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aufzunehmen, welches von ihm nebst dem Vorsitzenden und min­destens drei der anderen Anwesenden zu vollziehen ist. (F. f.)

Tagesbegebenheitcir.

Eins, 16. Juni. Se. Majestät der Kaiser ist heute Vormittag 9{ Uhr bei sehr schönem Wetter wohlbehalten dahier eingetroffen. Derselbe wurde von der zahlreich versammelten Einwohnerschaft und von den Kurgästen enthusiastisch begrüßt und begab sich in offenem Wagen durch die mit Blumen und Flaggen geschmückten Straßen nach dem alten Kurhause, wo Wohnung genommen worden ist. Die . Kaiserin traf heute Mittag zu einem kurzen Besuche des Kaisers dahier ein und kehrte um 2 Uhr nach Koblenz zurück. Auch Prinz Karl von Preußen ist im Laufe des Vormittags dahier eingetroffen. Desgleichen der österreichische Botschafter Graf Karolyi.

Köln, 18. Juni. Man meldet der Kölnischen Zeitung aus Berlin: Nach Londoner Prrvatnachrichten verfolgten die letzten Friedensreden Salisburys den Zweck, der Pforte jede Hoffnung auf - englische Hilfe abzuschneiden, um sie vorkommenden Falles für den Frieden günstig zu stimmen.

Lemberg, 14. Juni. In der Stadt Kury ist eine große Feuersbrunst ausgebrochen 200 Häruer sind abgebrannt und 300 Familien obdachlos.

Wien, 18. Juni. Ein Petersburger Brief derPolitischen Korrespondenz" erfährt, daß Graf Schuwaloff, nachdem seine münd­liche Erklärung das englische Kabinet vollständig befriedigt hätte, ermächtigt worden sei, den Wünschen der englischen Regierung gemäß die Erklärung auch schriftlich abzugeben, daß Rußland Die britischen Interessen bezüglich des Suezkanals, Egyptens und des persischen * Meerbusens vollständig respektiren werde. Die eingelaufenen Berichte ' der Vertreter Rußlands im Auslande konstatiren, daß die betreffende Erklärung auch an den anderen Höfen Europas einen günstigen Ein­druck hervorgebracht habe. In demselben Briefe wird bezüglich Serbiens bemerkt, daß Die Reise des Fürsten Milan lediglich auf Rechnung seiner eigensten Initiative komme. Kaiser Alexander habe die diesbezüglichen Anfragen des Fürsten Milan zweimal ablehnend beschieden. In der serbischen Frage stehe Oesterreich-Ungarn allein das entscheidende Wort zu. Serbiens wegen werde Rußland es nicht auf eine Erkaltung seiner guten Beziehungen zu Oesterreich an­kommen lassen. In dem Augenblicke, wo die russischen Armeen marschirten, hätte Serbien seine Rolle auf der Balkaninsel ausgespielt. London, 18. Juni. Berichte aller Blätter aus Erzerum mel. den einstimmig, daß sich die Position Mouklhars Paschas und der Geist seiner Truppen gebessert habe. Die Türken würden bald die Offensive ergreifen. Der Angriff der Ruffen auf Kars ist bestimmt mißlungen. Die Ruffen erlitten große Verluste.

Braila, 18. Juni. Russische Truppen und Brücken-Material treffen massenhaft ein. Man glaubt fest, daß ein Ueb ergangsversuch bei Getsched (bei Braila) stattftnden solle.

Ragusa, 17. Juni. Gestern ist es den Türken gelungen, Niksitsch mit 3000 Pferdeladungen von Lebensmitteln zu verpro- viantiren. _________________________________________

Vermischtes

Berlin, 19. Juni. (Ein raffinirter Mordversuch auf einen Geldbriefträger.) Der Briefträger Killmer vom Postamt 8, zu dessen Bestellbezirk ein Theil der Taubenstraße gehört, hatte gestern . ßrüh um 8 Uhr eben erst begonnen, die ihm aufgegebenen Postan- * Weisungen auszutragen, als ihm auffiel,_baß ein sonst mäßig anstän­dig gekleidetes Individuum ihm auf Schritt und Tritt zu folgen schien. Allein am Hellen lichten Tage im belebtesten Theile der Stadt machte der Beamte sich weiter keine Gedanken darüber und hielt es für einen bloßen Zufall, daß der Mensch, der ja Jemanden suchen konnte, auch im zweiten Hause Taubenstraße 41 ihm drei Treppen hoch hinauf nachkam. Als der Beamte daselbst seine Geschäfte erledigt hatte und die Treppen Hinunterst,eg, erhielt er plötzlich auf dem eine Treppe hoch belegenen Korridor, dessen an- i grenzende Wohnung zur Zeit leer steht, drei mit sehr kräftiger Hand geführte Messerstiche in den Nacken, die ihn zu Boden stürzen mach­ten, nachdem er noch mit durchdringender Stimme einen Hilferuf hatte ausstoßen können Glücklicherweise hatte letzterer den Erfolg gehabt, daß von allen Seiten, selbst von der Straße, Menschen her- zueilten, die den Mörder, der noch nicht Zeit gehabt hatte, sich der Geldtasche zu bemächtigen, faßten und der Polizei überlieferten. Der Geldbriefträger hat schwere und lebensgefährliche Verwundungen er­halten, war aber am Nachmittag noch am Leben und vernehmungs­fähig. Er hatte über dreißigtauseno Mark in baarem Gelde bei sich geführt. Daß nur am Montag.die Geldbriefträger so große Summen bei sich tragen, wenn die Post von dem halb geschäftefreien Sonntag sich angesammelt hat, hatte der Verbrecher, ein Schlächtergeselle Na­

mens Hermann Tierolf, Franzstraße 8 wohnhaft, offenbar be­rechnet und aus demselben Grunde auch gleich die ersten Schritte des Beamten beobachtet, um ihn nicht zu viel Geld verausgaben zu lassen. Ebenso gut wußte er jedenfalls, daß das betreffende Quartier, vor dessen Thür er den Ueberfall ausführte, nicht bewohnt ist, alles Zeichen, daß man es hier mit einem sehr gefährlichen Verbrecher zu thun hat.

Feuilleton.

Um Aprudel.

Novelle von C. Schirm er.

(Fortsetzung.)

Ein schmerzlicher Zug legte sich um Hugo's Mund, er holte tief Athem und sagte Dann:

Du armer Bruder mußt so manches Unrecht von mir gut machen, steh' der Mutter zur Seite, damit sie nicht zusammenbricht."

Er biß die Lippen zusammen und griff nach Viktor's Hand, dann rief er:Ziehe die Vorhänge zurück und laß mich die Sterne sehen!"

Viktor stäno auf und ließ den Himmel mit seiner ganzen Pracht auf die Stätte blicken, wo der Tod schon den Arm erhob, um mit seiner Sichel den Lebenshalm zu knicken.

Der Morgen brach an, ein schöner, prächtiger Sommermorgen lockte schon früh viele Spaziergänger in's Freie. Da schreitet auch aus dem stillen Hause ein Bekannter von uns, ernst und traurig; es ist Viktor. Er hat dem Bruder die Augen zugedrückt nach dem schweren Todeskampf. Er hat die Mutter in seine Arme genommen, sie in ihr Zimmer geleitet und ihr gesagt, daß er für Alles sorgen und versuchen wolle, ihr durch seine Liebe den Verstorbenen zu er­setzen. Jetzt geht er in dumpfem Schmerz dahin und sucht in der frischen Morgenluft seine Nerven zu beruhigen und seine Gedanken zu ordnen.

Er ist wohl eine Stunde ohne Ziel umhergeirrt, da kommt er in ein Wäldchen und setzt sich auf eine Bank. Er nimmt aus der Tasche zwei Briefe, Die ihm seine Mutter gegeben. Aufmerksam lieft er sie durch und sieht Dann nach der Unterschrift des einen :

Samuel Schacher, unter dem andern liest er;

Jsidor Goldstein.

Zweitausend fünfhundert Thaler und dort 4000 Thaler das überschreitet meine Mittel. Ich muß sehen, mich mit ihnen zu ver­gleichen." Nach diesem Selbstgespräch notirte er sich die Adressen, ging zurück bis zur Stadt, nahm sich einen Fiaker und fuhr zu den Menschen, die den Leichtsinn seines Bruders auf die schändlichste Weise ausgebeutet hatten.

Es war fast Mittag, als er zu seiner Mutter zurückkehrte. Er fand sie gefaßter und konnte deshalb mit ihr die so nöthigen Ein­zelheiten, Die ein Todesfall mit sich bringt, besprechen. Die Todes­anzeigen wurden an alle Bekannte uno auch an Major von Bolland abgeschickt. Frau v. Scherfening übernahm es selbst, ihm zu schreiben und theilte ihm mit, daß ihr jüngster Sohn bei ihr sei und sie Gott danke, in den schweren Tagen an ihm eine Stütze zu haben.

Das Begräbniß war vorüber, es war mit allem feierlichen Pomp vollzogen, wie es bei einem Offizier von altem Adel Sitte ist. Doch bei Hugo brächte auch die Liebe manche Spende und un­ter 'dem Osfiziercorps, den frischen tapfern Jünglingen war wohl kein Einziger, der nicht in dem Verstorbenen einen lieben treuen Kameraden betrauerte, und die vielen Kränze und Palmen mit de­nen der Hügel geschmückt war, sprachen dafür, daß man dem Dahm- geschiedenen gern noch eine Liebesgabe weihen wollte.

Herr v. Bolland und Fanny hatten herzlich uno voll Theilnahme geblieben. Der Major konnte seines Fußleidens wegen nicht zum Begräbniß kommen, und machte seiner Cousine den Vorschlag, mit ihrem wiedergefundenen Sohne einige Wochen zu ihrer Erholung zu ihm auf's Land zu kommen.

Uebrigens," so schrieb er zum Schluß,weiß ich, daß Hugo mit dem Gelde arg gemirthschaft hat, Dein jüngerer Sohn wird auch seine Reichthümer besitzen, also ist es möglich, daß Du in Ver­legenheiten kommst und da offerire ich Dir, Dich an meine Kasse zu wenden; dies ist jedoch mündlich besser zu besprechen, deshalb kommt sobald als möglich."

In größter Aufregung hatte Viktor den Brief gelesen und rief dann:Nein, theure Mutter, ich will vom Major Bolland Nichts annehmen, es stehen mir so viel Mittel zu Gebote, daß wir uns selbit helfen können, und es ist mir die größte Freude und schönste Genugthuung, Dich mit meinem Beruf ausgesöhnt zu sehen, wenn Du Den Segen erkennst, der auf meinem Schaffen geruht. Ich habe bereits die nöthigen Schritte gethan und erwarte täglich die ersor- derlichen Summen, die mir meine Kompositionen eingebracht. Sollte