Abend 6 Uhr hat der Kronprinz, von der in den Straßen und am Bahnhöfe versammelten großen Volksmenge mit enthusiastischen Zurufen begrüßt, die Reise nach Regensburg fortgesetzt.
Stuttgart, 30. August. Die „Schwäbische Merkur" meldet: Ein Sanitätszug von 19 Waggon für Rußland geht heute nach Bukarest ab. Die Königin wird denselben in Ulm besichtigen.
— Wie sehr die gesammte Bevölkerung unter den Fälschung» der Lebensmittel leidet, dasür mag folgende Zusammenstellung sprechen, welche sich in Berliner Blättern findet. Nach der „Landwirthschaftlichen Presse" berechnet sich das Quantum Wasser, welches allein in Berlin als Milch verkauft wird, auf 3—4 Millionen Liter jährlich, der Konsum an Milch auf 36^ Millionen Liter, d. h. 38,3 Liter pro Kopf. Dem Mehl setzt man Schwer- spath, Gyps, Kreide, Marmorstaub hinzu. Dem Brodteig wird Alaun oder Kalkwasser beigemengt, um das Brod weißer zu machen, und Jalappenwurzel, um die verstopfende Wirkung des Alauns zu heben. Schlechter verdorbener Kaffee wird gefärbt, sogar mit giftigen Farbstoffen. Im Stampfkaffee finden sich Cichorien und Roggen. Im Cichorienpulver hat man wiederholt Ocker, Eisenoxyd, Ziegelmehl; im Cichorienkuchen mitunter alten Kaffeesatz, Baumrinde, ja Erde nachgewiesen. Zur Chocoladenbereitung verwendet man mitunter anstatt der theueren Cacaobohnen als Zusatz Perubalsam oder Storux, anstatt des Zuckers Melasse Syrup oder Stärke. Zur Vermehrung der Masse führt man derselben Mehl von Getreide, Hüljenfrüchten, Kastanien, gepulverte Cacaoschaalen, Gummigyps, Kreide hinzu. Anstatt der Cacaobutter, welche man aus der Masse entfernt, wird Schmalz, Fett und Pflanzenöl genommen. Gewürze werden im großen Maßstabe mit mineralischen und organischen Substanzen verfälscht. Um Baumöl zu imitiren, versüßt man gemeines Rüböl mit Bleimitteln. Schlechter Essig wird oft mit scharfen, brennenden Gewürzen so scharf gemacht, als wäre er abgezogen worden. Welche ekeligen Stoffe zur Butter-Fabrikation genommen werden, ist bekannt: Schmalz, Talg, gekochte Kartoffeln müssen mitunter die Masse vermehren. Um Liqueuren Ansehen zu geben, werden lebensgefährliche Färbemittel angewandt. Zur Wurstfabrikation müssen scheußliche, ungenießbare Abfälle, Fleischreste und Stärkemehl dienen. Man hat sogar die feine Farbe der Cervelatwurst mittelst arsenikhaltigen Anilins hergestellt. Am übelsten aber ergeht es den Weintrinkern. Aus Wasser, Kartoffeln, Gerstenmalz, Rohrzucker, Hefe, Weinsäure, Weingeist, Malvenblüthen, Veilchenwurzeln, HoUunderblüthen, Tannin, Weinstein, Rosinen, Kino-Gummr, Himbeersaft, Hopfen, Tamarinden, Melasse-Syrup, Glycerin, jungen Rebenblüthen ic. werden Hunderte verschiedener „Weine" ohne einen Tropfen Naturwein fabricirt. So viel ist
nach einem Vortrage des Chemikers Dr. Ziurek gewiß, daß um saueres Bier trinkbar zu machen, Pottasche, Kalk oder Laugensalz verwendet wird, welches gefährliche Krankheitsfälle erzeugen kann. Natürlich ist die Liste der Lebensmittel-Fälschungen hiermit noch lange nicht erschöpft, sondern sie setzt sich bis ins Unglaubliche fort. Der deutsche Landwirthschaftsrath hat in voller Erkenntniß der Wichtigkeit dieser Fragen die „Maßregeln", welche gegen die Ueber« handnahme der Verfälschung von Nahrungsmitteln anzustreben sind, abermals auf die Tagesordnung seiner diesmaligen Sitzungsperiode gesetzt.
Vom Orientkriege. < »
Petersburg, 29. August. Offizielles Telegramm aus Kürük- dara vom 28. d. Mts.: Am 25. d. bei Tagesanbruch griff Moukh- tar Pascha mit allen seinen Streitkräften die Positionen des Generals Loris-Melikoff an, indem er unseren linken Flügel zu umgehen suchte. Der Kampf dauerte bis 5 Uhr Nachmittags. Die Türken, die auf der ganzen Linie zurückgewiesen worden waren, zogen sich mit großen Verlusten in ihre früheren Positionen auf Aladscha zurück. Leider bemächtigten sich die Türken noch in der Morgendämmerung der Anhöhe von Kisil-Tapa, welches letztere durch ein Bataillon vertheidigt wurde. Unser Verlust ist nicht gering; unter den Verwundeten befinden sich Generallieutenant Tschawtschawadse, Generalmajor Ko- maroff und Oberstlieutenant Bariantinsky. — Die Abtheilung des Obersten Schelkownikoff rückte auf dem Marsche von Sotschie nach Suchum, zur Vereinigung mit der Abtheilung des Generals Alcha« * soff, am 18. b- gegen die Gangrin'sLen Engpässe vor, die vom Feinde befestigt waren und von demselben vertheidigt wurden. Die Befestigungen wurden trotz des Feuers, mit welchem ein Monitor die Türken unterstützte, in der Nacht erstürmt. Bei Anbruch des Tages wurde ein Theil der Schelkownikoff'schen Abtheilung, der die Eng- Pässe noch nicht passirt hatte, durch das Feuer des Monitors aufge. halten, ein Angriff des türkischen Monitors durch den russischen Dampfer „Konstantin" machte aber den Weg frei. Am21.d. wurde eine türkische Truppenabtheilung bei Pitzund geschlagen, am 23. d. erfolgte ein Angriff auf die Position von Gudaut, die durch türkische reguläre Infanterie, bei der sich Geschütze befanden, und von etwa 1000 Abchasiern vertheidigt wurde. Von der Seeseite her wirkten 3 Monitors. Nach längerem Kampfe floh ein Theil der Türken auf die Schiffe, ein anderer zerstreute sich. Von unseren Truppeu wurde eine große Anzahl Gewehre, sowie Munition und Proviant erbeutet, die Gegend bis Mzary wurde vom Feinde geräumt. Gudaut war von den Türken eingeäschert. Die Abtheilung des Obersten Schelkownikoff rastete in Litny, um auszuruhen, der Verlust derselben bet allen vorgenannten Gefechten ist ein ganz unerheblicher. — Ueber das Resultat des vom Dampfer „Konstantin" gegen einen türkischen Monitor in Suchum gemachten Angriffs, gegen welchen drei Minen zum Sprengen gebracht wurden, ist noch nichts Näheres bekannt.
London, 30. August Wie die Times meldet, wird Serbien in wenigen Tagen den Krieg beginnen. Eine Entscheidung bei Plewna sei bevorstehend. Durch die den Russen werdende serbische Hülfe erscheine Osmans Niederlage gewiß. Serbien stellt 40,000 Mann ohne Reserven und Milizen. Oesterreich beabsichtigt kein akti- „ ves Veto gegen die serbische Aktion.
— „Daily News" melden, daß Suleiman Pascha die Einnahme des Schipkapaffes von der Front für unmöglich halte.
London, 29. August. Die Mittagsausgabe der „Daily News" bringt aus Gorni-Studen von Dienstag Abend folgendes Telegramm: Suleiman Pascha enthielt sich nach einem heftigen Kampf am Sonntag eines neuen Angriffs auf die russischen Stellungen des Schipka- * paffes. Bis heute Morgen fand nur gelegentliches Feuern der Vorposten statt. Die Stellung ist durch den Kampf am Sonntag nur so weit verändert, daß vorgeschobene türkische Batterien die russischen Flanken einigermaßen bedrohen. Die Russen werden entsprechend verstärkt. Radetzky kann sich im Schrpkapasse halten. Mehemed Ali verschanzt sich bei Jaslar.
Feuilleton.
Erste Masse.
Novelle von Ew. Aug. König. (Fortsetzung.)
Er wollte jetzt noch Eins thun, er wollte nach B. reisen und den Schaffner aufsuchen, vielleicht konnte ihm dieser einen Fingerzeig geben, der zur Entdeckung einer Spur führte. Sodann wollte er auch die Commerzieuräthin Döring besuchen und mit den beiden Damen berathen, ob und was er thun könne, um dem drohenden Unheil vorzubeugen und es abzuwenden.
Die Damen hatten ihm die freundschaftliche Gesinnungen bewiesen und an seinem Mißgeschick so herzlichen Antheil genommen, daß er diesen Schritt wol wagen durfte, ohne eine Zurückweisung befürchten zu müssen.