^L Dorcheu und Florchen. Ss-
Caruevals-Erinnerung von Hans Egettke.
Ich erwache von einem kurzen Klopfen an meiner Thüre. Es ist Morgen, der Briefträger tritt herein, legt mir zwei mit Francomarken der deutschen Reichspost versehene Briefe auf die Steppdecke meines Bettes, rapportirt „Schneegestöber mit Frost" und empfiehlt sich mit seinem bekannten heiseren „Guten Morgen". — Noch halb schlafend greife ich nach den Briefen. — Der erste trägt die Firma des Absenders als Siegel auf- gestempelt; ich lese „Harmonie" und ermuntere mich, denn ich weiß, daß dieser Brief die Einladung zur Theilnahme am Carnevals-Maskenball dieser Gesellschaft enthält. Die Erinnerung an die Erlebnisse auf dem vorjährigen Carneval überkommen mich so lebendig, daß ich den Brief ungeöffnet lasse und mich in die Kiffen zurücklehne, während an meiner Phantasie bunte Bilder vorüberzichen.
Nicht die Lust des Tanzes, noch das schlechte Essen und der saure Wein erregen mein Gemüth so heftig — diese Dinge sind fast auf allen MaSkenfcstcn dieselben —, doch an jenem Ballabend in der „Harmonie" hat meine und meines Freundes Fritz Liebes- und Leidensgeschichte begonnen.
Alle Jahre zur Carnevalszeit giebt diese Gesellschaft ein großes Masken- fest; dabei wird viel getanzt, viel Champagner getrunken und viel — verlobt. Ohne einige neue Brautpaare geht es nicht ab, das wissen auch die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft und — richten sich darnach. — Auf jenem letzten Maskenbälle nun war Fritz, mein lieber Freund und College — wir Beide sind Reisende für ein großes Cigarren- und Tabakgeschäft —, als Capu- ziner, ich als Dominikaner dort gewesen. Nach der Demaskirung hatten wir die Mönchshaut abgcstreift und uns im gewohnteren Frack weniger warm und ungenirter bewegt. — Fritz ist ein seelensguter Kerl. Nicht zu hübsch, aber doch von angenehmer Persönlichkeit, zählt er zu den Mittelgroßen, während meine acht Zoll mir den Eintritt in die Garde verschafft halten; er hat ein lyrisches, schwärmerisches Wesen, welches den Damen außerordentlich gefällt und ihn bei denselben leichrer beliebt macht, als mir dies mit meiner ruhigeren, aber auch für gewöhnlich prosaischeren Art gelingt. — Ein ausgezeichneter Verkäufer, besonders feinster Sorten Cigarren, die er meisterhaft vorzurauchen versteht, heißt er im Geschäft „der schlaue Brandstifter", — während mir meine Einkanfsreisen in Rohtabak nach Bremen und Hamburg, ja sogar einmal in die Havanna, den Namen „der rohe Krautsucher" eingetragen haben. — Ein so tüchtiger Kaufmann Fritz nun ist, in allen anderen Dingen ist er linkisch und unbeholfen, dazu von einer Empfindlichkeit, die ihm schon oft harte Stunden bereitet hat. — Wie wir zusammenhielten und zusammen lebten, so liebten wir auch zusammen; — zwei Freundinnen hatten unsere Herzen gewonnen und wir fanden nur noch nicht den rechten Weg, wie wir den Gewinnerinnen ihr Eigenthum zukommen lasten sollten. — Dorchen und Florchen hießen unsere Mädchen; — Fritz schmachtete nach Dorchen, — Florchen hatte mir's angethan. — Beide waren selbstverständlich auch auf dem letzten Maskenbälle! — Es war lange nach Mitternacht — die zweite Fran^aise war getanzt, die Schaaren der Masken lichteten sich bereits, merklich — es ging zum Morgen — unruhig lief ich im Saale umher und suchte Fritz; ich "glaubte Anfangs, er habe sich absichtlich zurückgezogen, um Dorchen allein zu treffen und ungestört endlich zu der Erklärung zu kommen, die uns Allen so schwer auf dem Herzen zu liegen schien, — aber da sah ich Letzteren im Wirbel eines Walzers an mir vorüberfliegen und ärgerlicher Weise am Arme eines Herrn, der mir schon oft Gelegenheit gegeben hatte, mich über die Ungenirtheit zu ärgern, mit der er zu unseren Mädchen plauderte. Es war der Kaiserlich Königliche Mititär-Jntendantur-Secretariats-Assistent Holdwin, ein glatter Blondin mit stets lächelndem Antlitz, langgedrehtem Schnurrbart und eitlen Augen. Aergerlich ging ich weiter. — Auch Florchen war von anderer Seite engagirt und Fritz nirgends zu finden.
Der Walzer war zu Ende — Holdwin promenirte mit Dorchen und Florchen im Saal. — Die Mädchen lachten laut, sie gingen auf seine Scherze und Neckereien ein — er war aber auch gar zu geistreich und liebenswürdig — wie geschickt wußte er nicht seinen Freund und Collegen Milchfisch in's Gespräch zu ziehen, daß dieser gar nicht anders konnte, als Florchen den Arm zu bieten und sie zu führen. — Milchfisch war im vollen Sinne des Wortes ein schöner Mann — nur kein großer Geist — doch was that das — er trug seinen langen, am Kinn gescheitelten Voll- bart mit beneidenswerthem Selbstbewußtsein nnd ließ im Gefühl seiner Unwiderstehlichkeit die langen Strähnen desselben durch die vollen Hände laufen, — war's ein Wunder, daß die Eifersucht sich bei mir regte? Was konnte ich thun? Ich ging auf die Promenirenden zu, — fragte um den nächsten Tanz bei Flora an und erhielt die vorauszusehende Antwort, sie bedaure bereits engagirt zu sein — ich verneigte mich kalt, als hätten wir noch nie ein freundliches Wort miteinander gewechselt und ging meiner Wege — ärgerlich über mich selbst! —
Doch wo war Fritz? Was mußte vorgefallen sein, daß er den Ball verlassen hatte? Sollte er bei Dorchen einen Antrag gewagt haben und
— war abgewiesen? Dann war es erklärlich, daß er sich still davonge- schlichcn hatte. — Und was war dann mein Loos? Wird Flora mich besser empfangen als Dvra!
Wüste Bilder "thürmten sich vor meinem Geist auf — hatten wir uns überschätzt? hatten wir die Freundlichkeit der Mädchen falsch verstanden? —
Es waren stattliche Männer, an deren Brust sie jetzt lagen und sich zum Rheinländer schwenken ließen. — Es flimmerte mir vor den Augen,, als ich Milchfifch und Florchen vorüber tanzen sah — die üppigen vollen Formen meines geliebten Mädchens in den Armen eines Anderen.-- An Holdwin's Schulter der lieblich blonde Lockenkopf der schlanken, elastischen Dora mit den braunen Kinderaugen, die Fritz stets so innig anblickten und so verständnißvoll zulächelten. — Nein — ich ertrug es nicht länger und verließ den Tanzsaal. — —
Wie war das so ganz anders gekommen, als wir es uns ausgemalb hatten. — Statt zum Abschluß zu kommen, schien die Geschichte unserer Liebe zum Bruch zu führen; — sie war so einfach diese Geschichte, kaum zwei Monate vorher hatte sie begonnen. —
Das war an einem klaren Dezembersonntag Mittags gewesen, die Pa- rademnsik spielte gerade den letzten Lustigen, promenirten Dorchen und Florchen an der Bellevue entlang — Tag's vorher hatte ich sie zuerst auf einem Damenkränzchen der Enterpe gesehen und mit ihnen getanzt — ich glaubte kaum, daß sie mich wiedererkennen würden, grüßte so hochachtungs- voll als möglich, schwenkte meinen Cylinder säst bis auf die Erde herunter und nahm dabei, wie dies nur anständig ist, die Cigarre aus dem Mund — einen ähnlichen, trockenen Gruß zurückerwartend, — aber die beiden Mädchen blickten mich so herzig und schalkhaft an, nickten mir zu und riefelt so freundlich „Guten Morgen" und meinen Namen dazu — und alles das klang, so vertraulich und ermunternd, daß mir's ganz luftig um's Herz wurden und ich sofort in den „deutschen Kaiser" lief, wo ich meinen Freund Fritz wußte, um ihm beim Schoppen Rüdesheimer die Geschichte zu erzählen. —
Seit jenem Schoppen Rüdesheimer liebte ich Florchen mit stiller Sehnsucht — wir hatten seit der Zeit verschiedene Kränzchen nnd Bälle mitgemacht — Fritz stets mir zur Seite — unsere Freundschaft war dadurch nur fester geworden, daß er bis über alle Ohren in das zarte Dorchen. verschossen war. — Auf dem Maskenball bring ich's zur Erklärung, hatte er gesagt.---
Ich blickte trübe in den Saal — der Rheinländer war aus, die Paare promenirten wieder. — Sollte ich mir noch einen Korb holen?' Nein — ich ging verdrießlich m einen Nebensaal, wo ältere Herren beim Glase Champagner sich eine Cigarre erlaubten und ältere Damen Kaffee tranken. — Flora's Vater nöthigte mich an seinen Tisch, ich setzte mich zu. ihm und plauderte über sein Geschäft. — Er ist Brauer — ich besitze einige Kenntnisse von der Consumtion seines Artikels — wir unterhielten uns gut; — ich trank Champagner mit ihm, trank um Flora und Dora, um Fritz und die Rivalen zu vergessen. — Als der Ball zu Ende war — ich saß noch immer bei Flora's Papa — kamen die Mädchen zu uns in. den Saal, wo der Morgenkaffectisch arrangirt war — in ihrer Gesellschaft Holdwin und Milchfisch. — Flora's und Dora's Mutter schlössen den Zug. mit der bereits eingelösten Garderobe. — Fritz war und blieb verschwur den. — Flora würdigte mich keines Blickes, sie unterhielt sich mit den beiden Herren, die den Damen auffällig den Hof machten, so ungezwungen, als wären es kleine Mädchen von sechs Jahren, denen sie Puppengeschichten erzählten. —
Als die Gesellschaft aufbrach, blieben wir zusammen, so weit her Weg ein gemeinschaftlicher war, dann ging Milchfifch, der Flora den Arm. geboten hatte, mit dieser und deren Aeltern — ich bot, um nicht überzählig nachzutreten, schnell Dora meinen Arm, Holdwin führte die Mama. — Jetzt hatte ich Gelegenheit über Fritz zu sprechen und wollte sie jedenfalls auch für meine Interessen ausnutzen. —
Aber es wurde mir nicht leicht. Die faden Berichte über Wetter und Abnehmen der Nächte wanden sich mir schlangcnartig durch die Zähne — trotzdem die Gelegenheit günstig war, denn Holdwin ging mit der Mama- über zwanzig Schrilte vor uns — wie es schien im eifrigen Gespräch. — Endlich, kurz vor der Wohnung Dorchens fand ich das einleitende Wort. —
„Wenn ich doch nur eine Vermuthung hatte", begann ich, „warum. Fritz den Ball verlassen hat? — Wir hatten uns so viel versprochen vom. heutigen Tag — so viel vorgenommen und jetzt" — ?
„Nun, der heutige Tag ist ja noch lang" — antwortete Dora schüchtern scherzend. —
„Gewiß — die ersten Strahlen des Morgenroths grüßen ihn eben, erst, doch wir haben uns, glaube ich, arg getäuscht," fuhr ich fort, „Flora. scheint sich recht gut unterhalten zu haben und es noch fortzusetzen."---
(Fortsetzung folgt.)
Druck von Gebrüder Gotihelst in Cassel.