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Handlungen sind vier Tage in Aussicht ge- v nommen. Das Verfahren gegen die übrigen Theilnehmer wird vor dem Kreisgerichte stattsinden.

Königsberg i. Pr., 22. September. Die Beerdigung des Altkatholiken, dessen Beisetzung an geweihter Stelle der Probst Dinver verweigert hatte, ist bereits heute erfolgt, nachdem das Grab unter Aufsicht der Polizeibehörde hergestellt war.

Die in Meiningen eingegangenen Unterstützungen beliefen sich bis zum 19. d. M. auf 186,556 Gulven.

Wiesbaden, 21. September. Gestern Morgen reiste der Pfarrer Augustin Louis, der (wie schon gemeldet) aus seiner Haft entlassen worden, von hier ab. Die Begna­digung wurde von demselben, wie man dem RH. K." meldet, nicht auf dem üblichen Wege nachgesucht, sondern durch Vermitte­lung der französischen Botschaft und des Marschall-Präsidenten Mac-Mahon erreicht. Pfarrer Louis sprach sich auch über seine Behandlung Seitens des hiesigen Gerichts- Personals und insbesondere über die ihm gewährte Erleichterung und Bequemlichkeit in dem Hastlokale sehr anerkennend und be­friedigt aus. Auf die Behandlung, welche ihm in Mainz zu Theil geworden, war er dagegen nicht gut zu fprechen.

Schweiz.

Bern, 22. September. Der internatio­nale Postkongreß hat die allgemeinen Unions­taxen für einen Brief bis zum,Gewicht von 15 Gramm auf 25 Centimes und für Sen­dungen von Waarenmustern, Zeitungen und Drucksachen bis zu 50 Gramm auf 7 Cen­times festgesetzt, vorbehaltlich einer limitir- ten Zuschlagstaxe, welche nach dem Maß­stabe des Transits erhoben werden darf.

Beru, 24. September. Der internatio­nale Postkongreß hat in seiner heutigen Sitzung die Errichtung eines, dem interna­tionalen Telegraphenburea ähnlichen, inter­nationalen Postbureaus beschlossen. Ueber die Organisation desselben soll später Be­schluß gefaßt werden.

Rußland.

Aus Petersburg wird geschrieben, daß soeben dort ein sehr bedeutungsvoller Er­laß des Herrn Ministers des Innern publi- zirt worden ist. Es dürfen fortan nur solche Personen in den Mönchsstand treten, die entweder ihrer Wehrpflicht bereits Genüge geleistet haben oder zur Ableistung derselben als nicht tauglich erkannt sind oder bereits zum Landsturm gehören. In Anbetracht der vielen rüstigen Leute, die sich bisher in die russischen Klöster aus Arbeitsscheu und Furcht vor dem Militairdienst flüchteten, ist diese Maßnahme mehr als nothwendig ge­wesen, wenn wirklich dasGesetz der allgemeinen Wehrpflicht in Rußland kein todter Buch­stabe bleiben soll.

Spanien.

Madrid, 23. September. EineAbthei' lung von 300 Gensdarmen und 200 Zoll' beamten hat bei Jativa (Provinz Valenzia) eine karlistische Truppe von 2000 Mann, welche die Eisenbahn-Brücke von Albaida und die Telegraphen-Leitung nach Valencia zerstört hatten, in die Flucht geschlagen und zersprengt.

Ein von Tafalla nach Pampelona be­stimmter und von einer Truppenabtheilung eskortirter Transport von Lebensmitteln hat letztere Stobt ungehindert erreicht.

Unter den Karlisten in Biscaya nimmt Rue Demoralisation überhand; von Vielen wird Amnestie bei der Regierung nachgesucht. Madrid, 24. September. General Mo- riones hat vier karlistische Bataillone bei Carracal an der Straße nach Pampelona geschlagen. Die Karlisten haben einen An­griff auf Andorra gemacht, das sich gewei­gert hatte, die Waffen der dahin übergetre- ten und entwaffneten Mannschaften auszu- liefern.

EinkarlistischesTelegramm aus Tolosa vom 22. September giebt nähere Details über die schon gemeldete angebliche Ein­nahme vonBiurrun. Der Brigadier Perula habe an der Spitze navorresischer Truppen das von Moriones vertheidigte Dorf zwischen Tafalla und Pampelona genommen und den Letzteren mit Verlust von 80 Gefangenen zurückgeworfen. Zwei Pferde feien Perula unter dem Leibe erschossen worden. Ferner wird von einer Beschießung Carracals be­richtet. Diese Nachrichten beziehen sich, so meint dieKöln. Ztg.", wohl auf dasselbe Begebniß, welches schon von republikanischer Seite mitgetheilt wurde, daß Moriones von der Seite des Thales von Carrascal her die karlistischen Positionen bedrohe. Eben so werde es sich mit dem aus derselben kar­listischen Quelle gemeldeten Rückzug Laser- na's nach Logrono verhalten, während doch Laserna glücklich einen Convoi nach Pam­pelona eskortirte. Es ist ja bekannt, daß die Karlisten aus jedem Zusammentreffen, sei es glücklich oder unglücklich für sie, sich einen Sieg ihrer Waffen zurechtzulegen pfle­gen. Nach den letzten brieflichen Nachrichten stand der rechte Flügel der republikanischen Nordarmee unter Moriones auf der Straße von Tafalla nach Pampelona beiBarasoain und Carrinoain, während die Karlisten zu beiden Seiten die Höhen mit den Ortschaf­ten Alcoz, Tirapa und Anorbe auf der rech­ten, und Noain, Biurrun und Neudivil auf der linken Seite behaupteten. Die Verbin­dung dieses rechten Flügels mit Calahorra, resp, mit dem bei Miranda und Logrono stehenden Zentrum und dem linken Flügel war unterbrochen und wurden letztere auch durch die bei Qenacerrada noch immer ste­henden karlistischen Bataillone festgehalten.

Berichte aus dem Norden Spaniens melden, daß ein Trupp Karlisten auf seinem Marsche zwei Stationen der Murcia-Eisen- bahn, sowie 50 Güterwaggons verbrannten. Sie zerstörten auch vier Locomotiven, zer­störten die Telegraphenleitung und schickten drei andere Locomotiven einem Passagierzug entgegen, zu dem Behufe, einen Zusammen­stoß zu bewirken. Eine andere Karlisten- bande zerstörte eine Eisenbahnbrücke auf der Tafalla- und Pampeluna-Linie.

England.

London, 25. September. Nach einer derTimes" zugegangenen Meldung aus Santander vom 24. d. M. sind die deutschen KanonenbooteAlbatros" undNautilus" an diesem Tage in Santona eingetroffen.

Amerika.

New-Aork, 23. September. Die hie­sige republikanische Konvention hat für den Posten eines Gouverneurs als Gegenkandi­daten Thilden's, der von der demokratischen Partei vorgeschlagen ist, den General Dix aufgestellt. Die zwischen den Weißen und Schwarzen bestehenden Mißhelligkeiten und dadurch hervorgerufenen Unordnungen setzen sich in Alabama fort, es sind deshalb Trup­pen dorthin geschickt worden.

Feuilleton.

Zwei Zöllen nach der Residenz.

Erzählung von Carl August.

(Fortsetzung aus Nr. 74.)

Das Kreuz diente zur Erinnerung an den Vater seines intimsten Freundes, der vor einer längeren Reihe von Jahren bei der Restauration der Burg beschäftigt, aus schwindelnder Höhe herabgestürzt war und auf jenem Felsen seinen Geist ausgehaucht hatte. Näheres hierüber versprach er mir später mitzutheilen, da er augenblicklich durch etwas Anderes in Anspruch genom­men sei.

In diesem Augenblicke breitete sich ein Thal vor uns aus, links begrenzt von dem Hügel, auf welchem die Burg stand. Im Hintergründe desselben lag, an die hier von der Bahn zurücktretenden Berge gelehnt, ein kleines Dorf, dessen Häuschen in male­rischer Unordnung aus Gärten und blühen­den Obstbäumen hervorlugten. Gerade dem Dorf gegenüber, dessen Zufuhrstraße die Bahn überschritt, stand ein im Schweizer- styl gebautes Bahnwärterhäuschen.

Das Bahnwärterhäuschen, welches, ganz und gar mit wilden Reben überwachsen, mehr einer großen Laube als einem Wohn- gebäude ähnlich sah, würde mit der reizen­den Gruppe, die sich vor demselben zeigte, den Stoff zu einem allerliebsten Gemälde gegeben haben. Hier stand zunächst dem Zuge in strammer Haltung, die Signalflagge an der Schulter, eine wunderschöne junge Frau, deren ernste Miene durch ihren dunk­len Traueranzug unzweideutige Erklärung fand, während hinter ihr unter dem mit Blumenstöcken besetzten Fenster eine Matrone offenbar ihre Mutter auf einer Bank saß und alle Mühe hatte, einen pausbäcki­gen blonden Knaben festzuhalten, der den Zug mit sehnsüchtigen Blicken musterte und unter freudigem Rufe die Händchen erhob, als er unseres Konducteurs ansichtig ge­worden war. \

Letzterer warf ein buntes Heftchen hinun­ter, das, im Fliegen sich aufbausend, als ein Bilderbuch leicht erkennbar war und von dem endlich losgelassenen Kinde eifrig erhäscht wurde.

Der Konducteur grüßte, achtungsvoll an seine Mütze greifend, die junge Frau, die diesen Gruß unter leisem Erröthen mit ei­nem Nicken des Kopfes erwiederte, und sah zurück, bis das Häuschen, nachdem wir we­nige Minuten später eine eiserne Brücke überfahren hatten, unsrem Sehkreise ent­rückt war. Durch diese in wenigen Sekun­den gemachten Beobachtungen hatte meine Neugierde so viel neue Anregungen empfan­gen, daß ich den auf meine Bitten zu mir eingestiegenen Kondukteur mit Fragen nach der soeben gesehenen Krone aller Bahnwär­ter bestürmte und von der mir früher in Aussicht gestellten Erzählung gar nichts mehr wissen wollte.

Die Erzählung des Kondukteurs, deren wörtliche Wiedergabe mir wohl erlassen wer­den wird, lautet im Wesentlichen wie folgt:

Die junge Frau ist die Wittwe eines Jugendfreundes von mir, und zwar dessel­ben, dessen Vater bei der Restauration der Hohenburg verunglückt ist. Mein Freund selbst hat leider einen nicht weniger tragi­schen Tod gefunden wie fein Vater. Er war Bahnwärter an dem vorhin passirten Posten.