Einzelbild herunterladen
 

294

welche seither mit einer Kompagnie belegt war, wohl im Verlaufe des Winters rekla- mirt werden wird. Einen Begriff von der Größe der Trümmerstätte wird man erhal­ten, wenn man erfährt, daß der Brandschutt auf etwa 40 Tausend Führen berechnet worden ist, und daß man die Legung von Rollbahnen mit eisernen Geleisen beabsich» tigt, um denselben zu bewältigen. Bis jetzt haben die umliegenden Ortschaften, die schon während des Brandes bis zur Entfernung von 6 bis 7 Meilen mit über 50 Spritzen zu Hülfe geeilt waren, mit dankensmerther Bereitwilligkeit täglich eine große Zahl von Geschirren zur Abfuhr des Schuttes gestellt. Die Gaben fließen dem Hülfskomite bis jetzt reichlich zu, doch ist Stange! an Leib­wäsche und besonders an Schuhwerk. Be­dauerlich ist, daß vielfach über Agenten einzelner Versicherungsgesellschaften geklagt wird, welche die Bestürzung, Hülflosigkeit und Rechtsunkunde einzelner Versicherten benutzen und die Versicherungssumme mög­lichst herabzumindern suchen.

Oesterreich.

Wien, 12. September. Die deutsche Kaiserin hat an den Grasen Hans Wilczek folgendes Telegramm gerichtet: „Ich kann Mir nicht den Wunsch versagen, Ihnen di­rekt meinen aufrichtigen Glückwunsch zum Erfolge der österreichischen NordpoobExpe- dition auszusprechen, für welche Sie Sich so hülfreich bewährt haben."

Brand ei s, 12. Septbr. Nach der heute erfolgten Beendigung der stattgehabten Manöver hat sich der Kaiser über die Haltung sämmtlicher Truppen sehr befrie­digt ausgesprochen. Dieselben rücken heute wieder in ihre Kantonnements ein. Zu der um 3 Uhr stattsindenden Hoftafel sind sämmtliche Generale, Brigade- und Regi­ments-Kommandeure geladen. Aus der Mitte der Bevölkerung werden dein Kaiser fortwährend neue Kundgebungen der Liebe und der Anhänglichkeit zu Theil.

England.

" London, 13. Septbr. Gestern Nach- mittag 2 Uhr wurde die auf den Wersten von Samuda Brothers gebaute deutsche Panzerfregatte „Deutschland" in Anwesen­heit einer sehr großen Zuschauermenge glück­lich von Stapel gelassen. Dieselbe wird in etwa vier Monaten seebereit sein. Dem Befehle des Deutschen Kaisers gemäß, wurde die Fregatte von der Freifrau von Schroetter, der Gemahlin des Militair-Be- vollmächUgten bei der deutschen Botschaft in London, Oberstlieutenant von Schroetter, getauft. Der Taufe folgte ein Bankett, bei welchem enthusiastisch aufgenommene Toaste auf den Deutschen Kaiser und die Königin von England ausgebracht wurden.

Grosse, 14. September. Der Prozeß gegen die wegen Betheiligung an der Flucht Bazaine's angeklagten Personen ist heute vor dem hiesigen Zuchtpolizeigerichte eröff­net worden. Eine große Anzahl von Zu­hörern war im Gerichtssaale anwesend. Nach Verlesung der Verfügung, welche den Prozeß vor das Zuchtpolizeigericht verweist, erfolgte die Vernehmung von fünfzehn Zeu­gen. Von den Aussagen derselben ist be­

sonders die Angabe des Bootsführers Rocca hervorzuheben, daß die Gemahlin Bazaine's ein Boot von ihm gemiethet habe. Ueber die Frage, ob Bazaine das Gefängniß ver­mittelst eines Seiles oder auf andere Weise verlassen habe, ist bisher durch das Verhör noch nicht festgestellt worden.

Spanien.

Madrid, 12. September. Der offizielle Empfang des Grafen v. Hatzfeld und des Grafen Ludolf durch den Marschall «serrano hat heute stattgefunden. Bei dem Empfange des deutschen Gesandten, Grafen v. Hatz­feld, seitens des Marscballs Serrano äußerte der erstere: Der deutsche Kaiser von dem Wunsche beseelt, zur Wiederherstellung des Friedens und der Dränung in Spanien bei- zutragen, habe die gegenwärtige Regierung der Exekutivgewalt in Spanien anerkannt und hoffe, daß Marschall Serrano die Prin­zipien der sozialen Ordnung durch konser­vative Mittel aufrecht zu erhalten wissen werde. Der Marschall erwiderte, die spa­nische Regierung werde die Hoffnungen Europas rechtfertigen und.Alles vermeiden, was die Grundsätze der Zivilisation aufs Seue erschüttern könnte; sie werde es sich angelegen sein lassen, die Sympathie zwischen Deutschland und Spanien noch inniger zu gestalten. Der Marschall drückte alsdann seine Dankbarkeit aus für die freiwillige Anerkennung, welche die spanische Regierung Dank dem Einflüsse und der Initiative Deutschlands gefunden habe. Der öster­reichische Gesandte, Graf Ludolf, gedachte in seiner Ansprache der zwischen Spanien und Oesterreich bestehenden historischen Be­ziehungen, worauf Marschall Serrano in ähnlicher Weise wie dem deutschen Gesandten gegenüber feinen dankbaren Empfindungen Ausdruck gab.

Wie die amtliche „Gaceta" meldet, haben die Karlisten mit einer Anzahl Gefangener Eatavieja verlassen. — Nutz Dana ist zum Chef des Generalstabes der Nordarmee er­nannt worden.

Perpignan, 13. September. Nach­richten aus der französischen Grenzstadt Osseja besagen, daß Die Karlisten große Fourage und Kriegsvorräthe in Seu de Urgel (südwestlich von Puycerda) anhäufen und daß Saballs neue Vorbereitungen trifft, um Puycerda in Brand zu stecken. Der­selbe erwartet hierzu nur noch die Befehle des Prätendenten. Aus Puycerda sind viele Bewohner ausgewandert. Die Negierungs- truppen, die in Puycerda eingerückt waren, haben dasselbe wieder verlassen und sind in 3 verschiedenen Kolonnen in der Richtung von Gerona, Vich und Manresa abgezogen. Die letztgedachte Kolonne soll einen Zug mit Lebensrnitteln nach Berga geleiten. Die Karlisten in Katalonien, wohin Don Alfonso über Fraga eingedrungen ist, haben eine Verstärkung von 1500 Mann aus der Pro­vinz Valencia erhalten.

Jlieberfanöe.

Amsterdam, 9. September. Wie der Uebermuth der hiesigen Ultramontanen ge­wachsen ist, zeigt folgendes Beispiel: In dem fast ausschließlich katholischen Dorfe Stryp bei Eindhoven starb das Kind eines protestantischen Fabrikarbeiters. Dem Va­ter wird vom Bürgermeister auf dem allge­meinen Kirchhof die Stätte angewiesen, wo

er sein Kind beerdigen kann. Als nun der Leichenzug an der Pforte des Kirchhofes ankommt, ist dieselbe verschlossen. Man sendet zum Bürgermeister, um die Schlüssel zu holen. Dieser erklärt: der ^katholische Pfarrer habe dieselben (Nota bene die Schlüssel zum Eigenthum der bürgerlichen Gemeinde!) Der Pfarrer will die Schlüssel nicht hergeben, das Begräbuiß nicht zulas­sen. Der Vater wendet sich an das Gericht zu Eindhoven. Dieses telegraphirt an die Regierung im Haag, und dem Bürgermeister von Stryp wird der ausdrückliche Befehl gegeben, die Leiche auf dem Kirchhofe be­graben zu lassen, aber keine Gewalt zu ge­brauchen. Da der Pfarrer trotz der Rekla­mationen bei seiner Weigerung bleibt, sieht man sich schließlich genöthigt, das Kind auf einem Stück Feld zu begraben, das zur Be­stattung der Selbstmörder dient. Abgesehen davon, daß es schon wenig von christlicher Liebe zeugt, für Selbstmörder einen beson­deren Fleck zu reserviren, muß noch beson­ders hervorgehoben werden, daß die Regie­rung vor Kurzem erst erklärt hat, jener in Rede stehende Kirchhof sei ein allgemeiner Begräbnißplatz, auf welchem auch die Leichen der Protestanten bestattet werden müßten. In diesem Falle nun hat die holländische Regierung es nicht einmal gewagt, einem simplen katholischen Geistlichen gegenüber ihre Autorität zu wahren, sondern hat sich seinem Willen gefügt. (B. Tgbl.)

Amerika.

Washington, 12. September. Der vom landwirthschaftlichen Departement ver­öffentlichte Bericht konstatirt, daß die Aus­sichten für die Baumwollenernte im Monat September in Folge der großen Hitze und 'Trockenheit sich verringert haben und um 20 pCt. schlechter stehen als im Monat August. Die Ernte werde höchstens zwei Drittel des mittleren Jahresdurchschnitts betragen.

Feuilleton.

Zwei -fahrlen nach Der Residenz. *)

Erzählung von Carl August.

Ich saß in dem Frühzuge, um in die Re­sidenz meines specielleren Vaterlandes zu fahren. Dort wollte ich einen Juge ndfreund besuchen, den ich lange nicht gesehen hatte. In dem sonst glücklicherweise unbesetzt ge­bliebenen Coupe machte ich mir es so bequem als möglich und beschäftigte mich eine Zeit­lang mit nichts, als daß ich stillvergnügt vor mich hinschmunzelte.

Als ich aufsah, hatte sich die Sonne be­reits erhoben. Der ebene Theil des zu passirenden Terrains war zurückgelegt, links und rechts von uns wälzten sich gleich spie­lenden Kobolden graue Nebelhaufen in den engen Gebirgsthälern, ein würziger Geruch stieg aus den abgemähten Waldwiesen auf, den ich mit wollüstigen Zügen einsog.

Ueberall zwitscherte, zirpte, rauschte und gurgelte es in wechselvollen Hormonien. Dazu tanzten die schlanken Bäumchen, sich graziös wiegend und biegend, ein phantasti-

*) Aus dem Sonntagsblatt des Berliner Sage* blatts.